Coconut Hero (DVD)

Coconut Hero“ ist ein Film, der auf leisen Sohlen daherkommt. Regisseur Florian Cossen stellt den 16-jährigen Mike Tyson in den Mittelpunkt einer jugendlichen Selbstfindung, die sich zwischen schwarzem Humor und sanftem Zynismus bewegt.

Der Film beginnt direkt mit Mikes versuchtem Selbstmord. Dass er ihn zunächst unterbricht, um noch eine Todesanzeige aufzugeben, spiegelt den Charakter des Films. Er will seine Hauptfigur nicht lächerlich machen, aber  den jugendlichen Protagonisten auch nicht zu ernst nehmen. Im Grunde genommen hält es der Regisseur wie Mikes Mutter: abwarten und schauen, was passiert. Und da Mike nun eben nicht im Himmel aufwacht, sondern im Krankenhaus, hat man dazu auch jede Menge Gelegenheit.

Als Mike schließlich vom Jugendamt dazu verdonnert wird, in die Selbsthilfegruppe „Mut zum Leben“ zu gehen, beginnt die langsame Wendung des Films. Nicht nur, dass sich Mike verliebt, er lernt zudem auch noch seinen Vater kennen. Dass man dabei zur gleichen Zeit dabei zusieht, wie Mike sich einen Sarg nach seinen eigenen Vorstellungen zimmert, macht die Spannung des Films aus. Dabei wirkt der Schauspieler Alex Ozerow durchgehend überzeugend. Man nimmt ihm die langsame Wandlung des Mike Tyson ab.

Denn irgendwann haben wir einen geläuterten Mike Tyson vor uns, der reifer geworden ist – und dennoch von seiner Verschrobenheit nichts verloren hat. Und es ist gerade die Stärke des Films, dass dem so ist.

„Coconut Hero“ ist ein leiser Film, der auf seine Art liebenswert ist.

 


Coconut Hero
(In the middle of nowhere) 

Regie: Florian Cossen
Twentieth Century Fox 2016

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Selbstporträt mit Flusspferd

Ein origineller Titel macht noch kein gutes Buch. Das ist meine Erkenntnis bei Arno Geigers „Selbstporträt mit Flusspferd“. Durch das erste Drittel des Buches musste ich mich sehr quälen. Die Hauptfigur, Julian Birk, hat sich von seiner Freundin getrennt und bemitleidet sich selbst. Die banale Trennungsgeschichte eines banalen 22-Jährigen hat so gar nichts, was irgendwie interessant ist. Das Leben dümpelt eben vor sich hin. Man mag es große Kunst nennen, wie die Frankfurter Rundschau es tut, dass der Erzähler gänzlich hinter dem Leiden des 22-Jährigen verschwindet – mich hat es nur gelangweilt.

Erst im zweiten Drittel, wenn geschildert wird, wie Julian sich in ein anderes, teilweise geheimnisvoll wirkendes Mädchen namens Aiko verliebt, finden sich Passsagen, die lesenswert sind – und auch bedenkenswert. Schöne Passagen – aber eben nur Passagen.

Im letzten Teil des Buches wiederum haben mir gerade die Stellen gefallen, wo der Erzähler den Blick über die Figur hinaus wagt. Allzu häufig freilich geschieht dies nicht.

Nicht wirklich überzeugt hat mich die Parallele zwischen Julian und dem Flusspferd, das er in den Semesterferien betreut. Die einzigen zwei Parallelen sind schließlich nur, dass beide auf ein neues Leben warten – das Flusspferd im Zoo, Julian in einer neuen Beziehung – und dass beide im Grunde genommen nichts tun. Einen Roman übers Erwachsenwerden kann so ziemlich ermüden.

So sehr ich Arno Geiger mag: mit diesem Buch bin ich nicht warm geworden.

