Mudbound

Es ist ein Schlammloch, ein „mudbound“, wo die Baumwollfarm, die im Zentrum von Hillary Jordans Buch „Mudbound“ steht, zu finden ist. Zwei Familien leben dort, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein können.

Auf der einen Seite ist Henry, weiß, der schon immer – im Gegensatz zu seiner Frau Laura – vom Leben auf einer Farm geträumt hat. Auf der anderen Seite steht Hap, der schwarze Pächter, und seine Frau Florence. In den USA der 1940er Jahre ist das mit Konflikten und einem alltäglichen Rassismus verbunden. Dies spitzt sich zu, als die Söhne der beiden Familien aus dem Krieg zurückkehren und sich anfreunden. Die beiden werden zu Außenseitern, denen das Leben immer wieder schwer gemacht wird.

„Mudbound“ ist in allererster Linie eine doppelte Familiengeschichte. Zwei so grundverschiedene Familien leben zusammen an einem Ort, müssen sich irgendwie einleben und miteinander arrangieren. Der Blick ist dabei nicht nur auf die Konflikte gerichtet, auch das Bewirtschaften der Farm wird zum Thema.

Das Leben auf der Farm ist nicht einfach, das müssen beide Familien bitter erfahren. Für Laura, die als Stadtmensch auf die Farm kommt, ist die Umstellung enorm. Und auch wenn sie Henry liebt, fühlt sie sich doch von dessen Bruder Jamie angezogen, der als Lebemann so gar nicht aufs Land passt. Hap hingegen, der schwarze Pächter, scheint mit seinem Leben zufrieden zu sein, kann seine Familie gut ernähren. Doch wird er von den Weißen übers Ohr gehauen und als er mit seiner Arbeitskraft ausfällt, kommt die Familie in arge Schwierigkeiten.

Diese Mischung, das harte Leben auf dem Land und die Rassentrennung, wird von zwei Seiten betrachtet. – Und das macht das Besondere dieses Hörbuchs aus. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven heraus. Und so treten die jeweiligen Lebenseinstellungen und Vorurteile klar zutage. Beim Zuhören bleibt es da nicht aus, dass man an manchen Stellen ordentlich schlucken muss. Es gibt keinen kommentierenden Erzähler, der radikale Aussagen oder radikales Verhalten wieder zurechtrückt, indem es verurteilt wird. Der Zuhörer bleibt sich selbst überlassen.

Für mich war es gerade das, was „Mudbound“ so hörenswert gemacht hat.

Hillary Jordan:
Mudbound
Die Tränen von Mississippi
Osterworld Audio 2017
ISBN 9783869523804

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Leere Herzen

Ihre Herzen sind leer. Lahmgelegt von dem gesellschaftlichen Überdruss. Desinteresse und Lethargie herrschen vor bei den Menschen im Deutschland des Jahres 2025, das Juli Zeh in ihrem neuen Roman „Leere Herzen“ ausmalt. Politik ist zur lästigen Nebensache geworden. Nachdem Angela Merkel den Posten der Bundeskanzlerin an Regula Freyer von der Besorge Bürger Bewegung (BBB) abgegeben hat, ist Deutschland wie erstarrt. Ein Effizienzpaket nach dem anderen hebelt die Demokratie aus.

Zeitungen? Gibt es kaum noch. Dafür aber ein Grundeinkommen, das alle zufriedenstellt. Und um die, die nicht zufrieden sind, kümmert sich die Partei der BBB. Die Anspielungen auf die AfD lassen sich kaum übersehen. So ist „Leere Herzen“ in erster Linie ein politisches Buch, in zweiter Linie ein Roman und zuletzt auch ein Thriller.

Das politische Buch ist ein Appell, sich einzumischen. Moralingetränkt kommt der Schluss daher, dieses „Empört euch! Mischt euch ein! Demokratie muss man ertragen!“ der Juli Zeh. Britta, die Hauptfigur des Werkes, erkennt, dass man mit Zynismus und Nüchternheit die Welt nicht verändern kann. Und: dass es möglich ist, die Welt zu ändern. Mit ihrer Dystopie will Zeh keinen Blick in die Zukunft wagen, sondern den Blick auf die Gegenwart lenken. Daher stört es auch nicht, dass Zehs Zukunftsvision eher zufällig und sporadisch wirkt, wenig durchdacht. Hier und da erfährt man etwas von den Veränderungen, die Deutschland umwälzen. Oft wird es nur am Rande erwähnt.

