Lauras letzte Party

Gut geht anders. Dem finnischen Autorenkollektiv „J.K. Johansson“ ist alles andere als ein guter Wurf gelungen. „Lauras letzte Party“ ist eine seichte Kriminalgeschichte, die ewig lang nur so vor sich hin dümpelt. Und das, obwohl der Stoff alles andere als uninteressant ist: Die 16-jährige Laura wird vermisst und so gut wie niemand scheint das wirklich zu kümmern. Kuriose Gerüchte machen die Runde: sie hätte viel Geld erwartet, sie sei sexuell sehr freizügig gewesen, sie sei die Geliebte eines älteren Mannes geworden und vieles mehr.

Allerdings erfährt man im ganzen Buch so gut wie gar nichts über Laura – außer dass so gut wie niemand sie wirklich richtig kannte. Dagegen würde man am liebsten die eigentliche Hauptperson des Buches, die Ermittlerin Miia, nicht kennenlernen. Was sich die Autoren dabei gedacht haben, eine derart unsympathische, oberflächliche Frau als Ermittlerin zu wählen – ich kann mir darauf keinen Reim machen. Interessant macht sie allenfalls noch, dass sie die Polizei verlassen musste, weil sie internetsüchtig war – aber davon erfährt man so gut wie gar nichts. Dass auch ihre eigene Schwester viele Jahre zuvor plötzlich verschwand – man hätte vielleicht Mitleid mit Miia bekommen können – doch man erfährt so gut wie nichts darüber.

Was man dagegen zu viel erfährt, ist Miias Privatleben. Mit wem sie alles schläft, was für Mengen sie essen kann – man könnte fast beeindruckt sein. Es tut mir leid, aber eine Hauptfigur, von der gesagt werden muss, dass sie nicht sexsüchtig ist, halte ich für wenig gelungen – bzw. sie ist für mich sehr weit von einer Figur weg, in die ich mich hineinversetzen möchte. Und als Sozialpädagogin, in ihrem neuen Beruf, kann ich mir sie so gar nicht vorstellen.

Geradezu banal sind an manchen Stellen die Dialoge, von denen es meines Erachtens im Buch  viel zu viele gibt. Banal und fade, ohne Witz. Ein guter Erzähler wäre mir lieber gewesen. Auch die plötzlichen Perspektivwechsel an manchen Stellen machen für mich keinen Sinn. Es hätte durchaus genügt, die Handlung durchgängig aus Miias Sicht zu erzählen.

Ich mag an Krimis, dass es Fährten gibt, die man verfolgt, egal ob sie sich später als falsch herausstellen. In „Lauras letzte Party“ werden zwar Spuren dargestellt, aber nicht wirklich vertieft, sondern einfach nur ständig wiederholt. Man hat keine Ahnung, was jetzt Miias Bruder so Schlimmes verbrochen hat – war es nur, dass er Laura angehimmelt hat, ähnlich wie es der Klavierlehrer getan hat? Doch je weiter man liest, umso weniger interessiert es einen noch, weil alles so zäh ist, ohne echte Handlung, nur immer wieder von Neuem durchgekaut.

Für mich wirkt das Buch sprachlich wie ein mittelmäßiges Jugendbuch. Dazu kommt eine sich lau entwickelnde Handlung, sodass die wenigen Spannungsmomente, die erzeugt werden, verpuffen müssen. Erst im letzten Drittel nimmt die Handlung plötzlich an Fahrt auf – und endet abrupt mit einem Cliffhanger. Fortsetzung folgt. Solch einen Verweis auf einen Folgeband (insgesamt handelt es sich um eine Trilogie), ohne dass der Fall wirklich aufgeklärt ist. finde ich besonders ärgerlich.

Nichts ist gut an diesem Buch.

J. K. Johansson:
Lauras letzte Party

Suhrkamp-Verlag 2015,
ISBN 9783518465905

George & Joshua – Der Weg der Hoffnung

hannahben_georgeundjoshuaEin ungewöhnliches Jugendbuch ist George & Joshua von Hannah Ben. Ungewöhnlich deshalb, weil die Autorin Hannah Ben einen Schreibstil pflegt, der eher an die Bücher der Empfindsamkeit á la Sophie de la Roche erinnern: sentimental & anstrengend zu lesen.

Der Titel des Buches ist etwas missverständlich, denn eigentlich geht es um George, und kaum um Joshua. George, ein Musterknabe an einer Klosterschule, steht im Mittelpunkt des Jugendbuches. Auf seine Innensicht fokussiert sich die Autorin. Doch leider hat George da anfangs fast nichts zu bieten. Er wirkt naiv, trotz seiner 15 Jahre ist er absolut kindlich und geht dem Leser bereits nach den ersten Seiten gehörig auf den Keks. Zudem wirken seine Gedanken wie auch die Dialoge eher den 50er Jahren entnommen als dass sie von heutigen Jugendlichen stammen könnten.

