Kultur

Was ist Kultur? Was soll Kultur sein? Wie entwickelt sie sich? Terry Eagleton geht in seinem Buch „Kultur“ diesen Fragen nach. Ich muss zugeben: ich habe mir etwas anderes von diesem Buch erwartet. Eine Streitschrift, ein Plädoyer. Doch „Kultur“ ist nichts anderes als eine essayistisch verfasste wissenschaftliche Abhandlung, die zudem äußerst schwer lesbar ist.

Bräsig kommt sie an vielen Stellen daher. Die vielen flapsigen Beispiele, die Eagleton, teilweise wohl um zu provozieren, anführt, machen das Buch nur an wenigen Stellen lesenswerter. Was fehlt, ist eine rote Linie, die durch das Buch führt. Es gibt allenfalls Stichwortverknüpfungen an manchen Stellen, eine ausgefuchste Argumentation ist Fehlanzeige. Bei all den Ausführungen, die in die Breite gehen, ist es überhaupt schwer, in „Kultur“ eine Argumentationslinie zu finden.

Da sieht Eagleton kulturpessimistisch den Tod der Geisteswissenschaften am Horizont, unterstellt dem Kapitalismus „Hybridität“, also Vermischung und Pluralität zu forcieren, und kommt zu dem Schluss, dass die Kultur ihre Unschuld verloren habe. Doch was er selbst bei all dem, was er von anderen zitiert und reflektiert dagegensetzt, bleibt verschwommen. Er legt wert darauf, dass es auch eine Notwendigkeit der Einheitlichkeit bzw. Gemeinsamkeit zur Identitätsfindung bedarf, kritisiert die fehlende Diskussion über Solidarität und Gerechtigkeit. In seiner Argumentation gegenüber den romantischen Nationalisten ist Eagleton dann plötzlich die Vielfalt wieder wichtig. Dann hangelt er sich an Edmund Burke, Johann Gottfried Herder und Oscar Wilde entlang, um einen Kulturbegriff des „sozialen Unbewussten“ zu manifestieren, spricht auch von der harmonisierenden Wirkung der Kultur. In den letzten beiden Kapiteln will Eagleton schließlich ein modernes Kulturkonzept beleuchten – doch modern ist daran wenig. Überwiegend geht es um die Industrialisierung und die damit einhergehende Angst vor Kulturverlust.

Als Leser bin ich ratlos zurückgeblieben. Was mir Eagleton sagen will: ich weiß es nicht. So gar nicht.

Sicher, ich bin mehr denn je mir bewusst, dass Kultur ein äußerst vielschichtiger Begriff ist, der kaum fassbar ist. Und ja, dass die Populärkultur zu kritisieren ist, inklusive der Anbindung an kapitalistische Kulturindustrie, ist nichts Neues. Aber was soll nun werden? Mehr Hochkultur will Eagleton nicht. Ein Verzicht auf Massenkultur ebenso wenig. Mehr Werte, ja. Mehr Gerechtigkeit. Vielleicht auch unbewusst im Sinne des „sozial Unbewussten“.

Mag sein, dass Eagletons Buch für Kulturwissenschaftler spannend zu lesen ist mit seiner Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff. Mich hat es nicht angesprochen.

 


Terry Eagleton: 
Kultur
Ullstein-Verlag 2017
ISBN 9783550081705

 

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Ikarus fliegt

Ikarus fliegt“ von Sally Christie hat eine große Stärke: es ist für 12-Jährige aus der Sicht eines Zwölfjährigen erzählt. Keine abgehobene Erwachsenenperspektive prägt das Buch. Alex, die Hauptfigur, schildert seine Sicht der Dinge, und dazu gehört auch, dass er selten so richtig den Durchblick hat.

Während man am Anfang bei „Ikarus fliegt“ noch den Eindruck hat, es handle sich um eine typische Anti-Mobbing-Geschichte, weil Alex ständig darüber philosophiert, auf welche Art und Weise man nicht zum Opfer in der Klasse wird, entwickelt sich das Buch immer mehr zu einer Geschichte um Freundschaft und Mut. Denn ein Mitschüler aus Alex‘ Klasse verteilt heimlich Zettel, die sagen: Ein Junge wird fliegen, wie Ikarus. Und schnell wird klar: Alex‘ Strategie, möglichst nicht aufzufallen, kann bald nicht mehr funktionieren.

