Wimmerholz

Schweden im Jahr 1945: Hunderte von Wehrmachtsangehörigen fliehen über die Ostsee nach Schweden. Dort werden sie in verschiedenen Lagern interniert. Sie sollen, so hat man es ihnen gesagt, bald nach Deutschland abgeschoben werden. Doch die schwedische Regierung hält ihre Zusage nicht. Am 30. November 1945 um 5 Uhr morgens müssen die Internierten zum Appell antreten. Sie sollen den Russen übergeben werden, so will es die schwedische Regierung. Aus Angst vor dem, was kommt, fügen sich zahlreiche Soldaten schwerste Verletzungen zu, um transportunfähig zu werden. Manche töten sich sogar selbst, um der russischen Gefangenschaft zu entgehen. Dieser 30. November gilt in Schweden als der „blutige Freitag“. Zahlreiche Protestaktionen der Inhaftierten und der schwedischen Bevölkerung wie auch die Weigerung des Militärs, die Räumen des Lagers durchzuführen, konnten die Auslieferung an die Russen nicht verhindern. Soweit die historischen Ereignisse, die den Hintergrund zu Michael Pauls Erstling „Wimmerholz“ bilden.

Was macht Michael Paul in seinem Roman aus diesen in Deutschland kaum bekannten Tatsachen? Zunächst einmal erzählt er. Er erzählt von der alles andere als ungefährlichen Flucht von Ostpreußen über die Ostsee nach Schweden. Von den Sorgen und Nöten der Menschen, die im Lager interniert sind. Von der Langeweile des Lagerlebens und der Hoffnung auf die Heimkehr zu den Familien. Von den dramatischen Stunden rund um die Räumung des Lagers.

Michael Paul erzählt diese Geschichte, indem er durchweg sympathische Figuren erschafft: den deutschen Feldwebel Martin Greven, der mit zwei Kameraden und einem kleinen Mädchen, das sie aufgegabelt haben, der 10-jährigen Lena, die abenteuerliche Flucht über die Ostsee wagt. Und dann sind da auch noch die guten Schweden, die den deutschen Feldwebel Greven aufnehmen und verstecken. Und natürlich findet Greven in der Schwedin Greta sogleich seine große Liebe.

Auf der anderen Seite gibt es die bösen Deutschen – die Martin Greven und seine Freunde verfolgen – der zweite Erzählstrang des Buches. Warum? Das ist ihnen selbst lange nicht klar und nur nach und nach gelingt es ihnen, auf die Spur dieses Geheimnisses zu kommen. Es geht dabei um Beutekunst, die verkauft werden soll, um sich mit dem Geld nach Lateinamerika abzusetzen. Um an die Beutekunst zu kommen, brauchen sie jedoch noch einen Hinweis – und der befindet sich bei Greven und seinen Freunden. Nur wo? Spielt Lenas Geige, das „Wimmerholz“, dabei eine Rolle? Geschickt gelingt es Michael Paul, die Fäden so langsam zu entwirren, dass die Spannung immer erhalten bleibt.

Die Stärke des Buches liegt in der Darstellung der historischen Ereignisse. Wie die internierten Soldaten mit dem Wissen, nach Russland zu kommen, umgehen, ist absolut anschaulich beschrieben. Man kann als Leser nachfühlen, wie es den Internierten ergangen ist.  Anderes hingegen wirkt etwas zu einfach gestrickt, die Liebe zwischen Greta und Martin zum Beispiel. Zwar heiraten sie schließlich auf sehr unkonventionelle Art, aber nichtsdestotrotz geht das Ganze doch zu reibungslos vonstatten. Von Deutschenfeindlichkeit in Schweden: kaum eine Spur. Auch die Vergewaltigung Gretas scheint spurlos an ihr vorbeigegangen und abgehakt zu sein. Lena: das tapfere Mädchen, das sich seinem Schicksal hingibt und ihre Eltern später kaum noch vermisst. Auch dass fast alles in wörtlicher Rede dargestellt ist, hat mich etwas gestört, sind doch die erzählerischen Momente des Buches von deutlich größerer Intensität. Dass sehr viel erklärt wird, was der Leser sich denken kann, mag dem Wunsch des Autors geschuldet sein, seinen Lesern alles möglichst genau zu verdeutlichen.

Der Preis des Taschenbuchs, knapp 18 Euro, ist zwar recht stolz, jedoch ist „Wimmerholz“ ein Buch, das sich zu lesen lohnt. Denn Michael Paul gelingt es, mit „Wimmerholz“ seine Leser zu berühren.

Michael Paul:
Wimmerholz

tredition-Verlag,
ISBN 9783849577643

Advertisements

Das weiße Gold des Nordens

„Jarl Hakon hatte einige Kämpfe mit den Gunhildssöhnen zu bestehen, und viele Männer fielen auf beiden Seiten“ – aus dieser knappen Information einer Saga hat Axel S. Meyer einen über 650 Seiten langen historischen Roman geschaffen. Er spielt zwischen 965 und 967 nach Christus im Norden Europas, zu der Zeit als die Wikinger zu Christen wurden.

Hauptperson ist der Jarl Hakon, einer der letzten Herrscher im Norden, die noch nicht den neuen Gott der Christen verehren. Sein Kontrahent ist Harald Graufell, ein Wikinger, der seinen Machtbereich vergrößern will und Bischof Poppo, der endlich Hakon zum Christen machen will. Folglich kommt es zum Krieg, genauer gesagt: zu einigen Kriegen. Es geht um Geld, vor allem um die geraubten wertvollen Stoßzähne der Narwale, es geht um Krieg und Macht und natürlich auch um Liebe, Verrat und Intrigen.

Angenehm ist, dass es in dem Buch einige „starke“ Nebenfiguren gibt, die sehr plastisch dargestellt sind, dazu gehören auch mehrere Frauen. Die Brutalität einzelner Szenen im Buch (und damit meine ich nicht nur die Kriegsszenen!) ist nichts für schwache Nerven.

„Das weiße Gold des Nordens“ hat so ziemlich alles, was ein historischer Roman haben muss. Er ist durchgehend spannend geschrieben, es gelingt ihm, die Zeit der Christianisierung in Nordeuropa lebendig werden zu lassen und man lernt dazu, zum Beispiel, was ein Holmgang ist.

Axel S. Meyer:
Das weiße Gold des Nordens
Rororo – historischer Roman,
ISBN 9783499267147, 2014