Das wäre weiter nicht schlimm, wenn nicht Georges Gedanken- und Gefühlswelt in der ersten Hälfte des Buches fast wie ein Mantra immer wieder auf die gleiche Art und Weise wiederholt würden. Dies geschieht zumeist durch eine Anhäufung von Fragen – Was will Joshua von mir? Was will Johannes von mir? Warum mag er mich nicht? Was kann ich tun, damit er mich mag? George will es allen recht machen und will gemocht werden, seitenlang die gleiche Leier.

Zu der nervigen Anhäufung von Fragen kommt die inflationäre Verwendung der Auslassungspunkte (…) und der Gedankenstriche, die das Lesen streckenweise sehr mühsam werden lassen. Hier zeigt sich der Nachteil des fehlenden Lektorats.

Erst wenn im zweiten Drittel des Buches George immer selbständiger wird, seinen Mann steht, und – ja! –  George und Joshua zueinander finden, entwickelt sich auch der Sprachstil etwas.

Was man Hannah Ben zugute halten muss ist, dass sie – im Gegensatz zu manch anderen Autoren der Empfindsamkeit – nicht kitschig wirkt. Nein, ihr Buch ist an vielen Stellen sehr feinfühlig, vor allem, wo es um Liebe geht. Es wird das Knospen einer sanften, behutsamen, empfindsamen Liebe geschildert. Georges Liebeseingeständnis erfolgt gerade nicht Joshua gegenüber, Anziehung und Ablehnung halten sich zwischen den beiden zunächst die Waage. Der Glaube spielt für George zudem eine sehr wichtige Rolle. Ein sehr untypischer Coming-out-Roman also, eher ein Entwicklungsroman, der aufzeigt, wie wichtig es ist, von anderen Anstöße zu bekommen, um seinen Platz im Leben zu finden.

Das Buch ist zurzeit im Handel nicht erhältlich, da der Vorwurf im Raum steht, dass es sich um ein Plagiat handelt.

Hannah Ben: George & Joshua. Der Weg der Hoffnung
Creative Space Independent Platform, ISBN  9781512312867

Sommer der Wahrheit

Es gibt wenige Bücher, bei denen es mich große Überwindung gekostet hat, sie zu Ende zu lesen. Nele Neuhaus‘ „Sommer der Wahrheit“ gehört dazu.

Die Geschichte von Sheridan, die als Kleinkind ihre Eltern bei einem Unfall verliert und in einer Pflegefamilie aufwächst, könnte ja spannend sein. Schließlich wächst sie in einer religiös sozialisierten Familie auf, quasi als schwarzes Entlein, rebelliert, gibt auf, kämpft, verzagt und bäumt sich wieder auf – aber irgendwann weiß der Leser, wer die Bösen sind. Ob die Mutter nun zwanzigmal oder gefühlte zwanzigtausendmal ihrer ungewollten Pflegetochter Steine in den Weg legt – es interessiert irgendwann so gar nicht mehr. Warum es so ist, dass nur ihr Bruder Esra nicht zu ihr hält, wird am Ende sogar noch aufgelöst. Schließlich müssen die Guten die Guten bleiben.

Lange habe ich mir beim Lesen überlegt, was dieses Buch sein soll: ein emanzipatorisches Buch, das zeigt, wie eine Frau ihren Weg findet und sich aus ihren Zwängen befreit? Ein Buch, das mit religiösem Konservatismus aufräumt? Ein Buch, das das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens zu Thema hat? Ich muss zugeben: ich habe darauf keine Antwort gefunden.

Vermutlich soll das Buch von allem ein wenig sein. Was Nele Neuhaus da produziert hat, ist aber letztlich nichts anderes als ein zu lang geratener Groschenroman. An manchen Stellen sicherlich interessant, aufs Ganze gesehen jedoch unerträglich. „Sommer der Wahrheit“ gehört zu der Sorte Bücher, in der alle Männer  blaue Augen haben und ausnehmend attraktiv sind oder in der Sprache von Nele Neuhaus zu sprechen: die 15-bzw. später 16-jährige Sheridan macht alle Männer heiß.

Dass in dem Buch Spinnenweben „herumsegeln“, kann man noch ertragen. Die Sprache, wenn es um Sexualität geht, ist aber so gar nicht erträglich. Sätze wie „Ja, ja, ich wollte, dass er es mir besorgte, was auch immer das bedeutete!“ oder  (über das Wort Striptease) „Entsetzt über die ganz und gar ungenierte Erwähnung dieses Wortes wurde ich blutrot.“ sind in diesem Buch keine Seltenheit. Ein junges Mädchen, das reihenweise mit Männern schläft, soll so einen gezwirbelten Unsinn von sich geben? O je. Insgesamt fallen bei „Sommer der Wahrheit“ die platten Dialoge auf. Zumeist Hauptsätze, Gefühle werden nie umschrieben, sondern direkt benannt. Das Denken wird einem abgenommen.

