Fass mich an

Normalerweise fällt es mir nicht schwer, in einem Gedichtband zwischendurch immer mal wieder ein Gedicht zu finden, das mich anspricht. Bei Luc Spadas Gedichtband „Fass mich an“ ist mir das nicht gelungen. Dabei hört sich der Titel und sein Untertitel „Beats, Punchlines, Bitchmoves“ ganz schon provokant an. Ei freilich: in den Gedichten ist davon nichts zu finden.

Ein „abenteuerliches Herz“ attestiert sich Luc Spada. Doch es sind zum allergrößten Teil Gelegenheitsgedichte, dahingeschludert. Kleine Belanglosigkeiten regieren die Texte – nichts an den Gedichten ist frech, wie es der Titel erwarten lässt. Es sind eher pennälerhafte Wortspiele, die vorherrschen.

Beispiel gefällig? Da hat sich jemand gut gehalten, gut „konserviert / trotz konservenfressen“. Naja. Witzig ist das nicht. Nicht wirklich. Eigentlich so gar nicht. Immerhin hat der Dichter uns auch nichts versprochen: „nichts ist natürlich / nichts kann ich natürlich versprechen“. Dazu kommt eine vulgäre Sprache, die mitunter so gar nicht zum Inhalt der Gedichte passt. Pennälerhumor eben, wo das Wort „ficken“ genügt, um seine Mitschüler zum Lachen zu bringen. Ein wenig witzig wird es wenigstens, wenn es mal Richtung Dada geht: „das verspreche ich dir / ich widerspreche mich // versprichst du dich? / dir sowieso“.

Nach einer klaren Haltung, nach einer klaren Linie sucht man in dem Gedichtband vergebens. So ist der Gedichtband „Fass mich an“ eher eine Spiegelung der Inaktivität unserer Gesellschaft und das Kreisen um Belanglosigkeiten. Ob das von Luc Spada beabsichtigt war? Ich fürchte nicht. Auf jeden Fall würde ein Luc Spada, den mal jemand ordentlich angefasst hat, bessere Gedichte schreiben.

Luc Spada:
Fass mich an
Beats, Punchlines, Bitchmoves 
Editions Guy Binsfeld
Luxemburg 2017
ISBN 9789995942199

Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut (DVD)

„Wer seinen Sohn nicht bis zum 13. Lebensjahr beschneidet, der stellst sich außerhalb des Bundes mit Gott“ – so heißt es in der Tora. Und da Simons Vater sich an die 248 Gebote und 365 Verbote der Tora halten will, soll der kleine chirurgische Schnitt, der noch fehlt, nachgeholt werden. Freilich: Simons Mutter sieht das Ganze als Barbarei. Der Familienfrieden ist mehr als gefährdet.

Witzig und unterhaltend – so kommt der Film „Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut“ daher. Leichtfüßig nimmt die manchmal schwarze, aber nie bitterschwarze Komödie die Beschneidung aufs Korn. Die Mutter ist strikt dagegen, dass ihr inzwischen 12-jähriger Sohn Simon beschnitten wird, der Vater dafür, seit er die Religion wieder für sich entdeckt hat und versucht, alle Gebote der Tora einzuhalten. Hinzu kommen Simons pubertäre Freunde und die erste große Liebe, die sein Leben ordentlich durcheinanderwirbeln und schließlich nimmt Simon die Sache selbst in die Hand – mit fatalen Folgen.

Einzelne Szenen des Films waren mir etwas zu übertrieben, wie etwa die Sitzung der Opfer männlicher Genitalverstümmelungen, insgesamt aber ist es ein witziger und zugleich feinsinniger Film.

Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut
Regie: Viviane Andereggen 
Indigo-Film 2015 

Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint

Was für ein Titel – Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint. Wer sagt so etwas von sich? Ein Mann, der von seiner Freundin betrogen wurde und nun überlegt, was er vom Leben noch will. In Bernhard Blöchls Buch heißt dieser Mann Knoppke. Kurz und knapp. Ja, seinen Vornamen erfährt man auch noch, wichtig ist der aber nicht. Denn Knoppke ist Knoppke. Knurrig, mürrisch, wortkarg.

