Das Lied des Hirten

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… Den 23. Psalm kennen die meisten auswendig. Die beiden schreibenden Schwestern Betsy Duffey und Laurie Myers haben nun in ihrem Buch „Das Lied des Hirten“ den bekannten Psalm Vers für Vers mit kurzen, fiktiven Geschichten ausgelegt.

Dazu schicken sie eine Abschrift des Psalms auf Reisen. Der handgeschriebene Psalm von Kate McConnell trifft so Menschen in unterschiedlichen Situationen und unterschiedlichen Ländern und berührt sie – genauer gesagt: jeweils ein Vers des Psalms spricht sie besonders an, bis der Zettel mit dem Psalm am Schluss des Buches wieder bei Kate angelangt.

Der Psalm gibt in diesen Geschichten denen, die ihn finden und lesen Ruhe, tiefen Frieden, hilft dabei, loszulassen. Er stärkt, gibt einen Impuls, etwas im Leben zu ändern. Er versöhnt, lässt Erinnerungen wach werden, ist Trost und Zuversicht. Diese Erfahrung mit dem Psalm werden in den kleinen Geschichten lebendig. Was Wasser für einen Flüchtling bedeutet, was ein gedeckter Tisch „im Angesicht meiner Feinde“ sein kann, was man sich unter einer „erquickten Seele“ vorstellen kann – all das beschreiben die beiden Autorinnen mithilfe ihrer kleinen Geschichten sehr lebendig. Manche der Geschichten haben mich sehr angesprochen, besonders dann, wenn sie eine symbolische Ebene haben, andere habe ich als etwas zu konstruiert empfunden. Insgesamt bieten die 14 Geschichten des Buches aber eine gute Möglichkeit, der Bedeutung der Psalmverse nachzuspüren.

Für Psalm 23 ist meiner Meinung nach der Begriff „Lebenspsalm“ sehr passend – es ist ein Psalm, der einen das ganze Leben lang begleiten kann. Davon zeugt auch „Das Lied des Hirten“.

Mein Tipp dabei: Bevor man die einzelnen Geschichten zu den Versen liest, sich selbst überlegen, was sie bedeuten und was für eine Geschichte dazu passen könnte.

Betsy Duffey und Laurie Myers:
Das Lied des Hirten.
Ein Psalm verändert das Leben von zwölf Menschen

Gerth Medien 2015,
ISBN 9783957340498

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Der den Sturm stillt

Der Schriftsteller Titus Müller, der sich sonst eher mit historischen Themen beschäftigt, hat sich nun biblische Geschichten vorgenommen. In seinem Band „Der den Sturm stillt“ schildert er Begegnungen mit Jesus. Das Besondere daran? Titus Müller erzählt die Geschichten des Neuen Testaments zumeist nicht einfach nach, sondern erzählt sie neu.

Er lässt die Menschen, die Jesus begegneten, zu Wort kommen, stellt ihre Perspektive auf das Geschehen dar. Dadurch wirken die Geschichten zumeist sehr lebendig, man spürt, dass es sich wirklich um Begegnungen handelt.

Manchmal gelingt es Müller dabei, die Geschichten „gegen den Strich zu bürsten“, einen neuen Blickwinkel aufzuzeigen. Am überzeugendsten ist ihm dies meiner Meinung nach bei Judas gelungen: der will selbst das Reich Gottes anbrechen lassen, indem er Jesus verrät – womit Judas aber nicht gerechnet hast ist, dass Jesus sich bei seiner Verhaftung gar nicht wehrt.

Eine interessante Akzentsetzung nimmt Titus Müller auch bei der Auferstehungsgeschichte vor: er deutet sie als Kampf zwischen den Dämonen. Keine klassische Auferstehungsgeschichte also. Allerdings muss ich zugeben, dass mich diese Geschichte so gar nicht überzeugt hat. Natürlich haben mir manche der Geschichten weniger gefallen. Barabbas als Gegenspieler von Pilatus darzustellen, gelingt meiner Meinung nach zum Beispiel nicht.

Ein Gewinn beim Lesen sind Titus Müllers Geschichten aber auch durch die Vielzahl an mitgelieferten Hintergrundinformationen. So erfährt man in der Weihnachtsgeschichte von der Rolle und der (niederen) gesellschaftlichen Stellung der Hirten, in den Passionsgeschichten von den jüdischen Gruppen zur Zeit Jesu. Und auch in den letzten Geschichten des Buches, die von den ersten Aposteln handeln, merkt man, dass Müller gründlich recherchiert hat, nimmt er doch die altkirchliche Sicht auf, dass ein Begleiter des Paulus der Verfasser des Markus-Evangeliums war.

Man kann Titus Müllers Geschichten nicht am Stück lesen – man sollte es auch nicht. Sie entfalten ihre Wirkung gerade dann, wenn man sie eine Weile „sacken“ lässt. Und dann kommt man unweigerlich zu der Erkenntnis: irgendetwas muss an diesem Jesus dran gewesen sein.

Titus Müller:
Der den Sturm stillt.
Begegnungen mit Jesus

Gerth Medien 2015,
ISBN 9783957340412