Unterleuten

„Je mehr ich erfuhr, desto stärker erinnerte mich die Geschichte an mein Lieblingsspielzeug aus Kindertagen, ein rotes Kaleidoskop“ – so heißt es am Ende des über 600 Seiten umfassenden Romans. Die Geschichte, das ist der Weg, wie Unterleuten an seine Windräder kommt. Und das Kaleidoskop, das sind die ganz unterschiedlichen Dorfbewohner, die mit ihren ganz unterschiedlichen Interessen das Dorf immer mehr spalten.

Jeder in Unterleuten, so hat man den Eindruck beim Lesen, trägt seine eigene Last mit sich herum, an der er sich abarbeitet, die ihn prägt und die seine Handlungen immer wieder irrational werden lässt. Der frühere Kommunist trifft da auf den kapitalistischen Wende-Gewinner und Großgrundbesitzer. Der gescheiterte Spiele-Entwickler auf den an Weltschmerz leidenden Soziologie-Professor. Und wenn Machtmenschen auf Idealisten,  verhinderte Schriftsteller auf erfolgsverwöhnte Macher und Modernisten auf geliebte Traditionen stoßen, liegt Spannung in der Luft, die weit über einen Nachbarschaftsstreit hinausgeht.

Eine Spannung, die bis zum Schluss erhalten bleibt. Denn es ist Juli Zeh gelungen, die Handlung so vielschichtig und überraschend wirken zu lassen, dass es auf keiner Seite langweilig wird. Und auch wenn es viele Figuren sind, die in dem Roman vorkommen, haben sie doch alle ihren eigenen Tick, der sie mehr oder weniger liebenswert macht. Und weil die Handlung immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven aufgegriffen wird, kommt man als Leser nicht darum herum, sich selbst Gedanken zu machen, um sich nicht einer der Personen oder gar dem immer wieder bissig-sarkastisch hervorlugenden Erzähler unterwerfen zu müssen.

Mir hat das Lesen von „Unterleuten“ viel Spaß bereitet.

Juli Zeh:
Unterleuten

Luchterhand-Verlag 2016,
ISBN 9783630874876

Internetauftritt mit den Figuren des Romans: http://www.unterleuten.de

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Young Ones

Amerika in Dürrezeiten: In dieser Dystopie hat in den USA der Kampf ums Wasser begonnen.

Der Farmer Ernest Holm hat diesen Kampf zunächst verloren: Er und seine Kinder leben in einer kargen Wüstenlandschaft, hoffend auf Regen, er die Felder wieder fruchtbar macht,und – trotz vieler Ablehnungen – hoffend auf den Anschluss an das nationale Wassernetz. Zusammen mit seinen Kindern Jerome und Mary harrt er aus, immer mit der Hoffnung, dass es eine Aussicht auf andere Lebensbedingungen gibt.

Dabei hilft ihm Marys Freund Flem – so scheint es. Doch der hat andere Pläne: Er will sich das Land unter den Nagel reißen und er will die Bewässerung erreichen. Dafür geht er auch über Leichen. Zeit für den 14-jährigen Jerome, zu handeln …

Erzählt wird Young Ones aus drei unterschiedlichen Perspektiven: zunächst die des Vaters, dann die des Freundes der Tochter und schließlich die des Sohnes. Dadurch sind drei Lebensentwürfe gegenübergestellt.

Young Ones ist ein Film übers Erwachsenwerden. Es ist ein Film über den Egoismus der Menschen, die sich selbst in Notzeiten die Nächsten werden. Nur die Familie hat als Wertsystem noch Bestand. Young Ones ist ein Film ohne viel Handlung, ein Film, der sich Zeit lässt beim Erzählen. Es ist ein Film, der durch seine Bilder lebt. Beeindruckend ist die Kargheit der Landschaft, aber auch die Schönheit der Wüste in Szene gesetzt.

Schon lange habe ich keinen Film gesehen, der mir so gut gefallen hat.

Young Ones
Regie: Jake Paltrow,
erschienen 2014
bei Ascot Home Entertainment

Nox

Die Welt ist geteilt in eine Oberstadt und eine Unterstadt. Die Höhe des Wohnorts bestimmt den sozialen Rang. Wer in der Oberstadt wohnt, hat alles, was er braucht: Wasser, saubere Luft, Energie. In der Unterstadt dagegen herrscht ewige Dunkelheit, Armut und Kriminalität. Die Lebenserwartung ist hier gering. In der Unterstadt lebt der 17-jährige Lucen und sein bester Freund Gerges. Doch ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt, als Gerges sich der Miliz anschließt und Lucen bei den Widerstandskämpfern, die sich für die Wiedervereinigung von Ober- und Unterstadt einsetzen, Unterschlupf findet. Denn Lucen weigert sich, den Heiratsplänen seiner Eltern Folge zu leisten und macht stattdessen die „Kompabilitätsprüfung“ mit Firmie, die allerdings auf einer niedrigeren sozialen Ebene steht als Lucens Familie.

