Metamorphosen oder Der goldne Esel

Lügengeschichten, Schwänke, Räuberpistolen: all das findet sich in Apuleius‘ „Metamorphosen„. Der 400. Band der „Anderen Bibliothek“ begibt sich auf schwankhaft-komische Wege.

Man folgt Lucius nach Thessalien, und bereits unterwegs werden ihm so einige Lügengeschichten von gleichsam Reisenden aufgetischt. Wie gut, dass Lucius da nicht an einem Stück Käsekuchen erstickt ist!

An Johann Peter Hebels Schwänke erinnern die Geschichten, die Lucius in Hypata bei einem Geizhals namens Milo erlebt. Mit Hinterlist kommt Milo drumherum, dem Gast ein Essen anzubieten. Was Lucius allerdings mit der Magd Photis macht, entspricht nicht mehr ganz dem, was man bei Hebel lesen kann.

Schwankhaft ist auch die Totenwache, die Thelyphron hält, weil es ein einfacher Verdienst zu sein scheint – freilich: weit gefehlt, denn die Witwe hat andere Pläne. Hat sie doch ihren eigenen Mann umgebracht. Dass ein Toter für kurze Zeit wieder auferweckt wird, damit muss man bei Apuleius rechnen. Schließlich tauchen Hexen, ägyptische Propheten, Magier, Drachen und vieles mehr in seinen Geschichten auf.

Nach derlei eher komischen Geschichten, wird aus den „Metamorphosen“ eine rechte Abenteuergeschichte, denn Lucius, zum Esel verzaubert, wird von Räubern verschleppt und ist nolens volens im zweiten, großen Teil des Buches mit einer Räuberbande unterwegs. Dabei muss Lucius, der Esel, Schreckliches erleben, mehrfachst entkommt er nur knapp dem Tod oder der Kastration. Die Freiheit kommt schließlich erst, nachdem die Räuberbande fliehen muss. Hat sie doch zuvor den Ehemann einer entführten Tochter aus reichem Haus unwissentlich zu ihrem Räuberhauptmann erkoren.  Freilich wechselt der Esel noch einige Male den Besitzer, bevor er zum Menschen zurückverwandelt wird.

Eingeflochten sind auch hier immer wieder Lagerfeuer-Geschichten, allerdings weniger schwankhafte, die griechischen Sagen nehmen hier breiten Raum ein, allen voran die Geschichte von Amor und Psyche wie auch die von Charite.

Dem Weg des Lucius folgt man gern, wenn es auch nicht immer leicht ist, ihm zu folgen. Allerdings gewöhnt man sich mit der Zeit daran, dass die Handlung immer wieder von allerlei Geschichtenerzählern unterbrochen wird. Auch habe ich die leicht antiquierte Übersetzung mit der Zeit liebgewonnen. „Ich halte den Vorschlag für ersprießlich, stelle ihn euch aber völlig anheim“ – ebenso „apostrophiert“ Lucius das Mädchen und überführt die „Unfläter“. Da fällt es kaum noch auf, dass das Buch noch in der alten Rechtschreibung gedruckt ist. Wie gesagt: man gewöhnt sich an den Stil der Übersetzung recht schnell und freut sich an solchen Formulierungen.

Sehr hilfreich sind die Anmerkungen, die am Ende des Buches abgedruckt sind und vor allem Sagenfiguren erklären, die einem so nicht unbedingt geläufig sind. Ebenso führt ein Vorwort in Buch und Autor ein – für mich war es fast schon zu ausführlich, die vielen Verweise auf Motive, die anderswo noch in der Literatur auftauchen, hätte ich nicht gebraucht.

Gestaltet ist der Band sehr kunstvoll. Bilder verzieren die einzelnen Kapitel, die Innenseiten des Umschlags sind – dem Untertitel gemäß – in Gold gehalten. Ebenso der zugehörige Schuber. Auch das Papier ist von besonderer Qualität und ein Lesebändchen gehört natürlich auch dazu.

Alles in allem sind Apuleius‘ „Metamorphosen“ ein großer Lesespaß. Mir haben es dabei vor allem die Geschichten, die Lucius erlebt, als er als Esel sein Dasein fristet, angetan.

 


Apuleius: 
Metamorphosen oder Der goldne Esel 
Die Andere Bibliothek Band 400, 2018 
ISBN 9783847704003

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Anarchophobie

„Vielleicht leidet ein Schalke-Fan viel mehr als ein Flüchtling, der ertrinkt, weil das Leid beim Schalke-Fan schon viel länger anhält — als der Flüchtling die Luft.“ Philip Simon liebt es, zu provozieren. Monologartig nimmt er in seinem Programm „Anarchophobie“ das politische Geschehen aufs Korn.

