Der seekranke Walfisch

Wenn einer sich auf Reisen begibt, kann er allerlei Kurioses erleben. Davon erzählt Ephraim Kishon in seinen Reisegeschichten, die ihn nach Italien, in die Schweiz und nach Amerika führen. Gesammelt sind die Satiren Kishons in dem Hörbuch „Der seekranke Walfisch“. In gekonnt grotesker Weise erzählt Kishon von seinen skurrilen Erlebnissen. Dabei ist sein häufigstes Stilmittel das der Übertreibung.

Natürlich nimmt Kishon die italienische Bürokratie auf die Schippe. Natürlich findet sich in der sauberen Schweiz kein einziger öffentlicher Mülleimer, und das Entsorgen des Schokoladenpapiers erweist sich als fast unmöglich. Natürlich hat es seinen Grund, weshalb der Führer durch das Tal der Millionen Schmetterlinge kein Honorar möchte. Natürlich ist es gar nicht so einfach, die passenden Souvenirs für die Freunde daheim zu finden – vor allem dann nicht, wenn man das am letzten Tag des Urlaubs machen muss. Natürlich bringt der Kauf eines Gebrauchtwagens in den USA so einige Schwierigkeiten mit sich. Die Parkplatzsuche in New York sowieso. Überhaupt gibt es jenseits von Europa, der „knarrenden Wiege der westlichen Kultur“, die kuriosesten Erlebnisse des Israeli auf Reisen.

Auch wenn es das Hörbuch „Der seekranke Walfisch“ nur noch antiquarisch zu kaufen gibt, gehört es doch zu den hörens- und lesenswerten Textsammlungen Kishons. Wem groteske, übertreibende Texte gefallen, für den bieten die Reiseberichte „Der seekranke Walfisch“ eine gelungene Unterhaltung.

Ephraim Kishon: 
Der seekranke Walfisch. 
Satirische Geschichten 
gelesen von Harald Juhnke 
ascolto Hörbuch 2007

Das Schicksal der Sterne

„Das Schicksal der Sterne“ ist ein geschickt konstruiertes Jugendbuch, das sich dem Thema der Flucht widmet. Ineinander verwoben erzählt Daniel Höra die Geschichten von Adib und Karl. Der 15-jährige Adib, ein Flüchtling aus Afghanistan, ist über Umwege in Berlin angekommen. Der 83-jährige Karl ist als Flüchtling aus seiner schlesischen Heimat nach dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin gekommen. Aber nicht nur die Flucht verbindet die beiden, sie haben auch ein gemeinsames Hobby: die Astronomie.

Und gerade dieses Hobby ist es, das die beiden so unterschiedlichen Personen zusammenführt. Erst allmählich beginnen die beiden dann zu erzählen. Dabei bemerkt man sehr, dass es sich um ein Jugendbuch handelt. Zu den realistisch erzählten Geschichten gibt es immer wieder stark deutende Passagen. So wird nicht nur einmal erklärt, dass Karl – wie auch Adib – sich wie in einer Parallelwelt vorkommen. Und auch die Personen sind teilweise Typen: neben Adib, der sich in Berlin doch recht gut zurechtfindet, tritt sein Bruder, der von seinen Erlebnissen traumatisiert ist. Neben die hilfsbereiten Menschen treten diejenigen, die Adib drangsalieren. Dann muss sich die Handlung zum Schluss hin noch einmal zuspitzen, so unwahrscheinlich es auch ist. Und ja: am Schluss muss es irgendwie gut ausgehen.

Allerdings gelingt es Daniel Höra, Hauptfiguren zu beschreiben, die alles andere als stereotyp handeln. Es sind Persönlichkeiten, die ihre eigene Geschichte haben, die nicht immer berechenbar sind. Adib, der immer wieder an sich und der Welt zweifelt; Karl, der auch seine zweifelhaften Momente hat, so gutmütig und liebenswert er auch ist. Dass Adib und Karl sehr ähnliche Erfahrungen auf der Flucht gemacht haben, wird nicht plakativ vermittelt, sondern ist gut zwischen den Zeilen verpackt. Auf moralinsaure, pathetische Wertungen und Vergleiche wird verzichtet.

So lässt sich in „Das Schicksal der Sterne“ nicht nur lernen, mit welchen Problemen Menschen bei einer Vertreibung zu kämpfen haben, sondern auch, was Menschen bewegt, die auf der Flucht sind. Und das ist nicht wenig.

