Der Junge, der Träume schenkte

Christmas ist die jugendliche Hauptfigur in Luca Di Fulvios Roman „Der Junge, der Träume schenkte“. Als Kleinkind kommt er nach Amerika und wächst an der Lower East Side auf. Di Fulvio versetzt seine Leser und Zuhörer in die 1920er Jahre der Gangster, Kleinganoven und Armut.

Christmas schummelt sich so durchs leben. Christmas gehört zu denen, die hoch spekulieren, ohne überhaupt etwas in Händen zu haben, geschweige denn in der Hinterhand. Das macht ihn sympathisch. So wird er zum Leiter einer gefürchteten Gang, ohne sich seine Hände schmutzig zu machen und gründet ein Untergrundradio, das zunächst einmal von den Pseudo-Gangstergeschichten lebt.

Parallel zum Gangsterdasein von Christmas wird die Geschichte von Ruth erzählt, der Christmas nach einer Vergewaltigung hilft und in die er sich verliebt. Doch zunächst verliert er sie aus den Augen. Ruth macht hingegen als Fotografin in Los Angeles Karriere…

Spätestens ab der Hälfte des Hörbuchs ist die Handlung sehr vorhersehbar. Ich empfand das nicht als sehr schlimm, weil man doch von Christmas‘ Schlitzohrigkeit gut unterhalten wird. Ein starker Kontrast zu den eher humorvollen Anteilen des Dramas bilden die vielen Gewaltszenen, die sehr ausführlich und sehr ekelerregend geschildert sind. Es mag sein, dass die Radikalität der Beschreibung nötig war, um den Kontrast zur ansonsten vorherrschenden Leichtigkeit des Buches herzustellen – mir war es etwas zu viel. Im Vergleich zur ansonsten lockerflockig daherkommenden Geschichte kamen mir diese Gewaltszenen wie ein Fremdkörper vor.

Ein wenig irritierend ist die Angabe „bearbeitete Fassung “ auf der Hülle der CDs. Ist es doch nicht bearbeitet, sondern schlichtweg deutlich gekürzt. Das Buch hat fast 800 Seiten, vieles ist also in der Hörbuchfassung weggelassen.

Luca Di Fulvio:
Der Junge, der Träume schenkte
Lübbe Audio Hörbuch,
397 Minuten,
ISBN 9783785752890

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Die Dinge, die wir suchten

„Die Dinge, die wir suchten“: das Jugendbuch von Damaris Pastow stellt die Frage nach der eigenen Identität und dem eigenen Platz im Leben.

Der 16-jährige Finn lebt bei seinem Großvater. Als dieser stirbt, macht sich Finn auf die Suche nach seinem Vater, den er nicht kennt. Weder seine Mutter, die früh bei einem Autounfall ums Leben kam, noch sein Großvater wollten ihm sagen, wer er ist. Was weiß sein Onkel Gideon, der extra aus Tansania zurückgekehrt ist, um sich um Finn zu kümmern?

Finn zieht zu seinem Onkel und findet neue Freunde, die ihn unterstützen. Ein paar Zufälle und Verwicklungen braucht es, bis Finn am Schluss seinen Vater tatsächlich findet. Mehr sei aber nicht verraten.

Besonders gefallen hat mir an dem Romandebüt von Damaris Pastow, wie vielschichtig die Figuren gezeichnet sind. Zudem sind die zentralen Personen sehr genau beschrieben, wenn von Finns Großvater etwa gesagt wird, er „lächle mit den Augen“. Die Handlung gewinnt im letzten Drittel des Buches deutlich an Fahrt, es kommt zu einem actiongeladenen Finale.

Das Jugendbuch ist für Jugendliche ab etwa 12 Jahren gut geeignet.

Damaris Pastow:
Die Dinge, die wir suchten

SCM-Verlag, 2016,
ISBN 9783775157339

Sei froh, dass du nicht Joghurt heißt

Was für ein bedauernswerter Mensch so ein Familienvater doch ist – denkt Nils Heinrich und erfährt kurz darauf, dass seine Frau schwanger ist. Nun also stürzt sich Heinrich ins Familienleben. In seinem Buch „Sei froh, dass du nicht Joghurt heißt“ schildert der Comedian kleine Episoden aus dem Familienalltag eines geplagten Vaters. Er muss erkennen, dass Kinder das Leben ganz schön durcheinanderwirbeln – vor allem dann, wenn der Sohn nicht auf den Mund gefallen ist.