In der anderen Welt, der Oberstadt, lebt Ludmilla, ebenfalls 17, die sich immer mehr Gedanken über die Welt(en) macht und nicht mehr einfach so hinnehmen will, was sie über die Unterstadt und ihre Menschen in der Schule lernt.

Aus der Sicht dieser drei Jugendlichen wird „Nox“ erzählt. Alle drei sind Menschen, die Fehler machen – denen es nicht gelingen kann, alle Folgen ihres Tuns richtig vorauszusehen. Das macht sie für den Leser zutiefst sympathisch. Die Welt, in der sie leben, wird gerade durch Alltägliches lebendig – wie oft man sich wäscht, woraus das Essen zubereitet wird. Wie rau beide Welten wirklich sind, wird vor allem im zweiten Teil des Buches deutlich, wenn Lucen sich allein durchschlagen muss.

Grevets Schreibstil ist sehr flüssig und leicht zu lesen. Etwas störend ist allerdings, dass manche Ereignisse durch einen anderen der Jugendlichen später noch einmal erzählt werden – zum Teil mit anderen Details, zum Teil werden aber auch Unterschiede der Wahrnehmung deutlich. Das führt an manchen Stellen des Buches dazu, dass man den Eindruck hat, plötzlich in der Handlung wieder zwei Schritte zurückzugehen.

Aus der Tatsache, dass er seine Idee aus dem Hinduismus entlehnt hat, macht Yves Grevet keinen Hehl. Die Abhängigkeit des sozialen Rangs vom Wohnort zeigt ein zementiertes Kastenwesen. Auch nennt Grevet diejenigen, die auf der untersten Stufe stehen, Parias – wie im Hinduismus die Kastenlosen. Dass es in der Unterstadt auch weniger Buchstaben gibt als in der Oberstadt, gehört zu den Erfindungen Grevets. Wer in der Oberstadt Lucien heißt, wird in der Unterstadt zu einem Lucen.

Mit „Nox“ ist Yves Grevet ein Buch gelungen, das spannend ist, Gefühle (auch sentimentale) nicht vernachlässigt und auf dessen Fortsetzung man mehr als gespannt ist. Denn wie mit Méto hat Grevet eine Trilogie vorgelegt. Der zweite Teil soll noch 2015 erscheinen.

Yves Grevet:
Nox. Unten

dtv-Verlag 2015,
ISBN 9783423650120

[identität]

Deutschland, irgendwann in der Zukunft: Der Euro wurde abgeschafft, die Reichen schotten sich in ihren Vierteln ab, die Digitalisierung ist vorangeschritten, Überwachung ist immer und überall möglich. Minke Böckenhauer arbeitet als Informationsbeschafferin, gelegentlich verschafft sie auch neue Identitäten. Sie hat sich aus Berlin zurückgezogen und wohnt in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Dort genießt sie das beschauliche Landleben, bis eines Tages ein Mann in ihrem Garten steht, der umsonst für sie arbeiten will. Wer er ist? Das weiß er selbst nicht …

Eigenmächtig beginnt Minke zu recherchieren, um wen es sich handeln könnte. Dabei geht es bald nicht nur um den Skandal von Leiharbeitern aus dem Knast. Illegale Medikamententests kommen zutage und dann gibt es noch die Leute, die von der Wiedereinführung der D-Mark in Deutschland profitiert haben. An Minke Böckenhauers Gast haben gleich mehrere Interesse – und die Jagd beginnt. Doch welches Interesse? Was weiß der Fremde? Weiß er überhaupt noch etwas? Und wer entführt ihn, um ihn zu schützen?

Die Mischung aus Spannung und Zukunftsvision ist das, was Christian Lorenz‘ Buch ausmacht. Auf der einen Seite wird eine Geschichte erzählt, die aufgelöst werden will – auch wenn anfangs die Fragen bei Weitem überwiegen. Und auf der anderen Seite ist der Blick in die Zukunft, der zwischen Utopie und Dystopie schwankt. Um die Macht im Netz geht es da, die Lenkung der Meinung durch und um die eigene Identität. Und natürlich geht es auch um die Gewinner und die Verlierer des Fortschritts.

