Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Zitat

„Habe ich auch so gelacht?“, fragte Tobi. Das Baby hielt seinen Zeigefinger fest. Tobi kitzelte es durch die Socken an den Füßen. Mutter und Philipp saßen daneben auf dem Boden. „Du warst sehr still und bist immer so schnell erschrocken“, sagte Mutter, „dann hast du direkt angefangen zu weinen.“ Tobi sagte nichts. Das war nicht, was er hören wollte. Er beobachtete das Baby, wie es nach einem Holzspielzeug griff und dann mit dem Mund daran saugte. Miriam war ein schöner Name für ein Baby, dachte er.

Er folgte Philipp auf die Terrasse. Es regnete gerade nicht. Es war sogar warm. Immerhin August. Die Feuchtigkeit in der Luft fühlte sich an wie zwei Hände auf seinem Kopf, die gegen seine Schläfen drückten. Von hier aus konnte er die Straße sehen und die ehemalige Kantine des Schamottewerkes. Aus einem der eingeschlagenen Fenster wehte eine Gardine. Mit dem Saum blieb sie am rauen Putz hängen, löste sich und blähte sich auf wie ein Segel.


Lukas Rietzschel: 
Mit der Faust in die Welt schlagen
Ullstein-Verlag 2018 

 

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Ich war Diener im Hause Hobbs

„Ich war eine Schlaftablette, die nicht richtig wirkte, zufrieden und unbedarft segelte ich durch eine glatte See, ich kannte keine Stürme, keine Unwetter, kein Bermudadreieck der Emotionen, ich war ein simples Gemüt.“

So beurteilt sich Christian Kauffmann zum Ende des Buches hin. Kauffmann hat den Beruf des Butlers erlernt. Bei der Familie Hobbs arbeitet er einige Jahre als Diener, bis es zu einem Todesfall kommt, der ihn völlig aus der Bahn wirft. Sein „simples Gemüt“ wird also kräftig strapaziert.

Es hätte spannend sein können, darüber zu lesen, wie dieser anachronistische Beruf in unserer Zeit in einer Familie mit Leben gefüllt wird. Doch in der Tat ist es so, dass Christian Kauffmann so gar keine interessante Persönlichkeit hat. Es hätte spannend sein können, über die Familie Hobbs, wo Ehemann und Ehefrau unterschiedlicher nicht sein könnten, zu lesen. Doch in der Tat ist es so, dass diese charakterlichen  Gegensätze nachdem sie einmal beschrieben wurden, später kaum noch eine Rolle spielen. Es hätte spannend sein können zu lesen, wie Christian es schließlich gelingt, die Umstände des mysteriösen Todesfalls zu lösen. Doch in der Tat ist es so, dass das Buch mit einer großen Menge an Belanglosigkeiten gefüllt ist und zum Ende hin die Auflösung derart unwahrscheinlich und an den Haaren herbeigezogen ist, dass es keine Freude ist, das Buch zu lesen.

Der Trick des Buches ist, dass es rückblickend erzählt wird – Christian Kauffmann schreibt nachdem er alles herausgefunden hat, seine Geschichte auf. Damit ist das Buch mit Anspielungen gespickt, die man beim zweiten Lesen erkennt – beim zweiten Lesen, da man auf Kleinigkeiten so nicht unbedingt achtet und da Namen oft erwähnt werden, bevor sie überhaupt eingeführt wurden. Man könnte dieses Erzählen als Clou sehen, für mich ist es allerdings einfach nur leserunfreundlich.

Nein, das Buch ist definitiv nichts für mich. Ich finde es trotz mancher guter Passage so gar nicht gelungen. Nicht nur, dass am Schluss sich erweist, dass alles völlig konstruiert ist, auch die Figur des Christian Kauffmann ist für mich keine stimmige Figur. Ein Diener, der eine Abneigung gegen seine Heimatstadt Feldkirch hat, dann aber stinksauer ist, wenn er von seinen früheren Freunden, zu denen er nur lose Kontakt hält, nicht alles erfährt, was geschieht. Dann trennt er sich von seinem Lebenspartner, einfach so, vermutlich weil der vor ihm richtig kombiniert hat und früher wusste, was Sache in dem Todesfall ist. Ein Diener, der sauer ist, wenn alte Freunde ihn zurechtweisen, aber zugleich überhaupt keinen Wert auf ihr Ergehen oder gar auf ihre Meinung legt. Ein treuer Diener, der anfängt, seine Arbeitgeber zu bespitzeln.