Überzeugend ist dabei vor allem die Darstellung, wie zaghaft Freundschaft entsteht. Denn Alex findet heraus, von wem der Zettel stammt und will bei dem Abenteuer Ikarus mitmachen und zwischen den beiden Jungen entsteht nach und nach eine zaghafte Freundschaft. Die Gefahr sieht Alex zunächst nicht.

Dass am Schluss des Buches noch aus einer zweiten Perspektive erzählt wird, um die Handlung zu einer guten Auflösung zu bringen, ist schade. So braucht es doch den deus ex machina, der in die Handlung eingreift. Dabei ist es gerade die Frage, ob der Flug des „Ikarus“ nun gut ausgeht, die für Spannung sorgt. Da bleibt es nicht aus, dass man als Leser ein wenig enttäuscht zurückbleibt.

Fazit: Ein Buch, das für junge Leser bis 12 spannend ist, älteren dürfte die Handlung zu konstruiert und die Charaktere nicht nah genug sein.


Sally Christie: 
Ikarus fliegt
Aladin Verlag 2017 
ISBN 9783848920891

Lügen, die wir uns über Gott erzählen

William Paul Young ist durch sein Buch „Die Hütte“ berühmt geworden. In seinem neuen Buch „Lügen, die wir uns über Gott erzählen“ geht er auf falsche Vorstellungen von Gott ein. Wer seinen Roman „Die Hütte“ gelesen hat, kennt einige davon bereits.

So ist das Buch vor allem für Leser interessant, die bereits „Die Hütte“ kennen. Denn Young geht immer wieder darauf ein, erklärt, wie das Buch entstanden ist, begründet seine Darstellungen. Zudem erfährt man einiges über Youngs Leben, unter anderem wie ihn seine Kindheit mit einem allzu strengen Vater geprägt hat.

Wer sich für diese Hintergründe nicht interessiert, dürfte mit Youngs Buch über weite Strecken nicht allzu viel anfangen. Für mich waren die 28 „Lügen“ über den Glauben, die Young auflistet, selbstverständlich Irrtümer, der Erkenntnisgewinn war daher eher gering. Die meisten Argumentationen Youngs basieren auf der Bestimmung des Menschen  als Beziehungswesen, das Verhältnis zu Gott ein Beziehungsgeflecht. Der Mensch als sündiges Wesen, das sich von Gott trennt? Gott ein Christ? Für Young gehört das zum Glauben seiner Kindheit, den er überwunden hat. Mühsam überwunden hat. Wem eine Selbstverständlichkeit ist, kann Youngs Eifer – wie ich – wohl nicht nachvollziehen bei der Gegenrede.

Manches an Youngs Argumentationen ist für mich gelinde gesagt befremdlich. Wenn er das Wort „Christus“ als verspottende Bezeichnung für Christen darstellt, ohne dabei darauf einzugehen, dass damit der Messias, der Gesalbte, gemeint ist. Ebenso ist verstörend, dass Young behauptet, es gebe im Griechischen kein Wort für Prinzip und Priorität – weil er es in einem Lexikon nicht gefunden hat. Als ob es nicht die Tugend gebe und die Vorherrschaft…

Interessant sind Youngs Ausführungen, wo er sich als Querdenker erweist. So verteidigt er vehement an einigen Stellen, dass dem Menschen Freiheiten geschenkt sind, die Gott akzeptiert – Gott sei ein „fügsamer“ Gott, schreibt Young. Interessant, aber nicht ganz klar sind seine Ausführungen zum Zufall. So wendet er sich vehement gegen die Vorstellung, dass es einen Zufall gebe, wo alles von Gott geschaffen ist, spricht sich aber gleichermaßen gegen die Vorstellung der Vorherbestimmung. Interessant waren für mich auch die Ausführungen zu Jesu Kreuzigung. Zunächst geht Young da der Frage nach, ob Gott die Kreuzigung gewollt habe (seine Antwort: natürlich nicht!) und zum Tod, mit dem eben nicht alles aus sei, sondern ein „heilsamer Prozess“ beginne, der hin zu Gott, zur Liebe, führe. Und dort erst gebe es die Liebe ohne Leiden, in einer Welt ohne Tod. Interessant fand ich auch, wie stark Young verteidigt, dass Gott eben  nicht nur den Christen, sondern der ganzen Welt das Heil bringe. Dies war Young so wichtig, dass er an den Schluss seines Buches eine ganze Beweiskette an Bibelzitaten dazu auflistet.

