Jo Nesbø: Durst

Zitat

Mona trat ans Fenster und ließ den Blick über den Frognerpark schweifen. Es waren Wolken aufgezogen. Zwar waren die Wege hell erleuchtet, aber abgesehen davon lag eine beinahe stoffliche Dunkelheit über dem Park. Es war wie in jedem Herbst, bevor das Laub wieder kalt und hart wurde. Von Ende August bis Ende September war Oslo wie ein weiches, warmes Kuscheltier, das einfach nur festgehalten werden wollte.

Jo Nesbø:
Durst. Ein Fall für Harry Hole
Ullstein-Verlag 2017

 

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Rafik Schami: Sami und der Wunsch nach Freiheit

Zitat

Das muss man sich mal vorstellen: Die Geliebte weilt in Damaskus in wohltemperierten Zimmern und mein Freund sitzt in Palmyra in Lebensgefahr, aber er denkt nur an sie. So viel Sehnsucht habe er nie zuvor gekannt, erzählte er mir. „Ich muss Josephine sofort erzählen, dass ihr Bruder befreit wurde, damit sie ruhig schlafen kann. Für den ruhigen Schlaf eines geliebten Menschen zu sorgen, ist die erste Aufgabe des Liebenden.“

Meine Güte, dachte ich, die Liebe macht Sami zum verwegenen Dichter.

Rafik Schami:
Sami und der Wunsch nach Freiheit
Verlag Beltz & Gelberg 2017

 

Olivier Adam: Die Summe aller Möglichkeiten

Zitat

Das ist das Problem mit dem Leben, dachte Antoine. Dasjenige, das man hat, ist immer zu eng, und das, das man gern hätte, ist zu groß, um es sich auch nur vorstellen zu können. Die Summe aller Möglichkeiten ist das Unendliche, das gegen null tendiert. Letztlich geht es vorüber. Es geht immer vorüber.*

*Die Rechtschreibfehler sind korrigiert

 

Olivier Adam:
Die Summe aller Möglichkeiten
Klett-Cotta 2017

 

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind

Zitat

Ich weiß nicht, wie lange ich es schon weiß.

Dass ich gehen muss, weg von hier, heraus aus dem Dorf, dem Haus, dem Zimmer, in dem ich lebe, seit ich geboren bin. Ich könnte die genaue Zahl der Tage ausrechnen, es sind ein paar Tausend, aber was macht das schon.

Tausend Tage, ein Tag.

Ich kann hier nicht bleiben.

[…]

Ein Tag, tausend Tage.

Sie fließen ineinander wie dunkles, flüssiges Brot, verkleben zu einer zähen Masse, aus der nichts herausragt, keine Erinnerung, nichts, wonach man greifen könnte, ein dunkler, zäher Strom, in den ich vor langer Zeit gefallen bin und nicht mehr herauskomme.

Andreas Moster:
Wir leben hier, seit wir geboren sind
Bastei-Verlag 2017

 

Guillaume Musso: Das Mädchen aus Brooklyn

Zitat

„Anna!“, rief ich, während ich in den Vorraum stürzte.

Im Wohnzimmer war niemand. Der Boden war von Glasscherben übersät. Ein mit Nippes vollgestelltes Regal war umgestürzt und hatte den niedrigen Glastisch zerbrochen, der in tausend Stücke zersprungen war. Mitten in diesem Chaos lag der Schlüsselbund mit dem Anhänger, den ich dir wenige Wochen zuvor geschenkt hatte.

„Anna!“

Die große , von Vorhängen gerahmte Glasfront stand offen. Ich schob die im Wind flatternden Stoffbahnen zur Seite und trat auf die Terrasse. Wieder rief ich deinen Namen. Ich wählte deine Handynummer, aber mein Anruf wurde nicht angenommen.

Ich sank auf die Knie. Wo warst du? Was war in den zwanzig Minuten meiner Abwesenheit geschehen? Welche Büchse der Pandora hatte ich geöffnet, als ich die Vergangenheit heraufbeschwor?

Guillaume Musso:
Das Mädchen aus Brooklyn
Piper-Verlag 2017

 

Simon Strauss: Sieben Nächte

Zitat

Das hier schreibe ich aus Angst. Aus Angst vor dem fließenden Übergang. Davor, gar nicht gemerkt zu haben, erwachsen geworden zu sein. Ohne Initiation, ohne Reifeprüfung einfach durchgerutscht bis zur Dreißig. Alle Abschlüsse gemacht, alle Termine eingehalten, viel gelächelt, wenig geweint, ein bisschen geweint, aber vor allem gelächelt. Auf viele Züge aufgesprungen, kurz mitgefahren, dann wieder die Richtung gewechselt. […]

Aber bald, sehr bald, werde ich mich festlegen müssen. Auf ein Leben, eine Arbeit, eine Frau. Bald werden die Tage und Treffen vorübergehen, ohne dass sie etwas verändern. Werden die Momente ohne Wirkung bleiben und die Erschütterungen nachlassen.

Simon Strauss:
Sieben Nächte
Verlag Blumenbar 2017

 

Mark Riebling: Die Spione des Papstes

Zitat

Wenn man Papst Pius nach dem beurteilte, was er nicht sagte, konnte man nur den Stab über ihn brechen. Angesichts der Bilder von Bergen aus bis zum Skelett abgemagerten Leichen, angesichts der Frauen und kleinen Kindern, die von ihren Folterknechten gezwungen wurden, ihresgleichen zu töten, angesichts Millionen Unschuldiger, die wie Verbrecher eingesperrt, wie Vieh abgeschlachtet udn wie Müll verbrannt wurden, hätte der Papst reden müssen.

Während Pius im Privaten die „satanischen Kräfte“ geißelte, zeigte er öffentlich Mäßigung. Wo kein Gewissen neutral bleiben konnte, hielt sich die Kirche scheinbar zurück. Angesichts der größten moralischen Krise der Welt schienen ihrem obersten moralischen Führer die Worte zu fehlen.

[…] Das letzte Mal, dass Pius während des Kriegs öffentlich das Wort „Jude“ äußerte, war tatsächlich der erste Tag, für den sich seine historische Entscheidung belegen lässt, die Ermordung Adolf Hitlers zu unterstützen.

Mark Riebling:
Die Spione des Papstes
Piper-Verlag 2017