Martin Schult: Dem Kroisleitner sein Vater

Zitat

Was kommen wird, und darum ging es ja bei solchen Krisen, machte ihm keine Sorgen. Was hinter ihm lag, das hatte er verbockt. Das hatte er in den Fotoalben entdeckt, die er nach dem Tod der Mutter zusammen mit seinem Vater durchgeblättert hatte. Die Schlichtheit seines Lebens hatte ihn erschüttert.

Nichts, worauf man stolz sein könnte. Nichts, was sich für den Anfang eines Buches eignen würde. Wer sollte sich schon für einen Menschen interessieren, dessen aufregendstes Ereignis, das sein Onkel auf einem Foto festgehalten hatte, der Erwerb des Seepferdchen-Abzeichens gewesen war?

Fotoalben konnten so gnadenlos sein.

Martin Schult: Dem Kroisleitner sein Vater
Ullstein-Verlag 2017

Glaube Liebe Tod

Der Polizeiseelsorger Martin Bauer ist die Hauptfigur in einer neuen Krimi-Reihe im Ullstein-Verlag. Mit „Glaube Liebe Tod“ hat das Autorenduo Gallert & Reiter einen gelungenen Einstand gemeistert.

Die Handlung beginnt hochdramatisch: Martin Bauer rettet einem Polizisten, der sich von einer Brücke stürzen möchte, das Leben. Doch kurze Zeit später ist der Polizist tot. War es Selbstmord? Ein Unfall? Oder gar Mord? Martin Bauer beginnt zu ermitteln, auch weil er selbst sich mit Schuldgefühlen quält, dass er den Polizisten doch nicht retten konnte. Seine Suche nach der Wahrheit bringt Bauer bis ins Duisburger Rotlichtviertel. Damit ist ein actionreicher Kriminalroman vorprogrammiert.

Dass die Hauptfigur, der ermittelnde Polizeiseelsorger Martin Bauer, bei so viel Action nicht immer mithalten kann, macht ihn sympathisch. Bauer ist einer, der eher impulsiv handelt, und dabei seine Kompetenzen mehr als einmal überschreitet. Lieber lässt sich Bauer von seiner Menschenkenntnis leiten, als rational abzuwägen, was zu tun ist. Das kann nicht immer gut gehen, und Bauer bringt schließlich nicht nur sich in Gefahr. Das bringt immer wieder Bauers grüblerische Seite zum Vorschein. Eine sympathische Seite.

Spannung bietet „Glaube Liebe Tod“ bis zum Schluss, wenn sich die Erzählfäden um Korruption, Menschenhandel, Rache, jugendlicher Leichtsinn und alte Geschichten von Schuld so langsam entwirren. Hinzu kommt, dass in dem Krimi immer wieder die Erzählperspektive gewechselt wird, sodass man als Leser etwas mehr weiß als Martin Bauer.

Hinzu kommt eine große erzählerische Leistung von Gallert und Reiter. Den beiden Autoren gelingt ein Schreibstil, der einerseits anspruchsvoll ist, andererseits aber den Lesefluss nie beeinträchtigt.

 

Peter Gallert und Jörg A. Reiter: 
Glaube Liebe Tod 
1. Band der Reihe um den Ermittler Martin Bauer 
Ullstein-Verlag 2017 
ISBN 9783548288918

Vielen Dank für nichts (DVD)

Durch einen Snowboard-Unfall sitzt Valentin im Rollstuhl. Weil der 17-Jährige mit seiner Situation so gar nicht zurechtkommt, zwingt seine Mutter ihn, an einem Theaterprojekt in einem Heim für Behinderte mitzumachen.

