Liebe wird überschätzt

Leise kommen sie daher, die acht Erzählungen von Valeria Parrella aus dem Band „Liebe wird überschätzt„. Sie treiben dahin ohne viel Wellengang. Kurze Momente nimmt sich die italienische Autorin heraus, die Ausgangspunkt ihrer Erzählungen sind. Ihre Figuren müssen nicht viel reden, da alles schon gesagt ist.

Am schwungvollsten ist noch die erste Geschichte, wenn die Tochter ihren Eltern an den Kopf wirft, dass sie natürlich von der Affäre ihrer Mutter weiß. „Ihr habt die Luft mit Zeichen verstopft“, wirft sie ihren Eltern an den Kopf.

Um das Unausgesprochene geht es auch in der Erzählung „Der Tag nach dem Fest“, dieses Mal um das, was zwischen Mutter und Tochter nicht gesagt wird. Aus der Sicht der Tochter wird die Mutter-Tochter-Beziehung in der Erzählung „Das letzte Leben“ beleuchtet. Die meist weiblichen Protagonisten wirken dabei nicht immer so zerbrechlich wie in diesen Geschichten. Fast schon heldenhaft verhält sich die Nonne, die in der Erzählung „Die Ausgesetzten“ ein fremdes Kind als das ihre annimmt und das Kloster verlässt. Hinzu kommen kleine Geschichten, die eher grotesk wirken. So etwa, wenn ein Gefangener als Tag der Entlassung den 99.99.9999 angegeben bekommt.

Gemeinsam haben alle acht Erzählungen, dass der Leser alles andere als überhäuft wird mit Informationen. Man muss aus Gesprächsfetzen herauslesen, was Sache ist. Wenn in „Das Kastell“ plötzlich der Satz steht „Aber warum musste ich dann daran denken, dass du erst vor einer Woche hier warst, mit deinem Mann“ bleibt es dem Leser überlassen, wen die Ich-Erzählerin hier gemeint haben könnte und was es für sie bedeutet.

Mir sind Parrellas Erzählungen  zu unscharf geblieben. Mit ihnen verhält es sich im Grunde wie mit der Plakatwand des Coverbildes, auf der viele abgerissene Plakatreste zu sehen sind. Man hat mehrere Schnipsel eines Posters in der Hand, kein ganzes Bild. Und was man sieht, muss man mühsam versuchen zu einem fertigen Bild werden zu lassen. Dabei ist das Abgebildete auf den Schnipseln, die man in Händen hält, alles andere als scharf.

 

Valeria Parrella: 
Liebe wird überschätzt
Erzählungen
Hanser-Verlag 2017
ISBN 9783446256507

Von Liebe und Einsamkeit

Elf Erzählungen hat Elf-riede Hammerl (jaja, schlechtes Wortspiel…) in ihrem Band „Von Liebe und Einsamkeit“ gesammelt und elf verschiedene Formen von Liebe beleuchtet. Dabei geht es um das Glück der Beziehung, den Verlust, die Traurigkeit, die Unzufriedenheit und immer wieder um das Vergleichen mit anderen.

Es ist ein stark analysierender Blick, den Elfriede Hammerl auf die Formen der Liebe wirft. Schlaglichtartig wird in fast allen Erzählungen eine Protagonistin beleuchtet, untersucht wie zufrieden sie ist in ihrer Beziehung, warum die Beziehung auseinanderging, was sie erwartet, was sie erhofft.

Da ist Nina, die Glück mit Wohlstand gleichsetzt, Isabella, die aus ihrer fast schon „arrangierten“ Ehe auszubrechen wagt. Da ist die alleinerziehende Mutter, die sich endlich wieder verabredet, da ist die Beziehung zu einem Mädchen aus einem reichen Elternhaus, da ist der Seitensprung mit dem Mann der besten Freundin. Ganz unterschiedliche Konstellationen sind es also, die Elfriede Hammerl seziert.

Mir waren die Geschichten zum Teil zu spröde, die erzählerische, fabulierende Kraft fehlt ihnen oft. Stattdessen: Nüchterne Analyse, es wird konstatiert. Streckenweise lesen sich die Erzählungen wie Zusammenfassungen längerer Texte. Wo aber Elfriede Hammerl ins Erzählen kommt, wo Geschehenes nicht nur – zumeist rückblickend – berichtet wird, da macht das Lesen Spaß. Da spürt man den Witz und Esprit Hammerls. Mit wenigen Worten gelingt es ihr dann, Menschen zu entlarven, ohne sie vorzuführen.

Im Grunde genommen, passt das Cover optimal zu Hammerls Erzählungen: Sachlich und nüchtern die Erzählweise, ohne Schnörkel sind die Beziehungen wie die zwei Pappeln aufgedeckt, um zu untersuchen, wer sich in der Symbiose wie gebogen hat, wer mehr von der Beziehung profitiert hat…

Elfriede Hammerl:
Von Liebe und Einsamkeit.
Erzählungen

Verlag Kremayr&Scheriau, 2016,
ISBN 9783218010221

Nach Wolke 7

„Nach Wolke 7“ heißt der Erzählband von Olivera Lloyd. Und damit ist das Thema, das allen Geschichten gleich ist, schon benannt: die Zeit nach dem Verliebtsein, die Zeit der Ernüchterung, der Trennung und Neubesinnung.

Das bietet mehr Stoff, als man auf den ersten Blick vielleicht denken mag. Die Protagonistinnen der neun Erzählungen sind auf ganz unterschiedliche Weisen vom Schicksal gebeutelt: eine alte Liebe, die plötzlich wieder auftaucht, eine schwerkranke Frau, die ihrem Mann eine Nachfolgerin sucht, und mehr als eine Liebende, die abtaucht – mal mehr, mal weniger freiwillig.

Olivera Lloyd schreibt dabei nüchtern und schnörkellos. Poetische Sprache ist nicht ihre Sache, sie kommt auf den Punkt. Wo andere Gefühle weit ausgebreitet hätten, sagt sie, was Sache ist. Dennoch: Mir war der Schreibstil an einigen Stellen zu psychologisierend. Selbstreflexionen ja, aber nicht so: „Beziehungen sterben manchmal ungesehen im Dunkeln, und genau da bleibt auch der Schmerz. Wenn man dann beginnt zu reden, weiß man, dass es eine Chance gibt auf Trost, aber auch eine Chance auf Kritik.“ oder: „Ich war so voller Gefühle, dass ein Großteil meiner Lebensenergie nur noch dazu diente, darüber hinwegzutäuschen, dass ich sie hatte. Nichts ist so schwer wie normales Verhalten, wenn man sich so ganz und gar abnorm fühlt.“ Für mich ist das deutlich zu gebrochen rational und passt nicht zu den Figuren.

Gut gefallen hat mir die Mischung an Texten: mal genreübergreifend, mal in der Nachkriegszeit angesiedelt, mal sind die Protagonisten mit pathologischen Zügen versehen, und ein Geist kommt auch noch vor. Für Überraschungen ist also gesorgt.

Olivera Lloyd:
Nach Wolke 7: Erzählungen,

Schardt-Verlag,
ISBN 9783898417877