Heimwärts über das Eis

Ellinor lebt in den Stockholmer Schären – abgeschieden vom Rest der Welt versorgt sie ihren kranken Vater. Doch eines Tages taucht ihre Jugendliebe Herrman nach über dreißig Jahren plötzlich wieder auf. Und das bringt Ellinor gewaltig aus ihrem bisherigen Trott.

Gunilla Linn Persson gelingt es, in „Heimwärts über das Eis“ die besondere Atmosphäre der Stockholmer Schären einzufangen. Da gibt es das alte Wegerecht, die Erkenntnis, dass man mit den Menschen, die da sind, vorlieb nehmen muss. Zudem gibt es jede Menge Fehden zwischen den Familien, die seit Jahrzehnten gepflegt werden, seit mehrere Jugendliche bei einem Sturm auf dem Eis erfroren sind. „Alles ist kaum mehr als eine Ahnung“, so lautet der letzte Satz des Buches. Das trifft es sehr gut, worum es in dem Buch geht: Um das was zwischen den Zeilen steht, um das, was nicht gesagt wird. Und so ist „Heimwärts über das Eis“ letztlich ein Frauenroman, in dem es um das Aufbrechen alter Krusten geht. So wie sich die Natur am Ende des Buches befreit und der Frühling da ist, so muss auch Ellinor sich befreien aus ihren Zwängen, die sie jahrzehntelang gefangen haben. Sprich: sie muss sich von ihrem Vater lösen und beginnen, ihr eigenes Leben zu leben. Diese Erkenntnis beschleicht Ellinor immer mehr, als Herrman wieder auftaucht und ihr ihr früheres Leben, ihre Jugend, in Erinnerung ruft.

Für mich war die Bildersprache, mit der dies im Buch verdeutlicht wird, etwas gewöhnungsbedürftig  (gelinde gesagt!). Wenn von Ellinor als Baum immer wieder die Rede ist – nun gut. Aber sie als verirrter Perlmutterfalter, als Eichhörnchen, das schließlich lächelt, zu bezeichnen: für mich sind das schräge Metaphern. Wenn von einem toten Mädchen, das zu ihren Leibzeiten gestrickt hat, gesagt wird, sie werde zu Brüsseler Spitze, kann ich damit so gar nichts anfangen. Im Buch sind es aber vor allem die vielen Vergleiche von Ellinor mit Pflanzen und Tieren, die irgendwann zu viel werden. Genauso wie die vielen literarischen Zitate, die eingeflochten sind. Durch sie hat sich für mich auch ein Missverhältnis aufgetan: Ellinor, die ständig in der Natur ist, alle Tiere und Pflanzen bei ihrem Namen kennt, wird plötzlich zur belesenen Büchernärrin. Das hat für mich nicht gepasst. Zudem ist manches an dem Roman sehr konstruiert, etwa dass Herrman genauso literarisch bewandert ist wie sie.

Anderes dafür ist gelungen: Die Verquickung mit einem tragischen Unglück vor über 100 Jahren führt durch das parallele Erzählen dazu, dass man als Leser kaum den Eindruck hat, dass viel Zeit vergeht, sondern sich alles in kürzester Zeit abspielt. Auch dass manches erst nach und nach aufgedeckt wird, sorgt im zweiten Teil des Buches noch einmal für einen Erzählschub, der mir am Anfang des Buches etwas gefehlt hat.

So ist „Heimwärts über das Eis“ ein Buch, das seinen eigenen Charme hat, wenn es mich auch nicht völlig überzeugt hat.

Gunilla Linn Persson:
Heimwärts über das Eis
Insel Taschenbuch, 2016
ISBN 9783458361879

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Aufstehen für ein neues Wir!

Burkhard Hoses Buch „Aufstehen für ein neues Wir“ ist ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit in unserer Gesellschaft. Anlass für sein Buch ist die Arbeit mit Flüchtlingen. Begegnungen, die ihn berührt haben, schildert der katholische Würzburger Studentenpfarrer immer wieder. Und Hose beschreibt anschaulich und ehrlich, wie er dadurch auch sich selbst verändert hat. Genauso ehrlich beschreibt er auch, wie schwer es ihm fiel, mit dem Hass und der Wut, die ihm an manchen Stellen entgegenschlug, umzugehen.

Jeder, der in der Flüchtlingsarbeit ist, wird sich in den Schilderungen Hoses wiederfinden. Die Verständigung trotz sprachlicher Schwierigkeiten schildert Hose ebenso wie die gutgemeinten Ratschläge, die an den Flüchtlingen vorbeigehen und die Irrtümer über Syrien und Afghanistan, die aufgelöst werden – ja, die meisten Flüchtlinge haben auch früher schon Schnee gesehen und in Syrien gibt es auch Duschen…Die Hoffnung Hoses, dass wir durch das Gespräch mit den Flüchtlingen auch uns selbst besser kennenlernen, weil uns dann erst auffällt, was den Flüchtlingen sofort auffällt, ich teile sie mit Hose. Auch, dass das auch den Umgang mit der eigenen Religion betreffen könnte, dass wir wieder lernen, über unseren eigenen Glauben zu reden.

Blauäugig und streckenweise sogar naiv erscheint mir Hose aber, wenn es um die Politik geht. Für Hose, so scheint es, ist das ein rotes Tuch. Zugespitzt gesagt: Während die Flüchtlingshelfer sich um die Menschen sorgen, unterstellt Hose den Politikern, dass sie gefühlskalte „Realisten“ sind. Für Hose ist Realist zu sein ein Unding, er fordert Visionäre und eine „andere Logik“, die Logik der Barmherzigkeit, die schlichtweg nur sagt: „Dann gehe und handle“. Wie sehr er wirklich davon überzeugt ist, dass damit Politik gemacht werden kann, zeigt Hoses Wunsch, der Bundeskanzlerin anzurufen: „Guten Morgen, Frau Bundeskanzlerin. Ich weiß, es ist 2 Uhr in der Nacht, aber ich muss Ihnen etwas Wichtiges sagen: Wir haben keine Garantie dafür, dass wir es schaffen, aber ich weiß, dass es Sinn macht, Menschen auf der Flucht zu helfen. Und wenn wir das tun, was voller Sinn ist, dann haben wir auch die Kraft, es zu schaffen. Ich will Ihnen sagen, dass viele Menschen in diesem Land dazu bereit sind.“ Ich glaube, die Bundeskanzlerin braucht solche Anrufe nicht. Und ich brauche solche Ausführungen nicht. In einem Land voller Visionäre wie Hose würde ich zumindest nicht leben wollen. Realisten sind kein Fehler, wenn es um die praktischen Dinge geht. Und davon ist in Hoses Buch für meinen Geschmack viel zu wenig die Rede.

Was ist dieses neue Wir, das Hose will? Ein Land, das die Willkommenskultur zum Dauerzustand macht, ja. Aber was heißt das? Wie geht das? Wie soll sich Deutschland denn verändern? Wie wird sich Deutschland vielleicht ganz von selbst verändern? Hier fehlen mir Hoses Visionen.

 
Burkhard Hose:
Aufstehen für ein neues Wir!
adeo-Verlag 2016
ISBN 9783863341244