Anarchophobie

„Vielleicht leidet ein Schalke-Fan viel mehr als ein Flüchtling, der ertrinkt, weil das Leid beim Schalke-Fan schon viel länger anhält — als der Flüchtling die Luft.“ Philip Simon liebt es, zu provozieren. Monologartig nimmt er in seinem Programm „Anarchophobie“ das politische Geschehen aufs Korn.

Dabei repräsentiert er das moralische Kabarett im Stil eines Andreas Rebers. Philip Simon ist ein wenig zynisch, ein wenig ironisch, aber immer politisch. Auch wenn einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt wie bei dem anfangs zitierten Vergleich: zum Nachdenken regt Simon allemal an. Nicht nur, weil Simon Zahlen nennt (z.B. 350 Frauenhäuser in Deutschland), bevor er das Frauenbild von Nordafrikanern mit dem des Bachelors vergleicht.

An einigen Stellen gelingt es Philip Simon freilich nicht, das Niveau eines Andreas Rebers zu halten. Zum Beispiel, wenn er das Lied „Ich geh mit meiner Laterne“ umformuliert zu „Ich geh mit meiner Granate“. Das ist genauso wenig witzig wie sein Gag, dass Bildzeitungsleser immer weiterscrollen würden, wenn am Ende der Bild-Internetseite nicht stehen würde „Sie haben das Ende der Seite erreicht“.

Zu den Stärken von Simons Programm gehören die Ausführungen zu Flüchtlingen, Klimawandel und Bio-Wahn. Wenn Simon sagt, es werde in Europa ein Pfandflaschensystem für Flüchtlinge installiert, dann  trifft er in Blick auf das Dubliner Abkommen den Nagel auf den Kopf. Wenn Simon hinterfragt, warum im Landkreis Dachau die Tafeln kein Essen für Flüchtlinge ausgeben wollen,  wo es doch gar keine entsprechende Nachfrage gebe, erkennt Simon einen – vorherrschenden – Ton der Fremdenfeindlichkeit. Nur selten wird er dabei zum echauffierten Oppositions-Politiker.

Zu Philip Simons Programm gehört es, dass man nicht alles, was er sagt, gut finden kann. Einmal, weil einem das Lachen im Hals stecken bleibt, aber auch, weil man nicht alles richtig finden kann, was Simon provozierend in die Welt setzt. Philip Simon will anecken, keine Frage. Und immer wieder gelingt ihm das auch.

Mich hat an Simons Programm vor allem fasziniert, wie es ihm immer wieder gelingt, die großen Themen runterzubrechen auf die Welt im Kleinen und wie er immer wieder seinen Zuhörern zumutet, die Perspektive zu wechseln, wenn er etwa von der Angst von Muslimen spricht, die sich in christliche Länder trauen. Da verzeiht man Philip Simon auch manche wenig gelungene Albernheit.

Philip Simon: 
Anarchophobie 
Wortart 2017
ISBN 9783837136678

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Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte

Ein indischer Fakir kommt nach Paris, um das neueste Nagelbett-Modell von IKEA zu kaufen – das Modell mit 15000 Nägeln, in pumarot, aus echt schwedischen Kiefern und mit höhenverstellbaren rostfreien Nägeln. Freilich gibt es da einiges an Komplikationen: zunächst einmal gibt es das Bett nicht mehr zum Sonderpreis von 99,99 Euro. Und mehr als 100 Euro hat der Fakir namens Ayarajmushee Dikku Pradash nicht dabei. Und auch die sind gefälscht. Dass es ihm gelingt, den nur einseitig bedruckten Schein tatsächlich zum Bezahlen zu verwenden, liegt an seiner Fähigkeit, die Menschen abzulenken. Oder anders formuliert: der Fakir ist ein kleiner Hochstapler, ein moderner Felix Krull. Mit kleinen Betrügereien schlägt er sich durchs Leben – bis alles ganz anders kommt.

