Der seekranke Walfisch

Wenn einer sich auf Reisen begibt, kann er allerlei Kurioses erleben. Davon erzählt Ephraim Kishon in seinen Reisegeschichten, die ihn nach Italien, in die Schweiz und nach Amerika führen. Gesammelt sind die Satiren Kishons in dem Hörbuch „Der seekranke Walfisch“. In gekonnt grotesker Weise erzählt Kishon von seinen skurrilen Erlebnissen. Dabei ist sein häufigstes Stilmittel das der Übertreibung.

Natürlich nimmt Kishon die italienische Bürokratie auf die Schippe. Natürlich findet sich in der sauberen Schweiz kein einziger öffentlicher Mülleimer, und das Entsorgen des Schokoladenpapiers erweist sich als fast unmöglich. Natürlich hat es seinen Grund, weshalb der Führer durch das Tal der Millionen Schmetterlinge kein Honorar möchte. Natürlich ist es gar nicht so einfach, die passenden Souvenirs für die Freunde daheim zu finden – vor allem dann nicht, wenn man das am letzten Tag des Urlaubs machen muss. Natürlich bringt der Kauf eines Gebrauchtwagens in den USA so einige Schwierigkeiten mit sich. Die Parkplatzsuche in New York sowieso. Überhaupt gibt es jenseits von Europa, der „knarrenden Wiege der westlichen Kultur“, die kuriosesten Erlebnisse des Israeli auf Reisen.

Auch wenn es das Hörbuch „Der seekranke Walfisch“ nur noch antiquarisch zu kaufen gibt, gehört es doch zu den hörens- und lesenswerten Textsammlungen Kishons. Wem groteske, übertreibende Texte gefallen, für den bieten die Reiseberichte „Der seekranke Walfisch“ eine gelungene Unterhaltung.

Ephraim Kishon: 
Der seekranke Walfisch. 
Satirische Geschichten 
gelesen von Harald Juhnke 
ascolto Hörbuch 2007

Herr Schreiber blockiert

Herr Schreiber schreibt nicht. Dafür macht er sich Gedanken. Jede Menge Gedanken. Und Herr Schreiber sucht nach Inspirationen. In seinem 50-minütigen Monolog lässt Schreiber den Zuhörer an seinen Versuchen teilhaben, zum Schreiber zu werden. Zwischen den unterschiedlichsten Themen und Selbstbeschauungen springt Herr Schreiber dabei hin und her.

So lernen wir Rudolf den Pavian kennen. Doch dem scheint nicht genug literarisches Potenzial innezuwohnen, um Herrn Schreiber zum Schreiben zu bringen.  Wir lernen Schreibers geschiedene Frau Renate kennen, wie auch seinen Vermieter, der nicht nur auf eine Monatsmiete wartet. Doch Schreiber der Humorist hat keinen Erfolg. Außer in seiner Stammkneipe, wo er als vielbeschäftigter Literat gilt. Doch wenn Schreiber Papier anfasst, blühen an seiner Hand Warzen. Kein gutes Omen für die angestrebte schriftstellerische Karriere.

Schreibers skurrilen Gedanken zu folgen, ist beste Unterhaltung. Wenn er sein Gehirn brain stormen lässt, lernt man die Sahara-Silberameise kennen und ist dabei wenn Schreiber ausgehend von Milan Kundera seinen großen Liebesroman von Horst und Sybille planen will. Für einen Quartalssäufer wie Schreiber kein leichtes Unterfangen. Horst und Sybille? Aber ja doch. Das ideale Liebespaar.

Herr Schreiber blockiert“ ist voller Sprachwitz, origineller Ideen, kurzum: es ist eine knappe Stunde bester Unterhaltung!

Bernd Mannhardt
Herr Schreiber blockiert
Eine Poeten-Posse
gelesen von Matthias Ernst Holzmann
Hörmal!-Verlag 2017

Nur ein kleiner Gefallen

Emily und Stephanie sind Freundinnen. So ist es selbstverständlich, dass Stephanie hin und wieder auf Emilys Sohn Nicky aufpasst. Das scheint nur ein kleiner Gefallen zu sein. Doch als Emily eines Tages ihren Sohn nicht mehr abholt und vermisst wird, setzt Darcey Bell in ihrem Buch „Nur ein kleiner Gefallen“ eine Ereigniskette in Gang, die immer neue Wendungen hervorbringt.

