Wir leben hier, seit wir geboren sind

Es ist schwer, diesem Buch von Andreas Moster gerecht zu werden. „Wir leben hier, seit wir geboren sind“ ist ein Buch, das auf seine eigene Art und Weise erzählt. Es erzählt von einem Dorf, den Menschen, die dort leben, den Mädchen, die dem Dorf den Rücken kehren wollen, von dem fremden Mann, mit dem sie fliehen wollen. Ein Dorf, das vom Kalkabbau lebt, der aber nicht mehr rentabel ist und eingestellt werden wird. Und dann geschieht auch noch ein Mord.

Archaisch, mythisch erzählt „Wir leben hier, seit wir geboren sind“ seine Geschichte. Sie kommt wuchtig daher, langsam entspinnt sie sich, greift Handlungsfäden wieder auf, lässt sie los, wiederholt, verändert den Blickwinkel und lässt auch einmal die gewonnene Freiheit aus Sicht eines Hundes einfließen. Der fremde Mann: der Teufel genannt.

„Wir leben hier, seit wir geboren sind“ ist ein sprachmächtiges Buch, auf das man sich einlassen muss. Ansonsten ist es kaum möglich, dieses Buch zu genießen. Zu sperrig ist es für den Leser, der hier eine spannungsgeladene, plausible Handlung erwartet. Wer dies erwartet, kann nur enttäuscht werden. Nein, man wird hineingetaucht in einen eigenen Kosmos des Begehrens und Wollens, des Aufbäumens und Scheiterns, in dem es irgendwann nicht mehr darauf ankommt, was wirklich vorgefallen sein muss.

Andreas Moster:
Wir leben hier, seit wir geboren sind
Bastei-Verlag 2017
ISBN 9783732540556

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Das Mädchen aus Brooklyn

Die Handlung von Guillaume Mussos Roman „Das Mädchen aus Brooklyn“ ist schnell erzählt: Kurz vor der Hochzeit verschwindet Anna, die Frau Raphaels, einfach so. Zuvor hatten sie noch über die Geheimnisse, die jeder in seinem Leben hat, gesprochen. Anna war bereit, vor ihrer Heirat Raphael in ihr Lebensgeheimnis einzuweihen. Doch das ging gründlich schief, denn Raphael ist völlig entsetzt von dem Foto, das Anna ihm zeigt. Doch was hat sie genau damit zu tun, was auf dem Bild dargestellt ist? Raphael erfährt es nicht, denn er sucht flugs das Weite.

Nein, das Mädchen aus Brooklyn stammt nicht aus Brooklyn. Und das ist nicht die einzige Ungereimtheit, mit der Anna ihre große Liebe Raphael konfrontiert. Guillaume Mussos Buch „Das Mädchen aus Brooklyn“ beginnt bereits auf den ersten Seiten als Rätsel.

Was nun folgt – und was die Handlung des Romans ausmacht – ist nichts anderes als Rätselraten, als die Suche nach der Wahrheit; doch was geschehen ist, muss Raphael und sein Freund Marc, ein ehemaliger Polizist, erst Stück für Stück herausfinden. Und ihnen läuft die Zeit davon, denn Raphaels Verlobte scheint entführt worden zu sein…

Guillaume Musso hat einen Thriller verfasst, der den Leser fesselt. Was mit Anna geschehen ist, was sie getan hat:  beides hat eine Kettenreaktion heraufbeschworen, die entwirrt werden muss und für eine packende Handlung steht.

Die Perspektivwechsel vor allem im letzten Drittel des Romans tragen dabei nicht nur zur Auflösung des Geschehens bei, sondern sorgen auch dafür, dass die verschiedenen Ereignisse eindrücklicher beschrieben sind.

Musso gelingt es mir seinem Roman „Das Mädchen aus Brooklyn“ eine spannende Handlung mit interessanten Charakteren zu verknüpfen.

Guillaume Musso:
Das Mädchen aus Brooklyn
Piper-Verlag 2017
ISBN 9783492965880

Die Spione des Papstes

Ein wenig missverständlich ist er, der Titel von Mark Rieblings Buch: „Die Spione des Papstes“ .  Denn Spione des Papstes waren die Widerständler, von denen Riebling berichtet, mitnichten. Dass einige Personen unter anderem um den Grafen von Stauffenberg dem Vatikan regelmäßig Informationen zukommen ließen, ist absolut richtig. Freilich: ein Spionagenetz des Vatikans hat es so nie gegeben.