Unfreiwillig begibt Ayarajmushee sich von seinem IKEA-Besuch in Paris auf Weltreise. Denn weil er kein Geld hat, übernachtet er schlichtweg in der IKEA-Filiale – und ausgerechnet der Schrank, in dem er sich versteckt, wird abtransportiert. Von Paris zunächst nach Großbritannien. Von dort wird er nach Spanien abgeschoben, von wo aus er – diesmal in einem Koffer versteckt – direkt nach Rom weiterreist. Von dort geht es in einem Heißluftballon Richtung Libyen weiter – und dann wieder zurück nach Frankreich.

Romain Puértolas hat einen Abenteuerroman in Form eines modernen Märchens geschrieben. Ayarajmushee hat einiges zu be- und überstehen, bis er seine Angebetete in seine geläuterten Arme schließen kann. Vom Taxifahrer, der ihn verfolgt über einen unberechenbaren Kapitän bis hin zu Rebellen, die den Flughafen besetzt halten. Und wie in jedem guten Abenteuerroman wächst auch Ayarajmushee  an seinen Aufgaben. Geläutert steht er schließlich vor der Frau, an die er in IKEA (wo auch sonst) sein Herz verloren hat. Sympathisch macht das Buch, dass es trotz aller abstruser Erlebnisse des Protagonisten nicht im Klamauk endet. Dafür sorgen auch die ernsthaften Töne, die etwa über Flüchtlinge angeschlagen werden.

„Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte“ ist ein Buch, das leichtfüßig daherkommt – es ist unterhaltend, schnell zu lesen und mit viel Witz und Ironie versehen.

Romain Puértolas:
Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte

Fischer-Verlag 2014,
ISBN 9783100003959

 

 

Am Ende eines viel zu kurzen Tages (Death Of A Superhero)

Durch eine Theateraufführung bin ich auf die Verfilmung von „Death of a superhero“ gestoßen. Und ich muss sagen: Es ist schon eine Weile her, eigentlich seit Kebab Connection, dass ich einen so gut gemachten Film gesehen habe, der witzig und ernst zugleich ist.

Die Hauptfigur des Films ist der 15-jährige Donald Clarke. Donald ist ein typischer Junge seines Alters – mit einer Ausnahme: Er hat Krebs. Das scheint aber seine Eltern mehr zu bekümmern als ihn selbst. Und so holen sie einen Psychologen, Dr. Adrian King, der mit Donald reden soll. Langsam baut sich zwischen den beiden Vertrauen auf. Außerdem gibt es da noch Shelly, eine Mitschülerin, mit der er sich anfreundet – und in die er sich verliebt. Weil aber seine Zeit beschränkt ist, wollen ihm seine Freunde seine erste Liebe auf anderem Weg beschaffen.

Da bleiben komische Situationen nicht aus. Seine Gefühle packt Donald in die Comics, die er malt. Sie sind eine zweite Ebene des Films, die immer wieder in die Handlung eingeflochten sind. „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ ist ein einfühlsamer Film über Krankheit, Tod, Freundschaft, Vertrauen und die erste Liebe. Ansehen lohnt!

Am Ende eines viel zu kurzen Tages
(Death of a superhero)
Regie: Ian Fitzgibbon
nach dem Roman von Anthony McCarten Erscheinungsjahr: 2012

Grrrimm

Sie kennen Rotkäppchen? Dornröschen? Die sieben Zwerge? Aber nicht so, wie Karen Duve sie erzählt. Denn ihre Märchen nehmen spätestens nach den ersten Minuten einen ganz anderen Verlauf als wir ihn kennen. Manch‘ Märchengestalt entpuppt sich als keineswegs so gut wie gedacht und manch‘ Nebenfigur erhält plötzlich die Hauptrolle.

Die überraschenden Wendungen, die Karen Duve in ihre Märchen eingebaut hat, lassen die Märchen-Parodien zu einem Hörgenuss werden. Duve gelingt es, lebendig und anschaulich zu schildern, wie ihrer Meinung nach die Märchen verlaufen sollten. Dabei bleibt sie durchaus dem Stil der Märchen verhaftet, allerdings geht es ab und an doch etwas derber zu.

Es sind intelligent gemachte Märchen-Parodien, die keineswegs in Albernheit abgleiten, wie man es allzu oft bei Parodien von Märchen findet.  

Langweilig wird einem beim Zuhören nicht.

Karen Duve:
Grrrimm,
2 Audio-CDs
Verlag Roof Music,
erschienen 2012