Nach anfänglicher Abneigung freundet sich Valentin immer mehr mit seiner neuen Situation und mit dem Theaterprojekt an – was vor allem an der Pflegerin Mira liegt, in die sich Valentin heillos verliebt. Doch da Mira einen Freund hat, sieht sich Valentin zu einem großen Liebesbeweis gezwungen.  Nur so viel sei verraten: es endet mit zweieinhalb Jahren Haft auf Bewährung…

Vielen Dank für nichts“ ist eine unverkrampfte Komödie mit einem jungen Hauptdarsteller (genial gespielt von Joel Basman), den man zunächst als Rebellen kennenlernt. Mit seiner Behinderung kommt er nicht zurecht. Also legt er sich mit allem und jedem an. Seine Mutter ist davon überfordert und ist froh, ihn für eine Weile in das Theaterprojekt in Südtirol schicken zu können. Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern fühlt sich Valentin allerdings nicht behindert – und das lässt er sie auch deutlich spüren. Es läuft einem als Zuschauer kalt den Rücken herunter, wenn Valentin sich über die anderen Behinderten lustig macht. Dazu gehören nicht nur seine sarkastischen Kommentare, er bewirft zudem auch noch einen Behinderten mit Essen.  So wirkt Valentin trotz seines Unfalls äußerst unsympathisch auf den Zuschauer.

Dass Laienschauspieler die Behinderten darstellen, lässt die Szenen umso authentischer erscheinen. Zwar kann man verstehen, dass sich Valentin, der sich im Gegensatz zu anderen gut verständigen kann, in der Gruppe fremd fühlt. Aber dass er fast schon gehässig auf die anderen herunterschaut, lässt jedes Mitgefühl verschwinden.

So ist „Vielen Dank für nichts“ keine harmlose Komödie mit einem Hauch „political incorrectness“. Es ist ein Film, der seine Zuschauer auf vielfältige Weise beansprucht. Da ist die zunächst unsympathische Hauptfigur, dann gibt es die behinderten Schauspieler, die nicht immer leicht zu verstehen sind. Schließlich wird zwischendurch Schwyzerdütsch und Italienisch (mit Untertiteln) gesprochen, manchmal noch übertönt von der Musik. Die Handkamera tut dann noch ihr Übriges dazu.

Die Regisseure Stefan Hillebrand und Oliver Paulus haben für die Wandlung von Valentin ausdrucksstarke Bilder gefunden. Am Anfang trägt Valentin mitten im Sommer eine Fellmütze, dann wird er zum versierten Rollstuhlfahrer, der Fußgängern absichtlich in die Hacken fährt, um ihre Reaktion zu testen. Und schließlich ist da am Schluss des Films die Polizei, die größte Schwierigkeiten hat, die drei verhafteten Rollstuhlfahrer ins Polizeipräsidium zu fahren, sodass die Feuerwehr gerufen werden muss.

„Vielen Dank für nichts“ ist eine Komödie, die hin und wieder vor schwarzem Humor trieft, es ist eine Liebesgeschichte, ein Film vom Erwachsenwerden und vom Austesten der Grenzen.

Kurzum: ein gelungener Film.

Vielen Dank für nichts
Regie: Stefan Hillebrand und Oliver Paulus
Camino-Film 2013

Minutengeschichten

Am 28. Juni 2017 jährt sich der 50. Todestag von Oskar Maria Graf. Der Ullstein-Verlag hat das zum Anlass genommen, eine erweiterte Ausgabe von Grafs „Minutengeschichten“ zu veröffentlichen. Herausgekommen ist eine Sammlung von kurzen Anekdoten, Kalendergeschichten und kleinen Erzählungen, die fast allesamt in Bayern spielen. Und wenn sich ein Bayer mal aus Bayern herausverirrt, dann trifft er zumindest einen Bayern in der großen, weiten Welt.

Oskar Maria Graf hat einen Blick für die Menschen. Der bayerische Heimatdichter präsentiert Lausbubengeschichten á la Ludwig Thoma, nur sind Grafs Lausbuben ausgemachte Mannsbilder und Frauen. Oskar Maria Graf gelingt es, bayerische Originale mit nur wenigen Federstrichen darzustellen. Die lassen sich so leicht nichts vormachen und gehen mit einem gesunden Misstrauen durch die Welt und haben keine Schwierigkeiten, andere übers Ohr zu hauen.

