Jaroslav Kalfar: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Zitat

Wir wissen, dass der Gang der Welt einer Laune folgt, einem System von Zufällen. Es gibt zwei grundlegende Bewältigungsmechanismen. Der eine besteht darin, das Chaos zu fürchten, es zu bekämpfen und mit sich selbst zu hadern, wenn man verloren hat. Der zweite Mechanismus ist das uneingeschränkte Akzeptieren des Absurden. Alles, was existiert, vom Bewusstsein über die Verdauungsfunktion des menschlichen Körpers bis hin zu Schallwellen und rotorlosen Ventilatoren, ist grandios unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher scheint es, die Dinge würden gar nicht existieren, und doch tritt die Welt jeden Morgen zur Anwesenheitskontrolle durch den Kosmos im Klassenzimmer an.

Jaroslav Kalfar:
Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
Tropen-Verlag 2017

 

Martin Schult: Dem Kroisleitner sein Vater

Zitat

Was kommen wird, und darum ging es ja bei solchen Krisen, machte ihm keine Sorgen. Was hinter ihm lag, das hatte er verbockt. Das hatte er in den Fotoalben entdeckt, die er nach dem Tod der Mutter zusammen mit seinem Vater durchgeblättert hatte. Die Schlichtheit seines Lebens hatte ihn erschüttert.

Nichts, worauf man stolz sein könnte. Nichts, was sich für den Anfang eines Buches eignen würde. Wer sollte sich schon für einen Menschen interessieren, dessen aufregendstes Ereignis, das sein Onkel auf einem Foto festgehalten hatte, der Erwerb des Seepferdchen-Abzeichens gewesen war?

Fotoalben konnten so gnadenlos sein.

Martin Schult: Dem Kroisleitner sein Vater
Ullstein-Verlag 2017

Bernhard Blöchl: Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint

Zitat

„Was es in den Highlands gibt, willst du wissen? Das kann ich dir sagen, Mädchen: nichts!“

„Nichts? Nichts ist wenig.“

„Nichts ist alles!“, sagte Knoppke, und wer ihn kannte, hätte ein zuckendes Lächeln in sein Gesicht hineininterpretiert.

„Was denn alles, verdammt noch mal!“ Sam begann, an Knoppkes rechter Schulter zu rütteln, als sei er weggedöst.

„Wenn du es genau wissen willst“, er sah ihr in die Augen, „rohe Natur gibt es dort, rohe, ehrliche Natur! s gibt die Lochs und den Whisky, den Ben Nevis und die Highland-Cows, es gibt Ebbe und Flut, Fish and Chips. Kurzum: Es gibt dort den Ursprung, die Essenz. Zurück auf null.“

Und dann richtete sich Knoppke auf. Er streckte seinen stämmigen Körper, hob den Kopf in den Himmel über dem Kaff der Jasager, und auch sein Bauch verschaffte sich Platz, indem er den Holztisch mit einem Ruck nach vorne schob. So stand er da, der Mann mit der zerrissenen Jeans und dem zerrissenen Herzen, und dann sagte er: „Das ist es! Ich will zurück auf null!“

Er stand noch eine Weile so da, seine Arme hingen schlaff herunter, bevor er wieder Platz nahm, als sei nichts geschehen.

Bernhard Blöchl:
Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint
Piper-Verlag 2017

Graham Moore: Die letzten Tage der Nacht

Zitat

Als Paul geendet hatte, herrschte Schweigen im Raum. Er hatte alles gegeben, um Edison zu schlagen. Er hatte seine eigenen Sünden begangen, nur um zu beweisen, dass Edisons noch viel schwerer wogen. Er hatte den Menschen, den er lieben gelernt hatte, von sich gestoßen. Alles, was ihm noch blieb, war seine Wut.

Es fühlte sich gut an.

Graham Moore: Die letzten Tage der Nacht
Eichborn-Verlag 2017

Nils Heinrich: Sei froh, dass du nicht Joghurt heißt

Zitat

Die kleine Charlotte muss irgendwann auch mal süß gewesen sein. Das ist aber schon länger her. Sie ist bereits steinalte fünf Jahre alt. Das bindet sie uns gleich mal auf die Nase, obwohl wir gar nicht gefragt haben. Was für ein ordinäres, vorlautes Gör. Nein, Charlotte ist kein neues, niedliches Kind mehr, sie ist gebraucht. Ein Kind, zu dem man schnell mal sagt: „Geh weg, du nervst.“ Und dann ist man froh, dass es laufen kann und weggeht. Unser undeutlich brabbelnder Sohn, unser hilfsbedürftiger, auf dem Bauch liegender Goldschatz dagegen ist noch ein richtiger niedlicher Hingucker. 1:0 für uns.

Nils Heinrich: Sei froh, dass du nicht Joghurt heißt.
Vom komischen Kauz zum Rabenvater, Satyr-Verlag 2016

Rose Tremain: Und damit fing es an

Zitat

„Du siehst also“, sagte sie, „du musst wie die Schweiz sein. Verstehst du? Du musst dich zusammenreißen und mutig und stark sein und dich heraushalten. Dann wirst du die richtige Art Leben führen.“
Gustav hatte keine Ahnung, was »die richtige Art Leben« war. Alles,was er kannte,war sein eigenes Leben, das Leben mit Emilie in der Wohnung im zweiten Stock mit der Karte von Mittelland an seiner Zimmerwand und Emilies Strümpfen, die an einer Leine über der gusseisernen Badewanne trockneten. Er wünschte sich, sie würden immer dort hängen, diese Strümpfe.

Rose Tremain: Und damit fing es an,
Insel, Frankfurt 2016