Jonathan

Jonathans Vater liegt im Sterben. Krebs. Die Chemotherapie macht er nur noch widerwillig. Zu sehr leidet er unter den Schmerzen. Jonathan kümmert sich zusammen mit seiner Tante nicht nur um seinen Vater, sondern auch noch um den Hof. Zwischen den beiden gibt es so einiges aufzuarbeiten, doch reden möchte weder Jonathans Vater noch seine Tante.

Regisseur Piotr J. Lewandowski hat aus diesem Stoff ein filmisches Kammerspiel gemacht, das sich ganz um Jonathan dreht. Jannis Niewöhner beeindruckt hier als Schauspieler ganz ungemein. Er spielt den Jonathan als einen jungen Mann, der seine Jugend hinter sich gelassen hat, aber noch auf der Suche ist. Er trägt Wut und Mitleid zugleich in sich, Frustration und Zuneigung, Unsicherheit und Radikalität. Jannis Niewöhner gelingt es, all dies in Jonathan zu zeigen.

Einen anderen Handlungsfaden hat der Film nicht. Jonathan arbeitet sich an seinem Vater ab, und die Personen, die noch hinzukommen, spielen allesamt mehr oder weniger intensiv in dieses Beziehungsgeflecht hinein. Da ist die Tante, die etwas von früher weiß, aber nicht mit der Sprache herausrücken will. Dann gibt es die Pflegerin, in die sich Jonathan schließlich verliebt. Mit ihrer Lebenslust steckt sie alle an, in die Beziehung zwischen Vater und Sohn mischt sie sich aber nicht ein. Und zuletzt kommt auch noch der alte Jugendfreund von Jonathans Vater auf den Hof. Jedes Mal wird dabei das Verhältnis von Vater und Sohn auf die Probe gestellt. Jonathan schwankt bis zuletzt zwischen Schuldgefühlen und Schuldvorwürfen. Bis, ja bis am Sterbebett alle vereint sind.

Piotr J. Lewandowski erzählt langsam. Mit eindrücklichen Bildern. Die Kamera lenkt den Blick auf Details wie einen Schmetterling, der bedrohlich nahe an die Glühbirne kommt. Geredet wird in dem Film wenig. Für die großen Themen des Films, die Frage nach dem Glück und nach Vergebung, taugen Worte nicht. „Jonathan“ ist ein faszinierend eindringliches Filmdebüt.

 


Jonathan
Regie: Piotr J. Lewandowski

Lighthouse Home Entertainment 2017

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Nichts mehr wie vorher

Nichts mehr wie vorher“ gehört für mich zu den Filmen, die man immer wieder anschauen kann. Das liegt vor allem daran, dass die Geschichte konsequent aus der Perspektive des 16-jährigen Daniel erzählt wird. Daniel ist ein Jugendlicher, der mit sich selbst hadert. Der Konflikt mit dem Vater macht sein Leben nicht gerade leichter.

Und dann ist Daniel eines Tages zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein elfjähriges Kind ist missbraucht und ermordet worden. Daniel wird schnell zum Hauptverdächtigen. Zurecht? Für die Internet-Community ist der Fall schnell klar. Lynchjustiz wird gefordert – und mit Schmierereien an Haus und Auto dann auch durchgeführt. Der Vater scheint zudem immer mehr das Vertrauen in seinen Sohn zu verlieren. Entdeckt er doch, als er Daniels Zimmer durchsucht, dass sein Sohn schwul ist. Seine Mutter und seine Schwester halten zu ihm. Für die Familie beginnt eine Zerreißprobe.

