Unsere Mütter, unsere Väter

Der Krieg wird unseren Charakter verderben – so lautet die Prophezeiung Friedhelms in dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Und so tritt es dann auch ein.

So zeigt der erste Teil des Filmes, was der Krieg aus den Menschen macht. Er beginnt im Jahr 1941: fünf Freunde treffen sich, um ihren Abschied zu feiern. Ihre Verabredung: sie treffen sich an Weihnachten wieder. Die zwei ungleichen Brüder Wilhelm und Friedhelm ziehen gemeinsam in den Krieg gegen Russland. Sie stehen jeweils prototypisch für den Umgang mit den Gräueln und Schrecken des Krieges: die kühle, ignorierende und die emotionale, zweifelnde Reaktion. Während Wilhelm, der Offizier, anfangs über den Umgang mit Zivilisten schockiert ist, nimmt er es doch hin und macht seinen Job. Sein Bruder Friedhelm, der Gefühlvollere, verzweifelt mehr und mehr an seiner Rolle im Krieg. Er ist nicht fürs Militär gemacht, geht am Soldatenleben immer mehr zugrunde und provoziert immer wieder sein Schicksal. Und doch ist er es, der andere in den Tod schickt. Bräuchte es noch einen Beweis, dass der Krieg kein reinigendes Stahlgewitter ist: dieser Film lieferte ihn.

Nicht ganz so plastisch wird das Leben in der Heimat geschrieben. Greta, die eine Gesangskarriere in Angriff nimmt, versucht ihren Freund Viktor, ein Jude, zu retten, während ihre Freundin Charlotte genau das Gegenteil tut. Beide scheitern gleichermaßen und leben in ihren je eigenen Lebenslügen. Auch das, das Scheitern-Müssen in dieser Welt oder zumindest in dieser Zeit des Krieges, ist ein Thema des Films.

Der Film spielt so subtil, erzählend, mit Gegensatzpaaren, dass es in keiner Weise plump oder aufgesetzt wirkt. Es ist vielmehr beklemmend zu sehen, wie jeder einzelne der vier Freunde an dieser Zeit, an diesem Krieg zugrunde geht. „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist keine Dokumentation über die Zeit des Nationalsozialismus. Im Zentrum steht schlichtweg die Frage, was die Versuchung des Bösen mit den Menschen macht. Der Film legt seinen Fokus auf das Menschliche, Allzumenschliche.


Unsere Mütter, unsere Väter
ZDF-Dreiteiler 
Teil 1 (Eine andere Zeit), Teil 2 (Ein anderer Krieg) und Teil 3 (Ein anderes Land) 
ZDF 2013

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Olive Kitteridge (DVD)

Olive Kitteridge“ – über diese Miniserie über die gleichnamige Frau bin ich zufällig gestolpert – und bin absolut fasziniert davon. In kleinen Episoden (Gesamtlänge: 230 Minuten) wird das Leben der pensionierten Mathematiklehrerin beleuchtet. Dabei gelingt es dem Film, eine Frau, die unnahbar ist, Gefühle nicht zulässt, Pflicht als oberste Tugend sieht, in all ihrer Brüchigkeit lebendig werden zu lassen.

Man könnte sagen, Olive Kitteridge ist eine alte, böse Frau geworden. Doch das passt nicht, denn Olive ist nicht erst im Alter streng und zynisch geworden. Sie wirkt vielmehr so, als ob sie noch nie im Leben ein bisschen Mitleid für andere empfunden hat. Und so passt sie gut in die Landschaft, in die sie hineingeboren wurde: an der rauen See ist das einzige Vergnügen, das sie hat, sich um ihre Pflanzen zu kümmern. Die Tulpen sind ihr ein und alles – keine davon würde sie abschneiden und gar verschenken.

Es ist – neben der brillanten schauspielerischen Leistung von Frances McDormand als Olive Kitteridge – diese Bildsprache, die die Miniserie so sehenswert macht. Es sind komponierte Bilder, die mehr zeigen als die Personen sagen können.