Arno Geiger:
Selbstporträt mit Flusspferd

Hanser-Verlag 2015,
ISBN 9783446247611

Big Game. Die Jagd beginnt

Oskari ist 13 und lebt im Norden Finnlands. Er ist Jäger und nach dem Ritual seines Dorfes soll er zum Mann werden – und zwar, indem er eine Nacht lang allein im Wald jagen geht. Was der Wald ihm gibt, das sagt der Wald über ihn aus. Oskaris Angst, dabei zu versagen, ist enorm. Denn er tritt in große Fußstapfen: sein Vater hatte in dieser Nacht einen Bären erlegt. Und er? Der uralte Bogen, den die Tradition vorschreibt, ist ihm zu groß. Es müsste schon ein großes Wunder geschehen, dass er etwas trifft und nicht zum Gespött der anderen Jäger wird.

Und in der Tat geschieht dieses Wunder, allerdings ganz anders, als Oskari es sich gewünscht hat. Eine prominent besetzte Maschine stürzt ab und es kommt zu einer Verfolgungsjagd auf Leben und Tod, bei der Oskari seinen Mut unter Beweis stellen muss.

Ab diesem Moment verändert sich das Buch weg von der Geschichte um Rituale, Bewährungsproben und Angst hin zu einer actiongeladenen, temporeichen Verfolgungsjagd. Was schade ist, denn es bleibt nichts übrig von der jugendgerechten Geschichte um Selbstbehauptung, Selbstsicherheit und den Umgang mit den eigenen Ängsten und der eigenen Schwäche. Nein, Oskari hat plötzlich alle Fähigkeiten, die er braucht, er folgt einfach seinen Instinkten, hat natürlich extrem viel Glück und und und … Glaubwürdig ist diese Wandlung von Oskari nicht. Auch die Art und Weise, wie der 13-jährige Junge mit dem berühmten Mann (wer es ist, sei nicht verraten), den er rettet, redet, ist wenig glaubhaft.

Nichtsdestotrotz bleibt der Action-Teil äußerst spannend. Allenfalls die Übertreibungen und Unstimmigkeiten stören etwas. Wie kann eine leere Gefriertruhe mitten auf einer Wiese in Betrieb sein? Wie kann es sein, dass keiner der anderen Jäger die Explosion  beim Flugzeugabsturz sieht oder hört?

Für mich fragwürdig ist, für welche Altersklasse das Buch geschrieben ist. Die Art der Dialoge legen jüngere Leser nahe – ab 10. Auch die einfache Handlung und die vielen Zufälle, die die Handlung voranbringen, sprechen davor. Allerdings werden einige Leibwächter erschossen und zimperlich gehen die Verfolger nicht vor, was ein höheres Lesealter fordert. Auch die Hintergründe, die dazu führen, dass das Flugzeug abgeschossen wird, erfährt man im Buch nur ansatzweise.

Fazit: zu viel Action – die alles andere überwiegt. Schade. Der Film, das muss gesagt sein, ist deutlich besser als das Buch.

Dan Smith:
Big Game. Die Jagd beginnt

Carlsen-Verlag 2015,
ISBN 9783551520739

Sommer der Wahrheit

Es gibt wenige Bücher, bei denen es mich große Überwindung gekostet hat, sie zu Ende zu lesen. Nele Neuhaus‘ „Sommer der Wahrheit“ gehört dazu.

Die Geschichte von Sheridan, die als Kleinkind ihre Eltern bei einem Unfall verliert und in einer Pflegefamilie aufwächst, könnte ja spannend sein. Schließlich wächst sie in einer religiös sozialisierten Familie auf, quasi als schwarzes Entlein, rebelliert, gibt auf, kämpft, verzagt und bäumt sich wieder auf – aber irgendwann weiß der Leser, wer die Bösen sind. Ob die Mutter nun zwanzigmal oder gefühlte zwanzigtausendmal ihrer ungewollten Pflegetochter Steine in den Weg legt – es interessiert irgendwann so gar nicht mehr. Warum es so ist, dass nur ihr Bruder Esra nicht zu ihr hält, wird am Ende sogar noch aufgelöst. Schließlich müssen die Guten die Guten bleiben.