Ihnen kann niemand erzählen, dass Goethe 100 Jahre alt wurde – von so jemand altem hätten sie ja in der Zeitung gelesen. Dem Pfarrer gilt es zu beweisen, dass im Presssack kein Fleisch ist. Und wenn die Inflation kommt, werden eben Mietshäuser in der Stadt gekauft. Und dass die Reichskanzler allesamt nichts taugen liegt schlichtweg daran, dass das kein richtiger Beruf ist, der erlernt werden kann. Oder mit Graf gesagt: „Weil mir ebn koane glerntn Reichskanzler mehr hobn seitm Bismarck, drum ist oiwai dö Sauerei“.

Dass Graf seine Figuren tiefstes Bayerisch sprechen lässt, macht es zwar dem Leser nicht immer einfach (das angefügte Glossar hilft da auch nur bedingt), gibt aber den Figuren ihren ureigenen – bayerischen – Charme. Und wenn einmal tatsächlich die Landschaft beschrieben wird, dann nur, um zu zeigen, wie sehr sie den Menschen, die dort wohnen, ähnelt – oder umgekehrt.

Freilich darf nicht verschwiegen werden, dass Oskar Maria Graf eben nur ein bayerischer Heimatdichter ist – über seine kleinen Geschichten kann man heute nicht mehr immer schmunzeln. Und auch das anekdotenhafte Erzählen, das Graf so liebt, ist heute nicht mehr massentauglich. Ich kann mir daher kaum vorstellen, dass Grafs „Minutengeschichten“ heute noch begeisterte Leser finden.

Für mich war das spannendste zu sehen, wie Oskar Maria Graf mit der großen Politik umgeht, spielen seine Geschichten doch vorwiegend zwischen dem ersten Weltkrieg und den ersten Jahren der Bundesrepublik. Freilich enthält sich Graf einer Wertung – er lässt vielmehr seine Figuren sprechen, lässt sie diskutieren und sich arrangieren. Und macht so die große Politik ganz klein.

Versehen ist das Buch mit einem Nachwort von Wilfried F. Schoeller, dem Herausgeber der auf 16 Bände angelegten Werkausgabe von Oskar Maria Graf. Dabei geht Schoeller auch auf den spannenden Lebensweg von Oskar Maria Graf ein.

 

Oskar Maria Graf: 
Minutengeschichten 
Ullstein-Verlag 2017
ISBN 9783550081460

Nur ein kleiner Gefallen

Emily und Stephanie sind Freundinnen. So ist es selbstverständlich, dass Stephanie hin und wieder auf Emilys Sohn Nicky aufpasst. Das scheint nur ein kleiner Gefallen zu sein. Doch als Emily eines Tages ihren Sohn nicht mehr abholt und vermisst wird, setzt Darcey Bell in ihrem Buch „Nur ein kleiner Gefallen“ eine Ereigniskette in Gang, die immer neue Wendungen hervorbringt.

Als Zuhörer wird man immer vorsichtiger, wem man überhaupt noch glauben soll. Geschickt setzt Darcey Bell die verschiedenen Sichtweisen zusammen. Während anfangs nur Stephanie spricht (und ihr Blog vorgelesen wird), kommen nach und nach weitere Sichtweisen hinzu, allen voran Emily. Mal tappt der Leser so im Dunkeln, mal weiß er mehr als einzelne Protagonisten. Dass die Erzählerstimme ihre Artikulation kaum verändert, verhindert nicht, dass man als Zuhörer immer misstrauischer wird. Sich von dem, was die einzelnen Personen sagen und denken, kann man sich bald nicht mehr einlullen lassen. Sympathisch ist einem keine der Figuren in „Nur ein kleiner Gefallen“.

Allerdings schießt mir Darcey Bell deutlich übers Ziel hinaus, denn die Handlung und die Handlungsweisen der Protagonisten werden von CD zu CD immer unwahrscheinlicher.  „So dumm kann niemand sein“, habe ich mir beim Zuhören immer wieder gedacht, denn das Hörbuch wirkt gerade zum Schluss hin immer konstruierter und die Protagonisten handeln gelinde gesagt sehr, sehr unrealistisch und sind kaum bis gar nicht veränderungsfähig. Man könnte fast sagen, dass das Hörbuch gut in unser postfaktisches Zeitalter passt. Beabsichtigt dürfte das wohl aber nicht sein.

