Jacobs Zimmer

Virginia Woolf hat mit „Jacobs Zimmer“ einen experimentellen Roman vorgelegt, der als Hörspiel umso stärker wirkt. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird das Leben von Jacob Flanders beleuchtet. Es sind kleine Einblicke in Flanders‘ Leben, die puzzleartig am Schluss eine Charakterstudie abgeben.

Zunächst ist Flanders ein neugieriges Kind, das eine Muschel untersucht, dann ist er Student in Cambridge und bewundert die Stille einer Kathedrale. Schließlich reist der junge Mann durch Italien und Griechenland, wirkt ruhe- und rastlos, so wie er sich in die antiken Autoren vertieft. Und zuletzt erlebt er noch den Ausbruch des ersten Weltkriegs, wo sich Jacobs Spur verliert.

Faszinierend ist die Erzählperspektive und Erzählweise des Textes. Der Leser wird unweigerlich zum Beobachter, der den Blick immer wieder auf Jacob legt und sieht, was Jacob sieht, ja: der Leser sieht, wie Jacob die Welt sieht. Dabei kommt bei Virginia Woolf der Wortwitz auch nicht zu kurz. Über Griechenland beispielsweise wird gesagt: „Eine Illusion – und auf so was basiert die ganze Bildung bei uns“. Ein Seitenhieb auf den britischen Premierminister muss sein… Sprachlich gibt es immer wieder wunderschöne Formulierungen, zum beispiel als Jacob durch die politische Lage alles andere als gut gelaunt ist: „Seine Stimmung ist so abgrundtief düster, dass man meinen könnte, sie hätte in ihm gelauert, um ihn bei erstbester Gelegenheit zu überfallen.“

Die Machart des Textes erleichtert das Lesen nicht gerade. Dem Hörspiel gelingt es, durch die unterschiedlichen Stimmen und die musikalisch ausgefüllten Pausen die verschiedenen Orte und Zeiten voneinander abzugrenzen.

Sympathie für Jacob Flanders stellt sich jedoch auch beim Hören des Hörspiels nicht ein. Es bleibt der forschende, untersuchende Blick auf Flanders, das Sezieren eines Lebens. Dabei ist er keine außergewöhnliche Persönlichkeit, eher „gelangweilt, ein wenig heiter“.

Virginia Woolf:
Jacobs Zimmer
Hörspielbearbeitung und Übersetzung: Gaby Hartel 
Hörverlag/Bayerischer Rundfunk 2013
ISBN 9783844511192

Das Hörspiel ist auch auf den Seiten des Bayerischen Rundfunks als Download im Internet zu finden, nämlich hier.

 

 

Nachfolge

„Wer nach einer Vertiefung seiner eigenen Spiritualität sucht, wird in den Gedanken und dem Vorbild Bonhoeffers einen Schatz von bleibendem Wert finden, der an Aktualität bis heute nicht verloren hat.“ So schreibt Peter Zimmerling in seinem Vorwort zu Dietrich Bonhoeffers „Nachfolge“.

Dietrich Bonhoeffers Buch  aus dem Jahr 1937 (bzw. in 2. Auflage 1940) ist nun in einer neuen Bonhoeffer-Reihe im Brunnen-Verlag erschienen. Das Cover wirkt frisch, mit kräftigem Türkis versehen. Aber ist die „Nachfolge“ noch so frisch und aktuell, wie Peter Zimmerling, der Herausgeber, behauptet?

Zunächst einmal: Bonhoeffer lässt sich gut lesen. Oft hat ein Kapitel nur einen zentralen Gedanken, der ausgebreitet wird. Nur selten wirkt manches nicht zusammenhängend – so etwa die Aussage, wer in der Gemeinschaft Gottes stehe, könne nicht leiden, die kurz darauf gefolgt wird von der Forderung an die Gläubigen, das Leiden zu tragen.

Im Zentrum von Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ steht die Bergpredigt. Sie wird klassisch ausgelegt, indem genau auf den Text geschaut wird und Folgerungen gezogen werden. Kennt man grob Bonhoeffers Lebenslauf, so erkennt man in der „Nachfolge“ die vielen zeitgebundenen Urteile. So lässt sich Bonhoeffers betonte Unterscheidung zwischen dem Volk und den Jüngern als Adressaten der Bergpredigt direkt auf die damalige Zeit beziehen: Die Jünger sind die Bekennende Kirche, die das Licht Jesu weitergeben, die sich direkt in die Nachfolge begeben, während das – undefinierte – Volk für die Volkskirche steht und bestenfalls die Landeskirche ist, von der sich Bonhoeffer abgewendet hat.

