Der Consolidator

Mit „Der Consolidator“ hat Daniel Defoe eine Satire geschrieben, die heute weithin unbekannt ist. Der Verlag die „Andere Bibliothek“ hat dieses Werk nun aus der Versenkung geholt und mit umfangreichen Anmerkungen veröffentlicht.

Der Roman, der 1705 veröffentlicht wurde, ist allerdings keine leichte Kost. Defoe hat eine Satire auf das England seiner Zeit geschrieben, die mit zahlreichen Anspielungen auf historische Personen und Ereignisse gespickt ist.

Es beginnt bereits damit, dass für den Bau der Mondmaschine, dem „Consolidator“, 513 Federn aus allen Teilen des Landes notwendig sind, eine Anspielung auf die Anzahl der Sitze im House of Commons. Auf satte 322 Anmerkungen bringt es der Band bei rund 230 Seiten Text.

Während man anfangs der Handlung noch etwas abgewinnen kann, ohne alle Anspielungen verstanden zu haben, vergällt es einem dann doch nach und nach die Lust beim Lesen.

Der Hochgesang auf das Land China, von dem aus Mondreisen möglich sind, ist anfangs sehr unterhaltsam. Auch manch Idee hat Münchhausen-Format. Wenn der Ich-Erzähler etwa mit dem Mann im Mond darüber diskutiert, wer von beiden nun vom Mond kommt. Aber außer einer Hand voll weiterer Ideen wie etwa der Erfindung eines ganz speziellen Teleskops gibt es nichts, was die Handlung weiter vorantreibt, das ohne intensivere Entschlüsselung  zu verstehen ist. Auf der Folie Chinas und der lunaren Welt wird die Geschichte Großbritanniens bis zur Aufklärung kritisch gespiegelt und das Hintergrundwissen dazu ist zum Verständnis des Buches vonnöten.

So ist Daniel Defoes „Der Consolidator“ durchaus ein interessantes Werk der Aufklärung, es ist aber nur sehr, sehr bedingt unterhaltsam.

Hier ein kurzer Auszug aus dem Buch.


Daniel Defoe:
Der Consolidator
Die Andere Bibliothek 2018
ISBN 9783847704072

 

Advertisements

Daniel Defoe: Der Consolidator

Zitat

Sollte irgendjemand so übel gesinnt sein, zu behaupten, die Erzählung stände in irgendeinem Bezug zu den Verhältnissen in England, so erklärt der Autor, dass das nur auf einem bösartigen Missverständnis seiner wahrhaftigen Schilderung der Vorgänge in jenem entfernten Land beruhen kann. Er gibt sein Ehrenwort dafür, dass die Sache bei seiner letzten Reise in die lunaren Regionen genauso über die Bühne ging.

Sollte es irgendeine Analogie oder Ähnlichkeit zwischen Vorgängen in dieser und jener Welt geben, ist er nicht dafür verantwortlich zu machen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Doch kommt ihm bisweilen der Gedanke, dass nach einem bestimmten Umlauf der Zeit alles wieder von vorne beginnt und dieselben Menschen noch einmal leben, dieselben Dummköpfe, Schurken, Philosophen und Verrückten wie vorher, aber ohne zu wissen oder sich daran zu erinnern, was sie vorher getan haben.

Diesen Gedanken zu entfalten, überlasse ich unseren gelehrten Royal Societies der Antikakophonier, Oppositianer, Periodikarier, Antepredestinarier, universellen Seelianer und ähnlich unergründlichen Personen, die nach reiflicher Untersuchung ohne Zweifel die Wahrheit herausfinden werden.

Doch sollte irgendjemand die Tatsachen in Zweifel ziehen, über die ich berichtet habe, fordere ich ihn auf, es mir gleichzutun und zu Beweiszwecken auf den Mond zu reisen.