Vorlage des Films ist der gleichnamige Roman von Elizabeth Strout. Allerdings hat die Regisseurin Lisa Cholodenko die Handlung ziemlich zusammengestampft und sich auf einen zentralen Handlungsstrang konzentriert: das Leben von Olive Kitteridge. Die Frage, die man sich als Zuschauer immer wieder stellt ist die: Was treibt diese Frau an? Man kann nicht in sie hineinsehen. Man kann nicht einmal über sie sagen, dass sie verbittert ist – auch wenn sie immer wieder so wirkt. Sie lebt ihr Leben, weil es eben zu leben ist. Sie führt ihre Ehe fort bis zum Tod ihres Ehemanns, weil sie ihn eben geheiratet hat. Basta. Sie scheint nicht um ihren Mann zu trauern, seinen Tod nimmt sie eben hin. Doch immer wieder gerät ihre Festung ins Wanken, durch ihren liebevollen, gutmütigen Mann, aber vor allem in der Auseinandersetzung mit ihrem Sohn. Da bringt ihr Mann ihr einen Strauß Blumen mit, mit einer Karte, um sie zu überraschen – und Olive liest die Karte, bedankt sich und gibt ihm den Strauß wieder. Man weiß nicht: kann Olive nicht würdigen, was ihr Mann für sie tut oder gefällt ihr diese Art von Geschenk nicht? Auch wenn Olive später ihren Sohn besucht, fällt es einem schwer zu unterscheiden, wo sie sich einfach nicht beherrschen kann und wo sie ganz bewusst sticheln will. Olive bleibt immer etwas rätselhaft.

Wenn man ihre Reaktion nachvollziehen kann, kann man herzhaft über Olives bissige Kommentare lachen, etwa beim gespielten Beileid nach dem Tod von Olives Ehemann und spürt die erfrischende Direktheit, die andere vor den Kopf stößt. Ist man dagegen eher auf der Seite des Sohnes, der dabei ist, seine Kindheit und Jugend zu verarbeiten, bleibt einem nichts anderes als den Kopf zu schütteln über eine Olive, die nichts, aber auch gar nichts aus ihren Fehlern gelernt hat und nicht in der Lage ist, auf andere zuzugehen. Und wenn Olive plötzlich intuitiv handelt, einfach hilft, ohne auf Befindlichkeiten zu achten, ist man einfach nur überrascht von dieser Olive.

 


Olive Kitteridge
Regie: Lisa Cholodenko
Warner Home Video 2015

Vielen Dank für nichts (DVD)

Durch einen Snowboard-Unfall sitzt Valentin im Rollstuhl. Weil der 17-Jährige mit seiner Situation so gar nicht zurechtkommt, zwingt seine Mutter ihn, an einem Theaterprojekt in einem Heim für Behinderte mitzumachen.

Nach anfänglicher Abneigung freundet sich Valentin immer mehr mit seiner neuen Situation und mit dem Theaterprojekt an – was vor allem an der Pflegerin Mira liegt, in die sich Valentin heillos verliebt. Doch da Mira einen Freund hat, sieht sich Valentin zu einem großen Liebesbeweis gezwungen.  Nur so viel sei verraten: es endet mit zweieinhalb Jahren Haft auf Bewährung…

Vielen Dank für nichts“ ist eine unverkrampfte Komödie mit einem jungen Hauptdarsteller (genial gespielt von Joel Basman), den man zunächst als Rebellen kennenlernt. Mit seiner Behinderung kommt er nicht zurecht. Also legt er sich mit allem und jedem an. Seine Mutter ist davon überfordert und ist froh, ihn für eine Weile in das Theaterprojekt in Südtirol schicken zu können. Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern fühlt sich Valentin allerdings nicht behindert – und das lässt er sie auch deutlich spüren. Es läuft einem als Zuschauer kalt den Rücken herunter, wenn Valentin sich über die anderen Behinderten lustig macht. Dazu gehören nicht nur seine sarkastischen Kommentare, er bewirft zudem auch noch einen Behinderten mit Essen.  So wirkt Valentin trotz seines Unfalls äußerst unsympathisch auf den Zuschauer.