Anderes wirkt, als müsste es gar nicht abgestaubt werden. Bonhoeffers Unterscheidung zwischen billiger, falscher Gnade und der teuren Gnade etwa. Vehement pocht Bonhoeffer darauf, dass die Gnade die Nachfolge einschließt und wendet sich strikt dagegen, dass Gnade ohne Nachfolge denkbar ist. Seine Kritik: „Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders.“ Eine Kritik, die auch heute noch Bestand hat. Ebenso spannend finde ich auch heute noch Bonhoeffers Lebens-Erkenntnis, dass Glaube an sich einfältig sein muss – auch wenn wir heute vielleicht nicht mehr von einfältigem Glauben sprechen würden. Es lässt sich nicht alles hinterfragen oder logisch aufbauen – Glaube ist zuallererst Vertrauen, blindes Vertrauen in innerer Freiheit. Und, das macht Bonhoeffers „Nachfolge“ für unsere Zeit schmerzlich deutlich: Glaube ist immer auch lebendiger Glaube, der in der Gemeinschaft gelebt werden muss, und kein Rückzug in sich selbst.

 

Dietrich Bonhoeffer:
Nachfolge
hg. von Peter Zimmerling
Brunnen-Verlag 2016
ISBN 9783765509483

Es werde Licht! 7 Wochen Schöpfung erleben – ein Fastenkalender

Heute beginnt die Fastenzeit. Mit „Es werde Licht! 7 Wochen Schöpfung erleben“ hat der Neukirchener Verlag einen ungewöhnlichen Fastenkalender herausgegeben, der so gar nicht nach Kalender aussieht. Im Gegensatz zu den meisten Fastenkalendern wartet „Es werde Licht!“ nicht mit bunten Bildern auf. Es ist eher nüchtern gestaltet und – leider – auch nicht immer ganz einheitlich aufgebaut. In der Regel wechseln sich aber Tagestipp und Denkanstoß ab und stehen am Schluss des kurzen Textes zum Tag.

Allerdings sind diese kleinen Aufgaben, die das Buch stellt, nicht immer am Schluss des einzelnen Tages zu finden, manchmal verstecken sie sich auch im erklärenden Text. Dass es manchmal keine Aufgabe, sondern etwas zum Nachdenken gibt, ist – finde ich – dagegen eher positiv zu sehen, fühlt es sich doch wie eine Abwechslung an.

Thematisch hat sich „Es werde Licht!“ die Schöpfung vorgenommen. Dabei gibt es so etwas wie ein Wochenthema, das aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet wird. Kontraste werden etwa ausgehend von der Erschaffung von Tag und Nacht beleuchtet.Zu den Aufgaben in der Woche der Kontraste gehört etwa, Fotos aus anderer Perspektive zu machen und – für mich das Überraschendste – bei Himmel und Erde ein Rezept von „Himmel un Ääd“.  Hinzu kommen Wochenthemen wie Schöpfung erleben, Blick zum Himmel, Blick nach innen.

Ich habe bei „Es werde Licht!“ weniger von den kleinen Aufgaben, und mehr von den gut geschriebenen Texten und den dazugehörigen Denkanstößen profitiert.

Dorothee Dziewas:
Es werde Licht!
7 Wochen Schöpfung erleben
Neukirchener Verlag 2017
ISBN 9783761563335 

Am Ende schmeißen wir mit Gold

Ich denke: Ich habe dich vermisst, und sage: „Ich muss auch mal aufs Klo.“

Wer solche Sätze mag, für den ist Fabian Hischmanns Buch „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ goldrichtig. Hischmann erweist sich in seinem Debütroman als Meister der kurzen, emotionslosen Sätze.

Das passt durchaus zu dem Protagonisten des Buches: Max Flieger, 29, Lehrer. Aber irgendwie noch nicht angekommen, nirgends. Er ist einer, der die Pubertät verschlafen hat und seine Selbstfindung mit 29 nachholen muss.

Zunächst wird Max mit seiner Jugend konfrontiert, denn er soll in den Sommerferien das Haus hüten, während seine Eltern auf Kreta im Urlaub sind. Die Rückkehr in die Gegend von Donaueschingen führt Max direkt zu seinen alten Jugendlieben, Maria und Jan. Irgendwie läuft da wieder was, irgendwie aber auch nicht. Ein ziemlicher Eiertanz. Dazu kommt noch Max‘ Freund – oder so – Valentin auf Besuch. Aber auch ihm gelingt es nicht, Spannung in das Buch hineinzubringen. Alles plätschert so vor sich hin.

Es braucht da schon einen Schicksalsschlag, der Max vorübergehend aus der Bahn wirft. Aber auch hier hat man das Gefühl, dass Max tiefergehende Gefühle fremd sind. Max also ein typischer Vertreter der Postmoderne? Mag sein. Eher ist es ein Entwicklungsroman, bei dem Max erst durchs Reisen zu sich selbst findet. Naja, irgendwie zumindest.

