Einer fällt den Baum

Als auf dem Dachboden der Kirche ein altes Bild gefunden wird, steht die Welt von Pfarrer Beermann kopf. Als ob es nicht genügt hätte, dass seine Frau ihm weggelaufen ist. Nein, das mysteriöse Bild bringt so einiges in Bewegung. Ein Mord geschieht direkt vor der Kirche und nicht nur die Polizei, sondern auch Pfarrer Beermann beginnt Nachforschungen anzustellen. Ist es nur Zufall, dass der Tote ein Jude ist?

Viel wird an dem Bild herumgedeutet, sogar ein Kunstsachverständiger hinzugezogen. Doch warum es so viel Aufmerksamkeit bekommt, bleibt zunächst offen. Erst ganz am Schluss des Krimis wird die tatsächliche, tragische Bedeutung offenbart.

Dies gehört zu den zentralen Merkmalen dieses Krimis: es wird viel geredet und wenig gehandelt. So passt es auch zu dem Buch, dass es doch einige sehr zufällige Zufälle gibt und am Ende die Auflösung durch einen seitenlangen Monolog erfolgt. Das ist wenig elegant. Gut gelungen hingegen ist das Spiel mit dem Bibelzitat aus Daniel 4,11  „Einer fällt den Baum“, was letztlich auch den Hinweis zur Bedeutung des Bildes gibt.

Zu den Stärken des Buches gehört auch, dass am Schluss deutlich mehr Menschen bei der Auflösung eine Rolle spielen als gedacht, sodass manches, was man beim Lesen für belanglos hielt, plötzlich doch seine Bedeutung hat. Meinen Humor hat das Buch nicht getroffen, dafür war er mir zu fade, seinen ganz eigenen Charme hat das Buch aber dennoch, wenn es auch meinen Geschmack nicht getroffen hat.

Reiner Strunk: Einer fällt den Baum
Ein Kirchenkrimi
Neukirchener Verlag,
ISBN 9783761563618

Heute ist morgen schon gestern

„Heute ist morgen schon gestern“ – das sind Poetry-Slam-Texte über Gott und die Welt. Marco Michalzik gibt sich dabei eher als ein Suchender, weniger als ein Findender. Er spricht darüber, dass man Gottes Größe so gar nicht begreifen und erst recht nicht beweisen kann, dass er aber dennoch sich von Gott getröstet weiß.

Das ist für mich das Spannende an Michalziks Texten: sie stellen Fragen und wünschen sich doch Antworten. In „Es war einmal“ wird das mit am deutlichsten: Jedes Leben sollte doch wie ein Märchen sein – und am Ende gut ausgehen, wünscht sich der Autor. Doch ob es wirklich so ist, bleibt als offene Frage im Raum. Neben der Hoffnung, die vor allem in den ersten Liedern der CD immer wieder zum Thema wird, gibt es auch eher melancholische Lieder über Trennung, Leid und Schmerz. Besonders gelungen ist das Lied „Nachtwache“, das von der unerträglichen Stille handelt. Darin heißt es zum Beispiel: „Nur ein Wort! Egal welches! Mehr musst du ja gar nicht sagen. Nur ein Wort, um nicht noch länger die Stille dieses Zimmers zu ertragen und allein zu bleien mit den Fragen, auf die sie keine Antwort haben.“

Während es in den ersten und letzten Liedern um die eigene Gefühlswelt geht, sind im Mittelteil Lieder über Menschenhandel, die Anschläge von Paris und die Flüchtlingshilfe zu finden. Ein wenig wirken sie wie ein Fremdkörper. Als „moderne Psalmen“, wie es der Verlag tut, würde ich Michalziks Lieder nicht bezeichnen. Nichtsdestotrotz kann man die meisten von seinen Liedern mehrmals, nein, immer wieder anhören. Je nach Laune und Stimmung, in der man ist.

Marco Michalzik feat. Pala Friesen:
Heute ist morgen schon gestern.
Poetry Slam-Texte über Gott und die Welt
Gerth Medien, ISBN 9783957341549

Niemand weiß, wie spät es ist

Niemand weiß, wie spät es ist – das heißt: niemand weiß, wann es Zeit ist für immer zu gehen. In René Freunds gleichnamigen Buch geht es freilich weniger ums Abschiednehmen oder die ars moriendi, sondern um den letzten Willen von Klaus Weilheim. Der hat sich für seine Tochter eine Aufgabe ausgedacht: nach seinem Tod soll sie mit einem Begleiter die Urne an eine bestimmte Stelle bringen und dort bestatten. Um wen es sich bei ihre Begleiter auf der Wanderung in die Alpen handelt und wo sie die Urne ihres Vaters bestatten soll, wird nach und nach durch verfasste Nachrichten des Vaters entschlüsselt. Freilich sind es nicht die Nachrichten des Vaters, die das Buch interessant machen, sondern die Wanderung, auf die sich Nora mit ihrem Begleiter Bernhard macht. So viel sei verraten: sie kennt danach nicht nur sich selbst besser.

René Freund ist ein unterhaltsames Buch gelungen. Dafür sorgen vor allem die beiden Protagonisten: die leicht tollpatschige, spontane Nora und der eher zurückhaltende, bedachte Bernhard. Klaus Weilheims Beschäftigung mit seinem nahenden Tod, die sich in den Nachrichten an seine Tochter spiegelt, empfand ich hingegen als recht langweilig und gewollt. Es wird deutlich, dass Weilheim ein distinguierter älterer Herr war – dem Lesefluss tut das allerdings nicht gut, wirken seine Ausführungen doch sehr platziert.

Insgesamt habe ich mir von dem Buch mehr erwartet, habe ich doch schon anderes von Freund gelesen. Szenen, die einem im Gedächtnis bleiben, weil sie so anschaulich geschildert werden, gibt es in „Niemand weiß, wie spät es ist“ nicht. Zumindest nicht für mich. Es ist ein unterhaltsames Buch. Und das ist ja nicht das Schlechteste.

René Freund:
Niemand weiß, wie spät es ist
Hanser, 2016
ISBN 9783552063266

 

In der Bücherbar gibt es auch die Rezension zu René Freunds Buch Liebe unter Fischen.