Glücksmädchen

„Glücksmädchen“ von Mikaela Bley ist ein Psychothriller, der seinen Namen auch verdient hat.

Das spurlose Verschwinden eines 8-jährigen Mädchens bringt die Kriminalreporterin Ellen Tamm um den Verstand. Sie, die den Tod ihrer Zwillingsschwester nie überwunden hat, stürzt sich in den Fall, als handle es sich um ihr eigenes Kind. Je länger das Mädchen vermisst wird, umso mehr verliert Ellen ihre Professionalität. Für Ellen geht es immer mehr um ihre eigene Vergangenheit, um den Tod ihrer Schwester, für den sie sich die Schuld gibt.

Mit Ellen Tamm ist eine Frau Hauptfigur, die alles andere als perfekt ist. Ihre Beziehungen sind gescheitert, in schwierigen Situationen sucht sie Trost im Alkohol und wie besessen macht sie sich allein auf die Suche nach dem verschwundenen Mädchen.

Die genauen Zeitangaben im Buch lassen die Anspannung spüren, unter der alle stehen. Alle, das sind neben Ella der Vater, die Mutter, Stiefmutter´, ein Polizist, ein Tennislehrer und das Kindermädchen. Die wenigen Personen, die in „Glücksmädchen“ eine Rolle spielen, lassen das Geschehen umso intensiver wirken, weiß man doch so gut wie immer, was sie tun. Gekonnt legt Mikaela Bley falsche Fährten und verwirrt hin und da den Leser. Da nach und nach aufgedeckt wird, was am Tag des Verschwindens geschah, will man das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen.

 

Mikaela Bley:
Glücksmädchen

Ullstein-Verlag 2017,
ISBN 9783548288444

Endgültig

Andreas Pflügers Thriller „Endgültig“ hat eine besondere Ermittlerin als Hauptperson: Jenny Aaron ist eine Karrierefrau: mit 25 Jahren wurde sie in eine Sondereinheit des BKA berufen, heute ist sie die einzige blinde Fallanalytikerin und Vernehmungsspezialistin Deutschlands. Entstanden ist mit Jenny Aaron eine selbstbewusste Frau, die sich in der Männerdomäne eines Sondereinsatzkommandos behaupten muss. Würde uns Pflüger nicht immer wieder darauf hinweisen, könnte man glatt vergessen, dass Jenny Aaron blind ist. Denn das, was sie nicht sehen kann, kann sie mit ihren anderen Sinnen wahrnehmen. Dem Nachwort zufolge hat es sich Pflüger nicht leicht gemacht, sich für eine blinde Ermittlerin als Hauptfigur zu entscheiden. Und weil Pflüger wohl damit gerechnet hat, dass man ihm diese blinde Jenny Aaron, die sich so gut im Leben zurechtfindet, nicht abnimmt, verweist er in seinem Nachwort auf seine Recherchen, was Blinde alles (erreichen) können.

Für mich war diese blinde Protagonistin der Reiz des Thrillers. Nicht nur, dass es interessant ist zu lesen, wie eine blinde Frau sich zurechtfindet. Es ist auch spannend, wie der Autor mit diesem Thema umgeht. Immer wieder spielt er mit dem Leser, indem er beschreibt, was Jenny Aaron sieht – und man muss sich immer wieder klarmachen: so stellt sie es sich vor…  Auch Zeitsprünge und eingeschobene Träume lassen einen beim Lesen immer wieder stutzen.

Die Handlung selbst entwickelt sich immer mehr zu einem Duell zwischen zwei Kontrahenten: Aaron und Holm, ein überraschend gebildeter Mörder, mit dem Aaron es in einem früheren Fall zu tun hatte. Zum Schluss hin gewinnt die Handlung dadurch rasant an Fahrt. Spannend ist, wie sich die verschiedenen Erzählfäden immer wieder miteinander verbinden und immer mehr Zusammenhänge zwischen den einzelnen Personen und Ereignissen deutlich werden. Und langsam, sehr langsam, wird auch Holms Strategie aufgedeckt.

