Niemand wird sie finden

Zwischen Coming-out-Geschichte und Jugendthriller balanciert Caleb Roehrigs Buch „Niemand wird sie finden„. Der 15-jährige Flynn hat sich gerade von seiner Freundin getrennt, weil er sich so langsam eingesteht, dass er schwul ist. Doch dann ist seine Ex-Freundin einfach verschwunden. Und Flynn muss sich eingestehen, dass nicht nur er ein Geheimnis hat. Weder bei ihm noch bei seiner Ex-Freundin stehen die Dinge so, wie es scheint.

Für Flynn bricht zunächst eine Welt zusammen, denn er muss erfahren, dass seine Ex-Freundin über ihn an ihrer neuen Schule ziemlich schlecht geredet hat. Doch dann werden blutgetränkte Kleidungsstücke von ihr gefunden. Was ist passiert? Flynn macht sich große Sorgen, dabei er hat er genug eigene Probleme. Denn er selbst hat große Probleme, sich einzugestehen, dass er schwul ist. Nicht ganz freiwillig kommt es zum Coming-out und Flynn muss sich ganz anderen Problemen stellen.

„Niemand wird sie finden“ ist ein typisches Jugendbuch: viel wörtliche Rede, jede Menge Platz für Gefühle und dazu noch etwas Spannung. Etwas schade ist nur, dass einiges am Schluss noch offen bleibt, worüber man beim Lesen gerätselt hat.


Caleb Roehrig: 
Niemand wird sie finden
Verlag cbj 2017
ISBN 9783570173343

Dem Kroisleitner sein Vater

Etwas zäh hat er sich schon gegeben, der Krimi „Dem Kroisleitner sein Vater„. Was vor allem daran liegt, dass Martin Schult von allem etwas zu viel hineingegeben hat. Nicht nur, dass der Ort Sankt Margarethen in der Steiermark von den sieben Plagen überzogen wird (Fliegen, Krähen, Marder, Füchse und so weiter), nein es gibt zudem verhexte Bäume, der Leibhaftige erscheint und dann gibt es da noch die Sage vom Toten Mann. Der Tote Mann, das ist der Ort in den Bergen oberhalb St. Margarethens, wo der 104-jährige Alois Kroisleitner tot aufgefunden wird. Ermordet, wie sich bald herausstellt.

Das bringt natürlich den ganzen Ort in Wallung, denn Kroisleitner war so etwas wie die graue Eminenz des Dorfes. Und Kroisleitner hat ein paar Geheimnisse mit in sein Grab genommen, die nach und nach offenbart werden. Dabei hilft der Berliner Polizist Frassek, der zufällig vor Ort war, als der Mord geschah, tatkräftig mit – glaubt er denn, den österreichischen Ermittlern nicht vertrauen zu können. Tatkräftig unterstützt wird er noch von einem Kollegen – Martin Schult scheint Geschichten mit viel Personal zu lieben. Mir waren es deutlich zu viele Personen, die mit ihren Geschichten in den Roman hineingewoben sind. Nicht nur die Dorfbewohner, die dann noch Spitz- und Kosenamen haben, sind kaum zu überblicken, hinzu kommen die zahlreichen Ermittler und dazu noch jede Menge Wiener Pensionsgäste, die man zumindest teilweise auch namentlich kennenlernt. Warum auch immer. Ach ja, und eine Sängerin, die für tot erklärt wurde, damit man das Karriere-Ende finanziell ausschlachten kann, kehrt auch an ihren Heimatort zurück.

Für mich ist das alles zu viel des Guten. Die einzelnen Handlungsstränge stehen sich bald schon gegenseitig auf den Füßen. Die Handlung springt ziemlich schnell zwischen den einzelnen Personen hin und her, verfranst sich und wird sehr verworren, auch weil immer mehr Details aus der Nachkriegszeit eine Rolle zu spielen scheinen.

Nicht besonders hilfreich ist das Personenverzeichnis, das am Anfang des Buches tatsächlich vorhanden ist. Was aber hilft es einem beim Lesen, wenn als Erklärung zur Person so etwas steht wie „findet nicht, was er gesucht hat“?

Mir zumindest ist es bei dem wuchtigen Personenkarussell, das sich in „Dem Kroisleitner sein Vater“ auftut, irgendwann egal gewesen, wer nun dem Kroisleitner sein Vater auf dem Gewissen hat.