Als Zuhörer wird man immer vorsichtiger, wem man überhaupt noch glauben soll. Geschickt setzt Darcey Bell die verschiedenen Sichtweisen zusammen. Während anfangs nur Stephanie spricht (und ihr Blog vorgelesen wird), kommen nach und nach weitere Sichtweisen hinzu, allen voran Emily. Mal tappt der Leser so im Dunkeln, mal weiß er mehr als einzelne Protagonisten. Dass die Erzählerstimme ihre Artikulation kaum verändert, verhindert nicht, dass man als Zuhörer immer misstrauischer wird. Sich von dem, was die einzelnen Personen sagen und denken, kann man sich bald nicht mehr einlullen lassen. Sympathisch ist einem keine der Figuren in „Nur ein kleiner Gefallen“.

Allerdings schießt mir Darcey Bell deutlich übers Ziel hinaus, denn die Handlung und die Handlungsweisen der Protagonisten werden von CD zu CD immer unwahrscheinlicher.  „So dumm kann niemand sein“, habe ich mir beim Zuhören immer wieder gedacht, denn das Hörbuch wirkt gerade zum Schluss hin immer konstruierter und die Protagonisten handeln gelinde gesagt sehr, sehr unrealistisch und sind kaum bis gar nicht veränderungsfähig. Man könnte fast sagen, dass das Hörbuch gut in unser postfaktisches Zeitalter passt. Beabsichtigt dürfte das wohl aber nicht sein.

 

Darcey Bell: 
Nur ein kleiner Gefallen
gekürzte Fassung 

Verlag HarperCollins/Lübbe Audio 2017
ISBN 9783961080274

Der Pfau

Isabel Bogdans „Der Pfau“ ist eine kurze Geschichte über ein abseits gelegenes Landgut in Schottland, auf dem sich eine Gruppe von Bankern zu einem Mitarbeiterwochenende einmietet.

Während dieses Wochenendes geschieht gleichwohl so einiges Vorhersehbares wie auch Unvorhergesehenes. Dass die Gruppe plötzlich eingeschneit ist, gehört zu den harmloseren Ereignissen. Im Zentrum der Handlung steht ein Pfau, der die lästige Angewohnheit hat, alles, was die Farbe blau hat, zu attackieren – egal, ob es ein Stück blaues Papier ist oder das blaue Auto eines Gastes. Und eben jener Pfau bringt das Seminar der Banker zum Teambuilding ziemlich durcheinander. Mehr Handlung gibt es nicht.

Isabel Bogdans „Der Pfau“ ist leichte Lektüre und zum Hörbuch bestens geeignet. Was das Buch hörenswert macht, sind die Irrungen und Wirrungen, die der Pfau verursacht, sodass am Schluss jeder eine andere Sicht auf das Geschehene hat und nur der Zuhörer die ganze Wahrheit kennt. Es ist also nicht die Handlung – die ist banal! – oder gar die Sprache, die das Hörbuch hörenswert macht, es sind die kleinen Verstrickungen und Sticheleien, die für einen Hörgenuss sorgen. Vor allem das, was nicht gesagt wird, sorgt für kurzweilige Unterhaltung.

Isabel Bogdan: 
Der Pfau
argon Hörbuch 2016
ISBN 9783839814581

Jacobs Zimmer

Virginia Woolf hat mit „Jacobs Zimmer“ einen experimentellen Roman vorgelegt, der als Hörspiel umso stärker wirkt. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird das Leben von Jacob Flanders beleuchtet. Es sind kleine Einblicke in Flanders‘ Leben, die puzzleartig am Schluss eine Charakterstudie abgeben.

Zunächst ist Flanders ein neugieriges Kind, das eine Muschel untersucht, dann ist er Student in Cambridge und bewundert die Stille einer Kathedrale. Schließlich reist der junge Mann durch Italien und Griechenland, wirkt ruhe- und rastlos, so wie er sich in die antiken Autoren vertieft. Und zuletzt erlebt er noch den Ausbruch des ersten Weltkriegs, wo sich Jacobs Spur verliert.

Faszinierend ist die Erzählperspektive und Erzählweise des Textes. Der Leser wird unweigerlich zum Beobachter, der den Blick immer wieder auf Jacob legt und sieht, was Jacob sieht, ja: der Leser sieht, wie Jacob die Welt sieht. Dabei kommt bei Virginia Woolf der Wortwitz auch nicht zu kurz. Über Griechenland beispielsweise wird gesagt: „Eine Illusion – und auf so was basiert die ganze Bildung bei uns“. Ein Seitenhieb auf den britischen Premierminister muss sein… Sprachlich gibt es immer wieder wunderschöne Formulierungen, zum beispiel als Jacob durch die politische Lage alles andere als gut gelaunt ist: „Seine Stimmung ist so abgrundtief düster, dass man meinen könnte, sie hätte in ihm gelauert, um ihn bei erstbester Gelegenheit zu überfallen.“

Die Machart des Textes erleichtert das Lesen nicht gerade. Dem Hörspiel gelingt es, durch die unterschiedlichen Stimmen und die musikalisch ausgefüllten Pausen die verschiedenen Orte und Zeiten voneinander abzugrenzen.

