Die Sternennacht

Ein Bilderbuch für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen ist Jimmy Liao gelungen. Mit „Die Sternennacht“ hat er ein wunderschönes Werk geschaffen, das man immer wieder lesen und anschauen kann.

Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, freunden sich an. Beide sind Außenseiter. Beide suchen sich ihre eigene Welt, in die sie sich zurückziehen. Zusammen machen sie sich schließlich auf den Weg, weg von der Stadt zum Haus des verstorbenen Großvaters aufs Land, dort fühlen sie sich frei. Gemeinsam betrachten sie den Sternenhimmel der Sternennacht. Der sei hier – so hat es der Großvater gesagt – genau so schön wie auf dem gleichnamigen Bild von van Gogh.

Das Bilderbuch ist melancholisch und hoffnungsvoll zugleich. Während am Anfang die vielen Fenster und Türen, die in den Bildern auftauchen, die Zurückgezogenheit zeigen, das Gesicht des Mädchens in einem Bild voller Herbstlaub fast nicht erkennbar ist, so verändern sich die Bilder im Laufe der Handlung: auf ihrem Weg zum Haus des Großvaters werden die Bilder großformatig, bunt, sind in kräftigen Farben gemalt und ohne Text.

Sowieso braucht Jimmy Liao wenig Worte, um seine Geschichte zu erzählen. Es bleibt bei den Gedanken und Gefühlen, die das Mädchen hat. Und das ist es – neben den Bildern – was das Buch so intensiv wirken lässt.

Jimmy Liao ist in seinem Heimatland Taiwan bereits ein geschätzter Künstler. Sogar ein Museum gibt es über ihn. Mit dem nun auf Deutsch erschienenen Buch „Die Sternennacht“ können wir ihn auch entdecken und uns von ihm fesseln lassen.

 


Jimmy Liao: 

Die Sternennacht 
China-Books 2017
ISBN 9783905816693

Advertisements

Niemals

„Glückwunsch, Frau Aaron: Sie besitzen jetzt zwei Milliarden Dollar.“ Kein alltägliches Geschenk für eine ehemalige Ermittlerin der Berliner „Abteilung“, ein Spezialkommando für die ganz besonderen Einsätze, die wenig bis gar keine Öffentlichkeit vertragen.

Frau Aaron, das ist Jenny Aaron. Seit sie blind ist, ist sie spezialisiert auf Verhöre, arbeitet beim BKA. Und: Schuld an ihrer Blindheit hat eben jener Gangster namens Holm, der ihr nun die zwei Milliarden Dollar vermacht. Bei einer Verfolgungsjagd hat er sie so angeschossen, dass sie erblindete. Und: Holm sagt, dass er weiß, wer ihren Vater auf dem Gewissen hat, wer der „Broker“ ist. Deshalb kehrt Jenny Aaron in Andreas Pflügers neuem Thriller „Niemals“ wieder zur Abteilung zurück, obwohl sie  erblindet ist und eigentlich ein ruhigeres Leben beim BKA hätte haben können.

Trotz aller actiongeladenen Handlung, trotz aller krummen Geschäfte: in „Niemals“ ist Jenny Aaron die Hauptperson. Andreas Pflüger hat sich eine taffe blinde Protagonistin ausgedacht. Eine, die nicht auf Hilfe angewiesen sein will. Eine, die nach einem langen, schmerzhaften Prozess sich neu gefunden hat, ohne sich neu erfinden zu müssen. Jenny Aaron schafft 200 Sit-ups und 50 Liegestützen, bis das Badewasser eingelassen ist.

Wie taff Jenny Aaron ist, zeigt sie auch im Kampf. Was sie durch Blindheit an Nachteil hat, gleicht sie durch andere Sinne aus. Kampftechnik ist ihr Metier. In seinem Thriller macht Andreas Pflüger dabei auch vor grausigen Szenen kein Halt. Gewalt kommt zwar nur an wenigen Stellen im Buch vor, ist dann aber äußerst intensiv beschrieben, für manche sicherlich zu brutal.