Lange habe ich mir beim Lesen überlegt, was dieses Buch sein soll: ein emanzipatorisches Buch, das zeigt, wie eine Frau ihren Weg findet und sich aus ihren Zwängen befreit? Ein Buch, das mit religiösem Konservatismus aufräumt? Ein Buch, das das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens zu Thema hat? Ich muss zugeben: ich habe darauf keine Antwort gefunden.

Vermutlich soll das Buch von allem ein wenig sein. Was Nele Neuhaus da produziert hat, ist aber letztlich nichts anderes als ein zu lang geratener Groschenroman. An manchen Stellen sicherlich interessant, aufs Ganze gesehen jedoch unerträglich. „Sommer der Wahrheit“ gehört zu der Sorte Bücher, in der alle Männer  blaue Augen haben und ausnehmend attraktiv sind oder in der Sprache von Nele Neuhaus zu sprechen: die 15-bzw. später 16-jährige Sheridan macht alle Männer heiß.

Dass in dem Buch Spinnenweben „herumsegeln“, kann man noch ertragen. Die Sprache, wenn es um Sexualität geht, ist aber so gar nicht erträglich. Sätze wie „Ja, ja, ich wollte, dass er es mir besorgte, was auch immer das bedeutete!“ oder  (über das Wort Striptease) „Entsetzt über die ganz und gar ungenierte Erwähnung dieses Wortes wurde ich blutrot.“ sind in diesem Buch keine Seltenheit. Ein junges Mädchen, das reihenweise mit Männern schläft, soll so einen gezwirbelten Unsinn von sich geben? O je. Insgesamt fallen bei „Sommer der Wahrheit“ die platten Dialoge auf. Zumeist Hauptsätze, Gefühle werden nie umschrieben, sondern direkt benannt. Das Denken wird einem abgenommen.

Albern ist der Kasper-Zirkus mit dem Namen: die Krimi-Autorin Nele Neuhaus will ihre Krimi-Leser nicht erschrecken und schreibt unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg –  einfach nur lächerlich, wie das präsentiert wird: „Nele Neuhaus schreibt als Nele Löwenberg“ – ja super. Da hatte der Verlag wohl Angst, dass ein „Sommer der Wahrheit“ einer unbekannten Autorin in der Versenkung verschwunden wäre. Für das Buch wäre es die bessere Wahl gewesen.

Nele Neuhaus (alias Nele Löwenberg):
Sommer der Wahrheit

Ullstein-Verlag, 2014,
ISBN 9783548285610 

Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht

Ria auf der Suche nach sich selbst – so hätte der Titel dieses Buch von Jenny Bünnig auch lauten können. Und es wäre vielleicht ein besserer Titel gewesen. Denn der Spagat zwischen lustigem Roadmovie und ernsthaftem Entwicklungsroman gelingt nur teilweise. Der Kontrast, der ja bereits auf dem Cover zwischen Titel und Bild sichtbar wird, besteht zwischen dem Abenteuer, in das sich vier Rentnerinnen, alle über 70, stürzen, und der Selbstfindung der jüngeren Protagonistin namens Ria. Die vier betagten Frauen wollen beenden, was in ihrem Leben noch offen geblieben ist. Da gibt es noch offene Rechnungen, alte Verletzungen, Lebenslügen und erste Lieben, die von ihrem Glück so gar nichts wissen. Zu dieser Gruppe agiler Frauen stößt die Studentin Ria, Mitte 20, dazu. Nach dem Tod ihres Vaters ist sie aus dem Takt geraten und braucht für sich eine Auszeit.