Daniel Defoe:
Der Consolidator
Die Andere Bibliothek 2018

 

Verlorener Morgen

Gabriela Adameşteanu hat mit „Verlorener Morgen“ ein Werk geschaffen, das man ohne Hemmungen als große Literatur bezeichnen kann. 1983 wurde der Roman in Rumänien veröffentlicht, in diesem Jahr ist er nun auf Deutsch erschienen.

Vica Delcă ist die knorrige Hauptfigur dieses Romans. Während ihr Mann kaum noch das Bett verlässt, fällt der circa 70-jährigen Ehefrau daheim die Decke auf den Kopf. Also fährt sie spontan mit der Straßenbahn – natürlich zweiter Klasse, alles andere wäre Geldverschwendung – nach Bukarest hinein. Von diesem einen Tag handelt der ganze Roman.

Während Vica Delcă nun durch Bukarest fährt und ihre Schwägerin wie auch ihre frühere Arbeitgeberin zunächst gar nicht antrifft, breitet sie in einem inneren Monolog die Geschichte der beiden Frauen und nebenbei auch ihre eigene aus. Großbürgertum trifft hier auf Kleinbürgertum,  Neid und Bewunderung auf Gesellschaftskritik. Vica Delcă spiegelt so die Sozialgeschichte einer Generation in Rumänien. Veränderungen, die der Kommunismus gebracht oder auch nicht gebracht hat, das Absetzen ins Ausland und die damit verbundene Enteignung, und dazwischen ist Vica Delcă, die in ihrem kleinen Laden immer irgendetwas zum Handeln hatte.

Ihr Mund sitzt nicht am falschen Fleck, so viel hat sie zu erzählen, dass Wiederholungen nicht ausbleiben. Das gehört auch zum Knorrigen der Hauptfigur. Auf manches kommt sie immer wieder zurück, meist mit anderen Gedankenpirouetten. Hinzu kommt eine Vielzahl an Rückblenden, das Ausmalen der Begegnung bereits auf der Fahrt oder beim Warten. Hinzu kommen jede Menge Urteile über die Mitmenschen, die allzu oft nicht allzu nett sind.

Mit ihrer schnoddrigen Sprache muss man Vica Delcă einfach liebgewinnen. Sie will niemandem etwas Böses, auch wenn sie in ihrem Urteil sehr direkt sein kann. Sie will von niemandem abhängig sein, auch wenn sie kleine Geschenke gern annimmt. Sie ist stolz auf das, was sie in ihrem Leben erreicht hat, auch wenn das heißt, stolz darauf zu sein, mit wenig Geld über die Runden zu kommen.

Geschickt springt die Handlung mit dem Betrachten eines alten Fotos in die Zeit von 1914/16, man springt in die Kindheit der Lehrerin Ivana. So nimmt der Roman auch die nicht ganz so junge Geschichte Rumäniens mit dem ersten Weltkrieg in den Blick.

 

Ein Zitat aus dem Roman kann man hier finden, als Vica Delcă bemerkt, dass Ivana ihr nicht die Tür öffnete, obwohl sie zuhause war.


Gabriela Adameşteanu:

Verlorener Morgen
Verlag Die Andere Bibliothek 2018
ISBN 9783847704041

Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen

Zitat

Und auf einmal bleibt sie wie versteinert stehen.

Verdammt, denkt sie. Sie ist stehen geblieben. Zwei Meter sind es von hier, wo sie ist, bis zur Haustür. Zwei Meter, nicht mehr, nicht weniger, nur so viel. Eine Nachmittagssonne scheint, sie kann gut sehen, es blendet nicht; nur dass sie ihren Augen nicht trauen kann. Sie versteht nicht. Und die Tauben, flatter-flatter, rauf zur Mansarde.

Jetzt guck dir das an, denkt sie, die kommt gar nicht aus der Stadt… Jetzt guck dir das an, die kommt nicht vom Tor. Jetzt guck dir das an, verdammtes Miststück, die kommt aus dem Haus! […] Ivona, die das Haus zuschließt! Jetzt guck dir an, wie sie die Vordertür zweimal abschließt. Und dann schnuppert sie. Guck, nach links und rechts schaut die, als wär sie ein Fuchs, der was wittert. Und einmal gleiten der ihre Blicke zur Hintertür, und da sieht man, wie sie plötzlich auch stocksteif stehen bleibt.