Im Vergleich zu seinem Vorgänger „Endgültig“ ist „Niemals“ ein wenig ruhiger geraten. Die Handlung ist nicht mehr ganz so komplex, nicht mehr ganz so actiongeladen. Es wird ermittelt, es gibt Rückblenden, Jenny Aaron bekommt Hoffnung, dass ihre Blindheit nicht von Dauer ist. Das alles führt dazu, dass der Thriller in ruhigeres Fahrwasser gerät. Und das tut gut. Dem Leser, aber auch Jenny Aaron. Sie wird zur Hauptfigur, in ihr kulminiert das Geschehen. Das Ende des Buches ist nicht dann erreicht, wenn der „Broker“ ermittelt und gestellt ist, das Ende des Buches gehört Jenny Aaron.

Niemals“ ist der gelungene Nachfolger von Andreas Pflügers Thriller „Endgültig“ aus dem Jahr 2016. Und doch hat er seine eigene Kontur bekommen. Die Geschwindigkeit ist ein wenig herausgenommen, die Figuren treten etwas mehr in den Vordergrund. Eine gelungene Fortsetzung also.

Ein Zitat aus dem Buch ist hier zu finden.
Die Rezension zum Vorgänger „Endgültig“ ist hier zu finden.


Andreas Pflüger: 
Niemals. Thriller
Suhrkamp-Verlag 2017
ISBN 9783518427569

Andreas Pflüger: Niemals

Zitat

Sie fahren durch die Nacht. Keyes hat nur eine Hand am Steuer, wie bei einer Spritztour. An eine Mauer hat jemand gesprüht: Die Sehnsucht ist ein dunkles Haus, unbewohnt von Anfang an.
Er bemerkt, dass sie auf seinen Oxford-Ring starrt. „Hübsch, oder? Er ist nicht echt.“
„Was bist du unbekümmert“, sagt sie. „Dabei wird es wie ein Wimpernschlag sein, wenn ich dich töte.“
„Wem willst du das weismachen? Du hasst mich so, dass du mich leiden lassen willst. Wie viele tödliche Griffe beherrschst du? Wie grausam könntest du mich sterben lassen?“
„Dafür reicht deine Phantasie nicht aus.“
„Hast du deinem Meister nicht geschworen, diese Techniken nur zur Selbstverteidigung anzuwenden?“
„Für dich werde ich den Schwur brechen.“
„Vielleicht erwägst du auch, mir die Augen auszustechen und mich blind zu machen. Wäre das nicht eine verlockende Strafe? Mit ewiger Finsternis kennst du dich aus.“

Andreas Pflüger:
Niemals. Thriller
Suhrkamp-Verlag 2017

 

Filmtipp: Dengler – Die schützende Hand

Filmtipp für heute Abend, 20.15 Uhr im ZDF: Die schützende Hand, ein Thriller, der den NSU zum Thema hat. Wenn die Verfilmung genauso gelungen ist wie die Buchvorlage von Wolfgang Schorlau, wartet ein spannender Thriller auf uns.  Der Thriller hat die Verstrickungen des BKA und des Verfassungsschutz mit dem NSU zum Thema – aufgerollt wird das Ganze mit den beiden Tätern Mundlos und Böhnhardt, deren Tod von Dengler untersucht wird. Und das nicht immer auf legalem Wege.

Mir hat das Buch von Schorlau ziemlich gut gefallen, da er auch mit Originalzitaten arbeitet und so die Grenze zwischen Realität und Fiktion sprengt.

Hier geht’s zu meiner Rezension von Wolfgang Schorlaus Buch „Die schützende Hand“, die Vorlage des Films.

Hier geht’s zum Film in der ZDF-Mediathek.

Giftzwerg

Mord in einer Kleingartenanlage: In seinem Krimi „Giftzwerg“ nimmt Bernd Mannhardt Berlins Kleingärtner unter die Lupe. Das Ermittlerduo Hajo Freisal und Yasmine Gutzeit haben es dabei nicht einfach: Nicht nur, dass es bei den Laubenpiepern ordentlich knirscht, der Ermordete war alles andere als beliebt. „Giftzwerg“ ist sein Spitzname gewesen.

Freisal und Gutzeit müssen deshalb einiges an Charme aufbringen, um an Informationen zu kommen. Gesprächig sind die Kleingärtner so gar nicht. Jeder hatte sein eigenes Hühnchen mit dem „Giftzwerg“ zu rupfen, jeder hätte einen Grund gehabt, mit dem Giftzwerg abzurechnen. Hinzu kommt noch die alles andere als rühmliche Vergangenheit des Ermordeten. Viel Arbeit also für das gut aufeinander eingespielte Ermittlerduo.