Dass Laienschauspieler die Behinderten darstellen, lässt die Szenen umso authentischer erscheinen. Zwar kann man verstehen, dass sich Valentin, der sich im Gegensatz zu anderen gut verständigen kann, in der Gruppe fremd fühlt. Aber dass er fast schon gehässig auf die anderen herunterschaut, lässt jedes Mitgefühl verschwinden.

So ist „Vielen Dank für nichts“ keine harmlose Komödie mit einem Hauch „political incorrectness“. Es ist ein Film, der seine Zuschauer auf vielfältige Weise beansprucht. Da ist die zunächst unsympathische Hauptfigur, dann gibt es die behinderten Schauspieler, die nicht immer leicht zu verstehen sind. Schließlich wird zwischendurch Schwyzerdütsch und Italienisch (mit Untertiteln) gesprochen, manchmal noch übertönt von der Musik. Die Handkamera tut dann noch ihr Übriges dazu.

Die Regisseure Stefan Hillebrand und Oliver Paulus haben für die Wandlung von Valentin ausdrucksstarke Bilder gefunden. Am Anfang trägt Valentin mitten im Sommer eine Fellmütze, dann wird er zum versierten Rollstuhlfahrer, der Fußgängern absichtlich in die Hacken fährt, um ihre Reaktion zu testen. Und schließlich ist da am Schluss des Films die Polizei, die größte Schwierigkeiten hat, die drei verhafteten Rollstuhlfahrer ins Polizeipräsidium zu fahren, sodass die Feuerwehr gerufen werden muss.

„Vielen Dank für nichts“ ist eine Komödie, die hin und wieder vor schwarzem Humor trieft, es ist eine Liebesgeschichte, ein Film vom Erwachsenwerden und vom Austesten der Grenzen.

Kurzum: ein gelungener Film.

Vielen Dank für nichts
Regie: Stefan Hillebrand und Oliver Paulus
Camino-Film 2013

Coconut Hero (DVD)

Coconut Hero“ ist ein Film, der auf leisen Sohlen daherkommt. Regisseur Florian Cossen stellt den 16-jährigen Mike Tyson in den Mittelpunkt einer jugendlichen Selbstfindung, die sich zwischen schwarzem Humor und sanftem Zynismus bewegt.

Der Film beginnt direkt mit Mikes versuchtem Selbstmord. Dass er ihn zunächst unterbricht, um noch eine Todesanzeige aufzugeben, spiegelt den Charakter des Films. Er will seine Hauptfigur nicht lächerlich machen, aber  den jugendlichen Protagonisten auch nicht zu ernst nehmen. Im Grunde genommen hält es der Regisseur wie Mikes Mutter: abwarten und schauen, was passiert. Und da Mike nun eben nicht im Himmel aufwacht, sondern im Krankenhaus, hat man dazu auch jede Menge Gelegenheit.

Als Mike schließlich vom Jugendamt dazu verdonnert wird, in die Selbsthilfegruppe „Mut zum Leben“ zu gehen, beginnt die langsame Wendung des Films. Nicht nur, dass sich Mike verliebt, er lernt zudem auch noch seinen Vater kennen. Dass man dabei zur gleichen Zeit dabei zusieht, wie Mike sich einen Sarg nach seinen eigenen Vorstellungen zimmert, macht die Spannung des Films aus. Dabei wirkt der Schauspieler Alex Ozerow durchgehend überzeugend. Man nimmt ihm die langsame Wandlung des Mike Tyson ab.

Denn irgendwann haben wir einen geläuterten Mike Tyson vor uns, der reifer geworden ist – und dennoch von seiner Verschrobenheit nichts verloren hat. Und es ist gerade die Stärke des Films, dass dem so ist.

„Coconut Hero“ ist ein leiser Film, der auf seine Art liebenswert ist.

 


Coconut Hero
(In the middle of nowhere) 

Regie: Florian Cossen
Twentieth Century Fox 2016

Burn After Reading (DVD)

„Gott, was für ein Riesenscheißdreck“  –  so lautet der letzte Satz in dem Film „Burn After Reading“ von Ethan und Joel Coen. Dann schließt der CIA-Abteilungsleiter die Akte. Ohne zu wissen, was eigentlich geschehen ist. Und Ahnung von dem, was geschieht, haben die wenigsten Personen im Film.

