Babai. Mein Vater

Babai – Mein Vater“ ist ein Film der Bilder. Er beobachtet mehr, als dass er erzählt. Zunächst beobachtet man den zehnjährigen Nori im Kosovo der 1990er Jahre beim Zigaretten-Verkauf. Dann, wie er seinen Vater davon abhalten will, aus dem Kosovo zu fliehen. Doch als Nori im Krankenhaus ist, verlässt der Vater das Kosovo Richtung Deutschland. Dort will er sein Glück versuchen.

Seinen Sohn Nori hat der Vater bei der weitläufigen Familie zurückgelassen. Ob er ihn später nachholen will oder ob er überfordert ist, seinen Sohn zu erziehen, da seine Frau ihm weggelaufen ist, erfährt man nicht. Nori jedoch will seinen Vater nicht einfach so verlieren. Schließlich macht er sich allein auf die Reise nach Deutschland, zu seinem Vater. Und auch hier wird der Zuschauer zum Beobachter eines Jungen, der zu früh erwachsen werden musste. Nori tut alles, um seinem Vater zu folgen und muss lernen, dass nur das Recht des Stärkeren gilt. Zugleich fühlt er sich von seinem Vater verraten. Es scheint so, als will Nori um die Liebe und Anerkennung seines Vaters um jeden Preis kämpfen.

Eindrucksvolle Bilder voller Intensität beleuchten das schwierige Verhältnis der beiden: Vater und Sohn essen abends gemeinsam am Tisch, im Hintergrund der Imbisswagen. Kaum ein Wort fällt. Dann schüttet der Junge seine Cola dem Vater ins Gesicht. Vater und Sohn stehen am Tor der Flüchtlingsunterkunft. Weil der Sohn ohne Ausweis nicht rein darf, hämmert sein Vater wie wild gegen das verschlossene Tor. Ohne eine Regung schaut ihm Nori zu. Bis er das Fahrrad zum Vater schiebt und sagt: ‚Lass uns gehen.‘

Es sind düstere Bilder, die den Film prägen, zumeist ist es Abend oder Nacht. Dazu kommt monotone oder melancholische Musik. Man spürt die Angst des Jungen, seinen Vater erneut zu verlieren, bei jedem Schritt. Bedingungslos folgt er ihm. Der Vater will weiter nach Holland – ob sein Sohn ihm auch dorthin folgt, lässt der Film offen.

Babai“ verlässt sich auf die Kraft der Bilder. Langsam erzählt er, unvollständig, immer den Jungen im Blick, macht den Zuschauer zum zurückhaltenden Beobachter. Der Film nimmt sich Zeit, setzt filmische Mittel gezielt, aber sparsam ein. Großes Kino!


Babai.

Mein Vater
Regie: Visar Morina
Indigo-Film 2016

 

Advertisements

Momo

Wann wenn nicht in der Zeit zwischen den Jahren ist es wieder einmal an der Zeit, den Filmklassiker Momo anzusehen. Die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Michael Ende wirkt heute ein wenig aus der Zeit gefallen. Es wird eher langsam erzählt, manches wirkt eher holzschnittartig. Und doch hat der Film für unsere Zeit eine Botschaft. Es ist der Appell, sich seine Zeit nicht aus den Händen nehmen zu lassen.

Der Welt der Liebe ist in „Momo“ die Welt der Kälte entgegengesetzt. In der Welt der „grauen Herren“ herrscht Effizienz und Effektivität. Liebe ist für sie ein Fremdwort. Das Mädchen Momo, das allen Menschen mit Liebe begegnet, versucht zu verhindern, dass die „grauen Herren“ immer mehr Einfluss bekommen – zunächst nicht, weil sie erkennt, dass sie den Menschen die Lebenszeit stehlen, sondern weil sie spürt, dass diese Entwicklung den Menschen nicht gut tut.

„Momo“ ist also ein Film, der darüber zum Nachdenken anregt, wie wir mit unserer Lebenszeit umgehen, wovon wir uns vereinnahmen lassen, ohne dass es uns gut tut. Das Traurige in „Momo“ ist, dass die meisten erkennen, dass diese neue Entwicklung ihnen nicht bekommt, allen voran der Geschichtenerzähler Gigi, der zum großen Star wird, aber in einer Scheinwelt lebt. Aber etwas dagegen zu tun, gelingt ihnen nicht. Es braucht schon Momo, die alles wieder zurechtbiegen muss.

Uns Zuschauern bleibt aber nur, selbst zu prüfen, ob wir uns die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben nehmen und auch bereit sind, Zeit zu vertrödeln. Dass man dies ganz bewusst tun sollte, macht „Momo“ überdeutlich: die meisten unliebsamen Veränderungen geschehen schleichend.

