Sami und der Wunsch nach Freiheit

Die Angst frisst unser Herz, die Heimat des Mutes, und lässt an seiner Stelle nur noch eine Pumpe funktionieren… Wir überleben als Schafe… Aber wir wurden nicht als Schafe geboren, sondern dazu gemacht. Sobald ein Funke der Hoffnung zündete, stürmten die Menschen auf die Straßen, und sie hatten nur noch einen Wunsch: Freiheit.

So lässt sich mit Rafik Schami das Thema seines neuen Buches umschreiben. Um die Angst der Menschen während der Diktatur in Syrien geht es in Rafik Schamis Buch „Sami und der Wunsch nach Freiheit“ – und um den Aufstand, der entfacht wird und in einen Bürgerkrieg mündet.

Rafik Schami lässt einen syrischen Flüchtling von dem erzählen, was um das Jahr 2011 in den syrischen Bürgerkrieg führte. Dieses Mittel des Erzählens, bei dem sich der Erzähler immer wieder selbst zu Wort meldet, führt dabei weder zu einem Erzählen aus der Distanz, noch zu einem einseitigen Erzählen. Rafik Schami ist es gelungen, mithilfe seines Augenzeugen ein Bild von Syrien zu zeigen, das einem nahe geht. Man lernt die Menschen in Damaskus kennen und lieben mit all ihren Schrullen und Eigenheiten.

Mit den Augen von Scharif – dem Flüchtling, der die Geschichten erzählt – und Sami, seinem besten Freund und quasi Zwillingsbruder, schaut man zunächst auf ein quirliges Damaskus voller Abenteuer. Doch je weiter man liest, umso mehr verdüstert sich die Atmosphäre. Man kann erkennen, dass die Angst vor willkürlicher Verfolgung durch die Geheimdienste die Menschen lähmt und zu „Schafen“ macht.

Während am Anfang einen die Abenteuergeschichten der beiden Jungen immer wieder zum Schmunzeln bringen, überkommt einen beim Lesen bald immer mehr die Beklemmung, die die Menschen bedrückt. Willkür gepaart mit Brutalität nutzt das Regime, um seine Untertanen ruhig zu halten. Immer wieder wird dies in den kurzen Kapiteln zum Thema.

Und doch zündet da der Funke Hoffnung, der die Menschen auf die Straße treibt, sie gegen die Mächtigen demonstrieren lässt. Sehr eindrücklich ist die Umfrage, die Scharif bei einer Demonstration macht, um sie dann unter Umgehung der Zensur ins Internet zu stellen. Sie fragen Demonstrierende nach ihren Gründen für den Protest. Die Demonstranten erwähnen die kleinen Ungerechtigkeiten, die in einer Diktatur entstehen, wenn vieles über Beziehungen geregelt wird: der bevorzugte Schüler, der Sohn des Geheimdienstchefs ist; der verlorene Prozess, weil der Richter korrupt ist; die wichtigen Medikamente, die nicht bezahlt werden können. Gerade diese Kleinigkeiten sind es, die den Wunsch nach Freiheit entstehen lassen.

Um diese kleinen Ungerechtigkeiten geht es Rafik Schami in seinem neuen Buch. Es beinhaltet keine tiefgreifende Analyse des syrischen Bürgerkriegs, sondern lenkt den Blick auf die Menschen, die in den Straßen von Damaskus leben. In Angst und in Hoffnung.

Mein Lieblingszitat aus dem Buch findet sich hier.

 

Rafik Schami:
Sami und der Wunsch nach Freiheit 
Verlag Beltz und Gelberg 2017
ISBN 9783407823199

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Rafik Schami: Sami und der Wunsch nach Freiheit

Zitat

Das muss man sich mal vorstellen: Die Geliebte weilt in Damaskus in wohltemperierten Zimmern und mein Freund sitzt in Palmyra in Lebensgefahr, aber er denkt nur an sie. So viel Sehnsucht habe er nie zuvor gekannt, erzählte er mir. „Ich muss Josephine sofort erzählen, dass ihr Bruder befreit wurde, damit sie ruhig schlafen kann. Für den ruhigen Schlaf eines geliebten Menschen zu sorgen, ist die erste Aufgabe des Liebenden.“

Meine Güte, dachte ich, die Liebe macht Sami zum verwegenen Dichter.