Sie bleibt stocksteif stehen, als sie sie sieht.

Ha, ich zahl’s dir heim, ich zahl’s dir heim… Aber bis sie den Mund aufkriegt, ist die andere, die Füchsin, ihr schon zuvorgekommen: „O weeeh, Madam Delcă! O weeeh, du stehst hier im Hof und klingst nicht, rufst nicht, sagst nichts? .. Oder vielleicht geht die Klingel nicht…“

Gabriela Adameşteanu:
Verlorener Morgen
Die Andere Bibliothek 2018

 

Über die Berliner Luft

Friedrich Luft ist ein Feuilletonist der alten Schule. Präzise müssen die Texte sitzen. Kein Geschnörkel. Kein Gelaber. Ein einziger Gedanke, der zu Ende geführt wird. Die Texte des Berliner Autors Friedrich Luft sind nun in dem Band „Über die Berliner Luft“ gesammelt veröffentlicht.

Friedrich Luft schreibt Texte, die einen mit ihrer zielgenauen Sprache in den Bann ziehen. Luft nutzt die kleine Form – selten hat ein Text von ihm mehr als zwei Seiten. Kein Wunder, denn lange Jahre war das Radio die Heimat von Lufts kreativem Schaffen.

Meist ist es Alltägliches, das Luft aufgreift und betrachtet oder manchmal auch in abstraktere Überlegungen münden lässt. Manchmal ist es einfach nur ein Gedanke, den er ausführt. Zum Beispiel, dass er nur an den Zweifel glaube. Irgendwann landet er dann bei der Frage, wie Zweifel und Glück vereinbar sind, spricht über die Neugier und endet bei den wunderbaren, überraschenden Augenblicken des Glücks.

Nur selten gelingt es Luft nicht, klar und präzise zu schreiben. Wenn er etwa über den Tod Marilyn Monroes sinniert, wirkt es grausig moralinsauer. Aber das ist die absolute Ausnahme. Lufts Texte kommen leichtfüßig daher und haben doch etwas zu sagen. Viele von ihnen könnte man auch heute problemlos in Zeitungen abdrucken, ohne dass sie an Aktualität verloren hätten. Andere, vor allem der 40er und 50er Jahre, sind ein beredtes Zeugnis der Vergangenheit und schildern eindrücklich Zerstörung und Not der Nachkriegsjahre. Diese Texte wirken dicht und intensiv. Daher wirkt es fast enttäuschend, wenn Luft plötzlich die fiktive Figur des Urbanus ins Spiel bringt, zusammen mit einer Frau namens Ella. Ein wenig geht da die Intensität der Texte verloren.

Als wirklich störend empfand ich aber bei der Sammlung, dass die Texte nicht durchgehend chronologisch sortiert sind, sondern nach Themen bzw. Art der Veröffentlichung. So rutscht man beim Lesen plötzlich in die Nachkriegsjahre, die man eigentlich schon hinter sich glaubte. Zumindest die Texte, die sich direkt mit der Nachkriegszeit beschäftigen, hätten zusammengehört.

Das Nachwort von Wilfried F. Schoeller bietet einen guten Überblick über das Leben Lufts. Wie bei manch anderen Werken aus der „Anderen Bibliothek“ wirkt auch hier das Nachwort auf mich etwas zu abgehoben, etwa wenn nach Schoeller die Texte Lufts „einen geistigen Raum bilden, in dem die Gefühle und Stimmungen einander gleichsam berühren“. Solche Sätze findet man bei Friedrich Luft zum Glück nicht.

 

Ein kurzes Zitat von Friedrich Luft über den Augenblick des Glücks ist hier zu finden.

Friedrich Luft: 
Über die Berliner Luft
hg. von Wilfried Schoeller
Verlag Die Andere Bibliothek 2018
ISBN 9783847704058