Wunder

August, auch Auggie genannt, ist ein zehnjähriger Junge, der an einem Gendefekt leidet. Sein Gesicht ist stark entstellt, auch mehrere „Schönheitsoperationen“ konnten das nicht ändern. Nachdem er jahrelang von seinen Eltern unterrichtet wurde, soll er nun eine öffentliche Schule besuchen.

In ihrem Debütroman beschreibt die  US-amerikanische Autorin Raquel Palacio die Gefühlswelt dieses Jungen mit einem zutiefst genauen Blick. Man kann sich in August hineinversetzen, wie er sich daran gewöhnt, dass die Menschen den Blick von ihm schnell abwenden – und wie er sich fühlt, wenn er von Mitschülern gemieden und geärgert wird.

Das interessante an dem Buch ist, dass die Geschichte vom ersten Schuljahr an einer staatlichen Schule eigentlich gar nicht interessant ist. Trotzdem hört man gerne zu – und das liegt auch daran, dass die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven wiederholt und weitergeführt wird. Im Hörbuch stehen dafür unterschiedliche Stimmen, unter anderem die von Andreas Steinhöfel, der August liest.

So werden die Episoden um Freundschaft, Vertrauen und Verrat (ja, große Worte für eine einfache Geschichte) durch die Perspektivwechsel äußerst spannend und man gewinnt August immer mehr lieb. Dass August so sympathisch wirkt liegt aber auch daran, dass er nicht immer, ja ich würde fast sagen: selten, wie ein 10-Jähriger wirkt. Er ist abgeklärt, witzig, lakonisch. Ausgerechnet am Ende, das für meine Verhältnisse viel zu schmalzig daherkommt, freut er sich so wie ein 10-Jähriger sich freuen würde. Endlich. Sonst wirken seine Gedanken, aber auch die Gespräche mit seinen Mitschülern eher wie die eines 14-Jährigen.

Das Hörbuch ist (wie natürlich auch das zugehörige Buch) durchaus für 10-Jährige geeignet, wenn auch an manchen Stellen die amerikanischen Schulverhältnisse (es gibt zum Beispiel eine Abschlussfeier nach der 5. Klasse) den meisten fremd sein dürften.

Raquel J. Palacio:
Wunder

gelesen von Andreas Steinhöfel, Sascha Icks, Birte Schnöink, Mirco Kreibich, Nina Petri, Boris Aljinovic, Hans Löw und Julia Casper, Silberfisch Hörbuch 2013

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Unland

Unland ist ein spannendes Buch. Eines, das einen nicht mehr so leicht loslässt. Dabei beginnt alles ganz harmlos: Die 14-jährige Franka kommt von Berlin in eine Wohngemeinschaft in dem kleinen Dorf Waldburgen. Sieben Kinder leben mit den Heimeltern in dem Haus, jedes mit einem eigenen Packen, das es zu tragen hat. Nach und nach kommen ihre traurigen Geschichten zum Vorschein.

Da Franka wie ein Junge aussieht, wird sie zunächst von den Dorfbewohnern misstrauisch beäugt und in der Schule gehänselt. Das Mädchen lässt sich davon aber nicht unterkriegen – und ist dem Leser von Anfang an sympathisch. Doch bald schon geschehen ungewöhnliche Dinge und die Bewohner der Wohngemeinschaft geraten unter Verdacht. Aber auch die Bewohner von Waldburgen, so scheint es, haben etwas zu verbergen. Ein geheimnisvolles Gebiet befindet sich hinter Waldburgen, Ruinen hinter einem Elektrozaun. Etwas, worüber man lieber nicht spricht. Das müssen Franka und ihre Freunde untersuchen! Doch wer hier einen Krimi erwartet, wird am Schluss des Buches ordentlich überrascht. Nichts ist, wie es aussieht. Mehr sei an dieser Stelle aber nicht verraten! Nur eins vorweg: Man hat das Bedürfnis, über diesen Schluss mit jemand anderem zu reden, er lässt einen nicht so schnell los.

Fazit: Antje Wagner gelingt es in ihrem Jugendbuch, das auch für Erwachsene absolut lesenswert ist, die Personen mit ihren kleinen Macken lebendig werden zu lassen und ordentlich Spannung zu erzeugen.

Antje Wagner:
Unland
bloomsbury,
ISBN 9783833350528
Inzwischen ist auch eine preisgünstige Taschenbuchausgabe bei Gulliver erschienen.