„Lügen, die wir uns über Gott erzählen“ hat für mich beim Lesen ganz unterschiedliche Seiten gezeigt: streckenweise sehr mühsam zu lesen, mit sich ähnlich wiederholenden Begründungsspiralen, streckenweise aber auch interessant zu lesen, mit Aussagen, die zum Nachdenken anregen.


William Paul Young: 
Lügen, die wir uns über Gott erzählen
Allegria-Verlag (Ullstein) 2017
ISBN 9783793423089

 

Als ich in meinem Alter war

Es ist, als ob man Torsten Sträter lesen hört, wenn man in seinem neuen Buch liest. Die Pausen. Die abgehackten Pointen. Das abrupte Hineinrutschen ins Groteske. Das Lakonische.

Als ich in meinem Alter war“ enthält Sträter-Texte, die teilweise schon etwas älter sind. Viele der Texte dürften eingefleischten Sträter-Fans also schon bekannt sein. Allen voran der Klassiker „Fleischwurst“, in dem Sträter grandios erzählt, wie man ohne Geld eine Fleischwurst kaufen kann und wie man ein Kind in eine Spielhalle schmuggelt.

Sträters Texte sind zumeist durchkomponiert, mit – mindestens – einer Pointe und Querverweisen innerhalb des Textes. Dabei sagt Sträter über sich: „Wissen Sie, ich bin ein ganz schlichter Vogel. Grade was Komik angeht.“  Der trockene Humor Sträters und die Mischung von Komik und Kabarett machen ihn so lesens- und vor allem hörenswert.

Allerdings verliert das Buch im zweiten Teil etwas. Die hohe Qualität der Texte ist hier nicht mehr durchgängig da. Vor allem die Texte zum Thema Sport sind nicht so recht gelungen, und die Qualität der Texte sinkt manchmal vom abstrus Komischen zum Albernen ab. Auch seine Texte als „Pressesprecher“ haben bei mir oft nur ein leichtes Lächeln hervorgerufen. Das wird allerdings im Buch ausgeglichen durch überraschend ernsthafte Texte mit einem Anliegen wie zum Beispiel die Texte „Darmspiegelung“, „Flüchtlingsgesetz“ und „Pegida“  („nichts weiter als eine Butterfahrt des Hasses“) aus dem Jahr 2015.

„Als ich in meinem Alter war“ bietet eine gute Mischung an Texten Sträters, die sich zwischen Alltagsproblemen und Weltkrisen bewegen. Wenn auch nicht alle Texte gleichermaßen ausgefeilt sind: lesenswert.

 


Torsten Sträter:
Als ich in meinem Alter war
Ullstein-Verlag 2017
ISBN 9783548377001

Leere Herzen

Ihre Herzen sind leer. Lahmgelegt von dem gesellschaftlichen Überdruss. Desinteresse und Lethargie herrschen vor bei den Menschen im Deutschland des Jahres 2025, das Juli Zeh in ihrem neuen Roman „Leere Herzen“ ausmalt. Politik ist zur lästigen Nebensache geworden. Nachdem Angela Merkel den Posten der Bundeskanzlerin an Regula Freyer von der Besorge Bürger Bewegung (BBB) abgegeben hat, ist Deutschland wie erstarrt. Ein Effizienzpaket nach dem anderen hebelt die Demokratie aus.

Zeitungen? Gibt es kaum noch. Dafür aber ein Grundeinkommen, das alle zufriedenstellt. Und um die, die nicht zufrieden sind, kümmert sich die Partei der BBB. Die Anspielungen auf die AfD lassen sich kaum übersehen. So ist „Leere Herzen“ in erster Linie ein politisches Buch, in zweiter Linie ein Roman und zuletzt auch ein Thriller.

