J. Courtney Sullivan: All die Jahre

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Nora hätte den Priester gerne gefragt, ob er es für möglich
hielt, dass all ihre Ängste auf diesen Moment hinausgelaufen
waren. Oder ob sie das hier hinausgezögert hatten. Sie hatte das
Gefühl, dass sie beichten sollte. Ihre Schuld. Ihr war klar, dass
sie sie für verrückt erklären würden, wenn sie das laut sagte. Sie
saß da, die Lippen fest aufeinandergepresst, und drückte sich
die Handtasche wie ein zappeliges kleines Kind an die Brust.

J. Courtney Sullivan:
All die Jahre
Verlag Deuticke 2017

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Juli Zeh: Leere Herzen

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An manchen Tagen liebt Britta Braunschweig, als hätte sie es selbst erfunden. Den klobigen Prunk totalitärer Prachtbauten, die aussehen wie Schlösser und in Wahrheit nur Einkaufszentren sind. […] Die nicht vorhandene Aura der Stadt, eine Folge von verkehrsgerechter Entsorgung jeglicher Ästhetik. All das stellt eine Erleichterung dar im Vergleich zur klaustrophobischen Pluralität der Metropolen.

Juli Zeh:
Leere Herzen
Verlag Luchterhand 2017

Andreas Pflüger: Niemals

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Sie fahren durch die Nacht. Keyes hat nur eine Hand am Steuer, wie bei einer Spritztour. An eine Mauer hat jemand gesprüht: Die Sehnsucht ist ein dunkles Haus, unbewohnt von Anfang an.
Er bemerkt, dass sie auf seinen Oxford-Ring starrt. „Hübsch, oder? Er ist nicht echt.“
„Was bist du unbekümmert“, sagt sie. „Dabei wird es wie ein Wimpernschlag sein, wenn ich dich töte.“
„Wem willst du das weismachen? Du hasst mich so, dass du mich leiden lassen willst. Wie viele tödliche Griffe beherrschst du? Wie grausam könntest du mich sterben lassen?“
„Dafür reicht deine Phantasie nicht aus.“
„Hast du deinem Meister nicht geschworen, diese Techniken nur zur Selbstverteidigung anzuwenden?“
„Für dich werde ich den Schwur brechen.“
„Vielleicht erwägst du auch, mir die Augen auszustechen und mich blind zu machen. Wäre das nicht eine verlockende Strafe? Mit ewiger Finsternis kennst du dich aus.“

Andreas Pflüger:
Niemals. Thriller
Suhrkamp-Verlag 2017

 

Jo Nesbø: Durst

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Mona trat ans Fenster und ließ den Blick über den Frognerpark schweifen. Es waren Wolken aufgezogen. Zwar waren die Wege hell erleuchtet, aber abgesehen davon lag eine beinahe stoffliche Dunkelheit über dem Park. Es war wie in jedem Herbst, bevor das Laub wieder kalt und hart wurde. Von Ende August bis Ende September war Oslo wie ein weiches, warmes Kuscheltier, das einfach nur festgehalten werden wollte.

Jo Nesbø:
Durst. Ein Fall für Harry Hole
Ullstein-Verlag 2017

 

Rafik Schami: Sami und der Wunsch nach Freiheit

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Das muss man sich mal vorstellen: Die Geliebte weilt in Damaskus in wohltemperierten Zimmern und mein Freund sitzt in Palmyra in Lebensgefahr, aber er denkt nur an sie. So viel Sehnsucht habe er nie zuvor gekannt, erzählte er mir. „Ich muss Josephine sofort erzählen, dass ihr Bruder befreit wurde, damit sie ruhig schlafen kann. Für den ruhigen Schlaf eines geliebten Menschen zu sorgen, ist die erste Aufgabe des Liebenden.“

Meine Güte, dachte ich, die Liebe macht Sami zum verwegenen Dichter.

Rafik Schami:
Sami und der Wunsch nach Freiheit
Verlag Beltz & Gelberg 2017

 

Olivier Adam: Die Summe aller Möglichkeiten

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Das ist das Problem mit dem Leben, dachte Antoine. Dasjenige, das man hat, ist immer zu eng, und das, das man gern hätte, ist zu groß, um es sich auch nur vorstellen zu können. Die Summe aller Möglichkeiten ist das Unendliche, das gegen null tendiert. Letztlich geht es vorüber. Es geht immer vorüber.*

*Die Rechtschreibfehler sind korrigiert

 

Olivier Adam:
Die Summe aller Möglichkeiten
Klett-Cotta 2017

 

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind

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Ich weiß nicht, wie lange ich es schon weiß.

Dass ich gehen muss, weg von hier, heraus aus dem Dorf, dem Haus, dem Zimmer, in dem ich lebe, seit ich geboren bin. Ich könnte die genaue Zahl der Tage ausrechnen, es sind ein paar Tausend, aber was macht das schon.

Tausend Tage, ein Tag.

Ich kann hier nicht bleiben.

[…]

Ein Tag, tausend Tage.

Sie fließen ineinander wie dunkles, flüssiges Brot, verkleben zu einer zähen Masse, aus der nichts herausragt, keine Erinnerung, nichts, wonach man greifen könnte, ein dunkler, zäher Strom, in den ich vor langer Zeit gefallen bin und nicht mehr herauskomme.

Andreas Moster:
Wir leben hier, seit wir geboren sind
Bastei-Verlag 2017