All Games

Adrian ist die Hauptfigur in Christian Waluszeks Buch „All Games“, das rund 200 Jahre in der Zukunft spielt. Von der Schule ist Adrian genervt, daher nutzt er sofort das Angebot, einen Job anzunehmen, nachdem er bei einem Programmierwettbewerb gewonnen hat. Allgames ist fortan sein Arbeitgeber. Sein Leben wird von einem aufs andere Mal traumhaft schön. Als Schüler noch mit jeder Menge Spielschulden behaftet, wird er nun zu einem reichen Mann. Doch bald muss Adrian erkennen, dass nicht alles in dieser Welt Gold ist, was glänzt. Adrian – so viel sei verraten – merkt, dass er immer mehr zur Maschine wird. Immer mehr hinterfragt er, welche Rolle der reichste Mann der Welt und Chef von Allgames, Kain Maverick, und sein Arzt Dr. Zhou, spielen. Denn Adrian verliert sein Gedächtnis, die Fähigkeit sich zu erinnern kommt ihm immer mehr abhanden. Aus dem Games Land zu fliehen, bringt ihn in Lebensgefahr und es kommt zu einem handgreiflichen Showdown am Schluss, mit dem die Handlung am 9.9. 2208 endet.

Am Anfang ist es etwas schwer, sich in all das hineinzudenken, was Christian Waluszek sich ausgedacht hat. Aber mit der sich entwickelnden Handlung gewöhnt man sich daran. Allerdings hat sich der Autor sehr viele Spielereien ausgedacht, die er ausführlich beschreibt. Diese Vielzahl an Erfindungen, die ausführlich dargestellt sind, machen das Lesen nicht immer leicht. Nicht nur an manchen, an einigen Stellen ist man in Versuchung, Seiten zu überblättern bis die Handlung endlich weitergeht. Vieles, zu vieles, das die Handlung kaum bis gar nicht voranbringt, ist in aller Ausführlichkeit dargestellt. Erst in den letzten Kapiteln nimmt die Handlung wieder deutlich an Fahrt auf und wird mit dem Projekt „Arche Noah“ richtig spannend.

So gibt es in „All Games“ einige schöne Ideen wie die Think&Gen-Programmierung, aber sehr viele zumindest aus meiner Sicht überflüssige Beschreibungen. Gut 100 Seiten weniger hätten dem Buch gutgetan.

Christian Waluszek:
All Games (z.T. auch Allgames geschrieben)
Carlsen-Verlag,
ISBN 9783551310415

300 kByte Angst

In diesem Jugendkrimi der Schwarzlichter-Reihe machen sind Bender, Sandro und Mark mit einem Gewalt-Video konfrontiert, das Bender auf seinem Handy entdeckt. Es zeigt, wie zwei Männer ein Mädchen vergewaltigen. Wie kommt es auf Benders Handy? Und wer sind die zwei Männer hinter den Gorillamasken? Und ist das junge Mädchen nicht auf Benders Konzert gewesen?

Die drei beginnen mit ihren Ermittlungen – und gehen dabei ganz unterschiedlich vor. Der eine interessiert sich für die Gründe, weshalb jemand Gewaltfilme dreht und tauscht und will einen Text über Happy Slapping für die Schülerzeitung schreiben, der andere versucht, die Täter zu finden, indem er die Leute kennenlernen will und dreht deshalb selbst einen kleinen Film, zum Tauschen. Wo endet der Spaß, wo beginnt der Ernst? – das ist eine Frage, die man mit diesem Buch diskutieren kann. Auch, weil die drei Hauptpersonen da unterschiedliche Ansichten haben.

Belehrend wirkt das Buch nicht – das wohl vor allem deshalb, weil keine Erwachsenen auftauchen (naja, so gut wie keine …). Die Jungs regeln das unter sich – auch wenn es am Schluss fast schiefgeht …

Boris Koch schreibt flüssig, „jugendgerecht“, wie es so schön heißt. Dennoch: So richtig überzeugt hat mich das Buch nicht. Es wirkt auf mich an manchen Stellen zu konstruiert, zu vorhersehbar, zu gewollt.

Boris Koch:
300 kByte Angst

Gulliver/Beltz und Gelberg
ISBN 9783407740960

Die Nacht von Shyness

Es ist eine ganz und gar skurrile Welt, in die Leanne Hall uns da entführt. Eine Gegend (ja, nur eine Gegend!), in der die Sonne nicht mehr aufgeht, Shyness genannt. Ein Paralleluniversum, in dem andere Regeln zu gelten scheinen. Jugendgangs sind unterwegs, verlassene Häuser werden einfach in Besitz genommen.

Und dann gibt es da noch Dr. Gregory, ein mysteriöser Arzt, der es sich zum Ziel gesetzt hat, allein Shyness zu behandeln. Wogegen und warum? So richtig klar wird das im Laufe des Buches nicht.

Auch die Bedeutung der Affen bleibt unklar – warum gibt es so viele von ihnen? Und sind sie nun wirklich dressiert? Und warum sind die Jugendgangs zuckerabhängig? Gute Ideen und schwachsinnige Albernheiten geben sich in diesem Buch die Klinke. Es ist eine recht unausgegorene Parallelwelt, die einen da erwartet. Prädikat: nicht lesenswert.

Leanne Hall:
Die Nacht von Shyness

Aufbau Jugendbuch,
ISBN 978-3351041540