 


Momo
Regie: Johannes Schaaf 
Studiocanal 2013

 

Every day (DVD)

Every day ist ein Film über die kleinen Momente im Leben, in denen man sich bewusst macht, was man hat.

Ned (Liev Schreiber) braucht so einen Moment. Seine Ehe ist alles andere als unglücklich. 19 Jahre ist Ned bereits mit Jeannie verheiratet. Doch als der schwerkranke Vater seiner Frau zu ihnen zieht, wirbelt das das Familienleben ziemlich durcheinander. Ned müsste sich mehr zuhause einbringen, doch sein Job für einen TV-Produzenten fordert ihn. Und da Ned immer mehr Schockierendes in seine Scripts einbauen soll, kommt er zwangsläufig zur Frage, ob er nicht ein viel zu langweiliges Leben führt.

„Wir haben doch zwei wundervolle Kinder, irgendetwas müssen wir richtig gemacht haben“, sagt nach einem ereignisreichen Tag Jeannie zu ihrem Mann. Sanft bahnt sich hier Neds Rückbesinnung auf die Familie an, er erkennt ihren Wert wieder. Ja, das klingt alles ziemlich platt. Zugegeben. Aber Regisseur Richard Levine gelingt es, daraus einen Film zu machen, der gerade nicht moralingeschwängert daherkommt. Er ist untersetzt mit feinem Humor, den man nur an wenigen Stellen – den zwei Verführungsszenen – vermisst. Sehr gelungen umgesetzt ist Neds Auseinandersetzung mit der Homosexualität seines 15-jährigen Sohnes. Einerseits wirkt Ned hier wie eine überbehütende Glucke, andererseits ist es ihm peinlich, darüber zu reden. Als Zuschauer kann man über beides schmunzeln.

An manchen Stellen ist „Every day“ zugegebenermaßen etwas konstruiert. Insgesamt ist es aber ein Film, der einen mitnimmt auf Neds Weg der Erkenntnis. Und nach 90 Minuten wundert man sich, dass es das schon gewesen ist.


Every day
Regie: Richard Levine 
Home Entertainment 2011 

Unsere Mütter, unsere Väter

Der Krieg wird unseren Charakter verderben – so lautet die Prophezeiung Friedhelms in dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Und so tritt es dann auch ein.

So zeigt der erste Teil des Filmes, was der Krieg aus den Menschen macht. Er beginnt im Jahr 1941: fünf Freunde treffen sich, um ihren Abschied zu feiern. Ihre Verabredung: sie treffen sich an Weihnachten wieder. Die zwei ungleichen Brüder Wilhelm und Friedhelm ziehen gemeinsam in den Krieg gegen Russland. Sie stehen jeweils prototypisch für den Umgang mit den Gräueln und Schrecken des Krieges: die kühle, ignorierende und die emotionale, zweifelnde Reaktion. Während Wilhelm, der Offizier, anfangs über den Umgang mit Zivilisten schockiert ist, nimmt er es doch hin und macht seinen Job. Sein Bruder Friedhelm, der Gefühlvollere, verzweifelt mehr und mehr an seiner Rolle im Krieg. Er ist nicht fürs Militär gemacht, geht am Soldatenleben immer mehr zugrunde und provoziert immer wieder sein Schicksal. Und doch ist er es, der andere in den Tod schickt. Bräuchte es noch einen Beweis, dass der Krieg kein reinigendes Stahlgewitter ist: dieser Film lieferte ihn.

Nicht ganz so plastisch wird das Leben in der Heimat geschrieben. Greta, die eine Gesangskarriere in Angriff nimmt, versucht ihren Freund Viktor, ein Jude, zu retten, während ihre Freundin Charlotte genau das Gegenteil tut. Beide scheitern gleichermaßen und leben in ihren je eigenen Lebenslügen. Auch das, das Scheitern-Müssen in dieser Welt oder zumindest in dieser Zeit des Krieges, ist ein Thema des Films.

Der Film spielt so subtil, erzählend, mit Gegensatzpaaren, dass es in keiner Weise plump oder aufgesetzt wirkt. Es ist vielmehr beklemmend zu sehen, wie jeder einzelne der vier Freunde an dieser Zeit, an diesem Krieg zugrunde geht. „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist keine Dokumentation über die Zeit des Nationalsozialismus. Im Zentrum steht schlichtweg die Frage, was die Versuchung des Bösen mit den Menschen macht. Der Film legt seinen Fokus auf das Menschliche, Allzumenschliche.