Dabei repräsentiert er das moralische Kabarett im Stil eines Andreas Rebers. Philip Simon ist ein wenig zynisch, ein wenig ironisch, aber immer politisch. Auch wenn einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt wie bei dem anfangs zitierten Vergleich: zum Nachdenken regt Simon allemal an. Nicht nur, weil Simon Zahlen nennt (z.B. 350 Frauenhäuser in Deutschland), bevor er das Frauenbild von Nordafrikanern mit dem des Bachelors vergleicht.

An einigen Stellen gelingt es Philip Simon freilich nicht, das Niveau eines Andreas Rebers zu halten. Zum Beispiel, wenn er das Lied „Ich geh mit meiner Laterne“ umformuliert zu „Ich geh mit meiner Granate“. Das ist genauso wenig witzig wie sein Gag, dass Bildzeitungsleser immer weiterscrollen würden, wenn am Ende der Bild-Internetseite nicht stehen würde „Sie haben das Ende der Seite erreicht“.

Zu den Stärken von Simons Programm gehören die Ausführungen zu Flüchtlingen, Klimawandel und Bio-Wahn. Wenn Simon sagt, es werde in Europa ein Pfandflaschensystem für Flüchtlinge installiert, dann  trifft er in Blick auf das Dubliner Abkommen den Nagel auf den Kopf. Wenn Simon hinterfragt, warum im Landkreis Dachau die Tafeln kein Essen für Flüchtlinge ausgeben wollen,  wo es doch gar keine entsprechende Nachfrage gebe, erkennt Simon einen – vorherrschenden – Ton der Fremdenfeindlichkeit. Nur selten wird er dabei zum echauffierten Oppositions-Politiker.

Zu Philip Simons Programm gehört es, dass man nicht alles, was er sagt, gut finden kann. Einmal, weil einem das Lachen im Hals stecken bleibt, aber auch, weil man nicht alles richtig finden kann, was Simon provozierend in die Welt setzt. Philip Simon will anecken, keine Frage. Und immer wieder gelingt ihm das auch.

Mich hat an Simons Programm vor allem fasziniert, wie es ihm immer wieder gelingt, die großen Themen runterzubrechen auf die Welt im Kleinen und wie er immer wieder seinen Zuhörern zumutet, die Perspektive zu wechseln, wenn er etwa von der Angst von Muslimen spricht, die sich in christliche Länder trauen. Da verzeiht man Philip Simon auch manche wenig gelungene Albernheit.

Philip Simon: 
Anarchophobie 
Wortart 2017
ISBN 9783837136678

Als ich in meinem Alter war

Es ist, als ob man Torsten Sträter lesen hört, wenn man in seinem neuen Buch liest. Die Pausen. Die abgehackten Pointen. Das abrupte Hineinrutschen ins Groteske. Das Lakonische.

Als ich in meinem Alter war“ enthält Sträter-Texte, die teilweise schon etwas älter sind. Viele der Texte dürften eingefleischten Sträter-Fans also schon bekannt sein. Allen voran der Klassiker „Fleischwurst“, in dem Sträter grandios erzählt, wie man ohne Geld eine Fleischwurst kaufen kann und wie man ein Kind in eine Spielhalle schmuggelt.

Sträters Texte sind zumeist durchkomponiert, mit – mindestens – einer Pointe und Querverweisen innerhalb des Textes. Dabei sagt Sträter über sich: „Wissen Sie, ich bin ein ganz schlichter Vogel. Grade was Komik angeht.“  Der trockene Humor Sträters und die Mischung von Komik und Kabarett machen ihn so lesens- und vor allem hörenswert.

Allerdings verliert das Buch im zweiten Teil etwas. Die hohe Qualität der Texte ist hier nicht mehr durchgängig da. Vor allem die Texte zum Thema Sport sind nicht so recht gelungen, und die Qualität der Texte sinkt manchmal vom abstrus Komischen zum Albernen ab. Auch seine Texte als „Pressesprecher“ haben bei mir oft nur ein leichtes Lächeln hervorgerufen. Das wird allerdings im Buch ausgeglichen durch überraschend ernsthafte Texte mit einem Anliegen wie zum Beispiel die Texte „Darmspiegelung“, „Flüchtlingsgesetz“ und „Pegida“  („nichts weiter als eine Butterfahrt des Hasses“) aus dem Jahr 2015.

„Als ich in meinem Alter war“ bietet eine gute Mischung an Texten Sträters, die sich zwischen Alltagsproblemen und Weltkrisen bewegen. Wenn auch nicht alle Texte gleichermaßen ausgefeilt sind: lesenswert.

