Ich, Eleanor Oliphant

Eleanor Oliphant ist die tragisch-komische Figur in Gail Honeymans Buch „Ich, Eleanor Oliphant„. Liebenswert verschroben, so lässt sich vielleicht am besten beschreiben, was die 30-Jährige ausmacht. Sie ist alles andere als lebens- und welterfahren.

Nach einem tragischen Zwischenfall in ihrer Kindheit lebt sie sehr zurückgezogen, bis sie sich in das Bild eines Musikers verliebt. Wohlgemerkt: in das Bild eines Musikers, das sie sich selbst von ihm gemacht hat. Zugleich lernt sie ihren Büro-Kollegen Raymond besser kennen – all das stellt ihr Leben auf den Kopf. Auf einmal geht Eleanor aus, in Konzerte, wird eingeladen zu Geburtstagsfeiern, kleidet sich neu ein – der Leser kann mitverfolgen, wie die neuen gesellschaftlichen Aufgaben Eleanor selbst verändern und trotz der rationalen Sicht, die sie sich angewohnt hat, ihre Gefühle langsam auftauen lassen.

Dass damit auch die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Kindheit und ihrer – gelinde gesagt- herrschsüchtigen Mutter ansteht, wird Eleanor erst nach und nach klar. Wird sie dieser Auseinandersetzung gewachsen sein? Mit Spannung verfolgt der Leser Eleanors rasante Entwicklung – und ist verblüfft ob ihrer Veränderung.

Was „Ich, Eleanor Oliphant“ so unterhaltsam macht, ist vor allem die Art und Weise, wie das Buch geschrieben ist. Das Weltunverständnis aus der Sicht von Eleanor ist absolut komisch, schräg, grotesk. Manchmal auch mit einer bitteren Note, wenn es etwa um ihre Einsamkeit geht. Ihre Pedanterie, ihre regelmäßigen Tagesabläufe, ihre Direktheit – all das lässt sie verschroben erscheinen. Und doch ist da eine Eleanor in ihr, die das Leben leben will und dabei in recht viele Fettnäpfchen tappt. Wenn sie eine Packung Scheibenkäse zum Geburtstag verschenkt, mal wieder sagt, was sie nur denken sollte: dann hat der Leser ordentlich was zu lachen. Gail Honeymans Humor ist es, was dem Buch das gewisse Etwas gibt.

Gail Honeyman:
Ich, Eleanor Oliphant

Lübbe-Verlag 2017
ISBN  9783431039788

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Brügge sehen … und sterben?

Wie können die Kanäle und Kirchen und Kopfsteinpflasterstraßen, die Brücken und Schwäne und all das märchenschafte Scheißzeug nicht sein Ding sein?

Ray langweilt sich in Brügge. Kanäle, Kirchen, Kopfsteinpflaster: nicht sein Ding. Der ältere Ken hingegen ist von dem historischen Stadtkern fasziniert. Die beiden Auftragskiller sind nach Brügge geschickt worden, um für eine Weile unterzutauchen. Da Ray an seinen Schuldgefühlen zerbricht – er hat aus Versehen bei einem Attentat einen kleinen Jungen erschossen, soll Ken ihn aus dem Weg schaffen. Doch das misslingt ihm. So kommt schließlich der Auftraggeber selbst nach Brügge, um für Ordnung zu sorgen.

Der Film besticht vor allem durch seine kaum bis gar nicht vorhandene Handlung und das Inszenesetzen des Wartens. Denn daraus gewinnen die knappen Dialoge, die zum Teil surreal anmuten, ihre Kraft. Die Mischung aus Kaltblütigkeit, Ehrenkodex und Sentimentalität verblüfft den Zuschauer immer wieder.

Hinzu kommt ein Arsenal schräger Figuren von Kleinwüchsigen bis zu Kleinkriminellen. Mit seinem schwarzen Humor ist „Brügge sehen… und sterben?“ ein Film, den man immer wieder ansehen kann.


Brügge sehen… und sterben?
Regie: Martin McDonagh
Universum Film, 2008

Der Klang des Herzens (DVD)

Wer sich mal wieder einen hoffnungslos sentimentalen Film ansehen möchte, liegt mit „Der Klang des Herzens“ auf jeden Fall richtig. Ginge es nur darum, dass der 11-jährige Waisenjunge Evan seine Eltern wiederfindet, so wäre der Film grausig anzusehen: abstruse Zufälle gepaart mit einem nur so vor Schmalz triefendem Happy End. Hollywood eben.

Doch das ist die unbedeutendere Geschichte, die im „Klang des Herzens“ erzählt wird. Übergeordnet ist die Geschichte von Evan, der seinen Weg sucht und geht. Man kann ihn, den 11-Jährigen, mit Fug und Recht als Wunderkind beschreiben. Lässt man die etwas kitschige Vorstellung weg, er würde seine Eltern finden, wenn sie erst seine Musik hören, so ist es seine innere Stimme, die ihm Kraft gibt und ihn zur Musik treibt: „Die Musik ist immer da, man muss einfach nur zuhören.“

Mühsam geht Evan seinen Weg – im Waisenhaus ist er nicht glücklich. Und so flieht er nach New York, wo er schließlich in eine Kinderbande gerät, die als Straßenmusiker für einen schmierigen gescheiterten Musiker arbeiten. Erst als ein Pastor Evans Begabung erkennt, geht es für den etwas lebensfremden Evan bergauf: er kommt auf eine Musikschule, wird gefördert und bekommt die Möglichkeit zu einem großen Auftritt im Stadtpark. Und bis dahin ereignen sich noch so einige Fügungen des Schicksals…

Es sind die musikalischen Szenen, die dem Film seinen Charme geben und die einen berühren und sogar den ziemlich schnulzigen Schluss erträglich machen.

Der Klang des Herzens
Regie: Kirsten Sheridan 
Universum Film
2008