Warum allerdings dennoch im Vatikan viele geheime Informationen gebündelt ankamen, beleuchtet Mark Riebling in seinem Buch sehr gründlich und detailreich. Nicht nur, dass im Vatikan viele ausländische Diplomaten Zuflucht gefunden haben. Nein, die Widerständler erwarteten im Dritten Reich vom Papst eine Vermittlerrolle. Einerseits sollte der Papst der Garant für einen bevorstehenden Frieden werden, andererseits sollte er die Friedensverhandlungen so beeinflussen, dass bestimmte Grundprämissen in den Friedensverhandlungen nicht hinterfragt würden. Es war also eine Win-Win-Situation von Papst und Widerständlern, und keineswegs eine einseitige Spionageverpflichtung.

Mark Riebling gelingt es in seinem Buch, die Geschichte des Widerstands im Dritten Reich wie auch die Rolle des Vatikans lebendig werden zu lassen. Allerdings übertreibt es Riebling an einzelnen Stellen: wenn Fahrstühle quietschen, Augen funkeln und Anzüge zerknittert sind,  ist es doch etwas zu viel des Guten, was da für Ohr und Auge ausgeschmückt wird.

Allerdings überhöht Riebling die Rolle des Papstes in seinem Buch enorm. Zwar lässt Riebling einer anderen Sicht ihren Raum – so zitiert er etwa den Jesuitenpater Alfred Delp mit seiner Einschätzung, dass der Widerstand im Dritten Reich die Möglichkeiten des Vatikans völlig überschätzt hätte und ebenso die Bedeutung der Religion für den Widerstand. Zugleich aber schildert Riebling ausführlich, dass der Papst – nur – der Forderung des Widerstands nachgegeben habe, wenn er sich nicht direkt und eindeutig gegen den Nationalsozialismus zu Wort meldete. Papst Pius XII. hätte gerne so viel mehr gesagt – nur um Folgen für die Kirchen in den einzelnen Ländern zu vermeiden, habe er es nicht getan. Mag das grundsätzlich richtig sein, es ist doch insgesamt eine viel zu einfache Verteidigung des Papstes.

Völlig abwegig erscheint mir Rieblings Deutung der schweren einwöchigen Krankheit Hitlers im Führerbunker. Für Riebling ist es hier klar, dass Hitler deshalb so niedergeschlagen war, weil er erfahren hatte, dass der Papst in die Anschlagspläne gegen ihn nicht nur eingeweiht war, sondern sie auch gebilligt hatte. Dass dies der tatsächliche Grund dafür war, scheint mehr als fragwürdig, hat Hitler doch immer wieder sich gegen den Vaiktan und seine Rolle gewandt. Überrascht konnte er also mitnichten sein. Hier vergaloppiert sich Riebling ungemein. Genügt es doch sich klarzumachen, dass Hitler nach einzelnen Dokumentfunden klar werden musste, wie früh bereits enge Vertraute ihm schon früh in den Rücken fielen.

Ein wenig gewöhnungsbedürftig sind die Zeitsprünge, die als Kunstgriff immer wieder angewendet sind. Was gerade im Vatikan geschieht wird dem, was im Dritten Reich geschieht, gegenübergestellt. Zudem gibt es immer wieder zeitliche Sprünge, vor allem dann, wenn der Fokus auf einzelne Personen des Widerstands gelegt ist.

Überzeugend zeigt Mark Riebling in seinem Buch, wie sehr der Vatikan hin- und hergerissen ist zwischen der Taktik, sich abwartend zu verhalten und im Stillen Veränderungen zu erstreben und dagegen der gezielten Provokation durch Äußerungen gegen die Nationalsozialisten, die als Folge oft die Verfolgung von Geistlichen mit sich brachte. Papst Pius XII. wird von Riebling als starker Mann präsentiert, der zwar von seinen Mitmenschen als unnahbar wahrgenommen wurde, aber ein Herz aus Gold hatte und die Sache des Widerstands zu seiner eigenen machte und nicht zu der des Vatikans. Ob viele andere diese Unterscheidung zwischen Papst und Vatikan so, wie Pius XII. sie vornahm, nachvollziehen können, ist zu bezweifeln. Was als Frage offen bleibt, ist, ob Pius mit seiner persönlichen Unterstützung des Widerstands und des bewussten Verzichts auf kritische Worte gegen die Nazis nicht auf das falsche Pferd gesetzt hat.