Das  Reiseabenteuer quer durch Europa ist schön, ist nett zu lesen – aber für ein richtig gutes Buch reicht das nicht. Zu schemenhaft sind die einzelnen Charaktere, zu abrupt die Handlung. Natürlich: jede der Damen hat ihre eigene Macke, und das macht sie rundum sympathisch. Dagegen könnte Ria eine Handlung, eine Entwicklung in das Buch hineinbringen – allein: es gelingt nicht. Es gibt vielerlei Anspielungen im Laufe der Fahrt, hinter denen aber keinerlei Geheimnis steckt – dass Rias Vater gestorben ist, weiß man von Anfang an. Warum sie sich mit ihrer Mutter nun nicht mehr versteht, bis sie sich entscheidet, zu ihr zurückzukehren – weshalb überhaupt eine Studentin zu ihrer Mutter zurückkehren will – all das bleibt im Dunkeln. Die Entwicklungsgeschichte ist im Grunde genommen eine oberflächliche Sinnfindung, denn schließlich entscheidet Ria vieles aus dem Bauch heraus, ohne dass es lange vorbereitet ist. Gut angelegt ist, dass sich einige der Lebensgeschichten der betagten Damen letztlich mit Rias Flucht und Selbstfindung  einiges spiegelt, wenn es auch nur angedeutet ist.

Bei aller Kritik: Die Sprache des Buches ist angenehm zu lesen, Jenny Bünnig versteht etwas von ihrem Handwerk. Nur die Umsetzung hat mich nicht ganz überzeugt.

Jenny Bünnig:
Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht

Verlag LangenMüller 2014,
ISBN 9783784433448

Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte

Ein indischer Fakir kommt nach Paris, um das neueste Nagelbett-Modell von IKEA zu kaufen – das Modell mit 15000 Nägeln, in pumarot, aus echt schwedischen Kiefern und mit höhenverstellbaren rostfreien Nägeln. Freilich gibt es da einiges an Komplikationen: zunächst einmal gibt es das Bett nicht mehr zum Sonderpreis von 99,99 Euro. Und mehr als 100 Euro hat der Fakir namens Ayarajmushee Dikku Pradash nicht dabei. Und auch die sind gefälscht. Dass es ihm gelingt, den nur einseitig bedruckten Schein tatsächlich zum Bezahlen zu verwenden, liegt an seiner Fähigkeit, die Menschen abzulenken. Oder anders formuliert: der Fakir ist ein kleiner Hochstapler, ein moderner Felix Krull. Mit kleinen Betrügereien schlägt er sich durchs Leben – bis alles ganz anders kommt.

Unfreiwillig begibt Ayarajmushee sich von seinem IKEA-Besuch in Paris auf Weltreise. Denn weil er kein Geld hat, übernachtet er schlichtweg in der IKEA-Filiale – und ausgerechnet der Schrank, in dem er sich versteckt, wird abtransportiert. Von Paris zunächst nach Großbritannien. Von dort wird er nach Spanien abgeschoben, von wo aus er – diesmal in einem Koffer versteckt – direkt nach Rom weiterreist. Von dort geht es in einem Heißluftballon Richtung Libyen weiter – und dann wieder zurück nach Frankreich.

Romain Puértolas hat einen Abenteuerroman in Form eines modernen Märchens geschrieben. Ayarajmushee hat einiges zu be- und überstehen, bis er seine Angebetete in seine geläuterten Arme schließen kann. Vom Taxifahrer, der ihn verfolgt über einen unberechenbaren Kapitän bis hin zu Rebellen, die den Flughafen besetzt halten. Und wie in jedem guten Abenteuerroman wächst auch Ayarajmushee  an seinen Aufgaben. Geläutert steht er schließlich vor der Frau, an die er in IKEA (wo auch sonst) sein Herz verloren hat. Sympathisch macht das Buch, dass es trotz aller abstruser Erlebnisse des Protagonisten nicht im Klamauk endet. Dafür sorgen auch die ernsthaften Töne, die etwa über Flüchtlinge angeschlagen werden.

„Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte“ ist ein Buch, das leichtfüßig daherkommt – es ist unterhaltend, schnell zu lesen und mit viel Witz und Ironie versehen.

Romain Puértolas:
Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte

Fischer-Verlag 2014,
ISBN 9783100003959