Nicht nur was die Sprache des Thrillers angeht, auch in Blick auf die Vielzahl an Personen, die vorkommen, ist „Endgültig“ anspruchsvoll. Ein wenig ist mir Jenny Aaron zu sehr als Heldin stilisiert und auch die Handlung ist an manchen Punkten zu unglaubwürdig, vor allem dann, wenn die Figuren wieder einmal die Gedanken der anderen lesen können. Trotzdem: „Endgültig“ ist ein großartiges Buch!

Andreas Pflüger:
Endgültig. Thriller

Suhrkamp-Verlag 2016,
ISBN 9783518425213

Salziges Blut

Als Andrea, von Beruf Polizistin, zu einer mit Säure verätzten Leiche gerufen wird, fällt ihr sofort die eintätowierte Fünf auf. Eine Fünf, die auch ihr Freund Felix als Tätowierung hat. Zufall? Wohl kaum. So eine Jugendgang, längst vorbei, wiegelt Felix ab. Doch mit einem Mal gerät Felix‘ Leben völlig aus den Fugen. Während er noch herausfinden will, welcher seiner Freunde das Opfer sein könnte, schlittert er immer mehr in eine Geschichte aus Drogen, Macht und Verrat. Doch was hat dies alles mit seiner Jugendzeit zu tun? Und was weiß Darius, Mitglied der „Gang of Five“, ein Junkie auf Pervitin?

Aus verschiedenen Perspektiven wird die Handlung vorangetrieben, bis es am Schluss in Serbien zum Showdown kommt. Ein actionreiches Ende, so viel sei verraten, das mit sehr, sehr zufälligen Zufällen aufwartet.

Was Wolfgang Haupts Krimis und Thriller ausmacht, ist neben der geschickten Anordnung der Erzählebenen des Plots die Versiertheit seiner Sprache. Nicht nur der österreichische Dialekt macht das Buch lesenswert – Schimpfworte wie Ruaß, Gschwerl oder Krätzen, Ausrufe wie „Dem Ärgste, Oida“ gehören einfach dazu. Es ist vor allem das Talent von Haupt, durch Sprache Spannung zu erzeugen. Bereits der Fund der Leiche zu Beginn des Buches wird beschrieben, als gehe es um Leben und Tod. Haupt kann genau beschreiben und er kann intensiv beschreiben.

Dazu kommt auch noch eine gehörige Portion Humor. Kostprobe gefällig? Bitte sehr: Zitat. Alles in allem also ist „Salziges Blut“ absolut lesenswert!!!

Wolfgang Haupt:
Salziges Blut. Thriller

Midnight bei Ullstein,
ebook, 2015,
ISBN 9783958190399

Natchez Burning

Jede Menge alte Verbrechen, die aufgeklärt werden sollen, jede Menge Ungerechtigkeiten durch Rassendiskriminierung, jede Menge Korruption, jede Menge Verstrickungen in Schuld und dazu ein paar Libeleien – das braucht es schon bei einem Wälzer von 1000 Seiten. Und das hat Greg Iles‘ „Natchez Burning“ alles zu bieten.

Das zentrale Thema von „Natchez Burning“ sind Morde, die von einer Splittergruppe des Ku-Klux-Klan, den Doppeladlern, vor 40 Jahren begangen wurden. Und je älter die Mörder von damals werden, umso mehr heftet sich der Journalist Henry an ihre Fersen. Wer nichts mehr zu verlieren hat, legt ja vielleicht seine Lebensbeichte ab? Doch die alten Seilschaften scheinen noch zu funktionieren – nach und nach sterben alle, die sich auf ein Interview mit Henry einlassen. Aber wer hat die schwer schwer kranke Viola umgebracht? War es Sterbehilfe ihres früheren Geliebten? Oder doch ein Racheakt der Doppeladler?

