Nie so sein

Es gibt Bücher, da ist man froh, wenn sie endlich rum sind. So ein Buch ist auch „Nie so sein“ von Martina Klein.

Dabei fängt das Buch gar nicht so schlecht an: Die 16-jährige Ada zieht nach der Trennung ihrer Eltern zu ihrem Vater nach Kiel, überrumpelt beim Gerichtstermin dafür ihre Mutter. Ein taffes Mädchen, das sich durchsetzen kann, das weiß, was sie will. Gefühle lässt sie kaum an sich heran.

Den gewünschten Neuanfang in Kiel schafft sie aber nicht. Ihren Freund wollte sie hinter sich lassen, ihre beste Freundin war sowieso nicht mehr in Freiburg. Aber der Start in Kiel gelingt nicht. Ada sitzt lieber im Café als auf der Schulbank. Überraschend lange gelingt es Ada, das Schwänzen zu vertuschen. Zu den schönen Stellen im Buch gehört, wie die Mutter, von Berufs wegen Pychologin, so gar nicht verstehen kann, wie man so lange einfach nichts (N.I.C.H.T.S) machen kann. Überhaupt gehören die Gespräche zwischen Mutter und Tochter zu den Highlights des Buches. Es ist einfach köstlich komisch, wenn die Mutter – gerade auf einem Kongress – ihre Tochter fragt, ob sie ihren Traum zur Vorstellung beim Kongress abwandeln dürfe, damit er „klassischer“ sei.

Doch dass Ada so gar nichts macht, als sie die Schule schwänzt, stimmt nicht. Denn sie trifft einen – scheinbar – Seelenverwandten, wie sie Schulschwänzer, wie sie mit vielen Gedanken im Kopf. Die beiden lernen sich kennen, auch durch ihr gemeinsames Hobby, sich Palindrome auszudenken. Beide sind abgeklärt und verletzlich zugleich.

So weit, so gut. Was den zweiten Teil des Buches angeht, kann man nur sagen: So weit, so schlecht. Das bunte Gemenge von erzählter Handlung, Blogeinträgen, online-Unterhaltungen und Ähnlichem wird ergänzt durch einen wirren, durchgeknallten Fortgang der Handlung, den man sich alberner und unrealistischer wohl kaum ausdenken könnte.

Warum um alles in der Welt ein Amoklauf sich hier anschließt, man weiß es nicht. Was man aber weiß: es schadet dem Buch ungemein. So wie der neue Deutschlehrer von Ada eine reine Karikatur ist, so ist auch der Amoklauf nicht anders zu verstehen. Hier ist weder im Vorfeld noch später etwas angelegt, was einer ernsthaften Auseinandersetzung mit diesem Thema gerecht werden würde.

Ich zumindest war froh, als ich das Buch endlich zuklappen konnte.


Martina Klein: 
Nie so sein 
Juneberry-Verlag 2018
ISBN 9783961521197

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Der blaue Stein

Jimmy Liao gehört inzwischen zu den großen taiwanesischen Bilderbuchkünstlern, die sich zum Ziel gesetzt haben, Bilderbücher für Erwachsene zu schaffen. Ich genieße die Bilderbücher von Liao seit ich sie für mich entdeckt habe.

Ein klein wenig erinnert hat mich  Liaos neues Buch „Der blaue Stein“ an die „Kleine Raupe Nimmersatt“, die sich durch immer mehr Obst und Gemüse isst und dadurch immer größer wird.

Beim blauen Stein ist es direkt umgekehrt. Durch Menschenhand wird der er in zwei Teile getrennt. Ein Teil bleibt im Wald, das andere wird als Rohstoff bearbeitet. Dabei empfindet der Stein großes Heimweh nach dem Wald, aus dem er abtransportiert wurde. Und immer, wenn das Heimweh übermächtig wird, zerspringt seine Form und irgendwann wird etwas Neues aus ihm geschaffen. So wird der Stein immer kleiner und kleiner. Schönes und Trauriges erlebt er; er begegnet Tod, Liebe Freundschaft. Er wird zum Kunstwerk und will es doch nicht sein. Denn was er leibt ist der Gesang der Vögel, den Duft der Blumen und das Licht, das durch das Laub fällt.

Man kann den blauen Stein auf viele Weisen deuten. Für mich steht der blaue Stein vor allem für das Hören auf seine innere Stimme. Wir versuchen uns im Leben an vielem, was uns nicht gelingt, weil wir nicht dafür gemacht sind, weil uns das Talent dafür fehlt. Nur in dem, was uns wirklich liegt, gehen wir auch auf. Wir müssen unsere Natur entdecken.

Obwohl man ja sehr bald weiß, dass der Stein immer kleiner und kleiner wird, wird es trotzdem beim Lesen nicht langweilig, weil der Stein sich so sehr verändert und immer wieder in anderer Form und in anderer Farbe auftaucht – als großer Elefant, als Katze, als Mauerstein eines Gefängnisses, als kleines Herz.