Mit ihrem Roman fährt Juli Zeh dabei mehrgleisig. Da ist zunächst die Welt zweier Familien, die gegensätzlicher nicht sein könnten. So erinnert der Anfang des Romans ein wenig an Juli Zehs Roman „Unterleuten„. Die kleine Welt der Familien wird geschildert. Hier ist Zeh eloquent und prägnant wie eh und je.

Doch kommt in ihrem Roman „Leere Herzen“ eine weitere Welt hinzu: Britta und ihr Geschäftspartner Babak leiten die Therapie-Praxis „Die Brücke“ für Selbstmordgefährdete. Und sie schlagen Kapital aus ihrer Praxis. Denn wer nicht heilbar ist, wird an Organisationen weitervermittelt, die Selbstmordattentäter suchen. Ein lukratives Geschäft. Die hohe Erfolgsquote dieses Unternehmens lässt Britta ein finanziell sorgloses Leben führen. Für sie zählt das Geschäft, ein schlechtes Gewissen hat sie nicht.

Allerdings endet mit einem versuchten Selbstmordattentat im Leipziger Frachtflughafen ihre Sorglosigkeit. Das waren keine von ihren Leuten. Immer mehr festigt sich in Britta die Gewissheit, dass es sich dabei nicht nur um Konkurrenz handelt, sondern dass „Die Brücke“ vernichtet werden soll. Sofort machen sich Britta und Babak daran, unter Beweis zu stellen, dass mit ihnen zu rechnen ist… Doch können die beiden nur darüber rätseln, wer denn nun gegen sie agiert. Spätestens hier wird aus dem Roman ein Thriller, ein Katz-und-Maus-Spiel mit ungewissem Ausgang.

Doch drei Dinge sind zwei zu viel. Dem politischen Roman fehlt es an substanzieller Gesellschaftskritik, dem literarischen Roman an Ausgestaltung und dem Thriller an Komplexität der Handlung (und an einem glaubwürdigen Ende). So sehr mir vieles in dem Roman gefallen hat: ein rundes Ganzes ist er für mich nicht.

Hier steht mein Lieblingszitat aus dem Buch über die Stadt Braunschweig.

Meine Rezension von Juli Zehs Roman Unterleuten, der mir zugegebenermaßen deutlich besser gefallen hat, ist hier zu finden. 


Juli Zeh: 
Leere Herzen
Luchterhand-Verlag 2017
ISBN 9783630875231

Juli Zeh: Leere Herzen

Zitat

An manchen Tagen liebt Britta Braunschweig, als hätte sie es selbst erfunden. Den klobigen Prunk totalitärer Prachtbauten, die aussehen wie Schlösser und in Wahrheit nur Einkaufszentren sind. […] Die nicht vorhandene Aura der Stadt, eine Folge von verkehrsgerechter Entsorgung jeglicher Ästhetik. All das stellt eine Erleichterung dar im Vergleich zur klaustrophobischen Pluralität der Metropolen.

Juli Zeh:
Leere Herzen
Verlag Luchterhand 2017

Luthers Trostkiste

Luthers Trostkiste“ heißt das neue Buch von Ralf Lengen. Darin gesammelt: Tipps und Tricks, wie man mit dem Reformator Martin Luther leichter Krisen überwinden kann.

Dass Luther nicht nur ein tröstender Ratgeber war, sondern auch selbst Trost gebraucht hat, macht Ralf Lengen am Anfang seines Buches deutlich. Nicht nur, dass Luthers Gesundheit nicht immer zum Besten stand, auch die Angriffe seiner Gegner (und auch aus den eigenen Reihen) setzten dem Reformator zu.

Spannend zu erfahren war dabei, dass Luther selbst Freunde bat, ihm Trostbriefe zu schreiben – wie er selbst auch in seinen Briefen immer wieder Trost spendete.

Ralf Lengen machte sich nach Luthers Trost auf die Suche in seinen Werken. Und was er fand ist ganz beachtlich: 28 Tipps und Tricks sind in dem locker gestalteten Buch versammelt. Von der Empfehlung, dankbar zu sein, das Tageslicht zu suchen bis hin zu der Aufforderung, Vergebung anzunehmen reichen Luthers Ratschläge. Auf je eine Doppelseite hat Lengen ein Zitat Luthers und eine kurze inhaltliche Einordnung beschränkt. Herausgekommen sind so kurze, knackige Ratschläge.

Lesen sollte man „Luthers Trostkiste“ am besten dann, wenn man gerade keinen Trost nötig hat. Denn Lengen will ja nicht selbst trösten, sondern Ratschläge für schlechtere Zeiten mit auf den Weg geben.

