Orlando. Eine Biographie

Der Klassiker „Orlando“ von Virginia Woolf als Hörspiel – das ist das gelungene Werk des Bayerischen Rundfunks. Es ist eine vorsichtige Bearbeitung, die den Text im Zentrum belässt und ihn hier und da mit Hintergrundgeräuschen untermalt oder mit Klaviermusik zum Klingen bringt.

Das Spiel mit der Biographie Orlandos, die die Zeitspanne von 300 Jahren umfasst und Orlando von einem Mann zu einer Frau werden lässt, gewinnt in dieser Hörspielfassung an Lebendigkeit. Das Spiel mit dem allwissenden Erzähler – und damit das Spiel mit dem Leser, das Virginia Woolf betreibt, der Wechsel von Ort und Zeit, all das tritt durch die Hörspielfassung deutlicher zutage. Die sehr detaillierten Beschreibungen, die vielen literarischen Anspielungen verlangen ein sehr konzentriertes Zuhören. Bei manchem Kapitel war ich überrascht, was ich alles beim ersten Hören überhört hatte. Für den, der „Orlando“ zum ersten Mal kennen lernen will, eignet sich daher vielleicht doch das Buch eher als die Hörspiel-Fassung.

 

Virginia Woolf:
Orlando. Eine Biographie
Bayern2/Hörverlag 2013
ISBN 9783844513806
Wer sich das Hörspiel online anhören will, ist beim Bayerischen Rundfunk richtig.

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Mittelmeersplitter

Levian ist der neue in der Klasse. Ein Außenseiter. Ein Sonderling. Denn Levian spricht nicht. Mit niemandem. Zumindest so lange, bis Annika es gelingt, ihn zum Reden zu bringen. So beginnt die Beziehung zwischen den beiden Zehntklässlern, von der Theresa Sperling in ihrem Buch „Mittelmeersplitter“ erzählt.

„Mittelmeersplitter“ ist ein Jugendbuch, das sehr geradlinig erzählt. Nebenhandlungen sind und bleiben Nebenhandlungen. Im Zentrum stehen Annika und Levian, die beide ihr „Päckchen“ zu tragen haben. Und so braucht es einiges an Mut, bis eine Aufrichtigkeit in ihre Beziehung einzieht, die sie auch ihre eigene Geschichte verarbeiten lässt, die sie mit sich herumschleppen. Und vor allem braucht es die Wärme Italiens und das Mittelmeer, die Annika und Levian lehren, offen und vertrauensvoll miteinander umzugehen.

Angenehm ist, dass die Autorin nicht für alles eine Erklärung bietet. So bleibt dem Leser die Möglichkeit, darüber nachzudenken, weshalb sich Annika und Levian so verhalten, wie sie es tun. „Mittelmeersplitter“ bietet keine allzu einfachen Antworten und keine schwülstig-romantische Liebesgeschichte. Das Buch bleibt nicht dabei stehen, die Angst vor dem ersten Mal zu thematisieren.  Eine Verwandlung vom Aschenputtel zum Dornröschen und vom Sonderling zum Frauenschwarm findet nicht statt. Es bietet mit Annika und Levian zwei Figuren, die Reibungsfläche für den Leser bieten. Nur der Blick in die Zukunft des Buches ist allzu kitschig geraten – darauf hätte ich verzichten können.

Theresa Sperling:
Mittelmeersplitter
Eine Geschichte vom Liebenlernen und Lebenwollen
Lektora-Verlag 2016
ISBN 9783954610792

Out of Rosenheim

Kalte Wintertage lassen einen im DVD-Regal stöbern und alte Klassiker rausholen. Zu den Klassikern gehört bei mir auch „Out of Rosenheim“. Für mich ist es die bunte Mixtur ganz unterschiedlicher Personen, die sich im „Bagdad Café“ tummeln, die den Film so interessant macht.

Da gibt es Jasmin Münchgstettner, die sich während des USA-Urlaubs kurzerhand von ihrem Mann absetzt – faszinierend immer wieder, mit wie wenig Worten die Trennung im Film auskommt. Dann ist da Brenda, die zupackende Besitzerin des Bagdad Cafés, das mehr schlecht als recht läuft. Ihre Kinder, die beide ihr eigenes Leben führen, inklusive einem Enkelkind. Hinzu kommt Rudy Cox, der als Kulissenmaler in Hollywood gearbeitet hat und jetzt in ebenjenem Bagdad abgeschieden von der Welt malt. Nicht zu vergessen meine liebste Nebenfigur, die Tätowiererin, die am Schluss weggeht, weil es ihr zu harmonisch geworden ist.

Feinsinnig werden im Film die Annäherungen zwischen all diesen Personen beschrieben und mit einem Gespür fürs Detail filmisch umgesetzt. Die Geschichte um Jasmin Münchgstettner ist so geradlinig erzählt und hat doch so viele Facetten, dass man den Film immer wieder anschauen kann und doch wieder etwas Neues entdeckt.