Das Schöne an den Büchern von Jimmy Liao ist, dass man sich beim Lesen in ihnen verlieren kann.

 

Die Bücherbar hat außerdem die Sternennacht von Jimmy Liao rezensiert.

Jimmy Liao: 
Der blaue Stein 
Bilderbuch für Erwachsene 
Chinabooks 2019 
ISBN 9783905816839

Liebe auf den ersten Schlag

Wer auch immer den Titel für diesen Film ausgewählt hat: er müsste bestraft werden. Denn was nach einer billigen Liebesschmonzette klingt, entpuppt sich als unterhaltsamer Film, der seine starken Seiten hat und alles andere als anspruchslos ist. Nicht umsonst hat der Film in Frankreich einige Auszeichnungen abgeräumt.

Die Stärke des Films liegt vor allem in seinen beiden Protagonisten: Madeleine (Adèle Haenel) und Arnaud (Kévin Azaïs) könnten unterschiedlicher kaum sein: Während der zurückhaltende Arnaud nach dem Tod seines Vaters ins Familiengeschäft einsteigen will, hält Madeleine von ihren Eltern so gar nichts und übt sich im Kampfsport und in Härtetraining. Ein Hering wird da schon mal durch den Mixer gejagt und als Shake verzehrt.

Wunderbar ausbalanciert nähern sich die beiden langsam an (mit den zugehörigen Abweisungen). Um ihretwillen schließt sich Arnaud sogar einem Schnuppertraining des Heers an. Nie läuft der Film dabei Gefahr, in einer billigen Komödie zu versanden. Dafür überzeugen die beiden Protagonisten viel zu sehr. Man nimmt ihnen ihre Unbeholfenheit, ihre Schüchternheit, ihre spröde Direktheit einfach ab. So unwahrscheinlich es auch klingt, dass man sich vom militärischen Trainingslager absetzt und sein eigenes Survival-Training durchzieht: diesen beiden nimmt man es ab. Mit Spannung verfolgt man, wie sie lernen, miteinander umzugehen.

Fazit: Die Atmosphäre macht diesen Film aus. Zwei unterschiedliche Menschen treffen aufeinander und gehen langsam in fein ausgeloteten Schritten aufeinander zu.


Liebe auf den ersten Schlag
Regie: Thomas Cailley
Tiberius-Film 2015

Die große Heuchelei

Eine Mischung aus politischen Statements und Berichten von persönlichen Schicksalen bietet Jürgen Todenhöfer in seinem neuen Hörbuch „Die große Heuchelei“. Wen Todenhöfer als Heuchler entlarven will, macht der Untertitel deutlich: „Wie der Westen seine Werte verrät“.

Besonders neu oder besonders originell ist an diesem Teil seines Buches nur wenig. Der Unterschied zu anderen Sachbüchern ist nur, dass Todenhöfer von vorneherein eine moralische Verurteilung vornimmt, die insgesamt allerdings sehr pauschal ausfällt.

Seine zentrale These ist, dass das deutsche Volk über die wahren Kriegsgründe belogen wird. Dabei scheint Todenhöfer davon auszugehen, dass die Mehrzahl der Bundesbürger tatsächlich glaubt, dass Kriege nur aus humanitären Gründen geführt werden.

Hier unterschätzt der ehemalige Bundestagsabgeordnete der CDU aber seine Mitbürger wohl fulminant: Es dürfte wohl kaum jemanden geben, der nicht zustimmt, dass Rohstoffe oder geostrategische Überlegungen eine militärische Intervention begünstigen. Warum sonst sagte ein früherer Verteidigungsminister, Deutschland werde am Hindukusch verteidigt? Natürlich geht es immer auch um Interessen.

Man könnte dies als Naivität abtun und darüber hinwegsehen, wenn es nicht bei Todenhöfer immer wieder zu einer Schieflage führen würde, zu einer Einseitigkeit, die problematisch ist. So behauptet Todenhöfer, Horst Köhler wäre als Bundespräsident wiedergewählt worden, wenn er nicht in einem Radiointerview von „außenpolitischen Interessen Deutschlands“ gesprochen hätte. Dass die Diskussion hier aber vielmehr darum ging, inwiefern die Auslandseinsätze der Bundeswehr vom Grundgesetz gedeckt sind (und inwiefern sie gedeckt sein müssen), erwähnt Todenhöfer nicht.

Vom Syrienkrieg sagt Todenhöfer, dass er leicht vermieden hätte werden können. Der „ungerechteste Friede wäre besser gewesen“, weiß er. Als ob man das im Vorhinein hätte sagen können – wer hätte schon vermutet, dass der Krieg jahrzehntelang dauern wird?