Martin Schult: 
Dem Kroisleitner sein Vater
Kriminalroman
Ullstein-Verlag 2017 
ISBN 9783550081743

Olive Kitteridge (DVD)

Olive Kitteridge“ – über diese Miniserie über die gleichnamige Frau bin ich zufällig gestolpert – und bin absolut fasziniert davon. In kleinen Episoden (Gesamtlänge: 230 Minuten) wird das Leben der pensionierten Mathematiklehrerin beleuchtet. Dabei gelingt es dem Film, eine Frau, die unnahbar ist, Gefühle nicht zulässt, Pflicht als oberste Tugend sieht, in all ihrer Brüchigkeit lebendig werden zu lassen.

Man könnte sagen, Olive Kitteridge ist eine alte, böse Frau geworden. Doch das passt nicht, denn Olive ist nicht erst im Alter streng und zynisch geworden. Sie wirkt vielmehr so, als ob sie noch nie im Leben ein bisschen Mitleid für andere empfunden hat. Und so passt sie gut in die Landschaft, in die sie hineingeboren wurde: an der rauen See ist das einzige Vergnügen, das sie hat, sich um ihre Pflanzen zu kümmern. Die Tulpen sind ihr ein und alles – keine davon würde sie abschneiden und gar verschenken.

Es ist – neben der brillanten schauspielerischen Leistung von Frances McDormand als Olive Kitteridge – diese Bildsprache, die die Miniserie so sehenswert macht. Es sind komponierte Bilder, die mehr zeigen als die Personen sagen können.

Vorlage des Films ist der gleichnamige Roman von Elizabeth Strout. Allerdings hat die Regisseurin Lisa Cholodenko die Handlung ziemlich zusammengestampft und sich auf einen zentralen Handlungsstrang konzentriert: das Leben von Olive Kitteridge. Die Frage, die man sich als Zuschauer immer wieder stellt ist die: Was treibt diese Frau an? Man kann nicht in sie hineinsehen. Man kann nicht einmal über sie sagen, dass sie verbittert ist – auch wenn sie immer wieder so wirkt. Sie lebt ihr Leben, weil es eben zu leben ist. Sie führt ihre Ehe fort bis zum Tod ihres Ehemanns, weil sie ihn eben geheiratet hat. Basta. Sie scheint nicht um ihren Mann zu trauern, seinen Tod nimmt sie eben hin. Doch immer wieder gerät ihre Festung ins Wanken, durch ihren liebevollen, gutmütigen Mann, aber vor allem in der Auseinandersetzung mit ihrem Sohn. Da bringt ihr Mann ihr einen Strauß Blumen mit, mit einer Karte, um sie zu überraschen – und Olive liest die Karte, bedankt sich und gibt ihm den Strauß wieder. Man weiß nicht: kann Olive nicht würdigen, was ihr Mann für sie tut oder gefällt ihr diese Art von Geschenk nicht? Auch wenn Olive später ihren Sohn besucht, fällt es einem schwer zu unterscheiden, wo sie sich einfach nicht beherrschen kann und wo sie ganz bewusst sticheln will. Olive bleibt immer etwas rätselhaft.

Wenn man ihre Reaktion nachvollziehen kann, kann man herzhaft über Olives bissige Kommentare lachen, etwa beim gespielten Beileid nach dem Tod von Olives Ehemann und spürt die erfrischende Direktheit, die andere vor den Kopf stößt. Ist man dagegen eher auf der Seite des Sohnes, der dabei ist, seine Kindheit und Jugend zu verarbeiten, bleibt einem nichts anderes als den Kopf zu schütteln über eine Olive, die nichts, aber auch gar nichts aus ihren Fehlern gelernt hat und nicht in der Lage ist, auf andere zuzugehen. Und wenn Olive plötzlich intuitiv handelt, einfach hilft, ohne auf Befindlichkeiten zu achten, ist man einfach nur überrascht von dieser Olive.

 


Olive Kitteridge
Regie: Lisa Cholodenko
Warner Home Video 2015

Martin Schult: Dem Kroisleitner sein Vater

Zitat

Was kommen wird, und darum ging es ja bei solchen Krisen, machte ihm keine Sorgen. Was hinter ihm lag, das hatte er verbockt. Das hatte er in den Fotoalben entdeckt, die er nach dem Tod der Mutter zusammen mit seinem Vater durchgeblättert hatte. Die Schlichtheit seines Lebens hatte ihn erschüttert.

Nichts, worauf man stolz sein könnte. Nichts, was sich für den Anfang eines Buches eignen würde. Wer sollte sich schon für einen Menschen interessieren, dessen aufregendstes Ereignis, das sein Onkel auf einem Foto festgehalten hatte, der Erwerb des Seepferdchen-Abzeichens gewesen war?

Fotoalben konnten so gnadenlos sein.

