Iso Camartin: Die Kunst des Lobens

Zitat

Wenn Schriftsteller und Dichter genau peilen und vermessen, entdecken wir etwas in der Welt und an der Welt, das bisher so noch nicht zu sehen war.

Doch wird die Lage, in der wir uns befinden, durch Dichterpeilungen nicht immer klarer und behaglicher. Das Gegenteil ist oft der Fall. Wenn Dichter peilen, verrätseln sich die Dinge meistens. Die Richtung, in die uns etwas zieht oder drängt, wird nicht gleich sonnenklar und transparent, es schieben sich allerlei seltsame Gegenstände in den Vordergrund, Wegsperren gleichsam, die uns zu Umwegen zwingen und immer wieder Neupeilungen erfordern. […] Wenn Messgeräte das Ziel haben, Fahrten über Land und Meer und durch die Lüfte sicherer und kürzer zu machen, so haben Dichterpeilungen in der Regel zur Folge, dass die Welt undurchschaubar und verwirrend wird, dass man sich aus dem Vertrauten verliert und auf unwegsames Gelände gerät.


Iso Camartin:
Die Kunst des Lobens.
Zur Rhetorik der Lobrede
Die andere Bibliothek, Band 401, 2018

Das Zitat stammt aus der Lobrede auf Nico Bleutge.

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Jidi und Ageng: Der freie Vogel fliegt

Zitat

Damals wusste Xiaolu nicht, wie sehr sie sich viele Jahre später nach dieser Zeit, in der sie mit Su Yan in der Klassenecke saß, die Köpfe in die Bücher vergraben oder am malen und zeichnen, zurücksehnen würde.

So rann uns die allerschönste Zeit, während wir uns nach der Zukunft sehnten, ganz heimlich durch die Finger.

Jidi und Argeng:
Der freie Vogel fliegt, Band 2 (Comic)
Chinabooks 2018

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern

Zitat

Ohne Wenn keine Hoffnung, stand dünn an der schmutzigen Zellenwand, eingeritzt vielleicht mit einem Fingernagel.
Minuten vergingen. Stunden. Manchmal waren da Stimmen und klingelnde Schlüssel auf dem Gang, die meiste Zeit jedoch herrsche ernste, drückende Stille. Nichts passierte. Ich zählte die Ziegel, die zwischen dem Mörtel an der Wand hervorschauten. Ich dachte an Käthe, ihr Gesicht, ihre Haare und ihre Hände. Ich dachte an meine Familie. Ich versuchte, mich selbst mit meinen Fingernägeln in der Zelle zu verewigen, gab aber schnell wieder auf. Zunehmend verklebte stumpfe Langeweile die Angst, die ich eigentlich verspürte.

Johannes Herwig:
Bis die Sterne zittern
Gerstenberg-Verlag 2018

Emily Ruskovich: Idaho

Zitat

In ein paar Jahren wird sich die ganze Welt – ihr Staub, die Disteln, Steine und das Feuer – von der kurzen Phase erholt haben, in der die Mitchells lebten und in der sie sie zerstörte. Wie könnte ein solcher Riss jemals heilen, ein Riss, der sich durch die Zeit, die Erde und durch Herzen zieht und an jenem Augusttag entstand, als alles aus den Fugen ging und in Stücke brach, binnen Sekunden unwiederbringlich verloren?

Und doch wird er heilen. Sie spürt, wie dieser Prozess ohne sie beginnt.

Emily Ruskovich:
Idaho
Hanser-Verlag 2017

J. Courtney Sullivan: All die Jahre

Zitat

Nora hätte den Priester gerne gefragt, ob er es für möglich
hielt, dass all ihre Ängste auf diesen Moment hinausgelaufen
waren. Oder ob sie das hier hinausgezögert hatten. Sie hatte das
Gefühl, dass sie beichten sollte. Ihre Schuld. Ihr war klar, dass
sie sie für verrückt erklären würden, wenn sie das laut sagte. Sie
saß da, die Lippen fest aufeinandergepresst, und drückte sich
die Handtasche wie ein zappeliges kleines Kind an die Brust.

J. Courtney Sullivan:
All die Jahre
Verlag Deuticke 2017