Rafik Schami:
Sami und der Wunsch nach Freiheit
Verlag Beltz & Gelberg 2017

 

Die Summe aller Möglichkeiten

In seinem neuen Roman „Die Summe aller Möglichkeiten“ lässt Olivier Adam zweiundzwanzig ganz verschiedene Personen zu Wort kommen. Was sie gemeinsam haben? Sie kommen alle aus dem französischen Hinterland der Côte d’Azur. Und ihre Geschichten sind allesamt miteinander verwoben.

Da gibt es Antoine, der dem Verteidiger, der ihn gefoult hat, „seine Faust in die Fresse geknallt“ hat. Ist er deshalb krankenhausreif zusammengeschlagen worden? Dann gibt es da Jeff, seinen Chef, der sein Restaurant und den Campingplatz mehr schlecht als recht gemanagt bekommt. Hinzu kommt ein Polizist, der weiß, wen er in Ruhe lassen muss, um ein geruhsames Leben zu führen, ebenso ein Mädchen, das ausgerissen ist und in der Provinz ihre Ruhe findet. Bis ein Sturm nicht nur das Meer aufpeitscht, sondern den kleinen, verschlafenen Ort in Unruhe versetzt.

Olivier Adam, Jahrgang 1974, gelingt es, die Atmosphäre dieses Ortes einzufangen – eine Atmosphäre, die geprägt ist von Hoffnungslosigkeit, Resignation und dem Trotz, hier an einem schönen Flecken Erde zu leben. Dabei verwendet Adam eher die schlichte Sprache der Hauptsätze, um Stimmungen einzufangen. Doch dabei sitzt jedes Wort. Überflüssige direkte Rede ist vermieden, jedoch mischt sich der Erzähler immer mal wieder ein, indem er seine Figuren über das Leben und die Welt urteilen lässt. Und gerade das lässt die Figuren einem sehr plastisch vor das Auge des Lesers treten.

So wie Wellen an die Küste heranspülen, wechselt Adam immer wieder seinen Erzählfaden. Mal nimmt er die Spur der einen Figur auf auf, dann lässt er eine ganz andere wieder zu Wort kommen. Irgendwann gelingt es dem Leser, das Dickicht der Personen zu durchbrechen, wenn sich immer mehr herausstellt, wer womit verwoben ist und welche Handlungen solitär stehen. Und immer wieder landet er bei der Frage, weshalb Antoine ins Koma geprügelt wurde.

Doch auch von dem, was mehr oder weniger zeitgleich geschieht, ist ausführlich die Rede. Hin und wieder habe ich mich beim Lesen nach einem Personenverzeichnis gesehnt, um nachzuschlagen, wer wer war. Nichtsdestotrotz entsteht im Laufe des Lesens ein stimmiges Bild von den Menschen und ihrer Landschaft.

Etwas schade ist, dass gerade am Anfang des Buches sich sehr viele Rechtschreibfehler eingeschlichen haben, die lassen aber zum Glück bereits ab dem zweiten Kapitel wieder deutlich nach, sodass sie nicht wirklich störend sind. Auch hat der Verlag Klett-Cotta versprochen, die Fehler in den folgenden Auflagen zu korrigieren.

Mein Lieblingszitat aus dem Buch findet sich hier.


Olivier Adam: 
Die Summe aller Möglichkeiten
Verlag Klett Cotta 2017
ISBN 9783608980332

Every day (DVD)

Every day ist ein Film über die kleinen Momente im Leben, in denen man sich bewusst macht, was man hat.

Ned (Liev Schreiber) braucht so einen Moment. Seine Ehe ist alles andere als unglücklich. 19 Jahre ist Ned bereits mit Jeannie verheiratet. Doch als der schwerkranke Vater seiner Frau zu ihnen zieht, wirbelt das das Familienleben ziemlich durcheinander. Ned müsste sich mehr zuhause einbringen, doch sein Job für einen TV-Produzenten fordert ihn. Und da Ned immer mehr Schockierendes in seine Scripts einbauen soll, kommt er zwangsläufig zur Frage, ob er nicht ein viel zu langweiliges Leben führt.

„Wir haben doch zwei wundervolle Kinder, irgendetwas müssen wir richtig gemacht haben“, sagt nach einem ereignisreichen Tag Jeannie zu ihrem Mann. Sanft bahnt sich hier Neds Rückbesinnung auf die Familie an, er erkennt ihren Wert wieder. Ja, das klingt alles ziemlich platt. Zugegeben. Aber Regisseur Richard Levine gelingt es, daraus einen Film zu machen, der gerade nicht moralingeschwängert daherkommt. Er ist untersetzt mit feinem Humor, den man nur an wenigen Stellen – den zwei Verführungsszenen – vermisst. Sehr gelungen umgesetzt ist Neds Auseinandersetzung mit der Homosexualität seines 15-jährigen Sohnes. Einerseits wirkt Ned hier wie eine überbehütende Glucke, andererseits ist es ihm peinlich, darüber zu reden. Als Zuschauer kann man über beides schmunzeln.

