Die Sternennacht

Ein Bilderbuch für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen ist Jimmy Liao gelungen. Mit „Die Sternennacht“ hat er ein wunderschönes Werk geschaffen, das man immer wieder lesen und anschauen kann.

Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, freunden sich an. Beide sind Außenseiter. Beide suchen sich ihre eigene Welt, in die sie sich zurückziehen. Zusammen machen sie sich schließlich auf den Weg, weg von der Stadt zum Haus des verstorbenen Großvaters aufs Land, dort fühlen sie sich frei. Gemeinsam betrachten sie den Sternenhimmel der Sternennacht. Der sei hier – so hat es der Großvater gesagt – genau so schön wie auf dem gleichnamigen Bild von van Gogh.

Das Bilderbuch ist melancholisch und hoffnungsvoll zugleich. Während am Anfang die vielen Fenster und Türen, die in den Bildern auftauchen, die Zurückgezogenheit zeigen, das Gesicht des Mädchens in einem Bild voller Herbstlaub fast nicht erkennbar ist, so verändern sich die Bilder im Laufe der Handlung: auf ihrem Weg zum Haus des Großvaters werden die Bilder großformatig, bunt, sind in kräftigen Farben gemalt und ohne Text.

Sowieso braucht Jimmy Liao wenig Worte, um seine Geschichte zu erzählen. Es bleibt bei den Gedanken und Gefühlen, die das Mädchen hat. Und das ist es – neben den Bildern – was das Buch so intensiv wirken lässt.

Jimmy Liao ist in seinem Heimatland Taiwan bereits ein geschätzter Künstler. Sogar ein Museum gibt es über ihn. Mit dem nun auf Deutsch erschienenen Buch „Die Sternennacht“ können wir ihn auch entdecken und uns von ihm fesseln lassen.

 


Jimmy Liao: 

Die Sternennacht 
China-Books 2017
ISBN 9783905816693

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Sami und der Wunsch nach Freiheit

Die Angst frisst unser Herz, die Heimat des Mutes, und lässt an seiner Stelle nur noch eine Pumpe funktionieren… Wir überleben als Schafe… Aber wir wurden nicht als Schafe geboren, sondern dazu gemacht. Sobald ein Funke der Hoffnung zündete, stürmten die Menschen auf die Straßen, und sie hatten nur noch einen Wunsch: Freiheit.

So lässt sich mit Rafik Schami das Thema seines neuen Buches umschreiben. Um die Angst der Menschen während der Diktatur in Syrien geht es in Rafik Schamis Buch „Sami und der Wunsch nach Freiheit“ – und um den Aufstand, der entfacht wird und in einen Bürgerkrieg mündet.

Rafik Schami lässt einen syrischen Flüchtling von dem erzählen, was um das Jahr 2011 in den syrischen Bürgerkrieg führte. Dieses Mittel des Erzählens, bei dem sich der Erzähler immer wieder selbst zu Wort meldet, führt dabei weder zu einem Erzählen aus der Distanz, noch zu einem einseitigen Erzählen. Rafik Schami ist es gelungen, mithilfe seines Augenzeugen ein Bild von Syrien zu zeigen, das einem nahe geht. Man lernt die Menschen in Damaskus kennen und lieben mit all ihren Schrullen und Eigenheiten.

Mit den Augen von Scharif – dem Flüchtling, der die Geschichten erzählt – und Sami, seinem besten Freund und quasi Zwillingsbruder, schaut man zunächst auf ein quirliges Damaskus voller Abenteuer. Doch je weiter man liest, umso mehr verdüstert sich die Atmosphäre. Man kann erkennen, dass die Angst vor willkürlicher Verfolgung durch die Geheimdienste die Menschen lähmt und zu „Schafen“ macht.

Während am Anfang einen die Abenteuergeschichten der beiden Jungen immer wieder zum Schmunzeln bringen, überkommt einen beim Lesen bald immer mehr die Beklemmung, die die Menschen bedrückt. Willkür gepaart mit Brutalität nutzt das Regime, um seine Untertanen ruhig zu halten. Immer wieder wird dies in den kurzen Kapiteln zum Thema.