Hinzu kommt, dass der Roman völlig willkürlich hin- und herschwingt zwischen zwei Welten – der des Dieners und der der Hobbs, die dann auch noch so absonderlich verknüpft werden müssen, dass es einem die Schuhe auszieht. Dass Christian Kauffmann seinen Bericht über das Geschehene schreibt, weil er sich schuldig fühlt, geht am Ende völlig unter.

Fazit: „Ich war Diener im Hause Hobbs“ ist ein Buch, das zwar gute Seiten hat (etwa wenn das Wesen eines Butlers beschrieben wird), aber insgesamt in keiner Weise stimmig erzählt ist.

Verena Rossbacher: 
Ich war Diener im Hause Hobbs 
Kiepenheuer & Witsch 2018
ISBN 9783462048261

 

Der lächelnde Gott

Night Vale ist eine Stadt, in der nichts so ist wie anderswo. Die Uhren gehen anders – wenn sie überhaupt gehen, denn die Zeit folgt in Night Vale ihren eigenen Gesetzen. Joseph Fink und Jeffrey Cranor haben mit „Der lächelnde Gott“ eine völlig verrückte Geschichte geschrieben, die durchgeknallter kaum sein könnte.

Ein Bauer, der nicht sichtbares Gemüse in der Wüste anbaut, ein Haus, das eigentlich nicht existiert, ein Hundepark, in dem keine Hunde erlaubt sind und der Zugang zur Anderswelt ist, eine Sekte, die einen Tausendfüßler anbetet – wer sich über derart skurrile Einfälle amüsieren oder gar vor Lachen biegen kann, für den ist der Roman über Night Vale genau das Richtige.

Hat man sich erst mit der Welt von Night Vale angefreundet, was zugegebenermaßen nicht ganz so leicht ist, doch ist dies erst gelungen, kann man sich an dem herrlichen Klamauk ergötzen und sich von den immer wieder neuen skurrilen Ideen des Autoren-Duos überraschen lassen. Ein absolut schräges Vergnügen!

Doch eigentlich geht es ziemlich ernst zu in Night Vale – denn die Stadt wird bedroht. Immer wieder verschwinden Häuser. Doch wer ist schuld daran, dass Häuser geradezu verschlungen werden? Nilanjana, eine Wissenschaftlerin, will mit ihren Kollegen der Wahrheit auf den Grund kommen. Ihr erster Verdacht: die Kirche des lächelnden Gottes. Denn die betet schließlich einen Gott an, der alles verschlingt. So hat es Prophet Kevin vorausgesagt. Nilanjana beginnt mit ihren Nachforschungen…

Mich hat Night Vale in seinen Bann gezogen. Ein herrliches Lesevergnügen!

Einen ersten Einblick in Night Vale kann vielleicht ja dieses Zitat geben.

Joseph Fink und Jeffrey Cranor: 
Der lächelnde Gott. 
Ein Roman aus Night Vale 
Klett-Cotta 2018 
ISBN 9783608962635

Joseph Fink & Jeffrey Cranor: Der lächelnde Gott

Zitat

Nicht jeder glaubt an Berge, obwohl wir sie doch mit eigenen Augen sehen können. Sie bilden einen Ring um diese Wüste, wie der Rand um einen leeren Teller. Verstreut auf diesem leeren Teller liegen kleine Städte mit Namen wie Red Mesa und Pine Cliff, und genau in derMitte liegt Night Vale, wo man nichts von all dem glaubt.

Sehen ist nicht glauben, heißt es. Riechen und schmecken ist auch nicht glauben. Seltsamerweise ist hören oft glauben.

Vieles an dieser Geschichte ist schwer zu glauben, sogar für die Leute, die sie selbst erlebt haben. An schwarze Hubschrauber zu glauben, die über unseren Köpfen kreisen und alles, was wir tun, überwachen, das ist natürlich einfach. An in der Ferne vorbeiziehende UFOs zu glauben, die unsere Welt als ihr Labor oder, eine weit grässlichere Möglichkeit, als Spielplatz benutzen, das ist einfach. Aber an einen Riesentausendfüßler zu glauben, der als Gott verehrt wird und aus einer anderen Wüstenwelt zu uns kommt? Das ist wohl etwas viel verlangt.

Joseph Fink & Jeffrey Cranor:
Der lächelnde Gott. Ein Roman aus Night Vale
Verlag Klett-Cotta, 2018

 

Der Platz an der Sonne

Was für eine tolle Idee, dachte ich mir, als ich den Klappentext las. Was für eine schlechte Umsetzung, dachte ich mir, während ich das Buch las. Was will mir das Buch sagen, dachte ich mir, als ich das Buch fertig gelesen hatte. „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler lässt mich zwiegespalten zurück.

