Wie wir lieben

Friedemann Karigs Sachbuch ist ein Plädoyer. Ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit und für mehr Offenheit in den Beziehungen, die wir leben. Und so wird der Buchtitel „Wie wir leben. Vom Ende der Monogamie“ dem Charakter des Buches nicht gerecht. Es ist kein Buch, in dem ausschließlich über die Liebe und ihre Verwirklichung als Beziehung gesprochen wird. Es ist kein Kinsey Report über das Sexualverhalten der Deutschen. Wenn Karig den Umgang mit Sexualität in unserer Zeit beschreibt, tut er dies mit klarer Absicht: er will auf etwas aufmerksam machen, er will etwas verändern. Eine Streitschrift, ein Plädoyer ist es also. Wofür, wogegen?

Zunächst einmal sieht Karig die Ehe als Auslaufmodell. Ja, es gibt Stellen in dem Buch, in denen eine monogame Ehe nicht abgelehnt wird. Viele sind es freilich nicht. Zu sehr ist Karig damit beschäftigt, die sexuelle Unterdrückung, die es seit Jahrtausenden gebe, aufzuzeigen und anzukreiden. Denn Monogamie ist quasi automatisch mit Unterdrückung gleichzusetzen. Sie bewirke sexuelle Unzufriedenheit, der Beziehungskiller Nummer 1, entspreche nicht dem, was die Natur von uns will. Denn Fremdes, sagt Karig, ist immer attraktiver als Altbekanntes. Wer dies nicht wahrhaben will, lasse sich von seinen Ängsten, nicht von seinen Wünschen leiten. So plädiert Karig im letzten Teil seines Buches für Ehrlichkeit und Offenheit in Beziehungen, wie auch für eine größere Akzeptanz von „ungewöhnlichen“ Beziehungen, wie etwa polygamen.

„Wir sollten sexuelle Pragmatiker werden. Und unser Glück maximieren“, fordert Karig. Wie schwierig dies ist, zeigen die Geschichten einzelner Paare und Beziehungen, die der Autor beschreibt (größtenteils entstammen sie Artikeln des Autors im SZ-Magazin). Konfliktfrei sind diese Beziehungsmodelle genauso wenig wie die Ehe. Glück ist und bleibt ein schwer zu haltendes Gut. Oder um es mit Marie zu sagen:  „Verlieben, Lieben, Entlieben. So geht das ständig. Unter allen Umständen.“

Mit Karigs Buch habe ich mich etwas schwer getan. Vor allem, weil ich mit seinem extrem kritischen Blick auf die Ehe nichts anfangen kann. Natürlich lässt es sich kritisieren, wenn die Ehe zum Zwang wird, wenn Beziehungsformen neben der Ehe nicht existieren dürfen. Aber warum es einfacher sein soll, zu dritt eine lebbare Beziehung aufzubauen als zu zweit – es leuchtet mir nicht ein. Was Karig als „Mogel-Monogamie“ oder als „serielle Monogamie“ bezeichnet – „die lauwarme Badewanne an Kompromissen und gepflegter Langeweile“ – es ist und bleibt die Form der Beziehung, die vielleicht nicht am meisten Glück, aber dennoch am meisten Geborgenheit und Zufriedenheit verheißt. Karig, so scheint mir, denkt in der Zweierbeziehung immer auch das Ideal der Treue mit, an dem wir nach Karig scheitern müssen. Bei Karig liegt meines Erachtens aber der Denkfehler darin, dass er dieses Scheitern so kategorial auffasst, dass dagegen die zugefügten Schmerzen in einer anderen Beziehung fast schon belanglos erscheinen.

Das Buch liest sich streckenweise sehr flüssig, aber dennoch gelehrt; anderes hingegen wiederholt sich immer wieder und die eingefügten Geschichten fand ich nicht immer weiterführend. Insgesamt ist Karig ein Meister im Zitieren. Hier wird etwas angefügt, da wird ein Zitat eingefügt, dort etwas belegt – an manchen Stellen braucht es etwas Zeit, um sich klar zu werden, was nun Karigs Position ist und was er nur zitiert.

Friedemann Karig: 
Wie wir lieben 
Vom Ende der Monogamie
Verlag Blumenbar 2017
ISBN 9783351050382

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