Du bist der Gott, der mich sieht

Christopher D. Hudsons Andachtsbuch „Du bist der Gott, der mich sieht“ macht sich auf die Suche nach Gott. In kurzen Andachten gelingt es Hudson dabei, dass sich der Leser mit seinem eigenen Bild von Gott auseinandersetzt.

Ausgehend von einem Bibelvers greift Hudson in seinen 100 kurzen Besinnungen jeweils einen Namen Gottes auf, den er beleuchtet und mit einer Aufgabe schließt. Ein kurzes Gebet und der Verweis auf weitere Bibelstellen runden Hudsons Ausführungen dann ab.

Hudson weicht dabei Namen und Umschreibungen Gottes nicht aus, die wir heute als problematisch ansehen. Der eifersüchtige Gott, der strafende, züchtigende Gott, der rächende Gott: auch sie haben ihren Platz bei Hudson. Er will die Vielfalt aufzeigen, mit der Gott in der Bibel umschrieben wird. Und dies gelingt ihm auch. Immer wieder kann man mit Hudson auf Dinge stoßen, über die man so noch nicht nachgedacht hat. Immer wieder kann man mit Hudson über sein eigenes Leben nachdenken und darüber, wie man im Leben verankert ist

Ich habe Hudsons kurze Andachten, die zumeist drei Seiten lang sind, mit Gewinn gelesen. Für mich war es erfrischend, dass sich Hudson zumeist auf einen Aspekt konzentriert hat. Immer wieder habe ich gerade bei den Namen Gottes, wo mir Fragen geblieben sind, die Verweisstellen aufgeschlagen und versucht, den Namen weiter auf die Spur zu kommen. Das einzige, was mich bei Hudson manchmal störte, war , wie schnell er vom Alten zum Neuen Testament gesprungen ist. An einzelnen Stellen hat mir Hudson dabei die Texte des Alten Testaments zu sehr (und zu unrecht!) relativiert.

Keine Informationen erfährt man leider als Leser darüber, wie Hudson die Namen Gottes angeordnet hat. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Reihenfolge der Namen im Buch rein zufällig gewählt ist. Immerhin kann man aber durch die thematische Zuordnung am Ende des Buches gezielt noch einmal einzelne Aspekte wie etwa Gott als Richter oder Gott der Gnade für sich nachlesen.

Christopher D. Hudson:
Du bist der Gott, der mich sieht
100 Facetten Gottes entdecken. Andachten
Verlag GerthMedien 2017
ISBN 9783957342447

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Olivier Adam: Die Summe aller Möglichkeiten

Zitat

Das ist das Problem mit dem Leben, dachte Antoine. Dasjenige, das man hat, ist immer zu eng, und das, das man gern hätte, ist zu groß, um es sich auch nur vorstellen zu können. Die Summe aller Möglichkeiten ist das Unendliche, das gegen null tendiert. Letztlich geht es vorüber. Es geht immer vorüber.*

*Die Rechtschreibfehler sind korrigiert

 

Olivier Adam:
Die Summe aller Möglichkeiten
Klett-Cotta 2017

 

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind

Zitat

Ich weiß nicht, wie lange ich es schon weiß.

Dass ich gehen muss, weg von hier, heraus aus dem Dorf, dem Haus, dem Zimmer, in dem ich lebe, seit ich geboren bin. Ich könnte die genaue Zahl der Tage ausrechnen, es sind ein paar Tausend, aber was macht das schon.

Tausend Tage, ein Tag.

Ich kann hier nicht bleiben.

[…]

Ein Tag, tausend Tage.

Sie fließen ineinander wie dunkles, flüssiges Brot, verkleben zu einer zähen Masse, aus der nichts herausragt, keine Erinnerung, nichts, wonach man greifen könnte, ein dunkler, zäher Strom, in den ich vor langer Zeit gefallen bin und nicht mehr herauskomme.

Andreas Moster:
Wir leben hier, seit wir geboren sind
Bastei-Verlag 2017

 

Guillaume Musso: Das Mädchen aus Brooklyn

Zitat

„Anna!“, rief ich, während ich in den Vorraum stürzte.

Im Wohnzimmer war niemand. Der Boden war von Glasscherben übersät. Ein mit Nippes vollgestelltes Regal war umgestürzt und hatte den niedrigen Glastisch zerbrochen, der in tausend Stücke zersprungen war. Mitten in diesem Chaos lag der Schlüsselbund mit dem Anhänger, den ich dir wenige Wochen zuvor geschenkt hatte.

„Anna!“

Die große , von Vorhängen gerahmte Glasfront stand offen. Ich schob die im Wind flatternden Stoffbahnen zur Seite und trat auf die Terrasse. Wieder rief ich deinen Namen. Ich wählte deine Handynummer, aber mein Anruf wurde nicht angenommen.

