Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint

Was für ein Titel – Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint. Wer sagt so etwas von sich? Ein Mann, der von seiner Freundin betrogen wurde und nun überlegt, was er vom Leben noch will. In Bernhard Blöchls Buch heißt dieser Mann Knoppke. Kurz und knapp. Ja, seinen Vornamen erfährt man auch noch, wichtig ist der aber nicht. Denn Knoppke ist Knoppke. Knurrig, mürrisch, wortkarg.

Von seiner Freundin Silvi enttäuscht, macht sich Knoppke auf gen Schottland. Dort wollte er schon immer mal hin. Und jetzt will er erstmal zurück auf null. Ruhe, Einsamkeit, Zeit zum Nachdenken. Dass daraus erst einmal nichts wird, dafür sorgt Sam, eine Tramperin, die einfach so in Knoppkes Auto sitzt. Einfach so? Für den grummeligen Knoppke verläuft seine Schottland-Reise anders als gedacht. Statt die Einsamkeit zu zelebrieren, wird Knoppke von seiner Reisebegleiterin ganz schön gefordert. Und je länger Knoppke unterwegs ist, umso mehr verändert sich sein Leben. Nicht durch die Einsamkeit, sondern durch die Begegnung mit anderen Menschen in den Highlands. Das Glück der anderen trifft Knoppke mit voller Wucht. Was will man mehr von einer Reise?

Besonders gefallen hat mir an dem Buch einmal die muffelige Hauptfigur Knoppke. Er hat Charakter, man kann sich an ihm und an der Art, mit dem Leben umzugehen, reiben. Fast schon ein Anti-Held. Ein verschlossener Typ, der die kurzen Sätze mag. Kurz und prägnant: so mag er es. Kurz und prägnant sind auch seine Sätze.

Dagegen wirkt Bernhard Blöchls Erzählstil fast schon ausladend, verschachtelt. Mit viel Witz erzählt Blöchl seine Geschichte von einem, der sein Leben neu ordnet. Das wenigste ist dabei, dass die Handlung hin und wieder groteske Züge bekommt. Vor allem ist es der Sprachwitz, die Ironie, die schrägen Formulierungen, die wiederkehrenden Lebensweisheiten á la Knoppke wie etwa „Glück kann, muss aber nicht“ , die den Reiz des Buches ausmachen.

Bernhard Blöchl:
Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint
Piper-Verlag 2017
ISBN 9783492060752

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Umweg nach Hause

Benjamin Benjamin hat Pech im Leben: von seiner Frau verlassen, stürzt er ab. Schließlich nimmt er die Stelle einer Pflegekraft an und lernt so den 19-jährigen Trev kennen, der an Muskeldystrophie leidet. Als Trevs Vater bei einem Unfall verletzt wird, machen Benjamin und Trev sich auf den Weg zu ihm ins Krankenhaus, nach Utah. Und hier beginnt das Roadmovie, das nicht nur Benjamin, sondern auch Trev dazu zwingst, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Nicht noch ein Roadmovie, mag man da denken. Und ja, so ist es. Es ist eben noch ein Roadmovie, noch eine dieser Geschichten, bei denen man unterwegs ist, um unterwegs zu sein und so skurrilen Leuten zu begegnen, die allesamt irgendwie schrullig-sympathisch sind und ihre eigene Geschichte mit sich schleppen. Benjamin ist unterwegs, weil er über die Trennung von seiner Frau nicht hinwegkommt (und weil es einen Fahrer braucht). Trev ist unterwegs, weil er endlich mal raus muss aus seinen vier Wänden. Dot ist unterwegs, weil sie endlich mal raus wollte aus ihren vier Wänden. Peach ist unterwegs, weil Elton das will. Elton ist unterwegs, weil er einen verschrobenen Plan hat. Und es kommt, wie es kommen muss: Irgendwann sind dem Leser die Mitfahrer deutlich sympathischer als die Protagonisten selbst.

Mein Gefühl beim Lesen war, dass alles  vor sich hin dümpelt. Es gibt zwar einzelne Spannungsbögen wie z.B. ein unbekanntes Auto, das immer wieder auftaucht, und auch die Vorgeschichte von Ben, von der immer mehr deutlich wird, dass es ein konkretes Ereignis gegeben haben muss, das zur Trennung führte. Aber das fesselt den Leser nicht, es fehlt der Tiefgang. Etwas ärgerlich ist, dass die Reise erst etwa bei der Hälfte des Buches beginnt und die Handlung zuvor letztlich ohne große Bedeutung ist für die Reise.

Auch sprachlich hat mich das Buch nur teilweise überzeugt. Ein Beispiel für die schrägen Metaphern, die vorkommen: „Ich reagiere nicht mehr auf Gezwitscher, auf den Ruf von lächelnden Gesichtern und offenen Kaminen und gemütlichen Wohnzimmern. Ich werde kein Nest mehr zwischen Rosenblüten bauen. Zu viele Dornen.“ Was für Gezwitscher? Vogelgezwitscher? Geplapper? Und was ist ein Ruf von offenen Kaminen? Und wie will man bitte ein Nest zwischen Rosen bzw. genauer zwischen Rosenblüten bauen? Was für ein Unsinn!

Fazit: Ein mittelmäßiges Buch mit mittelmäßiger Handlung, in mittelmäßiger Sprache verfasst.