Nils Heinrich gelingt es in den vielen kurzen Geschichten, den Familienwahnsinn aufzudröseln und ins Groteske zu verzerren. Das geht vom ersten Wort (Wenn ich mich gerade nicht täusche, hat er miaut) über die Kindersprache (Na, die Pämpi vollgekäckert?) bis hin zum Kinderkarneval (Wie macht der Löwe? Aterne, Aterne, Wonne, Kot und Herne). Angenehm ist die Mischung aus Geschichten, in denen der Sohn im Vordergrund steht, und den Texten, in denen es mehr um den Gemütszustand der Eltern geht. Auch wenn nicht alle Geschichten pointiert sind und manches nicht ausgeführt ist, bietet Nils Heinrich in seinem neuen Buch genug Stoff für gute Unterhaltung. „Sei froh, dass du nicht Joghurt heißt“ ist ein kurzweiliges Buch für zwischendurch – nicht nur für gestresste Eltern.

Nils Heinrich:
Sei froh, dass du nicht Joghurt heißt.
Vom komischen Kauz zum Rabenvater

Satyr-Verlag, 2016,
ISBN 9783944035710

Brannte nicht unser Herz?

Um die Leidenschaft im Glauben geht es Rainer Harter in seinem Buch „Brannte nicht unser Herz?“. Harter, Liedermacher und Gründer des Freiburger Gebetshauses, plädiert in seinem Buch dafür, dass Christen die Leidenschaft für ihren Gott- bzw. die „Schönheit Gottes“, wie Harter formuliert, – wiederentdecken und sich immer wieder von Neuem auf die Suche nach Gott machen.

Ich muss gestehen: Leidenschaft hat Rainer Harter mit seinem Buch kaum in mir geweckt. Dafür sind mir Harters Gedanken nicht nahe genug gekommen.

Zum Teil finde ich seine Begriffe nicht gelungen – statt „Suche nach Gott“ wäre für mich „sich einlassen auf Gott“ plausibler, zumindest würd e ich meine Glaubensentwicklung nicht als „Suche“ bezeichnen wollen. Viele Begriffe werden nicht wirklich erklärt, zum Beispiel was Harter genau unter der „Schönheit Gottes“ versteht. Nicht gelungen erscheint mir auch, dass Harter an manchen Stellen missverständliche Begriffe verwendet wie die „Intimität mit Gott“, die er umständlich erklären muss, statt einfach eine andere Formulierung zu verwenden wie etwa „Vertrautheit“.

Hinzu kommt, dass einiges sehr einseitig dargestellt ist. Das ist noch erträglich, wenn das Hohelied etwa sofort auf das Verhältnis Kirche-Glaubender übertragen wird. Aber wenn außer dem Gebet im Grunde nichts anderes zur Nähe Gottes verhilft, ist mir das zu wenig. Hier wäre für mich wichtig gewesen, dass die Beziehung zu Gott umfassender beleuchtet wird. Selbst das Singen, das Harter anführt, will er so mantrahaft durchführen, dass daraus letztlich wiederum ein Gebet entsteht. Mir ist das zu viel des Guten.

Auch Harters persönliche Seite, sein Kampf gegen die Überzeugung, dass Leistung im Glauben wichtig sei, hat mich nicht berührt – mein Kampf ist das nicht.

Vieles in Harters Buch bleibt mir zu unkonkret. Das betrifft nicht nur seine persönlichen Erfahrungen, die er mehr andeutet als erzählt, sondern auch vieles an Inhaltlichem. Er spricht vom Sehen mit dem Herzen, vom geistlichen Sehen, ohne wirklich konkret zu sagen, was damit gemeint ist. Es sind keine Worthülsen, die Harter verwendet, aber mir fehlt das Persönliche, das Konkrete, um davon angesprochen zu werden.

Anregungen hat mir das Buch dennoch an manchen Stellen gegeben: mehr Zeit für Gott einplanen (allerdings nicht nur fürs Beten…), stärker Rituale ins Glaubensleben einbinden (allerdings eher nicht einen Fasttag in der Woche…) und manches mehr.

Rainer Harter:
Brannte nicht unser Herz?
Wie die Schönheit Gottes unsere Leidenschaft weckt
SCM-Verlag, 2016,
ISBN 9783417267921