Die Spione des Papstes

Ein wenig missverständlich ist er, der Titel von Mark Rieblings Buch: „Die Spione des Papstes“ .  Denn Spione des Papstes waren die Widerständler, von denen Riebling berichtet, mitnichten. Dass einige Personen unter anderem um den Grafen von Stauffenberg dem Vatikan regelmäßig Informationen zukommen ließen, ist absolut richtig. Freilich: ein Spionagenetz des Vatikans hat es so nie gegeben.

Warum allerdings dennoch im Vatikan viele geheime Informationen gebündelt ankamen, beleuchtet Mark Riebling in seinem Buch sehr gründlich und detailreich. Nicht nur, dass im Vatikan viele ausländische Diplomaten Zuflucht gefunden haben. Nein, die Widerständler erwarteten im Dritten Reich vom Papst eine Vermittlerrolle. Einerseits sollte der Papst der Garant für einen bevorstehenden Frieden werden, andererseits sollte er die Friedensverhandlungen so beeinflussen, dass bestimmte Grundprämissen in den Friedensverhandlungen nicht hinterfragt würden. Es war also eine Win-Win-Situation von Papst und Widerständlern, und keineswegs eine einseitige Spionageverpflichtung.

Mark Riebling gelingt es in seinem Buch, die Geschichte des Widerstands im Dritten Reich wie auch die Rolle des Vatikans lebendig werden zu lassen. Allerdings übertreibt es Riebling an einzelnen Stellen: wenn Fahrstühle quietschen, Augen funkeln und Anzüge zerknittert sind,  ist es doch etwas zu viel des Guten, was da für Ohr und Auge ausgeschmückt wird.

Allerdings überhöht Riebling die Rolle des Papstes in seinem Buch enorm. Zwar lässt Riebling einer anderen Sicht ihren Raum – so zitiert er etwa den Jesuitenpater Alfred Delp mit seiner Einschätzung, dass der Widerstand im Dritten Reich die Möglichkeiten des Vatikans völlig überschätzt hätte und ebenso die Bedeutung der Religion für den Widerstand. Zugleich aber schildert Riebling ausführlich, dass der Papst – nur – der Forderung des Widerstands nachgegeben habe, wenn er sich nicht direkt und eindeutig gegen den Nationalsozialismus zu Wort meldete. Papst Pius XII. hätte gerne so viel mehr gesagt – nur um Folgen für die Kirchen in den einzelnen Ländern zu vermeiden, habe er es nicht getan. Mag das grundsätzlich richtig sein, es ist doch insgesamt eine viel zu einfache Verteidigung des Papstes.

Völlig abwegig erscheint mir Rieblings Deutung der schweren einwöchigen Krankheit Hitlers im Führerbunker. Für Riebling ist es hier klar, dass Hitler deshalb so niedergeschlagen war, weil er erfahren hatte, dass der Papst in die Anschlagspläne gegen ihn nicht nur eingeweiht war, sondern sie auch gebilligt hatte. Dass dies der tatsächliche Grund dafür war, scheint mehr als fragwürdig, hat Hitler doch immer wieder sich gegen den Vaiktan und seine Rolle gewandt. Überrascht konnte er also mitnichten sein. Hier vergaloppiert sich Riebling ungemein. Genügt es doch sich klarzumachen, dass Hitler nach einzelnen Dokumentfunden klar werden musste, wie früh bereits enge Vertraute ihm schon früh in den Rücken fielen.

Ein wenig gewöhnungsbedürftig sind die Zeitsprünge, die als Kunstgriff immer wieder angewendet sind. Was gerade im Vatikan geschieht wird dem, was im Dritten Reich geschieht, gegenübergestellt. Zudem gibt es immer wieder zeitliche Sprünge, vor allem dann, wenn der Fokus auf einzelne Personen des Widerstands gelegt ist.