An manchen Stellen ist „Every day“ zugegebenermaßen etwas konstruiert. Insgesamt ist es aber ein Film, der einen mitnimmt auf Neds Weg der Erkenntnis. Und nach 90 Minuten wundert man sich, dass es das schon gewesen ist.


Every day
Regie: Richard Levine 
Home Entertainment 2011 

Du bist der Gott, der mich sieht

Christopher D. Hudsons Andachtsbuch „Du bist der Gott, der mich sieht“ macht sich auf die Suche nach Gott. In kurzen Andachten gelingt es Hudson dabei, dass sich der Leser mit seinem eigenen Bild von Gott auseinandersetzt.

Ausgehend von einem Bibelvers greift Hudson in seinen 100 kurzen Besinnungen jeweils einen Namen Gottes auf, den er beleuchtet und mit einer Aufgabe schließt. Ein kurzes Gebet und der Verweis auf weitere Bibelstellen runden Hudsons Ausführungen dann ab.

Hudson weicht dabei Namen und Umschreibungen Gottes nicht aus, die wir heute als problematisch ansehen. Der eifersüchtige Gott, der strafende, züchtigende Gott, der rächende Gott: auch sie haben ihren Platz bei Hudson. Er will die Vielfalt aufzeigen, mit der Gott in der Bibel umschrieben wird. Und dies gelingt ihm auch. Immer wieder kann man mit Hudson auf Dinge stoßen, über die man so noch nicht nachgedacht hat. Immer wieder kann man mit Hudson über sein eigenes Leben nachdenken und darüber, wie man im Leben verankert ist

Ich habe Hudsons kurze Andachten, die zumeist drei Seiten lang sind, mit Gewinn gelesen. Für mich war es erfrischend, dass sich Hudson zumeist auf einen Aspekt konzentriert hat. Immer wieder habe ich gerade bei den Namen Gottes, wo mir Fragen geblieben sind, die Verweisstellen aufgeschlagen und versucht, den Namen weiter auf die Spur zu kommen. Das einzige, was mich bei Hudson manchmal störte, war , wie schnell er vom Alten zum Neuen Testament gesprungen ist. An einzelnen Stellen hat mir Hudson dabei die Texte des Alten Testaments zu sehr (und zu unrecht!) relativiert.

Keine Informationen erfährt man leider als Leser darüber, wie Hudson die Namen Gottes angeordnet hat. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Reihenfolge der Namen im Buch rein zufällig gewählt ist. Immerhin kann man aber durch die thematische Zuordnung am Ende des Buches gezielt noch einmal einzelne Aspekte wie etwa Gott als Richter oder Gott der Gnade für sich nachlesen.

Christopher D. Hudson:
Du bist der Gott, der mich sieht
100 Facetten Gottes entdecken. Andachten
Verlag GerthMedien 2017
ISBN 9783957342447

Olivier Adam: Die Summe aller Möglichkeiten

Zitat

Das ist das Problem mit dem Leben, dachte Antoine. Dasjenige, das man hat, ist immer zu eng, und das, das man gern hätte, ist zu groß, um es sich auch nur vorstellen zu können. Die Summe aller Möglichkeiten ist das Unendliche, das gegen null tendiert. Letztlich geht es vorüber. Es geht immer vorüber.*

*Die Rechtschreibfehler sind korrigiert

 

Olivier Adam:
Die Summe aller Möglichkeiten
Klett-Cotta 2017

 

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind

Zitat

Ich weiß nicht, wie lange ich es schon weiß.

Dass ich gehen muss, weg von hier, heraus aus dem Dorf, dem Haus, dem Zimmer, in dem ich lebe, seit ich geboren bin. Ich könnte die genaue Zahl der Tage ausrechnen, es sind ein paar Tausend, aber was macht das schon.

Tausend Tage, ein Tag.

Ich kann hier nicht bleiben.

[…]

Ein Tag, tausend Tage.

Sie fließen ineinander wie dunkles, flüssiges Brot, verkleben zu einer zähen Masse, aus der nichts herausragt, keine Erinnerung, nichts, wonach man greifen könnte, ein dunkler, zäher Strom, in den ich vor langer Zeit gefallen bin und nicht mehr herauskomme.

Andreas Moster:
Wir leben hier, seit wir geboren sind
Bastei-Verlag 2017