 

Ralf Lengen: 
Luthers Trostkiste
Leichter Krisen überwinden mit dem Reformator
Edition Meistertricks 2017
ISBN 9783945788073

Stoner

Ein wenig wirkt er aus der Zeit gefallen, der Roman „Stoner“ von John Williams. 1965 erstmals erschienen, ist er jetzt bei der Deutschen Verlagsanstalt erneut aufgelegt worden – und erscheint zum ersten Mal auf Deutsch. Die Kritik der großen Zeitungen war überschwänglich, und auch mich hat der Roman in seinen Bann gezogen.

Nicht dass irgendetwas Außergewöhnliches an dem Buch wäre. Es wird erzählt, nüchtern, zurückhaltend. Fast ohne zu kommentieren schildert uns der Erzähler das Leben eines Kolosses, das Leben des William Stoner.

„Der alte Mann und sein Stolz“ hätte das Buch auch heißen können. Denn William Stoner ist einer, der Zeit seines Lebens Stolz und Würde nicht verliert. Dabei läuft in seinem Leben nur wenig glatt. Das Landwirtschaftsstudium gibt er zugunsten der Literatur auf, wird schließlich Professor für englische Literatur an seiner Universität, ohne dass er eine Karriere anstrebt. Stoner ist einer, der darauf wartet, dass die Dinge auf ihn zukommen, der nur wenig selbst in die Wege leitet. Und er ist einer, der sein Leben immer wieder als Prüfung sieht. Von seiner Ehefrau, die ihn schikaniert, trennt er sich nicht, obwohl sie ihre Tochter immer mehr von ihm zu entfremden versucht und obwohl er eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit einer Doktorandin hat. Seine Stellung an der Universität gibt er nicht auf, wechselt nicht an eine andere Uni, als ein ehemaliger Freund gegen ihn zu intrigieren beginnt und ihm jede Menge Steine in den Weg legt.

Ja, William Stoner hätte sein Leben einfacher haben können. Aber er ist nicht der Typ, der Problemen aus dem Weg geht. Er sitzt sie aus. Würde der Roman heute geschrieben, so würde Stoner wohl mit großem Abgang fulminant scheitern oder eben überraschend siegen. Nichts dergleichen geschieht in diesem Roman. William Stoner zieht – man erlaube mir diesen schrägen Vergleich – immer weiter seine Runden, schwimmt unaufhörlich weiter, egal ob es hohen Wellengang gibt oder ob er in flaches Wasser gerät. Einer also, der sich treu bleibt. Der sich nicht verbiegt.

Kann dieser William Stoner glücklich sein? Als Leser kommt man immer mehr ins Zweifeln. Während man anfangs noch glaubt, dass Stoner seine Berufung in der Literatur – und in der Lehre – gefunden hat, trotz seiner Strenge seinen Studenten etwas mitgibt, wird er immer kauziger, resigniert in seiner Ehe, lässt es zu, dass seine Tochter ihm immer fremder wird, weil die eigene Ehefrau sie gegen ihn ausspielt.

Was ist dieser Stoner für ein Kerl, fragt man sich als Leser unentwegt. Mal schüttelt man über ihn den Kopf, mal ist man stolz auf ihn, dass er sich nicht beugt, mal hat man Mitleid mit dem alten, kranken Mann, der so oft hintergangen wird –  und so wird Stoner immer mehr zum Koloss, den man von allen möglichen Seiten betrachtet und der einen trotzdem Rätsel aufgibt.

Das Hörbuch bringt das Stoische, das Stoner innewohnt, gut zum Ausdruck. Der Stimme von Burghart Klaußner, der das Buch ungekürzt liest, mangelt es nicht an Kraft und Stärke, doch ist sie sparsam eingesetzt. Es gibt kein übertriebenes Auskosten der grotesken Szenen, kein melancholisches Wehklagen. Nüchternheit und Klarheit prägen das Hörbuch. Und so muss es bei diesem „Stoner“ auch sein.