Mark Riebling liefert mit seinem Buch „Die Spione des Papstes“ zur Diskussion diese Frage jede Menge Hintergrundwissen. Ein lesenswertes Buch.

Mark Riebling:
Die Spione des Papstes

Der Vatikan im Kampf gegen Hitler
Piper-Verlag 2017
ISBN 9783492976015

Unsere Mütter, unsere Väter

Der Krieg wird unseren Charakter verderben – so lautet die Prophezeiung Friedhelms in dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Und so tritt es dann auch ein.

So zeigt der erste Teil des Filmes, was der Krieg aus den Menschen macht. Er beginnt im Jahr 1941: fünf Freunde treffen sich, um ihren Abschied zu feiern. Ihre Verabredung: sie treffen sich an Weihnachten wieder. Die zwei ungleichen Brüder Wilhelm und Friedhelm ziehen gemeinsam in den Krieg gegen Russland. Sie stehen jeweils prototypisch für den Umgang mit den Gräueln und Schrecken des Krieges: die kühle, ignorierende und die emotionale, zweifelnde Reaktion. Während Wilhelm, der Offizier, anfangs über den Umgang mit Zivilisten schockiert ist, nimmt er es doch hin und macht seinen Job. Sein Bruder Friedhelm, der Gefühlvollere, verzweifelt mehr und mehr an seiner Rolle im Krieg. Er ist nicht fürs Militär gemacht, geht am Soldatenleben immer mehr zugrunde und provoziert immer wieder sein Schicksal. Und doch ist er es, der andere in den Tod schickt. Bräuchte es noch einen Beweis, dass der Krieg kein reinigendes Stahlgewitter ist: dieser Film lieferte ihn.

Nicht ganz so plastisch wird das Leben in der Heimat geschrieben. Greta, die eine Gesangskarriere in Angriff nimmt, versucht ihren Freund Viktor, ein Jude, zu retten, während ihre Freundin Charlotte genau das Gegenteil tut. Beide scheitern gleichermaßen und leben in ihren je eigenen Lebenslügen. Auch das, das Scheitern-Müssen in dieser Welt oder zumindest in dieser Zeit des Krieges, ist ein Thema des Films.

Der Film spielt so subtil, erzählend, mit Gegensatzpaaren, dass es in keiner Weise plump oder aufgesetzt wirkt. Es ist vielmehr beklemmend zu sehen, wie jeder einzelne der vier Freunde an dieser Zeit, an diesem Krieg zugrunde geht. „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist keine Dokumentation über die Zeit des Nationalsozialismus. Im Zentrum steht schlichtweg die Frage, was die Versuchung des Bösen mit den Menschen macht. Der Film legt seinen Fokus auf das Menschliche, Allzumenschliche.


Unsere Mütter, unsere Väter
ZDF-Dreiteiler 
Teil 1 (Eine andere Zeit), Teil 2 (Ein anderer Krieg) und Teil 3 (Ein anderes Land) 
ZDF 2013

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Es ist ein herrlich verspieltes Buch, das uns Jaroslav Kalfar bietet. Schon der Titel verweist darauf, wie das Buch geschrieben ist: amüsant und kurzweilig. Die kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt beschränkt sich auf eine einzige Fahrt ins All. Und das auch nur, weil alle anderen Nationen die gefährliche Fahrt ins All zu der kosmischen Staubwolke Chopra zu gefährlich scheint. Das aus der sozialistischen Lethargie erwachte Tschechien hingegen sieht die Raumfahrt als neue nationale Aufgabe und schickt die JanHus1 ins All. An Bord: Jakub Procházka.

Doch der ist alles andere als ein kühner Held. Schon kurz nach dem Start der Raumfähre verlässt ihn seine Frau wie auch das Interesse an der Mission zur Erforschung der Staubwolke Chopra und er beginnt Gespräche mit einem außerirdischen Wesen, das in die JanHus1 eingedrungen ist, zu führen. Während Jakubs Geschichte im All zwischen Wahn und Wirklichkeit balanciert, ist die seiner Kindheit von grausamer Realität. Immer wieder sind Rückblicke in Kindheit, Jugend- und Studentenzeit eingeflochten. Als Kind eines Mitarbeiters der Staatssicherheit hatte es Jakub nach der Wende alles andere als einfach. Die Eltern kommen bei einem Seilbahnunglück ums Leben und die Großeltern müssen das Haus einem früheren Opfer von Jakubs Vater übergeben.