Ich sank auf die Knie. Wo warst du? Was war in den zwanzig Minuten meiner Abwesenheit geschehen? Welche Büchse der Pandora hatte ich geöffnet, als ich die Vergangenheit heraufbeschwor?

Guillaume Musso:
Das Mädchen aus Brooklyn
Piper-Verlag 2017

 

Simon Strauss: Sieben Nächte

Zitat

Das hier schreibe ich aus Angst. Aus Angst vor dem fließenden Übergang. Davor, gar nicht gemerkt zu haben, erwachsen geworden zu sein. Ohne Initiation, ohne Reifeprüfung einfach durchgerutscht bis zur Dreißig. Alle Abschlüsse gemacht, alle Termine eingehalten, viel gelächelt, wenig geweint, ein bisschen geweint, aber vor allem gelächelt. Auf viele Züge aufgesprungen, kurz mitgefahren, dann wieder die Richtung gewechselt. […]

Aber bald, sehr bald, werde ich mich festlegen müssen. Auf ein Leben, eine Arbeit, eine Frau. Bald werden die Tage und Treffen vorübergehen, ohne dass sie etwas verändern. Werden die Momente ohne Wirkung bleiben und die Erschütterungen nachlassen.

Simon Strauss:
Sieben Nächte
Verlag Blumenbar 2017

 

Mark Riebling: Die Spione des Papstes

Zitat

Wenn man Papst Pius nach dem beurteilte, was er nicht sagte, konnte man nur den Stab über ihn brechen. Angesichts der Bilder von Bergen aus bis zum Skelett abgemagerten Leichen, angesichts der Frauen und kleinen Kindern, die von ihren Folterknechten gezwungen wurden, ihresgleichen zu töten, angesichts Millionen Unschuldiger, die wie Verbrecher eingesperrt, wie Vieh abgeschlachtet udn wie Müll verbrannt wurden, hätte der Papst reden müssen.

Während Pius im Privaten die „satanischen Kräfte“ geißelte, zeigte er öffentlich Mäßigung. Wo kein Gewissen neutral bleiben konnte, hielt sich die Kirche scheinbar zurück. Angesichts der größten moralischen Krise der Welt schienen ihrem obersten moralischen Führer die Worte zu fehlen.

[…] Das letzte Mal, dass Pius während des Kriegs öffentlich das Wort „Jude“ äußerte, war tatsächlich der erste Tag, für den sich seine historische Entscheidung belegen lässt, die Ermordung Adolf Hitlers zu unterstützen.

Mark Riebling:
Die Spione des Papstes
Piper-Verlag 2017

 

Sieben Nächte

Bald, ja bald werde er sich festlegen müssen. Beruf, Frau, Haus, Familie. „Ordnung wird herrschen und ich ein Untergebener meines Ehrgeizes sein“ – keine Vision, die dem Ich-Erzähler von „Sieben Nächte“ Freude bereitet. Die Angst, etwas falsch zu machen, etwas zu verpassen, sich einzuengen: all das plagt den Ich-Erzähler. Und die Lösung? Selbsterkundungen. Sieben an der Zahl sollen es werden. An jedem Tag soll der Ich-Erzähler einer der sieben Todsünden begegnen. Und jeden Abend schreibt er sein Fazit, sieben Seiten lang.

Sieben Abenteuer wird er erleben – könnte man meinen. So wie es unklar bleibt, weshalb ausgerechnet die sieben Todsünden den Ich-Erzähler wieder auf die Spur des Lebens bringen sollen und ihm einen Sinn im Leben aufzeigen sollen, bleibt in dem kleinen Büchlein offen. Und auch die abendlichen Ergüsse geben einem da nicht viel Aufschluss. Es sind Gedanken-Ergüsse, die wiedergegeben werden, mehr oder weniger Nachdenkliches über Gott und die Welt. Abenteuer sind es aber mitnichten. Eher Lamentos – zum Beispiel darauf, dass früher alles besser war.

So sehr die einzelnen Tage zu den einzelnen Todsünden oft lesenswert sind: ein Ganzes ergibt Simon Strauss‘ Buch nicht. Es gibt keine Entwicklung, kein Ergebnis, nichts. Da helfen auch schöne sprachliche Formulierungen nicht drüber hinweg. Der Vorhang fällt, und alle Fragen bleiben offen, der Autor begnügt sich mit Gedankenprosa statt eine Handlung aufzubauen. Mein Buch war „Sieben Nächte“ so gar nicht.

Simon Strauss:
Sieben Nächte
Verlag Blumenbar 2017
ISBN 9783841213808