Die Handlung ist schnell umrissen: Josua kriegt im zerstörten Deutschland der 1980er Jahre keinen Fuß auf den Boden. Deshalb will er ins reiche Afrika, das als Gewinner eines langen zermürbenden Krieges emporstieg, um sein Glück zu machen. So berichtet der erste Teil des Buches vom Steh-auf-Männchen Josua, das es trotz aller widrigen Umstände, trotz aller Korruption, schafft, seine eigene Bar aufzumachen, während der zweite Teil die zermürbende Flucht nach Afrika schildert.

Die Utopie, die Christian Torkler hier aufmacht, hat zunächst ihren Reiz. Was wäre, wenn nach der Niederlage Deutschlands weitergekämpft worden wäre. Wenn die Weltmächte sich aneinander zerrieben hätten. Wenn dadurch Afrika der Aufstieg zur Weltmacht ermöglicht worden wäre. Allerdings begnügt sich Torkler in seinem Buch mit einigen wenigen Anspielungen; die alternative Weltgeschichte, die er aufmacht, bleibt weitestgehend im Dunkeln. Das ist nicht nur schade, sondern enttäuschend, weil man beim Lesen immer auf die genaueren Hintergründe wartet.

Gelungen hingegen ist, wie Torkler die Situation beschreibt, in der Josua leben muss. Überall Willkür, Machtmissbrauch, Korruption. Man bekommt als Leser irgendwann zu viel davon, und so ergeht es auch Josua. Immer mehr hat er die Schnauze voll vom tristen Leben in Deutschland. Genauso gelungen ist auch die Beschreibung der Flucht: Josua wird zwar immer wieder geholfen, doch seinen Schleppern ist er willkürlich ausgeliefert, wird sogar eine Zeitlang versklavt. Wer da Freund, wer Feind ist: es ist kaum zu erkennen.

Nicht sehr geglückt finde ich die Art und Weise, wie erzählt wird. Dass Josua seine Geschichte selbst aufschreibt, während er im Gefängnis sitzt, führt letztlich dazu, dass man zu Josua als Leser keine emotionale Bindung aufbaut. Josua berichtet, erzählt nüchtern und sachlich. Und wenn Josua nach dem Tod seines Sohnes in den Alkoholismus abdriftet, erfährt man das nur am Rande. Ebenso beiläufig sind die Wendungen des Romans: die Auseinandersetzung mit einem Taxi-Passagier und die Rettung eines Mädchens lassen die Handlung weitergehen. Das war mir etwas zu viel deus ex machina.

Die Zweiteilung des Romans finde ich irgendwie nicht gelungen. Was vor der Flucht passiert, ist plötzlich völlig unwichtig, man kann es als Leser ad acta legen und sich auf neue Begegnungen, auf neue Menschen einlassen. Wenn es darum gehen soll, wie jemand verzweifelt sein Glück sucht, dann passt das, dann sind das zwei Seiten einer Medaille, aber als Leser hätte ich mir da etwas anderes gewünscht. Zumindest ein paar rote Linien, eine Entwicklung hin zur Flucht statt eines plötzlichen Aufbruchs. Zwischen den Teilen besteht für mich kein richtiger Zusammenhang.

Das andere, was mich an dem Buch kolossal stört, ist die Sprache. Es gibt fast keine Seite in diesem Buch, auf der nicht irgendein Gespräch wiedergegeben wird. Letztlich schlittert die Handlung von Begegnung zu Begegnung, und das tut dem Roman nicht gut. Torklers Schreibstil hat nichts Fesselndes an sich. Er schreibt nüchtern, viel zu nüchtern, berichtend. Hinzu kommen sehr plumpe Versuche, die Situation sprachlich widerzuspiegeln. Da wird ständig vom „Fraß“ gesprochen, den es zu essen gibt, dann wiederum wird die fehlende Bildung der deutschen Bevölkerung  während der Reise immer wieder plump durch Wortspiele angesprochen (die Landschaft heißt ähnlich wie Apfelsine – aha…).

Richtig klar geworden ist mir nicht, was Christian Torkler mit seinem Buch erreichen will: will er eine alternative Weltgeschichte durchspielen?  – dann wäre das Buch ob der geringen Hintergründe schlichtweg peinlich. Will er Sympathie für Flüchtlinge wecken? – dann hätte das Buch nicht so emotional verkorkst sein dürfen. Will er die Geschichte eines kleinen Mannes erzählen, der einfach nur auf der Suche nach einem Stück vom Glück ist? – dann hätte es einer stärkeren Akzentuierung bedurft.

Was übrig bleibt ist ein Buch, das interessante Seiten hat, mich aber letztlich nicht überzeugen konnte.

 


Christian Torkler: 
Der Platz an der Sonne
Klett-Cotta 2018
ISBN 9783608962901