Daniel Höra: 
Das Schicksal der Sterne 
Verlag bloomoon 2017
ISBN 9783845821764

Herr Schreiber blockiert

Herr Schreiber schreibt nicht. Dafür macht er sich Gedanken. Jede Menge Gedanken. Und Herr Schreiber sucht nach Inspirationen. In seinem 50-minütigen Monolog lässt Schreiber den Zuhörer an seinen Versuchen teilhaben, zum Schreiber zu werden. Zwischen den unterschiedlichsten Themen und Selbstbeschauungen springt Herr Schreiber dabei hin und her.

So lernen wir Rudolf den Pavian kennen. Doch dem scheint nicht genug literarisches Potenzial innezuwohnen, um Herrn Schreiber zum Schreiben zu bringen.  Wir lernen Schreibers geschiedene Frau Renate kennen, wie auch seinen Vermieter, der nicht nur auf eine Monatsmiete wartet. Doch Schreiber der Humorist hat keinen Erfolg. Außer in seiner Stammkneipe, wo er als vielbeschäftigter Literat gilt. Doch wenn Schreiber Papier anfasst, blühen an seiner Hand Warzen. Kein gutes Omen für die angestrebte schriftstellerische Karriere.

Schreibers skurrilen Gedanken zu folgen, ist beste Unterhaltung. Wenn er sein Gehirn brain stormen lässt, lernt man die Sahara-Silberameise kennen und ist dabei wenn Schreiber ausgehend von Milan Kundera seinen großen Liebesroman von Horst und Sybille planen will. Für einen Quartalssäufer wie Schreiber kein leichtes Unterfangen. Horst und Sybille? Aber ja doch. Das ideale Liebespaar.

Herr Schreiber blockiert“ ist voller Sprachwitz, origineller Ideen, kurzum: es ist eine knappe Stunde bester Unterhaltung!

Bernd Mannhardt
Herr Schreiber blockiert
Eine Poeten-Posse
gelesen von Matthias Ernst Holzmann
Hörmal!-Verlag 2017

Liebe wird überschätzt

Leise kommen sie daher, die acht Erzählungen von Valeria Parrella aus dem Band „Liebe wird überschätzt„. Sie treiben dahin ohne viel Wellengang. Kurze Momente nimmt sich die italienische Autorin heraus, die Ausgangspunkt ihrer Erzählungen sind. Ihre Figuren müssen nicht viel reden, da alles schon gesagt ist.

Am schwungvollsten ist noch die erste Geschichte, wenn die Tochter ihren Eltern an den Kopf wirft, dass sie natürlich von der Affäre ihrer Mutter weiß. „Ihr habt die Luft mit Zeichen verstopft“, wirft sie ihren Eltern an den Kopf.

Um das Unausgesprochene geht es auch in der Erzählung „Der Tag nach dem Fest“, dieses Mal um das, was zwischen Mutter und Tochter nicht gesagt wird. Aus der Sicht der Tochter wird die Mutter-Tochter-Beziehung in der Erzählung „Das letzte Leben“ beleuchtet. Die meist weiblichen Protagonisten wirken dabei nicht immer so zerbrechlich wie in diesen Geschichten. Fast schon heldenhaft verhält sich die Nonne, die in der Erzählung „Die Ausgesetzten“ ein fremdes Kind als das ihre annimmt und das Kloster verlässt. Hinzu kommen kleine Geschichten, die eher grotesk wirken. So etwa, wenn ein Gefangener als Tag der Entlassung den 99.99.9999 angegeben bekommt.

Gemeinsam haben alle acht Erzählungen, dass der Leser alles andere als überhäuft wird mit Informationen. Man muss aus Gesprächsfetzen herauslesen, was Sache ist. Wenn in „Das Kastell“ plötzlich der Satz steht „Aber warum musste ich dann daran denken, dass du erst vor einer Woche hier warst, mit deinem Mann“ bleibt es dem Leser überlassen, wen die Ich-Erzählerin hier gemeint haben könnte und was es für sie bedeutet.

Mir sind Parrellas Erzählungen  zu unscharf geblieben. Mit ihnen verhält es sich im Grunde wie mit der Plakatwand des Coverbildes, auf der viele abgerissene Plakatreste zu sehen sind. Man hat mehrere Schnipsel eines Posters in der Hand, kein ganzes Bild. Und was man sieht, muss man mühsam versuchen zu einem fertigen Bild werden zu lassen. Dabei ist das Abgebildete auf den Schnipseln, die man in Händen hält, alles andere als scharf.