 

Darcey Bell: 
Nur ein kleiner Gefallen
gekürzte Fassung 

Verlag HarperCollins/Lübbe Audio 2017
ISBN 9783961080274

Coconut Hero (DVD)

Coconut Hero“ ist ein Film, der auf leisen Sohlen daherkommt. Regisseur Florian Cossen stellt den 16-jährigen Mike Tyson in den Mittelpunkt einer jugendlichen Selbstfindung, die sich zwischen schwarzem Humor und sanftem Zynismus bewegt.

Der Film beginnt direkt mit Mikes versuchtem Selbstmord. Dass er ihn zunächst unterbricht, um noch eine Todesanzeige aufzugeben, spiegelt den Charakter des Films. Er will seine Hauptfigur nicht lächerlich machen, aber  den jugendlichen Protagonisten auch nicht zu ernst nehmen. Im Grunde genommen hält es der Regisseur wie Mikes Mutter: abwarten und schauen, was passiert. Und da Mike nun eben nicht im Himmel aufwacht, sondern im Krankenhaus, hat man dazu auch jede Menge Gelegenheit.

Als Mike schließlich vom Jugendamt dazu verdonnert wird, in die Selbsthilfegruppe „Mut zum Leben“ zu gehen, beginnt die langsame Wendung des Films. Nicht nur, dass sich Mike verliebt, er lernt zudem auch noch seinen Vater kennen. Dass man dabei zur gleichen Zeit dabei zusieht, wie Mike sich einen Sarg nach seinen eigenen Vorstellungen zimmert, macht die Spannung des Films aus. Dabei wirkt der Schauspieler Alex Ozerow durchgehend überzeugend. Man nimmt ihm die langsame Wandlung des Mike Tyson ab.

Denn irgendwann haben wir einen geläuterten Mike Tyson vor uns, der reifer geworden ist – und dennoch von seiner Verschrobenheit nichts verloren hat. Und es ist gerade die Stärke des Films, dass dem so ist.

„Coconut Hero“ ist ein leiser Film, der auf seine Art liebenswert ist.

 


Coconut Hero
(In the middle of nowhere) 

Regie: Florian Cossen
Twentieth Century Fox 2016

Burn After Reading (DVD)

„Gott, was für ein Riesenscheißdreck“  –  so lautet der letzte Satz in dem Film „Burn After Reading“ von Ethan und Joel Coen. Dann schließt der CIA-Abteilungsleiter die Akte. Ohne zu wissen, was eigentlich geschehen ist. Und Ahnung von dem, was geschieht, haben die wenigsten Personen im Film.

Burn After Reading“ ist letztlich nicht mehr als ein großer Klamauk. Anlass für viele Missverständnisse und jede Menge Tote ist eine CD mit Daten, von denen die Finderin, die Angestellte eines Fitness-Studios, glaubt, das große Geld machen zu können. Denn schließlich zahlt ihre „Mickey-Maus-Krankenkasse“ nicht ihre Schönheitsoperationen.

Doch der CIA-Analyst, von dem die Daten auf der CD stammen, ist inzwischen entlassen und will so gar nicht für die Informationen bezahlen. Also ist der nächste Weg der zur russischen Botschaft und das Chaos nimmt seinen Lauf. Alle haben ihre eigenen Deutungen von dem, was geschieht und niemand hat den kompletten Durchblick. Es folgen jede Menge Missverständnisse, alle möglichen Fehlentscheidungen und Morde aus Versehen – und schließlich fällt der Vorhang und niemand ist letztlich schlauer. Außer vielleicht der Zuschauer.

Ein gut gespielter Agentenklamauk für regnerische Tage.

 

Burn After Reading
Regie: Ethan und Joel Coen 
Universum Film 2009