Bernd Mannhardts Krimi „Giftzwerg“ lebt von seinen Figuren. Ihre Marotten wachsen einem ans Herz, zudem liebt Mannhardt die groteske Übertreibung bei der Beschreibung der Schrebergärtner. Hinzu kommen knackige Dialoge, gerne auch berlinerisch. Das alles macht das Lesen zu einem Genuss.


Bernd Mannhardt: 
Giftzwerg
bebra-Verlag 2017
ISBN 9783898095488

Durst

Jo Nesbø hat es mit seinem Thriller „Durst“ geschafft, mich total zu überraschen. Recht schnell scheint klar zu sein, womit es die Polizei zu tun hat: ein ungewöhnlicher Fall eines Vampiristen, der Freude empfindet beim Trinken von Blut.

Um wen es sich bei dem brutalen Serienmörder handelt, wird auch sehr schnell klar, genauer gesagt: nach wenigen Kapiteln ist eigentlich alles geklärt. Eigentlich. Denn der Thriller entwickelt sich dann völlig anders als erwartet. Schnell wird klar, dass der Vampirist irgendwelche Helfer haben muss – allein hätte er seine Verbrechen kaum durchführen können. Und schließlich gerät Harry Hole selbst ins Visier des Vampiristen.

Nicht nur, dass mit dem ehemaligen Polizisten Harry Hole ein kantiger – ehemaliger – Polizist ermittelt, immer wieder gibt es unerwartete Wendungen, die man so gar nicht erwartet hätte. Insgesamt scheint Nesbø  eine diebische Freude daran zu haben, den Leser aufs Glatteis zu führen. Durch den Perspektivwechsel, den Nesbø oft sehr geschickt einfädelt, merkt man oft plötzlich, dass zum Beispiel gar nicht auf Harry geschossen wurde, dass es gar nicht seine Frau war, die vergiftet werden soll und so weiter…

Er ist ein Fuchs, dieser Nesbø, aber gerade deshalb hat mir „Durst“ so gut gefallen. Es war mein erster Harry-Hole-Band, und sicherlich nicht der letzte. Ein Serienmörder, der ein Vampirist sein soll und der vor allem Frauen über eine Dating-Plattform aussucht, ist nun doch etwas ungewöhnlich. Und doch wirkt es bei Nesbø nicht konstruiert oder unglaubwürdig. Nein, Nesbø ist ein Meister des Erzählens in spannenden Wendungen. Und er kann erzählen. Detailliert, witzig, mal rasant, mal in Zeitlupe. Bei den blutrünstigen Morden erzählt er fast zu genau.

Spannend ist auch, wie Nesbø die Personen zeichnet. Kaum einer gewinnt nicht im Laufe des über 600 Seiten starken Thrillers noch eine weitere Facette hinzu. Keiner bleibt das Ekelpaket, als dass er anfangs beschrieben ist, keiner bleibt so gut und makellos, wie es anfangs scheint.

Und so ist man gespannt, wie es weitergehen könnte mit diesen Personen, die einem schließlich ans Herz gewachsen sind. Und ja, „Durst“ ist auf eine Fortsetzung angelegt.

Hier findet sich mein Lieblingszitat aus dem Buch.

Jo Nesbø: 
Durst. Ein Fall für Harry Hole
Harry-Hole-Krimi Band 11 
Ullstein Verlag 2017
ISBN 9783550081729

Jo Nesbø: Durst

Zitat

Mona trat ans Fenster und ließ den Blick über den Frognerpark schweifen. Es waren Wolken aufgezogen. Zwar waren die Wege hell erleuchtet, aber abgesehen davon lag eine beinahe stoffliche Dunkelheit über dem Park. Es war wie in jedem Herbst, bevor das Laub wieder kalt und hart wurde. Von Ende August bis Ende September war Oslo wie ein weiches, warmes Kuscheltier, das einfach nur festgehalten werden wollte.

Jo Nesbø:
Durst. Ein Fall für Harry Hole
Ullstein-Verlag 2017