Jaroslav Kalfar beherrscht die Erzählkunst virtuos. Manches ist vielleicht etwas zu weitschweifig erzählt, aber Kalfars Debütroman hat den Schalk im Nacken, und so liest er sich wie eine neckische, feine Anekdote. Eine gelungene, kurzweilige Unterhaltung.


Jaroslav Kalfar:

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
Tropen-Verlag 2017
ISBN 9783608503777

Jaroslav Kalfar: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Zitat

Wir wissen, dass der Gang der Welt einer Laune folgt, einem System von Zufällen. Es gibt zwei grundlegende Bewältigungsmechanismen. Der eine besteht darin, das Chaos zu fürchten, es zu bekämpfen und mit sich selbst zu hadern, wenn man verloren hat. Der zweite Mechanismus ist das uneingeschränkte Akzeptieren des Absurden. Alles, was existiert, vom Bewusstsein über die Verdauungsfunktion des menschlichen Körpers bis hin zu Schallwellen und rotorlosen Ventilatoren, ist grandios unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher scheint es, die Dinge würden gar nicht existieren, und doch tritt die Welt jeden Morgen zur Anwesenheitskontrolle durch den Kosmos im Klassenzimmer an.

Jaroslav Kalfar:
Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
Tropen-Verlag 2017

 

Spectrum

Spectrum“ heißt der erste Band der neuen Thriller-Reihe von Ethan Cross. Aufgefahren hat Cross ein ganzes Spektrum an Personen, ein ganzes Arsenal an Verbrechern, illustre Verbrecherjäger wie der Sohn eines Mafia-Bosses oder ein Ermittler mit Asperger-Syndrom. Hinzu kommt ein breites Spektrum an Orten und Themen. Gepackt hat mich der Thriller allerdings nicht.

Im Gegenteil: Ich fand den Thriller am Anfang ziemlich verwirrend, da man im Stakkato-Stil zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin- und herspringt und gleich am Anfang eine Vielzahl an Personen kennenlernt, die man schwerlich unterscheiden kann noch ihre Wichtigkeit beurteilen. Kapitel, die kaum mehr als zwei Seiten haben, erleichtern den Lesefluss ebenfalls nicht. Die Figuren wirken zudem wenig überzeugend. Dabei hat Cross alle Mühe darauf verwendet, sie interessant zu gestalten. Ermittler Nic Juliano stammt aus der Familie eines Mafioso und sagt von sich: „Man fühlt sich irgendwie beschmutzt. Ich versuche immer noch, mich reinzuwaschen.“ Bei solchen Aussagen bleibt es dann allerdings auch, in die Tiefe geht es nicht. Genauso bei August Burke, dem (freischaffenden) Ermittler mit Asperger-Syndrom. Während es anfangs noch immer wieder unterschiedlich aufgegriffen wird,  mutiert Burke am Schluss des Buches dann zum Superman, der durch seine Genialität alles löst, was es zu lösen gibt. Für mich war diese Wandlung zum deus ex machina so gar nicht überzeugend.

„Spectrum“ besteht aus zwei Handlungssträngen: Man befindet sich zunächst in einem Slum in Südafrika, wo mehrere hundert Tote bei einem Massaker zu beklagen sind und begibt sich auf die Spuren der Polizistin Isabel Price, die bei dem Massaker ihren Adoptivsohn verloren hat. Dann springt man in den mehr als brutalen Überfall auf einen Banktresor namens GoBox, bei dem es sich um weit mehr als nur um einen Banktresor handelt. Denn der Überfall ruft sofort FBI und CIA auf den Plan. Dass die zwei Handlungsstränge erst sehr spät zusammengeführt werden, erhöht zwar durchaus die Spannung, allerdings bringt der Sprung von Südafrika in die USA auch einen Bruch im Erzählen mit sich.

Der Task Force Spectrum, die am Ende des Thrillers eingerichtet wird, werde ich deshalb nicht weiter folgen.


Ethan Cross:
Spectrum. Thriller
Verlag Bastei Lübbe 2017
ISBN 978340417550