Unsere Mütter, unsere Väter
ZDF-Dreiteiler 
Teil 1 (Eine andere Zeit), Teil 2 (Ein anderer Krieg) und Teil 3 (Ein anderes Land) 
ZDF 2013

Olive Kitteridge (DVD)

Olive Kitteridge“ – über diese Miniserie über die gleichnamige Frau bin ich zufällig gestolpert – und bin absolut fasziniert davon. In kleinen Episoden (Gesamtlänge: 230 Minuten) wird das Leben der pensionierten Mathematiklehrerin beleuchtet. Dabei gelingt es dem Film, eine Frau, die unnahbar ist, Gefühle nicht zulässt, Pflicht als oberste Tugend sieht, in all ihrer Brüchigkeit lebendig werden zu lassen.

Man könnte sagen, Olive Kitteridge ist eine alte, böse Frau geworden. Doch das passt nicht, denn Olive ist nicht erst im Alter streng und zynisch geworden. Sie wirkt vielmehr so, als ob sie noch nie im Leben ein bisschen Mitleid für andere empfunden hat. Und so passt sie gut in die Landschaft, in die sie hineingeboren wurde: an der rauen See ist das einzige Vergnügen, das sie hat, sich um ihre Pflanzen zu kümmern. Die Tulpen sind ihr ein und alles – keine davon würde sie abschneiden und gar verschenken.

Es ist – neben der brillanten schauspielerischen Leistung von Frances McDormand als Olive Kitteridge – diese Bildsprache, die die Miniserie so sehenswert macht. Es sind komponierte Bilder, die mehr zeigen als die Personen sagen können.

Vorlage des Films ist der gleichnamige Roman von Elizabeth Strout. Allerdings hat die Regisseurin Lisa Cholodenko die Handlung ziemlich zusammengestampft und sich auf einen zentralen Handlungsstrang konzentriert: das Leben von Olive Kitteridge. Die Frage, die man sich als Zuschauer immer wieder stellt ist die: Was treibt diese Frau an? Man kann nicht in sie hineinsehen. Man kann nicht einmal über sie sagen, dass sie verbittert ist – auch wenn sie immer wieder so wirkt. Sie lebt ihr Leben, weil es eben zu leben ist. Sie führt ihre Ehe fort bis zum Tod ihres Ehemanns, weil sie ihn eben geheiratet hat. Basta. Sie scheint nicht um ihren Mann zu trauern, seinen Tod nimmt sie eben hin. Doch immer wieder gerät ihre Festung ins Wanken, durch ihren liebevollen, gutmütigen Mann, aber vor allem in der Auseinandersetzung mit ihrem Sohn. Da bringt ihr Mann ihr einen Strauß Blumen mit, mit einer Karte, um sie zu überraschen – und Olive liest die Karte, bedankt sich und gibt ihm den Strauß wieder. Man weiß nicht: kann Olive nicht würdigen, was ihr Mann für sie tut oder gefällt ihr diese Art von Geschenk nicht? Auch wenn Olive später ihren Sohn besucht, fällt es einem schwer zu unterscheiden, wo sie sich einfach nicht beherrschen kann und wo sie ganz bewusst sticheln will. Olive bleibt immer etwas rätselhaft.

Wenn man ihre Reaktion nachvollziehen kann, kann man herzhaft über Olives bissige Kommentare lachen, etwa beim gespielten Beileid nach dem Tod von Olives Ehemann und spürt die erfrischende Direktheit, die andere vor den Kopf stößt. Ist man dagegen eher auf der Seite des Sohnes, der dabei ist, seine Kindheit und Jugend zu verarbeiten, bleibt einem nichts anderes als den Kopf zu schütteln über eine Olive, die nichts, aber auch gar nichts aus ihren Fehlern gelernt hat und nicht in der Lage ist, auf andere zuzugehen. Und wenn Olive plötzlich intuitiv handelt, einfach hilft, ohne auf Befindlichkeiten zu achten, ist man einfach nur überrascht von dieser Olive.

 


Olive Kitteridge
Regie: Lisa Cholodenko
Warner Home Video 2015

Vielen Dank für nichts (DVD)

Durch einen Snowboard-Unfall sitzt Valentin im Rollstuhl. Weil der 17-Jährige mit seiner Situation so gar nicht zurechtkommt, zwingt seine Mutter ihn, an einem Theaterprojekt in einem Heim für Behinderte mitzumachen.

