Durst

Jo Nesbø hat es mit seinem Thriller „Durst“ geschafft, mich total zu überraschen. Recht schnell scheint klar zu sein, womit es die Polizei zu tun hat: ein ungewöhnlicher Fall eines Vampiristen, der Freude empfindet beim Trinken von Blut.

Um wen es sich bei dem brutalen Serienmörder handelt, wird auch sehr schnell klar, genauer gesagt: nach wenigen Kapiteln ist eigentlich alles geklärt. Eigentlich. Denn der Thriller entwickelt sich dann völlig anders als erwartet. Schnell wird klar, dass der Vampirist irgendwelche Helfer haben muss – allein hätte er seine Verbrechen kaum durchführen können. Und schließlich gerät Harry Hole selbst ins Visier des Vampiristen.

Nicht nur, dass mit dem ehemaligen Polizisten Harry Hole ein kantiger – ehemaliger – Polizist ermittelt, immer wieder gibt es unerwartete Wendungen, die man so gar nicht erwartet hätte. Insgesamt scheint Nesbø  eine diebische Freude daran zu haben, den Leser aufs Glatteis zu führen. Durch den Perspektivwechsel, den Nesbø oft sehr geschickt einfädelt, merkt man oft plötzlich, dass zum Beispiel gar nicht auf Harry geschossen wurde, dass es gar nicht seine Frau war, die vergiftet werden soll und so weiter…

Er ist ein Fuchs, dieser Nesbø, aber gerade deshalb hat mir „Durst“ so gut gefallen. Es war mein erster Harry-Hole-Band, und sicherlich nicht der letzte. Ein Serienmörder, der ein Vampirist sein soll und der vor allem Frauen über eine Dating-Plattform aussucht, ist nun doch etwas ungewöhnlich. Und doch wirkt es bei Nesbø nicht konstruiert oder unglaubwürdig. Nein, Nesbø ist ein Meister des Erzählens in spannenden Wendungen. Und er kann erzählen. Detailliert, witzig, mal rasant, mal in Zeitlupe. Bei den blutrünstigen Morden erzählt er fast zu genau.

Spannend ist auch, wie Nesbø die Personen zeichnet. Kaum einer gewinnt nicht im Laufe des über 600 Seiten starken Thrillers noch eine weitere Facette hinzu. Keiner bleibt das Ekelpaket, als dass er anfangs beschrieben ist, keiner bleibt so gut und makellos, wie es anfangs scheint.

Und so ist man gespannt, wie es weitergehen könnte mit diesen Personen, die einem schließlich ans Herz gewachsen sind. Und ja, „Durst“ ist auf eine Fortsetzung angelegt.

Hier findet sich mein Lieblingszitat aus dem Buch.

Jo Nesbø: 
Durst. Ein Fall für Harry Hole
Harry-Hole-Krimi Band 11 
Ullstein Verlag 2017
ISBN 9783550081729

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Vaters unbekanntes Land

Die Idee des kretischen Labyrinths hat mich an Bernhard Stäbers Kriminalroman „Vaters unbekanntes Land“ fasziniert. Da drapiert ein Mörder den Kopf seines Opfers in der Mitte von einer Labyrinth-Installation in einer Ausstellung von Kunststudenten. Und ausgerechnet Arne Eriksen, ein Deutscher mit norwegischen Wurzeln, soll bei den Ermittlungen zu diesem Mordfall helfen, der selbst gerade erst Hals über Kopf Deutschland verlassen hat, um auszuspannen und erst einmal alles hinter sich zu lassen.

Wie es der Zufall so will: Arne trifft auf die Polizistin Kari, die in dem Mordfall ermittelt und die Polizeipsychologen sind nicht einsatzbereit. So wird aus dem Berliner Psychologen Arne und der norwegischen Polizistin Kari ein gutes Ermittler-Gespann. Da es sich bei dem Toten um den Sohn des Zeitungsmagnaten Tverdal handelt, gestalten sich die Ermittlungen alles andere als einfach.

Erst als ein weiterer Sohn Tverdals ermordet wird, kommt Bewegung in den Fall und aus dem sich eher langsam entwickelnden Kriminalroman wird zum Ende hin tatsächlich doch noch ein Thriller. Bernhard Stäber lässt seine Protagonisten langsam in den Fall hineinwachsen und nimmt den Leser so mit auf die Reise nach Norwegen.

Er hat sich dabei viel vorgenommen: ein ermittelnder Psychologe, der selbst eine therapeutische Behandlung braucht, Arnes Vorgeschichte, ein Ausflug nach Nordnorwegen ins Gebiet der Samen. Da bleibt es nicht aus, dass manches etwas zu kurz kommt, wie zum Beispiel die sehr kurze Kurztherapie von Arne oder der grantelnde Vorgesetzte von Kari, der doch etwas schemenhaft bleibt wie auch die anderen ermittelnden Polizeibeamte.

Fazit: ein spannender Krimi, der langsam beginnt und rasant endet.

Bernhard Stäber:
Vaters unbekanntes Land

Lyx/Egmont-Verlag,
ISBN 9783802595790

Der norwegische Gast

Ein Zug verunglückt, knapp 200 Passagiere müssen in einem nahegelegenen Hotel im norwegischen Bergdorf Finse notdürftig unterkommen. Durch einen schweren Sturm sind sie von der Außenwelt abgeschnitten und warten auf ihre Evakuierung.

Die Reisenden auf dem Weg nach Bergen hatten Glück im Unglück – nur der Lokführer starb bei der Entgleisung des Zuges. Doch dann geschieht im Hotel Mord um Mord.

Die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen ist auch in dem Zug und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei ist sie alles andere als eine Powerfrau: nach einem Schusswechsel sitzt sie im Rollstuhl, und besonders gewieft wirkt sie anfangs so gar nicht. Im zweiten Teil macht sie dies jedoch durch zahlreiche analytische Gedankengänge wieder etwas wett … Freilich wirkt sie dadurch auch kühl und unnahbar.

Motive gibt es zunächst einmal so gut wie gar keine: die Reisenden gehören zu ganz unterschiedlichen Gruppen: da gibt es die Staatskirchenkommission, den Ausreißer, zudem noch geheimnisvolle Mitfahrer in einem extra angehängten Waggon – sind es wirklich Mitglieder der norwegischen Königsfamilie, wie es manche Mitreisende zu wissen glauben? Gier und Verrat, wie es einer der Ermordeten behauptet hat  – sind das wirklich die Motive der Morde?

Als Buch mag das Buch vielleicht etwas langatmig wirken, weil die Handlung im Hotel sehr gering ist. Jedoch wirken die verschiedenen Personen, die im Hotel unfreiwillig zusammenwohnen, so lebendig, dass sie die fehlende Handlung gut wettmachen.

Ein spannendes Hörbuch, dessen Schluss wie ein Miss-Marple-Film wirkt, wenn Hanne Wilhelmsen den Fall vor allen Anwesenden Stück für Stück aufklärt.

Anne Holt:
Der norwegische Gast,
Sprecher: Ulrike Grote, 386 Minuten, HörbuchHamburg, Piper