Überzeugend zeigt Mark Riebling in seinem Buch, wie sehr der Vatikan hin- und hergerissen ist zwischen der Taktik, sich abwartend zu verhalten und im Stillen Veränderungen zu erstreben und dagegen der gezielten Provokation durch Äußerungen gegen die Nationalsozialisten, die als Folge oft die Verfolgung von Geistlichen mit sich brachte. Papst Pius XII. wird von Riebling als starker Mann präsentiert, der zwar von seinen Mitmenschen als unnahbar wahrgenommen wurde, aber ein Herz aus Gold hatte und die Sache des Widerstands zu seiner eigenen machte und nicht zu der des Vatikans. Ob viele andere diese Unterscheidung zwischen Papst und Vatikan so, wie Pius XII. sie vornahm, nachvollziehen können, ist zu bezweifeln. Was als Frage offen bleibt, ist, ob Pius mit seiner persönlichen Unterstützung des Widerstands und des bewussten Verzichts auf kritische Worte gegen die Nazis nicht auf das falsche Pferd gesetzt hat.

Mark Riebling liefert mit seinem Buch „Die Spione des Papstes“ zur Diskussion diese Frage jede Menge Hintergrundwissen. Ein lesenswertes Buch.

Mark Riebling:
Die Spione des Papstes

Der Vatikan im Kampf gegen Hitler
Piper-Verlag 2017
ISBN 9783492976015

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Bonhoeffer und Bethge

Eine „wunderbare Freundschaft“ nennt Wolfgang Seehaber das, was die Theologen Dietrich Bonhoeffer und Eberhard Bethge miteinander verbunden hat. In seinem Buch stellt er die beiden unterschiedlichen Männer gegenüber und zeigt, was ihre Freundschaft ausmachte.

Seehaber erweist sich dabei nicht als großartiger Erzähler, der Geschichte durch Geschichten lebendig werden lässt. Er ist eher der nüchterne Betrachter, der mithilfe der zur Verfügung stehenden Quellen untersucht, was die beiden Theologen so sehr verband, dass sie sich blind vertrauten.

Seehaber macht deutlich, wie wichtig diese Freundschaft gerade in der Zeit der Verfolgung war, wo das Finkenwalder Seminar, das Bonhoeffer leitete, verboten wurde und die Arbeit der Bekennenden Kirche immer mehr im Untergrund stattfand. Seehaber betont stark Bonhoeffers klaren Blick für die politischen Ereignisse, seine klare Positionierung und Standhaftigkeit. Zugleich verdeckt er aber Bonhoeffers Schwächen – wie etwa sein antiquiertes Frauenbild – nicht. Freilich wirkt die Freundschaft zwischen Bonhoeffer und Bethge etwas verklärt (was aber auch daran liegen mag, dass Bonhoeffer dies selbst betrieb), wenn er etwa Bonhoeffer als „Meister“ bezeichnet. Beinahe anrührend hingegen ist die Abwägung zwischen Freundschaft und Liebe, als sowohl Bethge als auch Bonhoeffer sich verlieben.

„Bonhoeffer und Bethge“ ist manchmal etwas mühsam zu lesen, weil Seehaber mehr berichtet als dass er erzählt – seine wichtigen Aussagen wiederholt er dabei doppelt und dreifach, zum Teil auch gegen die Chronologie der Ereignisse. Manches wirkt wie eine Fleißarbeit, zum Beispiel wenn im ersten Kapitel des Buches alle Freundschaften Bonhoeffers präsentiert und analysiert werden. Durch vielen erwähnten Namen machen das Buch etwas unübersichtlich. Zugleich gelingt es Seehaber aber, die Kirchengeschichte des Dritten Reiches immer wieder in sein Buch einzuflechten und so die Sorgen und Nöte Bonhoeffers, aber auch seine Bedeutung für uns aufgrund seiner Aufrichtigkeit aufzuzeigen.

Trotz des eher analytischen Stils gelingt es Seehaber, die Personen lebendig werden zu lassen. Bonhoeffer, der Spross einer bürgerlichen Familie, gibt Unsummen für Telegramme und Briefe nachhause aus. Bethge, der schlechte Schüler, aus dem ein guter Handwerker hätte werden können, wird nur deshalb Pfarrer, weil er es als Verpflichtung gegenüber seinem Vater sieht. Zwei unterschiedliche Männer, die aufeinander angewiesen und verbunden waren in einer „unfasslichen Zuneigung“.


Wolfgang Seehaber:
Bonhoeffer und Bethge
Das Porträt einer wunderbaren Freundschaft
fontis-Verlag 2016, ISBN 9783038480952