Jonathan Evison:
Umweg nach Hause

Kiepenheuer & Witsch 2015,
ISBN 9783462046595

Der algerische Hirte

Ein Kommissar auf der Flucht – und auf der Suche nach dem Mörder seines besten Freundes. Davon handelt der rasante Kriminalroman von Wolfgang Haupt.

„Ein algerischer Hirte“ hat – wie es der Titel schon andeutet – Algerien als Thema, genauer gesagt: den Konflikt zwischen Frankreich und Algerien in den 1970er Jahren. Denn als Kommissar Ranfort verdächtigt wird, seinen Freund Auguste ermordet zu haben, wird schnell klar, dass Auguste in den 1960er und 1970er Jahren tief in den Algerienkrieg verstrickt war.

Da Ranfort sich an nichts erinnern kann, was in der Nacht als Auguste starb geschehen ist, macht er sich auf die Suche nach dem Mörder seines Freundes. Schließlich begibt sich Ranfort auf die Spuren von Auguste in Algerien und auf die Suche nach dessen Mörder. Zunächst will Ranfort nur seine Unschuld beweisen, doch immer mehr kommt er in den Strudel aus Vertuschung, Täuschung und Schuld, der ihn aus seinem alten Leben wirft.

Auf zwei Handlungseben schildert der absolut lesenswerte Kriminalroman das Geschehen. Ranforts Flucht wird immer wieder unterbrochen durch Berichte aus der Zeit des Algerienkonflikts. In diesen Texten zeigt Wolfgang Haupt die Brutalität des Krieges und des Terrors. Es wird fast ohne Unterlass gemordet, eine Autobombe folgt der nächsten. Wer nicht mehr mitmachen will, gerät unter die Räder. Bei diesen Textstellen wirkt die nüchterne, abgehackte Sprache Haupts umso intensiver. Ein Beispiel: „Er legt das Gesicht auf den Kolben des schweren Maschinengewehrs und kneift das Auge zusammen. Er schwenkt den Lauf hin und her, der erste Kopf rollt Richtung Brunnen. Er ist sehr klein und kaum behaart.“ Eine Sprache, die zu den Soldaten und Untergrundkämpfern passt. Denn ein Leben außerhalb dieser Strukturen ist ihnen fremd.

„Der algerische Hirte“ ist ein Kriminalroman, in dem sich die Toten nicht mehr zählen lassen. Darauf muss man sich als Leser einlassen können. Es ist keine Detektivgeschichte, bei der sich der Leser mit auf die Suche nach dem Mörder begibt. Es ist ein Kriminalroman, der mehr sein will. Ein untypischer Krimi, auch was das Ende angeht. Aber das sei hier nicht verraten.

Wolfgang Haupt:
Der algerische Hirte.
Kriminalroman
ebook Ullstein midnight, 2014

Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht

Ria auf der Suche nach sich selbst – so hätte der Titel dieses Buch von Jenny Bünnig auch lauten können. Und es wäre vielleicht ein besserer Titel gewesen. Denn der Spagat zwischen lustigem Roadmovie und ernsthaftem Entwicklungsroman gelingt nur teilweise. Der Kontrast, der ja bereits auf dem Cover zwischen Titel und Bild sichtbar wird, besteht zwischen dem Abenteuer, in das sich vier Rentnerinnen, alle über 70, stürzen, und der Selbstfindung der jüngeren Protagonistin namens Ria. Die vier betagten Frauen wollen beenden, was in ihrem Leben noch offen geblieben ist. Da gibt es noch offene Rechnungen, alte Verletzungen, Lebenslügen und erste Lieben, die von ihrem Glück so gar nichts wissen. Zu dieser Gruppe agiler Frauen stößt die Studentin Ria, Mitte 20, dazu. Nach dem Tod ihres Vaters ist sie aus dem Takt geraten und braucht für sich eine Auszeit.

Das  Reiseabenteuer quer durch Europa ist schön, ist nett zu lesen – aber für ein richtig gutes Buch reicht das nicht. Zu schemenhaft sind die einzelnen Charaktere, zu abrupt die Handlung. Natürlich: jede der Damen hat ihre eigene Macke, und das macht sie rundum sympathisch. Dagegen könnte Ria eine Handlung, eine Entwicklung in das Buch hineinbringen – allein: es gelingt nicht. Es gibt vielerlei Anspielungen im Laufe der Fahrt, hinter denen aber keinerlei Geheimnis steckt – dass Rias Vater gestorben ist, weiß man von Anfang an. Warum sie sich mit ihrer Mutter nun nicht mehr versteht, bis sie sich entscheidet, zu ihr zurückzukehren – weshalb überhaupt eine Studentin zu ihrer Mutter zurückkehren will – all das bleibt im Dunkeln. Die Entwicklungsgeschichte ist im Grunde genommen eine oberflächliche Sinnfindung, denn schließlich entscheidet Ria vieles aus dem Bauch heraus, ohne dass es lange vorbereitet ist. Gut angelegt ist, dass sich einige der Lebensgeschichten der betagten Damen letztlich mit Rias Flucht und Selbstfindung  einiges spiegelt, wenn es auch nur angedeutet ist.

Bei aller Kritik: Die Sprache des Buches ist angenehm zu lesen, Jenny Bünnig versteht etwas von ihrem Handwerk. Nur die Umsetzung hat mich nicht ganz überzeugt.

Jenny Bünnig:
Es muss dunkel sein, damit man die Sterne sieht

Verlag LangenMüller 2014,
ISBN 9783784433448