John Williams: 
Stoner 
ungekürzte Lesung
Audio-Verlag 2014
ISBN 9783862314638

Alles wird unsichtbar

Ganz konnte mich Gerry Haddens Debütroman „Alles wird unsichtbar“ nicht überzeugen. 
Die Geschichte klingt zunächst gut: Milo kommt aus dem Jugendknast, ein Studienprogramm bringt ihn raus und an eine  Universität. Der 19-Jährige muss sich nun mit sich und seinem Leben beschäftigen. Denn er trägt so einige Bündel mit sich herum: Er gibt sich die Schuld am Tod seiner Adoptivmutter und weiß von seiner leiblichen Mutter im Grunde genommen nichts.
Nach und nach kommt das, was in Milo schlummert, hervor. Auch in der Form von Aggressivität. Eine Aggressivität, die er nicht nur gegen Autos, sondern auch gegen sich selbst richtet.
Milo sehnt sich nach Aufmerksamkeit, zugleich ist er irritiert, wenn er sie bekommt. Von Halsey zum Beispiel, seiner ersten Freundin. Nicht jedoch von seinem Vater, der – so nimmt es Milo wahr – ihm die Schuld am Tod der Mutter gibt und ihn mehr ignoriert als dass er sich um ihn kümmert. So ist Milo ein spannungsgeladener Charakter – hinzu kommt, dass er als weißer Adoptivsohn in der Bronx der 70er-Jahre bei afro-kubanischen Eltern aufwächst. Und: als Fünfjähriger verliert er bei einem Autounfall seinen linken Arm.
Milo als Protagonist bietet also eine große Fläche, die gefüllt werden kann. „Alles wird unsichtbar“ wird so zum Entwicklungsroman, der den Helden, Milo, sein Leben neu überdenken lässt und ihn gereift zurücklässt.
Soweit, sogut. Doch neben sehr intensiv erzählten Teilen – etwa wenn das Verhältnis zwischen Milo und seinem Vater beleuchtet wird, versinkt die Handlung immer wieder in Unwichtigem. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. Hinzu kommt das permanente Springen zwischen unterschiedlichen Zeitebenen. Mal sind wir mit Milo im Jugendknast, mal in seiner Kindheit, mal an der Universität. Wenn die Zeitebenen aufeinander bezogen sind, liest sich das gut. Doch das ist so gut nie der Fall und man hat als Leser immer wieder den Eindruck, gerade den Faden zu verlieren.
Der Ost-West-Klamauk im Deutschland der 80er Jahre mag für amerikanische Leser lustig sein, auf mich wirkte er schlichtweg nur aufgesetzt und albern. Dieser Bruch ist sehr schade, denn Hadden gelingt es doch immer wieder nüchtern, lakonisch und ohne jeglichen Kitsch zu erzählen. Dennoch hat mich das Buch leider ab der Hälfte nicht mehr überzeugen können.

 


Gerry Hadden: 
Alles wird unsichtbar
Piper-Verlag 2017
ISBN 9783492058803

Die Sonnenseite des Schneemanns

Luise lebt im Hier und Jetzt, hat keine Pläne für die Zukunft. Bis sie Ian trifft. Aus einer Wette entwickelt sich langsam eine Liebesbeziehung mit zwei recht ungleichen Partnern. Das ist kurz und knapp die Handlung von Sebastian23s neuem Buch „Die Sonnenseite des Schneemanns„.

Doch „Die Sonnenseite des Schneemanns“ ist  mehr als ein netter Roman für zwischendurch mit eher lausiger Handlung, bei der dem zurückhaltenden „Schneemann“ Ian die impulsive „Sonnenseite“ Luise an die Seite gestellt wird. Denn während die Handlung prinzipiell auch von Rosamunde Pilcher stammen könnte – das Drumherum keinesfalls.

Bereits der Untertitel des Buches – My unfair lady – spielt auf die andere Ebene des Buches an. So wie in dem Musical „My fair lady“ geht es um die Frage, was Sprache aus uns macht. Während im Musical ein Dienstmädchen durch Erziehung in die Oberschicht eingeführt werden soll, geht es hier darum, den aus der Welt gefallenen Ian auf den Boden der Tatsachen zu bringen.

Was geht bei dir, du ahnbarer Larry? ist einer der ersten Sätze, die Ian von „Kollege“ Luise zu lernen hat. Und je länger Luise ihren Ian in die Welt der Umgangs- und Jugendsprache einführt, umso stärker verändert sich Ian. Aus dem spröden Spießer wird Stück um Stück ein aufgeschlossener junger Mann von 30 Jahren – auch wenn er so ein paar Eigenheiten weiter pflegt, wie etwa die Manie für Studien zum Alltagsverhalten oder das Sammeln von Wörtern aller Sprachen, die nicht übersetzbar sind.

Hinzu kommt noch jede Menge schräger Humor, der das Buch durchzieht. Nicht nur, dass Ian einfach nur Jan ausgesprochen wird, er ist auch noch Pixelmaler (sic!) von Beruf – insgesamt also so langweilig, dass die Spatzen von den Dachrinnen fallen. Wer solch schrägen Humor mag, ist mit Sebastian23s neuem Buch gut bedient.


Sebastian23: 
Die Sonnenseite des Schneemanns 
Verlag Lektora 2017
ISBN 9783954611010
Achtung: In Buchkatalogen ist Sebastian23 zum Teil nur als „Sebastian 23“ (also mit Leerzeichen) zu finden!