Da passt es schon, dass die Hauptfigur, Minke Böckenhauer, sich aus dem Moloch Berlin zurückgezogen hat und auf dem Land lebt.  Hier gelingt es Christian Lorenz gut, den starken Gegensatz zwischen (digitalisierter) Stadt und dem Dorf als Rückzugsort darzustellen. Gerade das Beschreibende macht [Identität] aus. Wer einen Thriller mit rasantem Tempo erwartet, wird hier nicht bedient. Christian Lorenz geht es um die leisen Töne, um keckernde Eichelhäher zum Beispiel.

Christian Lorenz:
[Identität], Thriller,

midnight by Ullstein,
ebook,
ISBN 9783958190016 

Bunker Diary

Sechs Personen werden in einem Bunker gefangen gehalten. Sechs Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die neunjährige Jenny, der 70-jährige Physiker, ein Geschäftsmann und eine Geschäftsfrau, ein Heroinabhängiger und ein 16-jähriger Junge namens Linus.

Das Buch ist aus Linus‘ Sicht geschrieben. Es handelt sich um seine Aufzeichnungen ab dem Tag, wo er in den Bunker gekommen ist. Linus ist von zuhause abgehauen, lebt in London auf der Straße, bis er von einem Unbekannten in einen Hinterhalt gelockt, betäubt und entführt wird. In einem Bunker wacht er auf, und nach und nach kommen die anderen Gefangenen durch einen Aufzug in den Bunker. Sie werden mit Kameras und Mikrofonen rund um die Uhr bewacht.

Der Aufzug ist die einzige Möglichkeit für die Gefangenen, mit ihrem Peiniger zu kommunizieren. Sie teilen ihre Wünsche mit, und wenn sie Glück haben, erhalten sie, was sie sich wünschen. Zum täglichen Ritual wird das Warten auf den Aufzug, immer in der Hoffnung auf Lebensmittel und andere notwendige Dinge. Von ihrem Entführer wissen die sechs Personen überhaupt nichts. „Er spielt mit uns“, ist sich Linus sicher. Und dieses Spiel wird immer gefährlicher. Denn als die sechs versuchen, aus dem Bunker zu fliehen, rächt sich ihr Entführer auf brutale Weise. Zunächst mit dem zweitweisen Entzug von Essen und dem Ausschalten der Heizung. Doch dann wird aus dem Spiel ein Kampf um Leben und Tod.

Kevin Brooks hat mit „Bunker Diary“ ein radikales literarisches Experiment gemacht. Eindringlich hat Brooks das Leben im Bunker beschrieben. Die Konflikte, die Langeweile, der Gestank: man kann es sich richtig vorstellen. Ein Sinnbild für die fragile Gemeinschaft ist der Moment, wo sich alle auf ein Stück gebratenes Fleisch stürzen, das im Aufzug steht. Ähnlich wie im „Herr der Fliegen“ fragt er, was Menschen sich gegenseitig antun, wann sie die Humanität aufgeben, wie weit sie bereit sind zu gehen. Dabei hält sich Pessimismus und Optimismus die Waage: die eine Hälfte der Bunkerinsassen zieht sich zurück und kümmert sich nur um sich selbst, während die andere Hälfte füreinander da ist.

Brooks geht es ausschließlich über die Gemeinschaft im Bunker. Erklärungen, weshalb jemand sechs Personen einfach so entführt, liefert er nicht. Das Buch gibt darauf keinerlei Antworten. Das mag ehrenwert sein, vor allem, wenn sich Brooks – so schreibt er in seinem Kommentar zum Buch – sich gegen den eigenen Verlag durchsetzte. Aber als Leser will man doch wissen, wer nun die anderen ermordet hat und wer nun dieser Entführer ist.

So gar nicht überzeugt hat mich, was Brooks über den Sinn seines Buches schreibt. Warum soll die Geschichte nichts Negatives mehr haben, wenn man sich klar macht, dass jeder Mensch einmal sterben muss? Was für ein Unfug, wenn Brooks dann noch den billigen Rat gibt, aus seinem Leben deshalb das Beste zu machen.

Brooks‘ Buch ist nichts für schwache Nerven. Es ist beklemmend, verstörend. Und es lässt einen verstört und beklemmt zurück.

Kevin Brooks:
Bunker Diary
dtv,
ISBN 9783423740036