Das politische Buch ist ein Appell, sich einzumischen. Moralingetränkt kommt der Schluss daher, dieses „Empört euch! Mischt euch ein! Demokratie muss man ertragen!“ der Juli Zeh. Britta, die Hauptfigur des Werkes, erkennt, dass man mit Zynismus und Nüchternheit die Welt nicht verändern kann. Und: dass es möglich ist, die Welt zu ändern. Mit ihrer Dystopie will Zeh keinen Blick in die Zukunft wagen, sondern den Blick auf die Gegenwart lenken. Daher stört es auch nicht, dass Zehs Zukunftsvision eher zufällig und sporadisch wirkt, wenig durchdacht. Hier und da erfährt man etwas von den Veränderungen, die Deutschland umwälzen. Oft wird es nur am Rande erwähnt.

Mit ihrem Roman fährt Juli Zeh dabei mehrgleisig. Da ist zunächst die Welt zweier Familien, die gegensätzlicher nicht sein könnten. So erinnert der Anfang des Romans ein wenig an Juli Zehs Roman „Unterleuten„. Die kleine Welt der Familien wird geschildert. Hier ist Zeh eloquent und prägnant wie eh und je.

Doch kommt in ihrem Roman „Leere Herzen“ eine weitere Welt hinzu: Britta und ihr Geschäftspartner Babak leiten die Therapie-Praxis „Die Brücke“ für Selbstmordgefährdete. Und sie schlagen Kapital aus ihrer Praxis. Denn wer nicht heilbar ist, wird an Organisationen weitervermittelt, die Selbstmordattentäter suchen. Ein lukratives Geschäft. Die hohe Erfolgsquote dieses Unternehmens lässt Britta ein finanziell sorgloses Leben führen. Für sie zählt das Geschäft, ein schlechtes Gewissen hat sie nicht.

Allerdings endet mit einem versuchten Selbstmordattentat im Leipziger Frachtflughafen ihre Sorglosigkeit. Das waren keine von ihren Leuten. Immer mehr festigt sich in Britta die Gewissheit, dass es sich dabei nicht nur um Konkurrenz handelt, sondern dass „Die Brücke“ vernichtet werden soll. Sofort machen sich Britta und Babak daran, unter Beweis zu stellen, dass mit ihnen zu rechnen ist… Doch können die beiden nur darüber rätseln, wer denn nun gegen sie agiert. Spätestens hier wird aus dem Roman ein Thriller, ein Katz-und-Maus-Spiel mit ungewissem Ausgang.

Doch drei Dinge sind zwei zu viel. Dem politischen Roman fehlt es an substanzieller Gesellschaftskritik, dem literarischen Roman an Ausgestaltung und dem Thriller an Komplexität der Handlung (und an einem glaubwürdigen Ende). So sehr mir vieles in dem Roman gefallen hat: ein rundes Ganzes ist er für mich nicht.

Hier steht mein Lieblingszitat aus dem Buch über die Stadt Braunschweig.

Meine Rezension von Juli Zehs Roman Unterleuten, der mir zugegebenermaßen deutlich besser gefallen hat, ist hier zu finden. 


Juli Zeh: 
Leere Herzen
Luchterhand-Verlag 2017
ISBN 9783630875231

Luthers Trostkiste

Luthers Trostkiste“ heißt das neue Buch von Ralf Lengen. Darin gesammelt: Tipps und Tricks, wie man mit dem Reformator Martin Luther leichter Krisen überwinden kann.

Dass Luther nicht nur ein tröstender Ratgeber war, sondern auch selbst Trost gebraucht hat, macht Ralf Lengen am Anfang seines Buches deutlich. Nicht nur, dass Luthers Gesundheit nicht immer zum Besten stand, auch die Angriffe seiner Gegner (und auch aus den eigenen Reihen) setzten dem Reformator zu.

Spannend zu erfahren war dabei, dass Luther selbst Freunde bat, ihm Trostbriefe zu schreiben – wie er selbst auch in seinen Briefen immer wieder Trost spendete.

Ralf Lengen machte sich nach Luthers Trost auf die Suche in seinen Werken. Und was er fand ist ganz beachtlich: 28 Tipps und Tricks sind in dem locker gestalteten Buch versammelt. Von der Empfehlung, dankbar zu sein, das Tageslicht zu suchen bis hin zu der Aufforderung, Vergebung anzunehmen reichen Luthers Ratschläge. Auf je eine Doppelseite hat Lengen ein Zitat Luthers und eine kurze inhaltliche Einordnung beschränkt. Herausgekommen sind so kurze, knackige Ratschläge.