Burn After Reading“ ist letztlich nicht mehr als ein großer Klamauk. Anlass für viele Missverständnisse und jede Menge Tote ist eine CD mit Daten, von denen die Finderin, die Angestellte eines Fitness-Studios, glaubt, das große Geld machen zu können. Denn schließlich zahlt ihre „Mickey-Maus-Krankenkasse“ nicht ihre Schönheitsoperationen.

Doch der CIA-Analyst, von dem die Daten auf der CD stammen, ist inzwischen entlassen und will so gar nicht für die Informationen bezahlen. Also ist der nächste Weg der zur russischen Botschaft und das Chaos nimmt seinen Lauf. Alle haben ihre eigenen Deutungen von dem, was geschieht und niemand hat den kompletten Durchblick. Es folgen jede Menge Missverständnisse, alle möglichen Fehlentscheidungen und Morde aus Versehen – und schließlich fällt der Vorhang und niemand ist letztlich schlauer. Außer vielleicht der Zuschauer.

Ein gut gespielter Agentenklamauk für regnerische Tage.

 

Burn After Reading
Regie: Ethan und Joel Coen 
Universum Film 2009 

Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut (DVD)

„Wer seinen Sohn nicht bis zum 13. Lebensjahr beschneidet, der stellst sich außerhalb des Bundes mit Gott“ – so heißt es in der Tora. Und da Simons Vater sich an die 248 Gebote und 365 Verbote der Tora halten will, soll der kleine chirurgische Schnitt, der noch fehlt, nachgeholt werden. Freilich: Simons Mutter sieht das Ganze als Barbarei. Der Familienfrieden ist mehr als gefährdet.

Witzig und unterhaltend – so kommt der Film „Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut“ daher. Leichtfüßig nimmt die manchmal schwarze, aber nie bitterschwarze Komödie die Beschneidung aufs Korn. Die Mutter ist strikt dagegen, dass ihr inzwischen 12-jähriger Sohn Simon beschnitten wird, der Vater dafür, seit er die Religion wieder für sich entdeckt hat und versucht, alle Gebote der Tora einzuhalten. Hinzu kommen Simons pubertäre Freunde und die erste große Liebe, die sein Leben ordentlich durcheinanderwirbeln und schließlich nimmt Simon die Sache selbst in die Hand – mit fatalen Folgen.

Einzelne Szenen des Films waren mir etwas zu übertrieben, wie etwa die Sitzung der Opfer männlicher Genitalverstümmelungen, insgesamt aber ist es ein witziger und zugleich feinsinniger Film.

Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut
Regie: Viviane Andereggen 
Indigo-Film 2015 

Brügge sehen … und sterben?

Wie können die Kanäle und Kirchen und Kopfsteinpflasterstraßen, die Brücken und Schwäne und all das märchenschafte Scheißzeug nicht sein Ding sein?

Ray langweilt sich in Brügge. Kanäle, Kirchen, Kopfsteinpflaster: nicht sein Ding. Der ältere Ken hingegen ist von dem historischen Stadtkern fasziniert. Die beiden Auftragskiller sind nach Brügge geschickt worden, um für eine Weile unterzutauchen. Da Ray an seinen Schuldgefühlen zerbricht – er hat aus Versehen bei einem Attentat einen kleinen Jungen erschossen, soll Ken ihn aus dem Weg schaffen. Doch das misslingt ihm. So kommt schließlich der Auftraggeber selbst nach Brügge, um für Ordnung zu sorgen.

Der Film besticht vor allem durch seine kaum bis gar nicht vorhandene Handlung und das Inszenesetzen des Wartens. Denn daraus gewinnen die knappen Dialoge, die zum Teil surreal anmuten, ihre Kraft. Die Mischung aus Kaltblütigkeit, Ehrenkodex und Sentimentalität verblüfft den Zuschauer immer wieder.

Hinzu kommt ein Arsenal schräger Figuren von Kleinwüchsigen bis zu Kleinkriminellen. Mit seinem schwarzen Humor ist „Brügge sehen… und sterben?“ ein Film, den man immer wieder ansehen kann.


Brügge sehen… und sterben?
Regie: Martin McDonagh
Universum Film, 2008