Nach anfänglicher Abneigung freundet sich Valentin immer mehr mit seiner neuen Situation und mit dem Theaterprojekt an – was vor allem an der Pflegerin Mira liegt, in die sich Valentin heillos verliebt. Doch da Mira einen Freund hat, sieht sich Valentin zu einem großen Liebesbeweis gezwungen.  Nur so viel sei verraten: es endet mit zweieinhalb Jahren Haft auf Bewährung…

Vielen Dank für nichts“ ist eine unverkrampfte Komödie mit einem jungen Hauptdarsteller (genial gespielt von Joel Basman), den man zunächst als Rebellen kennenlernt. Mit seiner Behinderung kommt er nicht zurecht. Also legt er sich mit allem und jedem an. Seine Mutter ist davon überfordert und ist froh, ihn für eine Weile in das Theaterprojekt in Südtirol schicken zu können. Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern fühlt sich Valentin allerdings nicht behindert – und das lässt er sie auch deutlich spüren. Es läuft einem als Zuschauer kalt den Rücken herunter, wenn Valentin sich über die anderen Behinderten lustig macht. Dazu gehören nicht nur seine sarkastischen Kommentare, er bewirft zudem auch noch einen Behinderten mit Essen.  So wirkt Valentin trotz seines Unfalls äußerst unsympathisch auf den Zuschauer.

Dass Laienschauspieler die Behinderten darstellen, lässt die Szenen umso authentischer erscheinen. Zwar kann man verstehen, dass sich Valentin, der sich im Gegensatz zu anderen gut verständigen kann, in der Gruppe fremd fühlt. Aber dass er fast schon gehässig auf die anderen herunterschaut, lässt jedes Mitgefühl verschwinden.

So ist „Vielen Dank für nichts“ keine harmlose Komödie mit einem Hauch „political incorrectness“. Es ist ein Film, der seine Zuschauer auf vielfältige Weise beansprucht. Da ist die zunächst unsympathische Hauptfigur, dann gibt es die behinderten Schauspieler, die nicht immer leicht zu verstehen sind. Schließlich wird zwischendurch Schwyzerdütsch und Italienisch (mit Untertiteln) gesprochen, manchmal noch übertönt von der Musik. Die Handkamera tut dann noch ihr Übriges dazu.

Die Regisseure Stefan Hillebrand und Oliver Paulus haben für die Wandlung von Valentin ausdrucksstarke Bilder gefunden. Am Anfang trägt Valentin mitten im Sommer eine Fellmütze, dann wird er zum versierten Rollstuhlfahrer, der Fußgängern absichtlich in die Hacken fährt, um ihre Reaktion zu testen. Und schließlich ist da am Schluss des Films die Polizei, die größte Schwierigkeiten hat, die drei verhafteten Rollstuhlfahrer ins Polizeipräsidium zu fahren, sodass die Feuerwehr gerufen werden muss.

„Vielen Dank für nichts“ ist eine Komödie, die hin und wieder vor schwarzem Humor trieft, es ist eine Liebesgeschichte, ein Film vom Erwachsenwerden und vom Austesten der Grenzen.

Kurzum: ein gelungener Film.

Vielen Dank für nichts
Regie: Stefan Hillebrand und Oliver Paulus
Camino-Film 2013

Coconut Hero (DVD)

Coconut Hero“ ist ein Film, der auf leisen Sohlen daherkommt. Regisseur Florian Cossen stellt den 16-jährigen Mike Tyson in den Mittelpunkt einer jugendlichen Selbstfindung, die sich zwischen schwarzem Humor und sanftem Zynismus bewegt.

Der Film beginnt direkt mit Mikes versuchtem Selbstmord. Dass er ihn zunächst unterbricht, um noch eine Todesanzeige aufzugeben, spiegelt den Charakter des Films. Er will seine Hauptfigur nicht lächerlich machen, aber  den jugendlichen Protagonisten auch nicht zu ernst nehmen. Im Grunde genommen hält es der Regisseur wie Mikes Mutter: abwarten und schauen, was passiert. Und da Mike nun eben nicht im Himmel aufwacht, sondern im Krankenhaus, hat man dazu auch jede Menge Gelegenheit.

Als Mike schließlich vom Jugendamt dazu verdonnert wird, in die Selbsthilfegruppe „Mut zum Leben“ zu gehen, beginnt die langsame Wendung des Films. Nicht nur, dass sich Mike verliebt, er lernt zudem auch noch seinen Vater kennen. Dass man dabei zur gleichen Zeit dabei zusieht, wie Mike sich einen Sarg nach seinen eigenen Vorstellungen zimmert, macht die Spannung des Films aus. Dabei wirkt der Schauspieler Alex Ozerow durchgehend überzeugend. Man nimmt ihm die langsame Wandlung des Mike Tyson ab.

Denn irgendwann haben wir einen geläuterten Mike Tyson vor uns, der reifer geworden ist – und dennoch von seiner Verschrobenheit nichts verloren hat. Und es ist gerade die Stärke des Films, dass dem so ist.

„Coconut Hero“ ist ein leiser Film, der auf seine Art liebenswert ist.

 


Coconut Hero
(In the middle of nowhere) 

Regie: Florian Cossen
Twentieth Century Fox 2016