Gedichte vom Sein

Manchmal, ja manchmal schimmert bei Christa Müllers Gedichten durch, was die Kraft der Lyrik vermag: irritieren, stutzig machen, verblüffen. Es sind gerade die kurzen, scheinbar dahingeworfenen Gedichte, bei denen das gelingt. „Erste Liebe“ zum Beispiel. „Kopf in den Wolken / Phantasie treibt Rosen“ beginnt das Gedicht und endet mit der Feststellung „die Füße tanzen / zu dir„. Ja, so geht Poesie. Aussagekräftige Bilder, die einen stolpern lassen.

Angestrengt wirken die Gedichte dann, wenn sie zwanghaft gereimt und schlecht aufs Metrum getrimmt sind. Man verheddert sich beim Lesen nur so in den Zeilen – und das ist keineswegs beabsichtigt. „Fühlen, Riechen, Schmecken / Was machen daraus wir Kecken?“ wird da gereimt um des Reimes willen. Dann wiederum wird „steh’n“ auf „sehen“ gereimt, wo man doch einfach „stehen“ hätte schreiben können.

Beim Metrum sieht es nicht besser aus. Da beginnt es schön regelmäßig im Trochäus „Tastest durch den dunklen Raum“ um dann völlig aus dem Takt zu geraten: „Orientierung findest du kaum“. Dazu kommen noch die vielen Satzumstellungen, die die Gedichte wohl lyrisch wirken lassen wollen. „Die Kinder sich freuen“ wird da der Satz schnell mal umgestellt. Freilich: lyrisch ist das nicht, es ist einfach nur sperrig. Manche der Gedichte wirken zudem wie Gelegenheitsgedichte, „Fröhlichen Advent“ und „Deine Hochzeit“ zum Beispiel.


Christa Müller:
Gedichte vom Sein

Book on demand,
ISBN 9783739256269

Die schönsten deutschen Weihnachtsgedichte

Dünn wirkt es und unscheinbar, das kleine Büchlein des Jazzybee-Verlags. Und doch hat Bändchen eine stattliche Anzahl an Weihnachtsgedichten in sich.

Knapp 120 Weihnachtsgedichte auf 100 Seiten – das bedeutet aber auch, dass die Seiten recht eng bedruckt sind, alles andere als ein Augenschmaus ist auch das Layout – die Gedichttitel gefolgt vom Autor in Klammern fett, dann zentriert im Flattersatz die Gedichte. Schön geht anders.

Gelungen hingegen ist die Auswahl der Gedichte. Da gibt es die Klassiker, die jeder aus Kindheitstagen kennt wie „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ und „O Tannenbaum“. Dazu kommen Gedichte bekannter Autoren, die man so nicht auf dem Schirm hat. Joachim Ringelnatz‘ Gedicht „Weihnachten“ zum Beispiel, das wunderschön endet: „und das alte Lied von Gott und Christ / bebt durch Seelen und verkündet leise, / daß die kleinste Welt die größte ist“. Neben solch eher fromme Gedichte sind aber auch freche „Ausreißer“ gestellt. Klabunds „Die heiligen drei Könige“ zum Beispiel, in dem die drei Könige so gar nicht königlich sind. Dort heißt es: „Der erste, der hat den Kopf voll Grind, / Der zweite ist ein unehlich‘ Kind“, währen der dritte sich „gebratene Würst“ wünscht.

Anderes kommt dagegen schmalzig daher: „Schau, im Himmel und auf Erden / glänzt der Liebe Rosenschein: / Friede soll’s noch einmal werden / und die Liebe König sein!“ (Christnacht von Robert Eduard Putz).

Es lässt sich also so manches entdecken in dieser Sammlung von Weihnachtsgedichten. Freilich wird einem das Suchen nicht leicht gemacht. Die Reihenfolge der Gedichte ist grob thematisch – vom Weihnachtsmann über Bescherung und Weihnachtsbaum hin zur Stillen Nacht. Einen alphabetischen Index oder gar ein Quellenverzeichnis sucht man vergeblich. Auch wann die Gedichte entstanden sind, hätte doch ergänzt werden sollen.

Jazzybee Verlag (Hg.):
Die schönsten deutschen Weihnachtsgedichte

Jazzybee-Verlag 2014,
ISBN 978384966993

Eis bricht leis

Gedanken zwischendurch – so könnte man die sechs Gedichte von Florian Vetsch und Hadayatullah Hübsch, die in dem kleinen Heftchen des Gonzo-Verlags abgedruckt sind, vielleicht am besten charakterisieren.

Die Gedichte hätten am Anfang des zweiten Gedichtbands der beiden Schriftsteller stehen sollen, nach dem Gedichtzyklus „Round & Round & Round“ aus dem Jahr 2011.Nach Hadayatullah Hübschs Tod im Jahr 2011 sind nun diese sechs fertiggestellten Gedichte separat veröffentlicht worden.