Und doch zündet da der Funke Hoffnung, der die Menschen auf die Straße treibt, sie gegen die Mächtigen demonstrieren lässt. Sehr eindrücklich ist die Umfrage, die Scharif bei einer Demonstration macht, um sie dann unter Umgehung der Zensur ins Internet zu stellen. Sie fragen Demonstrierende nach ihren Gründen für den Protest. Die Demonstranten erwähnen die kleinen Ungerechtigkeiten, die in einer Diktatur entstehen, wenn vieles über Beziehungen geregelt wird: der bevorzugte Schüler, der Sohn des Geheimdienstchefs ist; der verlorene Prozess, weil der Richter korrupt ist; die wichtigen Medikamente, die nicht bezahlt werden können. Gerade diese Kleinigkeiten sind es, die den Wunsch nach Freiheit entstehen lassen.

Um diese kleinen Ungerechtigkeiten geht es Rafik Schami in seinem neuen Buch. Es beinhaltet keine tiefgreifende Analyse des syrischen Bürgerkriegs, sondern lenkt den Blick auf die Menschen, die in den Straßen von Damaskus leben. In Angst und in Hoffnung.

Mein Lieblingszitat aus dem Buch findet sich hier.

 

Rafik Schami:
Sami und der Wunsch nach Freiheit 
Verlag Beltz und Gelberg 2017
ISBN 9783407823199

Das Schicksal der Sterne

„Das Schicksal der Sterne“ ist ein geschickt konstruiertes Jugendbuch, das sich dem Thema der Flucht widmet. Ineinander verwoben erzählt Daniel Höra die Geschichten von Adib und Karl. Der 15-jährige Adib, ein Flüchtling aus Afghanistan, ist über Umwege in Berlin angekommen. Der 83-jährige Karl ist als Flüchtling aus seiner schlesischen Heimat nach dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin gekommen. Aber nicht nur die Flucht verbindet die beiden, sie haben auch ein gemeinsames Hobby: die Astronomie.

Und gerade dieses Hobby ist es, das die beiden so unterschiedlichen Personen zusammenführt. Erst allmählich beginnen die beiden dann zu erzählen. Dabei bemerkt man sehr, dass es sich um ein Jugendbuch handelt. Zu den realistisch erzählten Geschichten gibt es immer wieder stark deutende Passagen. So wird nicht nur einmal erklärt, dass Karl – wie auch Adib – sich wie in einer Parallelwelt vorkommen. Und auch die Personen sind teilweise Typen: neben Adib, der sich in Berlin doch recht gut zurechtfindet, tritt sein Bruder, der von seinen Erlebnissen traumatisiert ist. Neben die hilfsbereiten Menschen treten diejenigen, die Adib drangsalieren. Dann muss sich die Handlung zum Schluss hin noch einmal zuspitzen, so unwahrscheinlich es auch ist. Und ja: am Schluss muss es irgendwie gut ausgehen.

Allerdings gelingt es Daniel Höra, Hauptfiguren zu beschreiben, die alles andere als stereotyp handeln. Es sind Persönlichkeiten, die ihre eigene Geschichte haben, die nicht immer berechenbar sind. Adib, der immer wieder an sich und der Welt zweifelt; Karl, der auch seine zweifelhaften Momente hat, so gutmütig und liebenswert er auch ist. Dass Adib und Karl sehr ähnliche Erfahrungen auf der Flucht gemacht haben, wird nicht plakativ vermittelt, sondern ist gut zwischen den Zeilen verpackt. Auf moralinsaure, pathetische Wertungen und Vergleiche wird verzichtet.

So lässt sich in „Das Schicksal der Sterne“ nicht nur lernen, mit welchen Problemen Menschen bei einer Vertreibung zu kämpfen haben, sondern auch, was Menschen bewegt, die auf der Flucht sind. Und das ist nicht wenig.