Albern ist der Kasper-Zirkus mit dem Namen: die Krimi-Autorin Nele Neuhaus will ihre Krimi-Leser nicht erschrecken und schreibt unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg –  einfach nur lächerlich, wie das präsentiert wird: „Nele Neuhaus schreibt als Nele Löwenberg“ – ja super. Da hatte der Verlag wohl Angst, dass ein „Sommer der Wahrheit“ einer unbekannten Autorin in der Versenkung verschwunden wäre. Für das Buch wäre es die bessere Wahl gewesen.

Nele Neuhaus (alias Nele Löwenberg):
Sommer der Wahrheit

Ullstein-Verlag, 2014,
ISBN 9783548285610 

Waldmeister

Die Krimi-Schriftstellerin Franziska Stratmann kommt mit ihrem neuen Krimi nicht weiter und will deshalb ein paar Informationen über die Polizeiarbeit. Doch noch während sie mit Kommissar Ansgar Lutz redet, kommt ein Mordfall rein – und Franziska Stratmann darf direkt mit an den Tatort. Eine skelettierte Hand wurde gefunden und ein Leichnam, dem allerdings keine Hand fehlt  …

Das ist die durch und durch spannende Ausgangslage von Susanne Lieders Krimi „Waldmeister“. Aber dies bleibt auch über lange Strecken das einzige, was spannend ist. Wie man dem Cover schon entnehmen kann, versucht Susanne Lieder lustig zu sein. Allerdings bleibt es bei dem Versuch. Denn es ist nicht witzig, wenn ständig Namen verwechselt werden (Frau Schwarz? Frau Weiß?), die Krimi-Schriftstellerin ständig tollpatschig ist, ständig ohnmächtig wird (oder sich so fühlt) und einen Sachbuchautoren als ihren persönlichen Feind bekämpft. Dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass gleich zwei Autoren in die Ermittlungsarbeit der Polizei einbezogen werden, ist da noch vergleichsweise verkraftbar. Durch allerlei allzu langweilige Dialoge plätschert dieser Krimi seitenweise nur so vor sich hin, das Ende ist absehbar. Kein Lesevergnügen.

Susanne Lieder:
Waldmeister

SiebenVerlag,
ISBN 9783864433818

Geld her oder autsch’n! (DVD)

Naja. René Mariks Maulwurf ist Kult. Marik hat sich mit seinen einfachen Figuren (Maulwurf, Eisbär, Frosch) und witzigen Dialogen bis ins Fernsehen hochgearbeitet. Puppentheater als Comedy-Format: das muss man erstmal hinbekommen. Wahre Kleinkunst, die Spaß macht – schräg, skurril, absurd.

Der Maulwurf ist durch seinen Sprachfehler witzig (Ze Haage? Jemand ze Haaaaage? De Maulwurfn is da!) –  und die dadurch immer grotesk ablaufende Dialoge mit dem Frosch. Etwas neuen Wind hat dann der Eisbär in Mariks Bühnenprogramm gebracht, der auch einige Solonummern bekommen hat (zum Beispiel beobachtet er das Sinken der Titanic von seinem Eisberg aus). Das war gelungenes Puppenspiel mit Kultfaktor.

Von all dem ist in dem neuen Film von René Marik aber leider nicht viel übrig geblieben. Die Handlung ist absolut platt: Ein Puppentheater steht kurz vor dem Ruin, also beschließen Kasper, Gretel & Co. den Eisbären Kalle, der immer vor vollem Haus spielt, zu entführen. Vom skurrilen Witz der Dialoge in Mariks Programm ist nicht viel übrig. Das liegt vor allem daran, dass die Zahl der beteiligten Figuren (sprich Puppen) viel höher ist. Und das Krokodil hat wie auch Gretel so gar nichts Pfiffiges, so gar nichts Besonderes, es sind keine Typen, und folglich sind sie auch nicht witzig.

Nur an wenigen Stellen im Film gibt es Dialoge, die wirklich lustig sind. Störend wirken außerdem die mitspielenden Menschen – ja, der Koks beschaffende Manager von Kalle passt gut in den Film, aber alle anderen – überflüssig. Schade, dass es René Marik nicht gelungen ist, in seinem Film das Flair des Bühnenprogramms rüberzubringen.

René Marik:
Geld her oder autsch’n.
Kasper, Koks und Kokolores.
Universum Film 2013