Dieses Irgendwie, das das ganze Buch durchzieht, geht einem spätestens ab der Hälfte des Buches ganz gewaltig auf die Nerven. Es mag gewollt sein, so wie die vielen völlig belanglosen Informationen, die man als Leser erhält, aber es fehlt die Raffinesse, die das Buch lesenswert macht. Was bleibt ist eine Geschichte, die so vor sich hin dümpelt, und von der man bereits nach den ersten Seiten weiß, dass sie genauso enden wird.


Fabian Hischmann:

Am Ende schmeißen wir mit Gold
Berlin-Verlag 2015
ISBN 9783833310263

Die letzten Tage der Nacht

Wer hat die Glühbirne erfunden? Thomas Edison? Wirklich?

In seinem neuen Buch „Die letzten Tage der Nacht“ schildert der amerikanische Schriftsteller Graham Moore auf spannende Weise den Stromkrieg, der nach der Erfindung der Glühbirne ausbrach.

Die Hauptfigur des Buches ist der aufstrebende Anwalt Paul Cravath, der von Edisons Rivale George Westinghouse engagiert wurde, um den Patentstreit mit Edison zu gewinnen. Dies erweist sich als äußerst schwieriges Unterfangen, ist Edison doch ein gewiefter und einflussreicher Gegner, der seine Erfindungswerkstatt fabrikartig aufzieht.

Graham Moore hat sich bei den zentralen Punkten am historischen Geschehen orientiert, wenn er auch dies und jenes ergänzte und die Fakten etwas straffte. Auch bei der charakterlichen Darstellung von Edison, Westinghouse und Cravath hat sich Moore an historische Fakten gehalten. Moores Kunst ist es, die historischen Fakten zu verdichten und so spannend und anschaulich darzustellen.

Graham Moore gelingt es, aus einem ausufernden Patentrechtsstreit um die Erfindung der Glühbirne und dem Stromkrieg zwischen 1888 und 1896 über die Frage, ob Gleich- oder Wechselstrom die Stromart der Zukunft ist, ein spannendes Buch zu weben, ohne dass der Leser mit allzu Kompliziertem behelligt wird. Dabei gerät Paul Cravath immer mehr zu einer tragischen Figur, die in dem Strudel unterschiedlichster Interessen und Machenschaften mehr als einmal unterzugehen droht.


Graham Moore:
Die letzten Tage der Nacht
Eichborn-Verlag 2017
ISBN 9783847906247

Graham Moore: Die letzten Tage der Nacht

Zitat

Als Paul geendet hatte, herrschte Schweigen im Raum. Er hatte alles gegeben, um Edison zu schlagen. Er hatte seine eigenen Sünden begangen, nur um zu beweisen, dass Edisons noch viel schwerer wogen. Er hatte den Menschen, den er lieben gelernt hatte, von sich gestoßen. Alles, was ihm noch blieb, war seine Wut.

Es fühlte sich gut an.

Graham Moore: Die letzten Tage der Nacht
Eichborn-Verlag 2017

Glücksmädchen

„Glücksmädchen“ von Mikaela Bley ist ein Psychothriller, der seinen Namen auch verdient hat.

Das spurlose Verschwinden eines 8-jährigen Mädchens bringt die Kriminalreporterin Ellen Tamm um den Verstand. Sie, die den Tod ihrer Zwillingsschwester nie überwunden hat, stürzt sich in den Fall, als handle es sich um ihr eigenes Kind. Je länger das Mädchen vermisst wird, umso mehr verliert Ellen ihre Professionalität. Für Ellen geht es immer mehr um ihre eigene Vergangenheit, um den Tod ihrer Schwester, für den sie sich die Schuld gibt.

Mit Ellen Tamm ist eine Frau Hauptfigur, die alles andere als perfekt ist. Ihre Beziehungen sind gescheitert, in schwierigen Situationen sucht sie Trost im Alkohol und wie besessen macht sie sich allein auf die Suche nach dem verschwundenen Mädchen.

Die genauen Zeitangaben im Buch lassen die Anspannung spüren, unter der alle stehen. Alle, das sind neben Ella der Vater, die Mutter, Stiefmutter´, ein Polizist, ein Tennislehrer und das Kindermädchen. Die wenigen Personen, die in „Glücksmädchen“ eine Rolle spielen, lassen das Geschehen umso intensiver wirken, weiß man doch so gut wie immer, was sie tun. Gekonnt legt Mikaela Bley falsche Fährten und verwirrt hin und da den Leser. Da nach und nach aufgedeckt wird, was am Tag des Verschwindens geschah, will man das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen.

 

Mikaela Bley:
Glücksmädchen

Ullstein-Verlag 2017,
ISBN 9783548288444