Eine große Schlagseite hat das Hörbuch auch in Blick auf die Schuldfrage. Zumeist wird den USA der Schwarze Peter zugeschoben. Sie nehmen keine Verhandlungsangebote an, haben keinerlei Strategie im Nahen Osten, verschleiern zivile Todesopfer bei Angriffen, haben überhaupt keine Ahnung vom Nahen Osten.

Todenhöfers Kritik an der Berichterstattung im Westen mag richtig sein. Manches wird unter den Teppich gekehrt, manches wenn überhaupt nur am Rande berichtet. Aber ist darauf die Antwort, ebenso einseitig dem Westen pure Scheinheiligkeit vorzuwerfen? Todenhöfer bemüht sich redlich, die Namen der zivilen Opfer zu nennen – im Nahen Osten. Müsste er nicht ebenso die Namen westlicher Opfer nennen?

In vielem, was Todenhöfer sagt, kann ich ihm im Grunde zustimmen. Kriege sind keine einfache und oft nicht einmal eine praktikable Möglichkeit der Konfliktlösung. Kriege haben zu viele zivile Opfer. Kriege werden nur am Rande aus humanitären oder anderen ehrenhaft anmutenden Gründen geführt.

Was aber bei Todenhöfer herausgekommen ist, ist eine Fülle an Abenteuergeschichten über den Besuch von Kriegsgebieten, eine unglaubliche Pauschalisierung, keinerlei Differenzierung – Pazifismus wird quer durch alle Zeiten und Orte proklamiert.

 

Jürgen Todenhöfer: 
Die große Heuchelei. 
Wie der Westen seine Werte verrät 
Hörbuch Hamburg 2019 
ISBN 9783957131638

Ein Mensch allein

„Ein Mensch allen“ von Jean Giono ist ein sperriges Buch. Sperrig vor allem deshalb, weil seine Hauptfigur, Langlois, ein sperriger Protagonist ist.

Man lernt ihn zunächst als etwas eigenwilligen Gendarm kennen, der das Verschwinden von Personen in einem kleinen Dorf untersucht. Er versucht sich dabei, in den Täter hineinzuversetzen – doch hat nicht er den Verdienst, den Fall aufzuklären. Dennoch fällt er selbst das Urteil über den Täter. Später dann kehrt Langlois in das Dorf zurück, dieses Mal als Major des Wolfsjagdkorps. Und wieder arbeitet er wie zuvor als Gendarm. Er will den Wolf in die Enge treiben, will ihn selbst zur Strecke bringen.

Seinem Charakter kann man beim Lesen kaum habhaft werden. Ist er doch einerseits hochmütig und abweisend, so wirkt er – zumindest aus der Ferne – freundlich und humorvoll, wenn er etwa um der neugierigen Dorfbewohner willen extra einen falschen Weg einschlägt, um sie auszutricksen und ihnen dann mit dem Taschentuch zuwinkt. So bleibt Langlois, egal wie viel man über ihn lebt, ein Sonderling, sperrig und verquer.

Jean Gionos Buch aus dem Jahr 1946, das hier in neuer Übersetzung vorliegt, ist enorm spannend, wenn der Fall der verschwundenen Personen aufgeklärt wird. Allerdings merkt man bald, dass es gar nicht die Absicht von Giono ist, Spannung aufzubauen. Die Aufklärung ist enorm einfach erzählt, fast schon banal und ist nicht einmal der Schlusspunkt des Buches.

Nein, Giono will etwas ganz anderes mit seinem Buch erreichen: Immer mehr rückt die Person des Langlois in den Vordergrund, die Umgebung, die Menschen: all das spielt ihm zu, bildet den Horizont, auf dem Langlois abgebildet wird. Ein Bestimmer, ein Anführer, zugleich aber der höfliche Nachbar, zurückhaltend und einsam. Ein Mensch allein, Langlois, vereint all diese Eigenschaften in sich.

In seinen Beschreibungen entpuppt sich Jean Giono als großer Erzähler. Egal ob er eine Wolfsjagd, eine Buche oder eine Person beschreibt, die Sprache zieht einen nach und nach in ihren Bann. Der Erzähler nimmt den Leser an die Hand, stellt ihm Personen vor, entschuldigt dies und jenes („Man muss Bergues entschuldigen, der Junggeselle und ein wenig ungehobelt ist„), anderes dafür nicht („Meine Mutter war Stiefelstepperin und mein Vater ein Zugvogel„).

Immer ein wenig neckisch führt der Erzähler durch das Geschehen. Manchmal ist es mühsam, ihm zu folgen – vor allem dann, wenn Nebenschauplätze betreten werden und Personen, von deren Wichtigkeit man noch nichts weiß, ausführlichst präsentiert werden. Insgesamt aber macht es eine große Freude, dem Erzähler in angemessener Entfernung zu folgen.

 

Ein Zitat aus dem Buch findet sich hier.


Jean Giono: 
Ein Mensch allein 
Die Andere Bibliothek 2018
ISBN 9783847704089