Von seiner Freundin Silvi enttäuscht, macht sich Knoppke auf gen Schottland. Dort wollte er schon immer mal hin. Und jetzt will er erstmal zurück auf null. Ruhe, Einsamkeit, Zeit zum Nachdenken. Dass daraus erst einmal nichts wird, dafür sorgt Sam, eine Tramperin, die einfach so in Knoppkes Auto sitzt. Einfach so? Für den grummeligen Knoppke verläuft seine Schottland-Reise anders als gedacht. Statt die Einsamkeit zu zelebrieren, wird Knoppke von seiner Reisebegleiterin ganz schön gefordert. Und je länger Knoppke unterwegs ist, umso mehr verändert sich sein Leben. Nicht durch die Einsamkeit, sondern durch die Begegnung mit anderen Menschen in den Highlands. Das Glück der anderen trifft Knoppke mit voller Wucht. Was will man mehr von einer Reise?

Besonders gefallen hat mir an dem Buch einmal die muffelige Hauptfigur Knoppke. Er hat Charakter, man kann sich an ihm und an der Art, mit dem Leben umzugehen, reiben. Fast schon ein Anti-Held. Ein verschlossener Typ, der die kurzen Sätze mag. Kurz und prägnant: so mag er es. Kurz und prägnant sind auch seine Sätze.

Dagegen wirkt Bernhard Blöchls Erzählstil fast schon ausladend, verschachtelt. Mit viel Witz erzählt Blöchl seine Geschichte von einem, der sein Leben neu ordnet. Das wenigste ist dabei, dass die Handlung hin und wieder groteske Züge bekommt. Vor allem ist es der Sprachwitz, die Ironie, die schrägen Formulierungen, die wiederkehrenden Lebensweisheiten á la Knoppke wie etwa „Glück kann, muss aber nicht“ , die den Reiz des Buches ausmachen.

Bernhard Blöchl:
Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint
Piper-Verlag 2017
ISBN 9783492060752

Bernhard Blöchl: Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint

Zitat

„Was es in den Highlands gibt, willst du wissen? Das kann ich dir sagen, Mädchen: nichts!“

„Nichts? Nichts ist wenig.“

„Nichts ist alles!“, sagte Knoppke, und wer ihn kannte, hätte ein zuckendes Lächeln in sein Gesicht hineininterpretiert.

„Was denn alles, verdammt noch mal!“ Sam begann, an Knoppkes rechter Schulter zu rütteln, als sei er weggedöst.

„Wenn du es genau wissen willst“, er sah ihr in die Augen, „rohe Natur gibt es dort, rohe, ehrliche Natur! s gibt die Lochs und den Whisky, den Ben Nevis und die Highland-Cows, es gibt Ebbe und Flut, Fish and Chips. Kurzum: Es gibt dort den Ursprung, die Essenz. Zurück auf null.“

Und dann richtete sich Knoppke auf. Er streckte seinen stämmigen Körper, hob den Kopf in den Himmel über dem Kaff der Jasager, und auch sein Bauch verschaffte sich Platz, indem er den Holztisch mit einem Ruck nach vorne schob. So stand er da, der Mann mit der zerrissenen Jeans und dem zerrissenen Herzen, und dann sagte er: „Das ist es! Ich will zurück auf null!“

Er stand noch eine Weile so da, seine Arme hingen schlaff herunter, bevor er wieder Platz nahm, als sei nichts geschehen.

Bernhard Blöchl:
Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint
Piper-Verlag 2017

Der Pfau

Isabel Bogdans „Der Pfau“ ist eine kurze Geschichte über ein abseits gelegenes Landgut in Schottland, auf dem sich eine Gruppe von Bankern zu einem Mitarbeiterwochenende einmietet.

Während dieses Wochenendes geschieht gleichwohl so einiges Vorhersehbares wie auch Unvorhergesehenes. Dass die Gruppe plötzlich eingeschneit ist, gehört zu den harmloseren Ereignissen. Im Zentrum der Handlung steht ein Pfau, der die lästige Angewohnheit hat, alles, was die Farbe blau hat, zu attackieren – egal, ob es ein Stück blaues Papier ist oder das blaue Auto eines Gastes. Und eben jener Pfau bringt das Seminar der Banker zum Teambuilding ziemlich durcheinander. Mehr Handlung gibt es nicht.

Isabel Bogdans „Der Pfau“ ist leichte Lektüre und zum Hörbuch bestens geeignet. Was das Buch hörenswert macht, sind die Irrungen und Wirrungen, die der Pfau verursacht, sodass am Schluss jeder eine andere Sicht auf das Geschehene hat und nur der Zuhörer die ganze Wahrheit kennt. Es ist also nicht die Handlung – die ist banal! – oder gar die Sprache, die das Hörbuch hörenswert macht, es sind die kleinen Verstrickungen und Sticheleien, die für einen Hörgenuss sorgen. Vor allem das, was nicht gesagt wird, sorgt für kurzweilige Unterhaltung.