Meine Empfehlung: den Film in der englischen Version anschauen – da kommt nicht nur das falsche Englisch, das Jasmin Münchgstettner anfangs spricht, besser rüber, auch wegen des Wortwitzes lohnt sich das Original.

Out of Rosenheim
Regie: Percy Adlon
Arthaus
1987

Ein Mann namens Ove

Ove ist kein Mann, den man als Nachbar haben will. Er ist pedantisch, nörgelt herum, weiß alles besser, macht regelmäßig Kontrollgänge in der Siedlung. Daher stöhnt die ganze Nachbarschaft auf, als die Firma ihn entlässt und der notorische Kritisierer den ganzen Tag zuhause ist.

Doch Ove kommt mit der neuen Situation nicht zurecht und beschließt, sich das Leben zu nehmen. Allerdings muss er feststellen, dass es gar nicht so leicht ist, sich umzubringen. Denn seit eine neue Familie in die Nachbarschaft in der Siedlung gezogen ist, ist Recht und Ordnung mehr denn je gefährdet und Oves Einschreiten wird dringend gebraucht… Zudem wird Ove von einer Charmeoffensive seiner Nachbarn und einer Katze überrannt. Immer wieder scheint durch, dass Ove letztlich doch ein großes Herz hat – allerdings tut er so einiges, um das zu verbergen.

Der kauzige Alte sorgt für wundervoll komische Szenen. Allerdings bleibt der Film nicht dabei stehen. Viele Rückblicke zeigen einen eher tollpatschigen Ove, der von seiner Frau Sonja liebevoll an die Hand genommen werden muss und einen Mann, der schwere Schicksalsschläge hinnehmen musste.

„Ein Mann namens Ove“ ist eine grandiose schwarze Komödie voller tiefgründiger Melancholie. Absolut sehenswert!


Ein Mann namens Ove
Regie: Hannes Holm
Concorde-Video
2015

Bonhoeffer und Bethge

Eine „wunderbare Freundschaft“ nennt Wolfgang Seehaber das, was die Theologen Dietrich Bonhoeffer und Eberhard Bethge miteinander verbunden hat. In seinem Buch stellt er die beiden unterschiedlichen Männer gegenüber und zeigt, was ihre Freundschaft ausmachte.

Seehaber erweist sich dabei nicht als großartiger Erzähler, der Geschichte durch Geschichten lebendig werden lässt. Er ist eher der nüchterne Betrachter, der mithilfe der zur Verfügung stehenden Quellen untersucht, was die beiden Theologen so sehr verband, dass sie sich blind vertrauten.

Seehaber macht deutlich, wie wichtig diese Freundschaft gerade in der Zeit der Verfolgung war, wo das Finkenwalder Seminar, das Bonhoeffer leitete, verboten wurde und die Arbeit der Bekennenden Kirche immer mehr im Untergrund stattfand. Seehaber betont stark Bonhoeffers klaren Blick für die politischen Ereignisse, seine klare Positionierung und Standhaftigkeit. Zugleich verdeckt er aber Bonhoeffers Schwächen – wie etwa sein antiquiertes Frauenbild – nicht. Freilich wirkt die Freundschaft zwischen Bonhoeffer und Bethge etwas verklärt (was aber auch daran liegen mag, dass Bonhoeffer dies selbst betrieb), wenn er etwa Bonhoeffer als „Meister“ bezeichnet. Beinahe anrührend hingegen ist die Abwägung zwischen Freundschaft und Liebe, als sowohl Bethge als auch Bonhoeffer sich verlieben.

„Bonhoeffer und Bethge“ ist manchmal etwas mühsam zu lesen, weil Seehaber mehr berichtet als dass er erzählt – seine wichtigen Aussagen wiederholt er dabei doppelt und dreifach, zum Teil auch gegen die Chronologie der Ereignisse. Manches wirkt wie eine Fleißarbeit, zum Beispiel wenn im ersten Kapitel des Buches alle Freundschaften Bonhoeffers präsentiert und analysiert werden. Durch vielen erwähnten Namen machen das Buch etwas unübersichtlich. Zugleich gelingt es Seehaber aber, die Kirchengeschichte des Dritten Reiches immer wieder in sein Buch einzuflechten und so die Sorgen und Nöte Bonhoeffers, aber auch seine Bedeutung für uns aufgrund seiner Aufrichtigkeit aufzuzeigen.

Trotz des eher analytischen Stils gelingt es Seehaber, die Personen lebendig werden zu lassen. Bonhoeffer, der Spross einer bürgerlichen Familie, gibt Unsummen für Telegramme und Briefe nachhause aus. Bethge, der schlechte Schüler, aus dem ein guter Handwerker hätte werden können, wird nur deshalb Pfarrer, weil er es als Verpflichtung gegenüber seinem Vater sieht. Zwei unterschiedliche Männer, die aufeinander angewiesen und verbunden waren in einer „unfasslichen Zuneigung“.


Wolfgang Seehaber:
Bonhoeffer und Bethge
Das Porträt einer wunderbaren Freundschaft
fontis-Verlag 2016, ISBN 9783038480952