Sympathie für Jacob Flanders stellt sich jedoch auch beim Hören des Hörspiels nicht ein. Es bleibt der forschende, untersuchende Blick auf Flanders, das Sezieren eines Lebens. Dabei ist er keine außergewöhnliche Persönlichkeit, eher „gelangweilt, ein wenig heiter“.

Virginia Woolf:
Jacobs Zimmer
Hörspielbearbeitung und Übersetzung: Gaby Hartel 
Hörverlag/Bayerischer Rundfunk 2013
ISBN 9783844511192

Das Hörspiel ist auch auf den Seiten des Bayerischen Rundfunks als Download im Internet zu finden, nämlich hier.

 

 

Orlando. Eine Biographie

Der Klassiker „Orlando“ von Virginia Woolf als Hörspiel – das ist das gelungene Werk des Bayerischen Rundfunks. Es ist eine vorsichtige Bearbeitung, die den Text im Zentrum belässt und ihn hier und da mit Hintergrundgeräuschen untermalt oder mit Klaviermusik zum Klingen bringt.

Das Spiel mit der Biographie Orlandos, die die Zeitspanne von 300 Jahren umfasst und Orlando von einem Mann zu einer Frau werden lässt, gewinnt in dieser Hörspielfassung an Lebendigkeit. Das Spiel mit dem allwissenden Erzähler – und damit das Spiel mit dem Leser, das Virginia Woolf betreibt, der Wechsel von Ort und Zeit, all das tritt durch die Hörspielfassung deutlicher zutage. Die sehr detaillierten Beschreibungen, die vielen literarischen Anspielungen verlangen ein sehr konzentriertes Zuhören. Bei manchem Kapitel war ich überrascht, was ich alles beim ersten Hören überhört hatte. Für den, der „Orlando“ zum ersten Mal kennen lernen will, eignet sich daher vielleicht doch das Buch eher als die Hörspiel-Fassung.

 

Virginia Woolf:
Orlando. Eine Biographie
Bayern2/Hörverlag 2013
ISBN 9783844513806
Wer sich das Hörspiel online anhören will, ist beim Bayerischen Rundfunk richtig.

Heute ist morgen schon gestern

„Heute ist morgen schon gestern“ – das sind Poetry-Slam-Texte über Gott und die Welt. Marco Michalzik gibt sich dabei eher als ein Suchender, weniger als ein Findender. Er spricht darüber, dass man Gottes Größe so gar nicht begreifen und erst recht nicht beweisen kann, dass er aber dennoch sich von Gott getröstet weiß.

Das ist für mich das Spannende an Michalziks Texten: sie stellen Fragen und wünschen sich doch Antworten. In „Es war einmal“ wird das mit am deutlichsten: Jedes Leben sollte doch wie ein Märchen sein – und am Ende gut ausgehen, wünscht sich der Autor. Doch ob es wirklich so ist, bleibt als offene Frage im Raum. Neben der Hoffnung, die vor allem in den ersten Liedern der CD immer wieder zum Thema wird, gibt es auch eher melancholische Lieder über Trennung, Leid und Schmerz. Besonders gelungen ist das Lied „Nachtwache“, das von der unerträglichen Stille handelt. Darin heißt es zum Beispiel: „Nur ein Wort! Egal welches! Mehr musst du ja gar nicht sagen. Nur ein Wort, um nicht noch länger die Stille dieses Zimmers zu ertragen und allein zu bleien mit den Fragen, auf die sie keine Antwort haben.“

Während es in den ersten und letzten Liedern um die eigene Gefühlswelt geht, sind im Mittelteil Lieder über Menschenhandel, die Anschläge von Paris und die Flüchtlingshilfe zu finden. Ein wenig wirken sie wie ein Fremdkörper. Als „moderne Psalmen“, wie es der Verlag tut, würde ich Michalziks Lieder nicht bezeichnen. Nichtsdestotrotz kann man die meisten von seinen Liedern mehrmals, nein, immer wieder anhören. Je nach Laune und Stimmung, in der man ist.

Marco Michalzik feat. Pala Friesen:
Heute ist morgen schon gestern.
Poetry Slam-Texte über Gott und die Welt
Gerth Medien, ISBN 9783957341549