 


Torsten Sträter:
Als ich in meinem Alter war
Ullstein-Verlag 2017
ISBN 9783548377001

Die Sonnenseite des Schneemanns

Luise lebt im Hier und Jetzt, hat keine Pläne für die Zukunft. Bis sie Ian trifft. Aus einer Wette entwickelt sich langsam eine Liebesbeziehung mit zwei recht ungleichen Partnern. Das ist kurz und knapp die Handlung von Sebastian23s neuem Buch „Die Sonnenseite des Schneemanns„.

Doch „Die Sonnenseite des Schneemanns“ ist  mehr als ein netter Roman für zwischendurch mit eher lausiger Handlung, bei der dem zurückhaltenden „Schneemann“ Ian die impulsive „Sonnenseite“ Luise an die Seite gestellt wird. Denn während die Handlung prinzipiell auch von Rosamunde Pilcher stammen könnte – das Drumherum keinesfalls.

Bereits der Untertitel des Buches – My unfair lady – spielt auf die andere Ebene des Buches an. So wie in dem Musical „My fair lady“ geht es um die Frage, was Sprache aus uns macht. Während im Musical ein Dienstmädchen durch Erziehung in die Oberschicht eingeführt werden soll, geht es hier darum, den aus der Welt gefallenen Ian auf den Boden der Tatsachen zu bringen.

Was geht bei dir, du ahnbarer Larry? ist einer der ersten Sätze, die Ian von „Kollege“ Luise zu lernen hat. Und je länger Luise ihren Ian in die Welt der Umgangs- und Jugendsprache einführt, umso stärker verändert sich Ian. Aus dem spröden Spießer wird Stück um Stück ein aufgeschlossener junger Mann von 30 Jahren – auch wenn er so ein paar Eigenheiten weiter pflegt, wie etwa die Manie für Studien zum Alltagsverhalten oder das Sammeln von Wörtern aller Sprachen, die nicht übersetzbar sind.

Hinzu kommt noch jede Menge schräger Humor, der das Buch durchzieht. Nicht nur, dass Ian einfach nur Jan ausgesprochen wird, er ist auch noch Pixelmaler (sic!) von Beruf – insgesamt also so langweilig, dass die Spatzen von den Dachrinnen fallen. Wer solch schrägen Humor mag, ist mit Sebastian23s neuem Buch gut bedient.


Sebastian23: 
Die Sonnenseite des Schneemanns 
Verlag Lektora 2017
ISBN 9783954611010
Achtung: In Buchkatalogen ist Sebastian23 zum Teil nur als „Sebastian 23“ (also mit Leerzeichen) zu finden! 

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Es ist ein herrlich verspieltes Buch, das uns Jaroslav Kalfar bietet. Schon der Titel verweist darauf, wie das Buch geschrieben ist: amüsant und kurzweilig. Die kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt beschränkt sich auf eine einzige Fahrt ins All. Und das auch nur, weil alle anderen Nationen die gefährliche Fahrt ins All zu der kosmischen Staubwolke Chopra zu gefährlich scheint. Das aus der sozialistischen Lethargie erwachte Tschechien hingegen sieht die Raumfahrt als neue nationale Aufgabe und schickt die JanHus1 ins All. An Bord: Jakub Procházka.

Doch der ist alles andere als ein kühner Held. Schon kurz nach dem Start der Raumfähre verlässt ihn seine Frau wie auch das Interesse an der Mission zur Erforschung der Staubwolke Chopra und er beginnt Gespräche mit einem außerirdischen Wesen, das in die JanHus1 eingedrungen ist, zu führen. Während Jakubs Geschichte im All zwischen Wahn und Wirklichkeit balanciert, ist die seiner Kindheit von grausamer Realität. Immer wieder sind Rückblicke in Kindheit, Jugend- und Studentenzeit eingeflochten. Als Kind eines Mitarbeiters der Staatssicherheit hatte es Jakub nach der Wende alles andere als einfach. Die Eltern kommen bei einem Seilbahnunglück ums Leben und die Großeltern müssen das Haus einem früheren Opfer von Jakubs Vater übergeben.

Jaroslav Kalfar beherrscht die Erzählkunst virtuos. Manches ist vielleicht etwas zu weitschweifig erzählt, aber Kalfars Debütroman hat den Schalk im Nacken, und so liest er sich wie eine neckische, feine Anekdote. Eine gelungene, kurzweilige Unterhaltung.


Jaroslav Kalfar:

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
Tropen-Verlag 2017
ISBN 9783608503777