Greg Iles gelingt es in seinem Buch, ein Dickicht unterschiedlicher Personen und Handlungen zusammenzustellen, das unentwirrbar wirkt. Selbst wer auf welcher Seite steht, ist nicht immer eindeutig zu bestimmen. Immer wieder nimmt die Handlung unerwartete Wendungen, und selbst wenn man über die Hälfte des Buches hinter sich hat, tauchen doch noch neue Figuren auf.

Durch die aktuellen Rassenunruhen in den USA ist das Buch leider wieder sehr aktuell geworden. Allerdings, muss man sagen, wird in dem Buch weniger nach Ursachen von Rassendiskriminierung geforscht –  ein politisches Buch ist „Natchez Burning“ in keiner Weise. Es ist vielmehr ein Roman, der die Frage nach Schuld, Verantwortung und Sühne aufwirft – vor dem Hintergrund von Rassenhass und Rassendiskriminierung. Die politischen Anspielungen, wie etwa dass die Morde an John F. Kennedy oder Martin Luther King die Doppeladler für sich reklamieren, wirken eher aufgesetzt als dass damit ein politisches oder gesellschaftliches Statement verbunden wäre.

„Natchez Burning“ ist ein spannendes Buch mit äußerst lebendigen und teilweise recht kantigen Hauptpersonen. Aber wenn in einer ARD-Vorabendserie pensionierte Polizisten wieder ermitteln – warum nicht auch Rentner von Natchez aus auf geheime Missionen schicken? Auch Rentner können noch kraftvoll morden – und wenn  nicht, übernehmen das ihre Enkel  :-).

Was mir an dem Buch nicht gefallen hat, ist dass sehr vieles über Dialoge erzählt wird – dadurch wirkt die Handlung teilweise recht zäh, wenn dem Leser Bekanntes zum Beispiel in Gesprächen mehrfach aufgegriffen und von Neuem erzählt wird. Außerdem sind am Schluss die wenigsten Fragen wirklich geklärt. Zwei Fortsetzungsbände sind bereits geplant!

Greg Iles:
Natchez Burning

Verlag rütten & löning, 1007 Seiten,
ISBN 9783352006814

Unland

Unland ist ein spannendes Buch. Eines, das einen nicht mehr so leicht loslässt. Dabei beginnt alles ganz harmlos: Die 14-jährige Franka kommt von Berlin in eine Wohngemeinschaft in dem kleinen Dorf Waldburgen. Sieben Kinder leben mit den Heimeltern in dem Haus, jedes mit einem eigenen Packen, das es zu tragen hat. Nach und nach kommen ihre traurigen Geschichten zum Vorschein.

Da Franka wie ein Junge aussieht, wird sie zunächst von den Dorfbewohnern misstrauisch beäugt und in der Schule gehänselt. Das Mädchen lässt sich davon aber nicht unterkriegen – und ist dem Leser von Anfang an sympathisch. Doch bald schon geschehen ungewöhnliche Dinge und die Bewohner der Wohngemeinschaft geraten unter Verdacht. Aber auch die Bewohner von Waldburgen, so scheint es, haben etwas zu verbergen. Ein geheimnisvolles Gebiet befindet sich hinter Waldburgen, Ruinen hinter einem Elektrozaun. Etwas, worüber man lieber nicht spricht. Das müssen Franka und ihre Freunde untersuchen! Doch wer hier einen Krimi erwartet, wird am Schluss des Buches ordentlich überrascht. Nichts ist, wie es aussieht. Mehr sei an dieser Stelle aber nicht verraten! Nur eins vorweg: Man hat das Bedürfnis, über diesen Schluss mit jemand anderem zu reden, er lässt einen nicht so schnell los.

Fazit: Antje Wagner gelingt es in ihrem Jugendbuch, das auch für Erwachsene absolut lesenswert ist, die Personen mit ihren kleinen Macken lebendig werden zu lassen und ordentlich Spannung zu erzeugen.

Antje Wagner:
Unland
bloomsbury,
ISBN 9783833350528
Inzwischen ist auch eine preisgünstige Taschenbuchausgabe bei Gulliver erschienen.