Lesen sollte man „Luthers Trostkiste“ am besten dann, wenn man gerade keinen Trost nötig hat. Denn Lengen will ja nicht selbst trösten, sondern Ratschläge für schlechtere Zeiten mit auf den Weg geben.

 

Ralf Lengen: 
Luthers Trostkiste
Leichter Krisen überwinden mit dem Reformator
Edition Meistertricks 2017
ISBN 9783945788073

Stoner

Ein wenig wirkt er aus der Zeit gefallen, der Roman „Stoner“ von John Williams. 1965 erstmals erschienen, ist er jetzt bei der Deutschen Verlagsanstalt erneut aufgelegt worden – und erscheint zum ersten Mal auf Deutsch. Die Kritik der großen Zeitungen war überschwänglich, und auch mich hat der Roman in seinen Bann gezogen.

Nicht dass irgendetwas Außergewöhnliches an dem Buch wäre. Es wird erzählt, nüchtern, zurückhaltend. Fast ohne zu kommentieren schildert uns der Erzähler das Leben eines Kolosses, das Leben des William Stoner.

„Der alte Mann und sein Stolz“ hätte das Buch auch heißen können. Denn William Stoner ist einer, der Zeit seines Lebens Stolz und Würde nicht verliert. Dabei läuft in seinem Leben nur wenig glatt. Das Landwirtschaftsstudium gibt er zugunsten der Literatur auf, wird schließlich Professor für englische Literatur an seiner Universität, ohne dass er eine Karriere anstrebt. Stoner ist einer, der darauf wartet, dass die Dinge auf ihn zukommen, der nur wenig selbst in die Wege leitet. Und er ist einer, der sein Leben immer wieder als Prüfung sieht. Von seiner Ehefrau, die ihn schikaniert, trennt er sich nicht, obwohl sie ihre Tochter immer mehr von ihm zu entfremden versucht und obwohl er eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit einer Doktorandin hat. Seine Stellung an der Universität gibt er nicht auf, wechselt nicht an eine andere Uni, als ein ehemaliger Freund gegen ihn zu intrigieren beginnt und ihm jede Menge Steine in den Weg legt.

Ja, William Stoner hätte sein Leben einfacher haben können. Aber er ist nicht der Typ, der Problemen aus dem Weg geht. Er sitzt sie aus. Würde der Roman heute geschrieben, so würde Stoner wohl mit großem Abgang fulminant scheitern oder eben überraschend siegen. Nichts dergleichen geschieht in diesem Roman. William Stoner zieht – man erlaube mir diesen schrägen Vergleich – immer weiter seine Runden, schwimmt unaufhörlich weiter, egal ob es hohen Wellengang gibt oder ob er in flaches Wasser gerät. Einer also, der sich treu bleibt. Der sich nicht verbiegt.

Kann dieser William Stoner glücklich sein? Als Leser kommt man immer mehr ins Zweifeln. Während man anfangs noch glaubt, dass Stoner seine Berufung in der Literatur – und in der Lehre – gefunden hat, trotz seiner Strenge seinen Studenten etwas mitgibt, wird er immer kauziger, resigniert in seiner Ehe, lässt es zu, dass seine Tochter ihm immer fremder wird, weil die eigene Ehefrau sie gegen ihn ausspielt.

Was ist dieser Stoner für ein Kerl, fragt man sich als Leser unentwegt. Mal schüttelt man über ihn den Kopf, mal ist man stolz auf ihn, dass er sich nicht beugt, mal hat man Mitleid mit dem alten, kranken Mann, der so oft hintergangen wird –  und so wird Stoner immer mehr zum Koloss, den man von allen möglichen Seiten betrachtet und der einen trotzdem Rätsel aufgibt.

Das Hörbuch bringt das Stoische, das Stoner innewohnt, gut zum Ausdruck. Der Stimme von Burghart Klaußner, der das Buch ungekürzt liest, mangelt es nicht an Kraft und Stärke, doch ist sie sparsam eingesetzt. Es gibt kein übertriebenes Auskosten der grotesken Szenen, kein melancholisches Wehklagen. Nüchternheit und Klarheit prägen das Hörbuch. Und so muss es bei diesem „Stoner“ auch sein.

John Williams: 
Stoner 
ungekürzte Lesung
Audio-Verlag 2014
ISBN 9783862314638