Daniel Höra: 
Das Schicksal der Sterne 
Verlag bloomoon 2017
ISBN 9783845821764

Niemand wird sie finden

Zwischen Coming-out-Geschichte und Jugendthriller balanciert Caleb Roehrigs Buch „Niemand wird sie finden„. Der 15-jährige Flynn hat sich gerade von seiner Freundin getrennt, weil er sich so langsam eingesteht, dass er schwul ist. Doch dann ist seine Ex-Freundin einfach verschwunden. Und Flynn muss sich eingestehen, dass nicht nur er ein Geheimnis hat. Weder bei ihm noch bei seiner Ex-Freundin stehen die Dinge so, wie es scheint.

Für Flynn bricht zunächst eine Welt zusammen, denn er muss erfahren, dass seine Ex-Freundin über ihn an ihrer neuen Schule ziemlich schlecht geredet hat. Doch dann werden blutgetränkte Kleidungsstücke von ihr gefunden. Was ist passiert? Flynn macht sich große Sorgen, dabei er hat er genug eigene Probleme. Denn er selbst hat große Probleme, sich einzugestehen, dass er schwul ist. Nicht ganz freiwillig kommt es zum Coming-out und Flynn muss sich ganz anderen Problemen stellen.

„Niemand wird sie finden“ ist ein typisches Jugendbuch: viel wörtliche Rede, jede Menge Platz für Gefühle und dazu noch etwas Spannung. Etwas schade ist nur, dass einiges am Schluss noch offen bleibt, worüber man beim Lesen gerätselt hat.


Caleb Roehrig: 
Niemand wird sie finden
Verlag cbj 2017
ISBN 9783570173343

Mittelmeersplitter

Levian ist der neue in der Klasse. Ein Außenseiter. Ein Sonderling. Denn Levian spricht nicht. Mit niemandem. Zumindest so lange, bis Annika es gelingt, ihn zum Reden zu bringen. So beginnt die Beziehung zwischen den beiden Zehntklässlern, von der Theresa Sperling in ihrem Buch „Mittelmeersplitter“ erzählt.

„Mittelmeersplitter“ ist ein Jugendbuch, das sehr geradlinig erzählt. Nebenhandlungen sind und bleiben Nebenhandlungen. Im Zentrum stehen Annika und Levian, die beide ihr „Päckchen“ zu tragen haben. Und so braucht es einiges an Mut, bis eine Aufrichtigkeit in ihre Beziehung einzieht, die sie auch ihre eigene Geschichte verarbeiten lässt, die sie mit sich herumschleppen. Und vor allem braucht es die Wärme Italiens und das Mittelmeer, die Annika und Levian lehren, offen und vertrauensvoll miteinander umzugehen.

Angenehm ist, dass die Autorin nicht für alles eine Erklärung bietet. So bleibt dem Leser die Möglichkeit, darüber nachzudenken, weshalb sich Annika und Levian so verhalten, wie sie es tun. „Mittelmeersplitter“ bietet keine allzu einfachen Antworten und keine schwülstig-romantische Liebesgeschichte. Das Buch bleibt nicht dabei stehen, die Angst vor dem ersten Mal zu thematisieren.  Eine Verwandlung vom Aschenputtel zum Dornröschen und vom Sonderling zum Frauenschwarm findet nicht statt. Es bietet mit Annika und Levian zwei Figuren, die Reibungsfläche für den Leser bieten. Nur der Blick in die Zukunft des Buches ist allzu kitschig geraten – darauf hätte ich verzichten können.

Theresa Sperling:
Mittelmeersplitter
Eine Geschichte vom Liebenlernen und Lebenwollen
Lektora-Verlag 2016
ISBN 9783954610792

Die Dinge, die wir suchten

„Die Dinge, die wir suchten“: das Jugendbuch von Damaris Pastow stellt die Frage nach der eigenen Identität und dem eigenen Platz im Leben.