 

Valeria Parrella: 
Liebe wird überschätzt
Erzählungen
Hanser-Verlag 2017
ISBN 9783446256507

Niemand wird sie finden

Zwischen Coming-out-Geschichte und Jugendthriller balanciert Caleb Roehrigs Buch „Niemand wird sie finden„. Der 15-jährige Flynn hat sich gerade von seiner Freundin getrennt, weil er sich so langsam eingesteht, dass er schwul ist. Doch dann ist seine Ex-Freundin einfach verschwunden. Und Flynn muss sich eingestehen, dass nicht nur er ein Geheimnis hat. Weder bei ihm noch bei seiner Ex-Freundin stehen die Dinge so, wie es scheint.

Für Flynn bricht zunächst eine Welt zusammen, denn er muss erfahren, dass seine Ex-Freundin über ihn an ihrer neuen Schule ziemlich schlecht geredet hat. Doch dann werden blutgetränkte Kleidungsstücke von ihr gefunden. Was ist passiert? Flynn macht sich große Sorgen, dabei er hat er genug eigene Probleme. Denn er selbst hat große Probleme, sich einzugestehen, dass er schwul ist. Nicht ganz freiwillig kommt es zum Coming-out und Flynn muss sich ganz anderen Problemen stellen.

„Niemand wird sie finden“ ist ein typisches Jugendbuch: viel wörtliche Rede, jede Menge Platz für Gefühle und dazu noch etwas Spannung. Etwas schade ist nur, dass einiges am Schluss noch offen bleibt, worüber man beim Lesen gerätselt hat.


Caleb Roehrig: 
Niemand wird sie finden
Verlag cbj 2017
ISBN 9783570173343

Dem Kroisleitner sein Vater

Etwas zäh hat er sich schon gegeben, der Krimi „Dem Kroisleitner sein Vater„. Was vor allem daran liegt, dass Martin Schult von allem etwas zu viel hineingegeben hat. Nicht nur, dass der Ort Sankt Margarethen in der Steiermark von den sieben Plagen überzogen wird (Fliegen, Krähen, Marder, Füchse und so weiter), nein es gibt zudem verhexte Bäume, der Leibhaftige erscheint und dann gibt es da noch die Sage vom Toten Mann. Der Tote Mann, das ist der Ort in den Bergen oberhalb St. Margarethens, wo der 104-jährige Alois Kroisleitner tot aufgefunden wird. Ermordet, wie sich bald herausstellt.

Das bringt natürlich den ganzen Ort in Wallung, denn Kroisleitner war so etwas wie die graue Eminenz des Dorfes. Und Kroisleitner hat ein paar Geheimnisse mit in sein Grab genommen, die nach und nach offenbart werden. Dabei hilft der Berliner Polizist Frassek, der zufällig vor Ort war, als der Mord geschah, tatkräftig mit – glaubt er denn, den österreichischen Ermittlern nicht vertrauen zu können. Tatkräftig unterstützt wird er noch von einem Kollegen – Martin Schult scheint Geschichten mit viel Personal zu lieben. Mir waren es deutlich zu viele Personen, die mit ihren Geschichten in den Roman hineingewoben sind. Nicht nur die Dorfbewohner, die dann noch Spitz- und Kosenamen haben, sind kaum zu überblicken, hinzu kommen die zahlreichen Ermittler und dazu noch jede Menge Wiener Pensionsgäste, die man zumindest teilweise auch namentlich kennenlernt. Warum auch immer. Ach ja, und eine Sängerin, die für tot erklärt wurde, damit man das Karriere-Ende finanziell ausschlachten kann, kehrt auch an ihren Heimatort zurück.

Für mich ist das alles zu viel des Guten. Die einzelnen Handlungsstränge stehen sich bald schon gegenseitig auf den Füßen. Die Handlung springt ziemlich schnell zwischen den einzelnen Personen hin und her, verfranst sich und wird sehr verworren, auch weil immer mehr Details aus der Nachkriegszeit eine Rolle zu spielen scheinen.

Nicht besonders hilfreich ist das Personenverzeichnis, das am Anfang des Buches tatsächlich vorhanden ist. Was aber hilft es einem beim Lesen, wenn als Erklärung zur Person so etwas steht wie „findet nicht, was er gesucht hat“?