Martin Schult: Dem Kroisleitner sein Vater
Ullstein-Verlag 2017

Glaube Liebe Tod

Der Polizeiseelsorger Martin Bauer ist die Hauptfigur in einer neuen Krimi-Reihe im Ullstein-Verlag. Mit „Glaube Liebe Tod“ hat das Autorenduo Gallert & Reiter einen gelungenen Einstand gemeistert.

Die Handlung beginnt hochdramatisch: Martin Bauer rettet einem Polizisten, der sich von einer Brücke stürzen möchte, das Leben. Doch kurze Zeit später ist der Polizist tot. War es Selbstmord? Ein Unfall? Oder gar Mord? Martin Bauer beginnt zu ermitteln, auch weil er selbst sich mit Schuldgefühlen quält, dass er den Polizisten doch nicht retten konnte. Seine Suche nach der Wahrheit bringt Bauer bis ins Duisburger Rotlichtviertel. Damit ist ein actionreicher Kriminalroman vorprogrammiert.

Dass die Hauptfigur, der ermittelnde Polizeiseelsorger Martin Bauer, bei so viel Action nicht immer mithalten kann, macht ihn sympathisch. Bauer ist einer, der eher impulsiv handelt, und dabei seine Kompetenzen mehr als einmal überschreitet. Lieber lässt sich Bauer von seiner Menschenkenntnis leiten, als rational abzuwägen, was zu tun ist. Das kann nicht immer gut gehen, und Bauer bringt schließlich nicht nur sich in Gefahr. Das bringt immer wieder Bauers grüblerische Seite zum Vorschein. Eine sympathische Seite.

Spannung bietet „Glaube Liebe Tod“ bis zum Schluss, wenn sich die Erzählfäden um Korruption, Menschenhandel, Rache, jugendlicher Leichtsinn und alte Geschichten von Schuld so langsam entwirren. Hinzu kommt, dass in dem Krimi immer wieder die Erzählperspektive gewechselt wird, sodass man als Leser etwas mehr weiß als Martin Bauer.

Hinzu kommt eine große erzählerische Leistung von Gallert und Reiter. Den beiden Autoren gelingt ein Schreibstil, der einerseits anspruchsvoll ist, andererseits aber den Lesefluss nie beeinträchtigt.

 

Peter Gallert und Jörg A. Reiter: 
Glaube Liebe Tod 
1. Band der Reihe um den Ermittler Martin Bauer 
Ullstein-Verlag 2017 
ISBN 9783548288918

Vielen Dank für nichts (DVD)

Durch einen Snowboard-Unfall sitzt Valentin im Rollstuhl. Weil der 17-Jährige mit seiner Situation so gar nicht zurechtkommt, zwingt seine Mutter ihn, an einem Theaterprojekt in einem Heim für Behinderte mitzumachen.

Nach anfänglicher Abneigung freundet sich Valentin immer mehr mit seiner neuen Situation und mit dem Theaterprojekt an – was vor allem an der Pflegerin Mira liegt, in die sich Valentin heillos verliebt. Doch da Mira einen Freund hat, sieht sich Valentin zu einem großen Liebesbeweis gezwungen.  Nur so viel sei verraten: es endet mit zweieinhalb Jahren Haft auf Bewährung…

Vielen Dank für nichts“ ist eine unverkrampfte Komödie mit einem jungen Hauptdarsteller (genial gespielt von Joel Basman), den man zunächst als Rebellen kennenlernt. Mit seiner Behinderung kommt er nicht zurecht. Also legt er sich mit allem und jedem an. Seine Mutter ist davon überfordert und ist froh, ihn für eine Weile in das Theaterprojekt in Südtirol schicken zu können. Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern fühlt sich Valentin allerdings nicht behindert – und das lässt er sie auch deutlich spüren. Es läuft einem als Zuschauer kalt den Rücken herunter, wenn Valentin sich über die anderen Behinderten lustig macht. Dazu gehören nicht nur seine sarkastischen Kommentare, er bewirft zudem auch noch einen Behinderten mit Essen.  So wirkt Valentin trotz seines Unfalls äußerst unsympathisch auf den Zuschauer.

Dass Laienschauspieler die Behinderten darstellen, lässt die Szenen umso authentischer erscheinen. Zwar kann man verstehen, dass sich Valentin, der sich im Gegensatz zu anderen gut verständigen kann, in der Gruppe fremd fühlt. Aber dass er fast schon gehässig auf die anderen herunterschaut, lässt jedes Mitgefühl verschwinden.

So ist „Vielen Dank für nichts“ keine harmlose Komödie mit einem Hauch „political incorrectness“. Es ist ein Film, der seine Zuschauer auf vielfältige Weise beansprucht. Da ist die zunächst unsympathische Hauptfigur, dann gibt es die behinderten Schauspieler, die nicht immer leicht zu verstehen sind. Schließlich wird zwischendurch Schwyzerdütsch und Italienisch (mit Untertiteln) gesprochen, manchmal noch übertönt von der Musik. Die Handkamera tut dann noch ihr Übriges dazu.