Der 16-jährige Finn lebt bei seinem Großvater. Als dieser stirbt, macht sich Finn auf die Suche nach seinem Vater, den er nicht kennt. Weder seine Mutter, die früh bei einem Autounfall ums Leben kam, noch sein Großvater wollten ihm sagen, wer er ist. Was weiß sein Onkel Gideon, der extra aus Tansania zurückgekehrt ist, um sich um Finn zu kümmern?

Finn zieht zu seinem Onkel und findet neue Freunde, die ihn unterstützen. Ein paar Zufälle und Verwicklungen braucht es, bis Finn am Schluss seinen Vater tatsächlich findet. Mehr sei aber nicht verraten.

Besonders gefallen hat mir an dem Romandebüt von Damaris Pastow, wie vielschichtig die Figuren gezeichnet sind. Zudem sind die zentralen Personen sehr genau beschrieben, wenn von Finns Großvater etwa gesagt wird, er „lächle mit den Augen“. Die Handlung gewinnt im letzten Drittel des Buches deutlich an Fahrt, es kommt zu einem actiongeladenen Finale.

Das Jugendbuch ist für Jugendliche ab etwa 12 Jahren gut geeignet.

Damaris Pastow:
Die Dinge, die wir suchten

SCM-Verlag, 2016,
ISBN 9783775157339

Nicht springen!

Es ist die Mischung aus überzeichneter Groteske und ernsten Tönen, die dem Buch „Nicht springen!“ seinen Schwung gibt. Jens Lossau hat ein Jugendbuch geschrieben, das man auf einen Rutsch lesen kann, ohne dass es einem langweilig wird.

Der 14-jährige Jannik sieht sich als Pechvogel der Nation. Was er auch anpackt, irgendwie entwickelt sich alles zur Katastrophe. Dazu kommt, dass er mit dem neuen Freund seiner Mutter so gar nicht kann und seine neuen Geschwister sind auch alles andere als von ihm begeistert. Es kommt, wie es kommen muss: eine Katastrophe folgt auf die andere. Und Jannik fühlt sich verflucht. Und weil das so ist, will er abtreten. Vorher aber schreibt er seinen Abschiedsbrief – immer und immer wieder geht er im Winter auf den Sprungturm im Freibad und schreibt daran, vor seinem geplanten Abflug. Dass daraus nichts wird, spürt der Leser im Grunde ab der ersten Seite. Und trotzdem (oder vielleicht auch gerade deshalb) macht es Spaß, Jannik zuzuschauen, wie er durchs Leben schlittert. Manches davon war mir dabei etwas zu dick aufgetragen, manches zu slapstickhaft.

Bei all der Unbeholfenheit Janniks schimmert aber immer wieder Ernsthaftigkeit durch. Janniks Probleme sind nicht aus der Luft gegriffen, es sind die typischen Fragen und Schwierigkeiten, die ein 14-Jähriger hat – vor allem dann, wenn er unfreiwillig in einer Patchworkfamilie landet. Janniks Unbeholfenheit zeigt sich vor allem dadurch so deutlich, dass alles aus seiner Perspektive geschildert ist. Er ist es, der mal mehr, mal weniger lockerflockig erzählt, was alles passiert ist – ein Trend, der seit dem Erfolg von „Gregs Tagebuch“ viele Jugendbuchautoren befallen hat. „Nicht springen!“ hebt sich qualitativ etwas ab, da zum Beispiel mit dem Sprungturm ein durchgängiges Motiv vorhanden ist.

„Nicht springen!“ kommt dabei an Bücher wie „Fänger im Roggen“ oder „Perfekt ist jetzt“ nicht heran. Auch ist es kein all-Age-Roman, wie das Buch vom Verlag angepriesen wird. Für einen Roman hätte es doch einiger Seiten mehr und damit einer ausführlicheren Handlung bedurft und die nervig-pubertäre Erzählstimme eines 14-Jährigen fesselt sicherlich nicht alle Erwachsenen. Es ist ein Jugendbuch, nicht mehr und auch nicht weniger.

Jens Lossau:
Nicht springen!

Verlag Digital Publishers,
nur als ebook
erhältlich