Jonas Nay ist dabei die perfekte Besetzung für die Rolle des Daniel. Unsicher agiert er, rastet aus, zieht sich zurück. Ergreifend subtil erzählt „Nichts mehr wie vorher„, was die Vorverurteilung und schließlich auch Verhaftung mit Daniel und mit seiner Familie macht. Als Zuschauer wird man zum Zeugen, wie an Daniel von allen möglichen Seiten gezerrt wird. Und wie schnell aus Vorurteilen Urteile werden. Wie bereits in dem Film „Homevideo“ zeigt Jonas Nay überzeugend die Sensibilität und Angreifbarkeit eines Jugendlichen, der ungewollt in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Dass Daniel daran nicht zerbricht, mag an der kurzen Zeit liegen, die vergeht, bis Gewissheit über das Verbrechen besteht. Denn es sind nur wenige Tage, die in dem Film das Leben der Familie auf den Kopf stellen.

Mit dem Ergebnis der DNA-Analyse kommt bald schon Klarheit in den Fall. Und die Familie muss sich wieder neu zusammenfinden. Die Frage, inwieweit Daniel Schuld hat, prägt auch den Blick des Zuschauers. Erst nach und nach baut Regisseur Oliver Dommenget Szenen in sein Fernsehdrama ein, die gegen eine klare Verurteilung sprechen und das Geschehen differenzierter betrachten lassen.


Nichts mehr wie vorher
Regie: Oliver Dommenget
Alive-DVD 2016

Babai. Mein Vater

Babai – Mein Vater“ ist ein Film der Bilder. Er beobachtet mehr, als dass er erzählt. Zunächst beobachtet man den zehnjährigen Nori im Kosovo der 1990er Jahre beim Zigaretten-Verkauf. Dann, wie er seinen Vater davon abhalten will, aus dem Kosovo zu fliehen. Doch als Nori im Krankenhaus ist, verlässt der Vater das Kosovo Richtung Deutschland. Dort will er sein Glück versuchen.

Seinen Sohn Nori hat der Vater bei der weitläufigen Familie zurückgelassen. Ob er ihn später nachholen will oder ob er überfordert ist, seinen Sohn zu erziehen, da seine Frau ihm weggelaufen ist, erfährt man nicht. Nori jedoch will seinen Vater nicht einfach so verlieren. Schließlich macht er sich allein auf die Reise nach Deutschland, zu seinem Vater. Und auch hier wird der Zuschauer zum Beobachter eines Jungen, der zu früh erwachsen werden musste. Nori tut alles, um seinem Vater zu folgen und muss lernen, dass nur das Recht des Stärkeren gilt. Zugleich fühlt er sich von seinem Vater verraten. Es scheint so, als will Nori um die Liebe und Anerkennung seines Vaters um jeden Preis kämpfen.

Eindrucksvolle Bilder voller Intensität beleuchten das schwierige Verhältnis der beiden: Vater und Sohn essen abends gemeinsam am Tisch, im Hintergrund der Imbisswagen. Kaum ein Wort fällt. Dann schüttet der Junge seine Cola dem Vater ins Gesicht. Vater und Sohn stehen am Tor der Flüchtlingsunterkunft. Weil der Sohn ohne Ausweis nicht rein darf, hämmert sein Vater wie wild gegen das verschlossene Tor. Ohne eine Regung schaut ihm Nori zu. Bis er das Fahrrad zum Vater schiebt und sagt: ‚Lass uns gehen.‘

Es sind düstere Bilder, die den Film prägen, zumeist ist es Abend oder Nacht. Dazu kommt monotone oder melancholische Musik. Man spürt die Angst des Jungen, seinen Vater erneut zu verlieren, bei jedem Schritt. Bedingungslos folgt er ihm. Der Vater will weiter nach Holland – ob sein Sohn ihm auch dorthin folgt, lässt der Film offen.

Babai“ verlässt sich auf die Kraft der Bilder. Langsam erzählt er, unvollständig, immer den Jungen im Blick, macht den Zuschauer zum zurückhaltenden Beobachter. Der Film nimmt sich Zeit, setzt filmische Mittel gezielt, aber sparsam ein. Großes Kino!


Babai.