Die Regisseure Stefan Hillebrand und Oliver Paulus haben für die Wandlung von Valentin ausdrucksstarke Bilder gefunden. Am Anfang trägt Valentin mitten im Sommer eine Fellmütze, dann wird er zum versierten Rollstuhlfahrer, der Fußgängern absichtlich in die Hacken fährt, um ihre Reaktion zu testen. Und schließlich ist da am Schluss des Films die Polizei, die größte Schwierigkeiten hat, die drei verhafteten Rollstuhlfahrer ins Polizeipräsidium zu fahren, sodass die Feuerwehr gerufen werden muss.

„Vielen Dank für nichts“ ist eine Komödie, die hin und wieder vor schwarzem Humor trieft, es ist eine Liebesgeschichte, ein Film vom Erwachsenwerden und vom Austesten der Grenzen.

Kurzum: ein gelungener Film.

Vielen Dank für nichts
Regie: Stefan Hillebrand und Oliver Paulus
Camino-Film 2013

Minutengeschichten

Am 28. Juni 2017 jährt sich der 50. Todestag von Oskar Maria Graf. Der Ullstein-Verlag hat das zum Anlass genommen, eine erweiterte Ausgabe von Grafs „Minutengeschichten“ zu veröffentlichen. Herausgekommen ist eine Sammlung von kurzen Anekdoten, Kalendergeschichten und kleinen Erzählungen, die fast allesamt in Bayern spielen. Und wenn sich ein Bayer mal aus Bayern herausverirrt, dann trifft er zumindest einen Bayern in der großen, weiten Welt.

Oskar Maria Graf hat einen Blick für die Menschen. Der bayerische Heimatdichter präsentiert Lausbubengeschichten á la Ludwig Thoma, nur sind Grafs Lausbuben ausgemachte Mannsbilder und Frauen. Oskar Maria Graf gelingt es, bayerische Originale mit nur wenigen Federstrichen darzustellen. Die lassen sich so leicht nichts vormachen und gehen mit einem gesunden Misstrauen durch die Welt und haben keine Schwierigkeiten, andere übers Ohr zu hauen.

Ihnen kann niemand erzählen, dass Goethe 100 Jahre alt wurde – von so jemand altem hätten sie ja in der Zeitung gelesen. Dem Pfarrer gilt es zu beweisen, dass im Presssack kein Fleisch ist. Und wenn die Inflation kommt, werden eben Mietshäuser in der Stadt gekauft. Und dass die Reichskanzler allesamt nichts taugen liegt schlichtweg daran, dass das kein richtiger Beruf ist, der erlernt werden kann. Oder mit Graf gesagt: „Weil mir ebn koane glerntn Reichskanzler mehr hobn seitm Bismarck, drum ist oiwai dö Sauerei“.

Dass Graf seine Figuren tiefstes Bayerisch sprechen lässt, macht es zwar dem Leser nicht immer einfach (das angefügte Glossar hilft da auch nur bedingt), gibt aber den Figuren ihren ureigenen – bayerischen – Charme. Und wenn einmal tatsächlich die Landschaft beschrieben wird, dann nur, um zu zeigen, wie sehr sie den Menschen, die dort wohnen, ähnelt – oder umgekehrt.

Freilich darf nicht verschwiegen werden, dass Oskar Maria Graf eben nur ein bayerischer Heimatdichter ist – über seine kleinen Geschichten kann man heute nicht mehr immer schmunzeln. Und auch das anekdotenhafte Erzählen, das Graf so liebt, ist heute nicht mehr massentauglich. Ich kann mir daher kaum vorstellen, dass Grafs „Minutengeschichten“ heute noch begeisterte Leser finden.

Für mich war das spannendste zu sehen, wie Oskar Maria Graf mit der großen Politik umgeht, spielen seine Geschichten doch vorwiegend zwischen dem ersten Weltkrieg und den ersten Jahren der Bundesrepublik. Freilich enthält sich Graf einer Wertung – er lässt vielmehr seine Figuren sprechen, lässt sie diskutieren und sich arrangieren. Und macht so die große Politik ganz klein.

Versehen ist das Buch mit einem Nachwort von Wilfried F. Schoeller, dem Herausgeber der auf 16 Bände angelegten Werkausgabe von Oskar Maria Graf. Dabei geht Schoeller auch auf den spannenden Lebensweg von Oskar Maria Graf ein.

 

Oskar Maria Graf: 
Minutengeschichten 
Ullstein-Verlag 2017
ISBN 9783550081460