Isabel Bogdan: 
Der Pfau
argon Hörbuch 2016
ISBN 9783839814581

Ich, Eleanor Oliphant

Eleanor Oliphant ist die tragisch-komische Figur in Gail Honeymans Buch „Ich, Eleanor Oliphant„. Liebenswert verschroben, so lässt sich vielleicht am besten beschreiben, was die 30-Jährige ausmacht. Sie ist alles andere als lebens- und welterfahren.

Nach einem tragischen Zwischenfall in ihrer Kindheit lebt sie sehr zurückgezogen, bis sie sich in das Bild eines Musikers verliebt. Wohlgemerkt: in das Bild eines Musikers, das sie sich selbst von ihm gemacht hat. Zugleich lernt sie ihren Büro-Kollegen Raymond besser kennen – all das stellt ihr Leben auf den Kopf. Auf einmal geht Eleanor aus, in Konzerte, wird eingeladen zu Geburtstagsfeiern, kleidet sich neu ein – der Leser kann mitverfolgen, wie die neuen gesellschaftlichen Aufgaben Eleanor selbst verändern und trotz der rationalen Sicht, die sie sich angewohnt hat, ihre Gefühle langsam auftauen lassen.

Dass damit auch die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Kindheit und ihrer – gelinde gesagt- herrschsüchtigen Mutter ansteht, wird Eleanor erst nach und nach klar. Wird sie dieser Auseinandersetzung gewachsen sein? Mit Spannung verfolgt der Leser Eleanors rasante Entwicklung – und ist verblüfft ob ihrer Veränderung.

Was „Ich, Eleanor Oliphant“ so unterhaltsam macht, ist vor allem die Art und Weise, wie das Buch geschrieben ist. Das Weltunverständnis aus der Sicht von Eleanor ist absolut komisch, schräg, grotesk. Manchmal auch mit einer bitteren Note, wenn es etwa um ihre Einsamkeit geht. Ihre Pedanterie, ihre regelmäßigen Tagesabläufe, ihre Direktheit – all das lässt sie verschroben erscheinen. Und doch ist da eine Eleanor in ihr, die das Leben leben will und dabei in recht viele Fettnäpfchen tappt. Wenn sie eine Packung Scheibenkäse zum Geburtstag verschenkt, mal wieder sagt, was sie nur denken sollte: dann hat der Leser ordentlich was zu lachen. Gail Honeymans Humor ist es, was dem Buch das gewisse Etwas gibt.

Gail Honeyman:
Ich, Eleanor Oliphant

Lübbe-Verlag 2017
ISBN  9783431039788

Brügge sehen … und sterben?

Wie können die Kanäle und Kirchen und Kopfsteinpflasterstraßen, die Brücken und Schwäne und all das märchenschafte Scheißzeug nicht sein Ding sein?

Ray langweilt sich in Brügge. Kanäle, Kirchen, Kopfsteinpflaster: nicht sein Ding. Der ältere Ken hingegen ist von dem historischen Stadtkern fasziniert. Die beiden Auftragskiller sind nach Brügge geschickt worden, um für eine Weile unterzutauchen. Da Ray an seinen Schuldgefühlen zerbricht – er hat aus Versehen bei einem Attentat einen kleinen Jungen erschossen, soll Ken ihn aus dem Weg schaffen. Doch das misslingt ihm. So kommt schließlich der Auftraggeber selbst nach Brügge, um für Ordnung zu sorgen.

Der Film besticht vor allem durch seine kaum bis gar nicht vorhandene Handlung und das Inszenesetzen des Wartens. Denn daraus gewinnen die knappen Dialoge, die zum Teil surreal anmuten, ihre Kraft. Die Mischung aus Kaltblütigkeit, Ehrenkodex und Sentimentalität verblüfft den Zuschauer immer wieder.

Hinzu kommt ein Arsenal schräger Figuren von Kleinwüchsigen bis zu Kleinkriminellen. Mit seinem schwarzen Humor ist „Brügge sehen… und sterben?“ ein Film, den man immer wieder ansehen kann.


Brügge sehen… und sterben?
Regie: Martin McDonagh
Universum Film, 2008