Mir zumindest ist es bei dem wuchtigen Personenkarussell, das sich in „Dem Kroisleitner sein Vater“ auftut, irgendwann egal gewesen, wer nun dem Kroisleitner sein Vater auf dem Gewissen hat.

Martin Schult: 
Dem Kroisleitner sein Vater
Kriminalroman
Ullstein-Verlag 2017 
ISBN 9783550081743

Olive Kitteridge (DVD)

Olive Kitteridge“ – über diese Miniserie über die gleichnamige Frau bin ich zufällig gestolpert – und bin absolut fasziniert davon. In kleinen Episoden (Gesamtlänge: 230 Minuten) wird das Leben der pensionierten Mathematiklehrerin beleuchtet. Dabei gelingt es dem Film, eine Frau, die unnahbar ist, Gefühle nicht zulässt, Pflicht als oberste Tugend sieht, in all ihrer Brüchigkeit lebendig werden zu lassen.

Man könnte sagen, Olive Kitteridge ist eine alte, böse Frau geworden. Doch das passt nicht, denn Olive ist nicht erst im Alter streng und zynisch geworden. Sie wirkt vielmehr so, als ob sie noch nie im Leben ein bisschen Mitleid für andere empfunden hat. Und so passt sie gut in die Landschaft, in die sie hineingeboren wurde: an der rauen See ist das einzige Vergnügen, das sie hat, sich um ihre Pflanzen zu kümmern. Die Tulpen sind ihr ein und alles – keine davon würde sie abschneiden und gar verschenken.

Es ist – neben der brillanten schauspielerischen Leistung von Frances McDormand als Olive Kitteridge – diese Bildsprache, die die Miniserie so sehenswert macht. Es sind komponierte Bilder, die mehr zeigen als die Personen sagen können.

Vorlage des Films ist der gleichnamige Roman von Elizabeth Strout. Allerdings hat die Regisseurin Lisa Cholodenko die Handlung ziemlich zusammengestampft und sich auf einen zentralen Handlungsstrang konzentriert: das Leben von Olive Kitteridge. Die Frage, die man sich als Zuschauer immer wieder stellt ist die: Was treibt diese Frau an? Man kann nicht in sie hineinsehen. Man kann nicht einmal über sie sagen, dass sie verbittert ist – auch wenn sie immer wieder so wirkt. Sie lebt ihr Leben, weil es eben zu leben ist. Sie führt ihre Ehe fort bis zum Tod ihres Ehemanns, weil sie ihn eben geheiratet hat. Basta. Sie scheint nicht um ihren Mann zu trauern, seinen Tod nimmt sie eben hin. Doch immer wieder gerät ihre Festung ins Wanken, durch ihren liebevollen, gutmütigen Mann, aber vor allem in der Auseinandersetzung mit ihrem Sohn. Da bringt ihr Mann ihr einen Strauß Blumen mit, mit einer Karte, um sie zu überraschen – und Olive liest die Karte, bedankt sich und gibt ihm den Strauß wieder. Man weiß nicht: kann Olive nicht würdigen, was ihr Mann für sie tut oder gefällt ihr diese Art von Geschenk nicht? Auch wenn Olive später ihren Sohn besucht, fällt es einem schwer zu unterscheiden, wo sie sich einfach nicht beherrschen kann und wo sie ganz bewusst sticheln will. Olive bleibt immer etwas rätselhaft.

Wenn man ihre Reaktion nachvollziehen kann, kann man herzhaft über Olives bissige Kommentare lachen, etwa beim gespielten Beileid nach dem Tod von Olives Ehemann und spürt die erfrischende Direktheit, die andere vor den Kopf stößt. Ist man dagegen eher auf der Seite des Sohnes, der dabei ist, seine Kindheit und Jugend zu verarbeiten, bleibt einem nichts anderes als den Kopf zu schütteln über eine Olive, die nichts, aber auch gar nichts aus ihren Fehlern gelernt hat und nicht in der Lage ist, auf andere zuzugehen. Und wenn Olive plötzlich intuitiv handelt, einfach hilft, ohne auf Befindlichkeiten zu achten, ist man einfach nur überrascht von dieser Olive.

 


Olive Kitteridge
Regie: Lisa Cholodenko
Warner Home Video 2015