Das Tortenprotokoll

„Das Torten-Protokoll“ ist ein Buch über das Abschiednehmen. Ein Buch, das in leisen Tönen daherkommt. Eines der besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe!

Friederikes Großmutter ist tot. Und deshalb fährt sie zurück in das Dorf in Österreich, aus dem sie stammt, will von ihr Abschied nehmen. Die Erinnerung an die Großmutter: gespalten. Geliebt fühlte sie sich von ihr nicht. Aber sie genoss die Freiheiten, die sei bei ihr hatte. Zugleich wird Friederike mit ihrer Kindheit, ihrer Jugendzeit konfrontiert. Der Enge des Dorfes hat sie die Uni-Stadt Berlin entgegengesetzt. Dort erst fühlt sie sich frei, nicht eingeengt von dem, was andere von ihr denken. Tobias, ihre Jugendliebe, hat dagegen ihr ein anderes Leben vorgelebt: er ist im Dorf geblieben, hat sich nicht um die Meinung der anderen geschert. Und so muss sich Friederike mit der Frage auseinandersetzen, wo ihre Heimat ist.

Dabei hilft ihr eine Entdeckung im Koch- und Backbuch der Großmutter, dem „Torten-Protokoll“: ihre Großmutter hatte einen Geliebten. Schließlich bleibt ihr nur die Erkenntnis: „Ich muss alles, was ich von ihr weiß, ergänzen. Um ein ganzes Leben muss ich ihre Geschichte ergänzen.“

Grandios ist die Sprache des Buches. Kurze Sätze zumeist, die die Dichte der Gefühle, der Eindrücke, der Erinnerungen wiedergeben. Eine Sprache, die melancholisch und sentimental zugleich sein kann. Sie schwelgt geradezu in Erinnerungen.

Wenig gelungen ist meines Erachtens der Titel des Buches. Unter „Das Torten-Protokoll“ stellt man sich doch eher einen eher seichten Hausfrauenschund vor – und weniger ein Buch mit so viel Tiefgang.

Marianne Jungmaier:
Das Torten-Protokoll

Verlag kremayr scheriau, 2015,
ISBN 9783218009966

Zeitschmelze

Ingo Bernhards Roman „Zeitschmelze“ ist keine leichte Kost. Das im Selbstverlag herausgegebene Buch besteht aus einem Flashback der Hauptperson, Hanno Brandhove. Nach einem Überfall wird er ohnmächtig und Erinnerungen fliegen nur so an ihm vorbei. Das Problem dabei: es brechen in dieser Rückschau eine Fülle an Personen, Orten und Zeiten über den Leser herein. Und so tut man sich beim Lesen recht schwer, Personen zu erkennen und zuzuordnen, Zeiten einzuordnen und Orte zu identifizieren.

Hätte ich dieses Buch nicht in einer Leserunde mit dem Autor gelesen, ich weiß nicht, ob ich über das erste Kapitel hinausgekommen wäre. Vermutlich hätte ich es nach den ersten 30, 40 Seiten frustriert beiseite gelegt.

Dabei gibt es in dem Buch einiges zu entdecken: Hanno Brandhove ist ein Hin- und Hergerissener. Nicht nur, dass er zwischen zwei Frauen schwankt. Brandhove ist auch ein Suchender, einer, der seinen Platz im Leben verloren hat, auch wenn er von außen betrachtet erfolgreich ist, Mitarbeiter im Ministerium. Glücklich scheint er selten zu sein.

Von der Nachkriegszeit bis zu den 1990er Jahren reicht die zeitliche Dimension des Romans, und so ist es eine Lebensbeichte, eine Lebens-Schau, die sich als Flashback abspult. Ein Blick auf das Leben, dessen Ausgang offen ist. Und so ist „Zeitschmelze“ ein typisch postmoderner Roman: eine Lösung, ein happy end gar, gibt es nicht, und auch der moralische Zeigefinger fehlt gänzlich. Dagegen gibt es Anspielungen auf Kunst, Musik, Literatur in Fülle – die Anmerkungen am Schluss des Buches lösen sie dankenswerterweise größtenteils auf.

Was das gesamte Buch durchzieht ist ein genauer Blick auf Stimmungen und Bilder. Der Ton, der angeschlagen ist, wird oft poetisch, sinnlich. Auch der Blick auf die Gebäude, auf die Architektur ist detailliert. Das gleicht aus, dass es bei der Darstellung von Brandhoves Beruf an manchen Stellen Längen gibt, wenn etwa Diskussionen allzu ausführlich wiedergegeben sind. Eindringlich hingegen wirken die Stellen, wo es um die Beziehung Hannos zu seinem Vater und zu seiner Mutter geht.

Ingo Bernhard macht es dem Leser nicht leicht. Zu verworren ist sein Roman zu Beginn. Wer sich aber die Muße nimmt, und sich auf den Roman einlässt, der wird auch belohnt.

Ingo Bernhard:
Zeitschmelze

Selbstverlag/ Amazon Distributions,
ISBN 9783000452833