Mein Vater
Regie: Visar Morina
Indigo-Film 2016

 

Momo

Wann wenn nicht in der Zeit zwischen den Jahren ist es wieder einmal an der Zeit, den Filmklassiker Momo anzusehen. Die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Michael Ende wirkt heute ein wenig aus der Zeit gefallen. Es wird eher langsam erzählt, manches wirkt eher holzschnittartig. Und doch hat der Film für unsere Zeit eine Botschaft. Es ist der Appell, sich seine Zeit nicht aus den Händen nehmen zu lassen.

Der Welt der Liebe ist in „Momo“ die Welt der Kälte entgegengesetzt. In der Welt der „grauen Herren“ herrscht Effizienz und Effektivität. Liebe ist für sie ein Fremdwort. Das Mädchen Momo, das allen Menschen mit Liebe begegnet, versucht zu verhindern, dass die „grauen Herren“ immer mehr Einfluss bekommen – zunächst nicht, weil sie erkennt, dass sie den Menschen die Lebenszeit stehlen, sondern weil sie spürt, dass diese Entwicklung den Menschen nicht gut tut.

„Momo“ ist also ein Film, der darüber zum Nachdenken anregt, wie wir mit unserer Lebenszeit umgehen, wovon wir uns vereinnahmen lassen, ohne dass es uns gut tut. Das Traurige in „Momo“ ist, dass die meisten erkennen, dass diese neue Entwicklung ihnen nicht bekommt, allen voran der Geschichtenerzähler Gigi, der zum großen Star wird, aber in einer Scheinwelt lebt. Aber etwas dagegen zu tun, gelingt ihnen nicht. Es braucht schon Momo, die alles wieder zurechtbiegen muss.

Uns Zuschauern bleibt aber nur, selbst zu prüfen, ob wir uns die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben nehmen und auch bereit sind, Zeit zu vertrödeln. Dass man dies ganz bewusst tun sollte, macht „Momo“ überdeutlich: die meisten unliebsamen Veränderungen geschehen schleichend.

 


Momo
Regie: Johannes Schaaf 
Studiocanal 2013

 

Every day (DVD)

Every day ist ein Film über die kleinen Momente im Leben, in denen man sich bewusst macht, was man hat.

Ned (Liev Schreiber) braucht so einen Moment. Seine Ehe ist alles andere als unglücklich. 19 Jahre ist Ned bereits mit Jeannie verheiratet. Doch als der schwerkranke Vater seiner Frau zu ihnen zieht, wirbelt das das Familienleben ziemlich durcheinander. Ned müsste sich mehr zuhause einbringen, doch sein Job für einen TV-Produzenten fordert ihn. Und da Ned immer mehr Schockierendes in seine Scripts einbauen soll, kommt er zwangsläufig zur Frage, ob er nicht ein viel zu langweiliges Leben führt.

„Wir haben doch zwei wundervolle Kinder, irgendetwas müssen wir richtig gemacht haben“, sagt nach einem ereignisreichen Tag Jeannie zu ihrem Mann. Sanft bahnt sich hier Neds Rückbesinnung auf die Familie an, er erkennt ihren Wert wieder. Ja, das klingt alles ziemlich platt. Zugegeben. Aber Regisseur Richard Levine gelingt es, daraus einen Film zu machen, der gerade nicht moralingeschwängert daherkommt. Er ist untersetzt mit feinem Humor, den man nur an wenigen Stellen – den zwei Verführungsszenen – vermisst. Sehr gelungen umgesetzt ist Neds Auseinandersetzung mit der Homosexualität seines 15-jährigen Sohnes. Einerseits wirkt Ned hier wie eine überbehütende Glucke, andererseits ist es ihm peinlich, darüber zu reden. Als Zuschauer kann man über beides schmunzeln.

An manchen Stellen ist „Every day“ zugegebenermaßen etwas konstruiert. Insgesamt ist es aber ein Film, der einen mitnimmt auf Neds Weg der Erkenntnis. Und nach 90 Minuten wundert man sich, dass es das schon gewesen ist.


Every day
Regie: Richard Levine 
Home Entertainment 2011