Drei jeweils aufeinander bezogene Gedichtpaare sind dabei entstanden: Winter time und Tief im Winter, Wetterbericht und Reime, Fiktion und Fiktion II. Hadayatullah Hübsch wirkt dabei wie der Ideengeber, der ein Bild in den Raum wirft, und gleich darauf das nächste hinterherschickt. Florian Vetsch greift einzelne davon auf, zum Teil kommentierend. Was bei Hübsch „Die Sprache im Eimer“ heißt, wird bei Vetsch zu „Allah warf in die Weltenmitte die / Sprache & sie zersplitterte zu / 1000 Scherben / Die nicht zueinander / Passen wollten“. Und wenn Hübsch dazu aufruft, „Dass wir zu Wachhunden werden / Inmitten der Schlafenden“, kontert Vetsch „Warum nicht ein Schläfer / Eine tickende Zeitbombe?“.

Zugegeben: Die Gedichte selbst haben mich nicht wirklich angesprochen. Was aber diese allzu kleine Gedichtsammlung ausmacht, sind weniger die Gedichte als solche, sondern vielmehr ihr Aufeinanderbezogensein.

Florian Vetsch & Hadayatullah Hübsch:
Eis bricht leis

Verstreute Gedichte II,
Gonzo-Verlag 2013, 8 Seiten (!!),
ISBN 9783944564050

Ach ja: am einfachsten ist das Heftchen direkt über den Gonzo-Verlag zu bestellen …

Yahya Hassan: Gedichte

Yahya Hassans Gedichte sprühen nur so vor Energie. Der dänische Schriftsteller mit palästinensischen Wurzeln hat sich mit seinen Gedichten so einiges vom Leib geschrieben. Dazu passt, dass sie allesamt in Großbuchstaben geschrieben sind. Die Gedichte sind eine Abrechnung mit der Familie, vor allem mit dem gewalttätigen Vater, eine Abrechnung mit dem Islam. Sie sind eine Beschreibung des sozialen Brennpunkts von Aarhus, eine Beschreibung der Welt von Drogen und Kleinkriminalität.

Die Gedichte sind grob chronologisch angeordnet. Sie beginnen mit der Kindheit, mit der Abrechnung mit dem Elternhaus. Da ist der gewalttätige Vater, der die fünf Kinder regelmäßig schlägt, vielmehr: sie verprügelt. Und da ist der Vater, der regelmäßig am Freitag in die Moschee geht. Bigotterie, Verlogenheit, Pharisäertum – so würden wir das wohl nennen. Im Gedicht ist der Vater in der Moschee ein anderer als zuhause. Und so kommen bei der Beschreibung der Kindheit auch leise Töne zum Vorschein, wenn etwa eine Libelle auf dem Arm des Vaters landet: „ICH ABER BIN STOLZ AUF DICH / WIE DU DA STEHST UND HALAL GRILLST / NICHT NUR EIN FLÜCHTLING MIT VOLLBART UND JOGGINGKLUFT / JETZT LANDET EINE LIBELLE AUF DEINEM ARM“.

Solche sanften Bilder fehlen in den Gedichten, die folgen. Es sind Gedichte, in denen vom Selbstmordversuch der Mutter geredet wird, von des Vaters „Kauf“ der nächsten Ehefrau übers Internet, dem nächsten Kopftuch. Von dem Versuch, die neuen Geschwister vor der Gewalt des Vaters zu schützen, vom Leben im Heim, genauer gesagt: vom Leben in Heim um Heim. Mit der Entfremdung von der Familie geht auch die Entfremdung von der Religion einher: Auf die Feststellung „FRÜHER DA HAB ICH GESCHWOREN AUF KORAN / ABER JETZT DA SCHWÖR ICH AUF MEIN GOTTLOSIGKEIT“ folgt eine Kriegserklärung mit Worten gegen die Familie: „UND JEDENFALLS STECH ICH EUCH NIEDER / EINEN NACH ANDEREN / ICH BIN DER WAHNSINNIGE SOHN“.

Und doch unterscheidet sich dieser Sohn nicht von seinen Brüdern und Cousins, mit denen er Einbrüche verübt, die er im Gefängnis wiedertrifft, mit denen er sich prügelt.

Am Schluss des Gedichtbandes steht das „Langgedicht“, in dem auf 32 Seiten letztlich alles verdichtet versammelt ist, wovon zuvor die Rede war.

Was dem Band fehlt, sind Worterklärungen arabischer Wörter sowie dänischer Orte und Namen.

Yahya Hassan spricht (und schreibt) eine sehr direkte Sprache: radikale Urteile, vulgäre Sprache – das gehört zu seinen Gedichten dazu. Ob er mit seinen Gedichten aufrütteln will? Wohl kaum. Er will wohl eher provozieren. Und das ist ihm auch gelungen.

Yahya Hassan:
Gedichte
Ullstein-Verlag, 2014,
ISBN 9783550080838