Löwen aus zweiter Hand

Zwei alte Knacker haben sich auf dem Land eingerichtet und beschäftigen sich mit so illustren Hobbys wie dem Schießen auf Vertreter, die sich zu der Farm verirren. Und es verirren sich viele Vertreter zu der verlassen liegenden Farm der beiden. Denn es geht das Gerücht um, dass die beiden ziemlich reich sind. Das lockt freilich nicht nur Vertreter an, auch die Verwandtschaft fällt regelmäßig über die beiden ein. Und eines Tages kommt so auch der 12-jährige Walter in die Obhut der beiden Großonkel. Der Plan der Mutter: der Junge soll herausfinden, wo die beiden Alten das Geld versteckt haben.

Nachdem die beiden Alten erkannt haben, dass Walter gar kein Weichei ist, sondern seinen eigenen Willen hat, freunden sie sich an. Walter ist beeindruckt von den vielen Geschichten, die sie zu erzählen haben. Und er ist es, der die beiden dazu bringt, noch verrücktere Dinge zu tun als sie eh schon tun. Sie kaufen einen „gebrauchten“ Löwen , der in Walters Obhut kommt und zum Schluss hin noch seinen großen Auftritt hat. Die spießige Verwandtschaft ist von all dem nicht angetan, sieht sie doch, wie das zu erwartende Erbe immer mehr schrumpft.

Als Zuschauer schließt man die beiden kauzigen Alten sofort ins Herz. Die slapstickartigen Einlagen, wenn einer der beiden Alen eine Gruppe großmäuliger Jugendlicher vermöbelt, sind selten, stattdessen sind es ihre Eigenheiten, die stark hervortreten und einen immer wieder zum Lachen bringen.

Löwen aus zweiter Hand ist ein witziger Film für die ganze Familie.

Löwen aus zweiter Hand,
Regie: Tim McCanlies

New Line Productions, 2003

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Unterleuten

„Je mehr ich erfuhr, desto stärker erinnerte mich die Geschichte an mein Lieblingsspielzeug aus Kindertagen, ein rotes Kaleidoskop“ – so heißt es am Ende des über 600 Seiten umfassenden Romans. Die Geschichte, das ist der Weg, wie Unterleuten an seine Windräder kommt. Und das Kaleidoskop, das sind die ganz unterschiedlichen Dorfbewohner, die mit ihren ganz unterschiedlichen Interessen das Dorf immer mehr spalten.

Jeder in Unterleuten, so hat man den Eindruck beim Lesen, trägt seine eigene Last mit sich herum, an der er sich abarbeitet, die ihn prägt und die seine Handlungen immer wieder irrational werden lässt. Der frühere Kommunist trifft da auf den kapitalistischen Wende-Gewinner und Großgrundbesitzer. Der gescheiterte Spiele-Entwickler auf den an Weltschmerz leidenden Soziologie-Professor. Und wenn Machtmenschen auf Idealisten,  verhinderte Schriftsteller auf erfolgsverwöhnte Macher und Modernisten auf geliebte Traditionen stoßen, liegt Spannung in der Luft, die weit über einen Nachbarschaftsstreit hinausgeht.

Eine Spannung, die bis zum Schluss erhalten bleibt. Denn es ist Juli Zeh gelungen, die Handlung so vielschichtig und überraschend wirken zu lassen, dass es auf keiner Seite langweilig wird. Und auch wenn es viele Figuren sind, die in dem Roman vorkommen, haben sie doch alle ihren eigenen Tick, der sie mehr oder weniger liebenswert macht. Und weil die Handlung immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven aufgegriffen wird, kommt man als Leser nicht darum herum, sich selbst Gedanken zu machen, um sich nicht einer der Personen oder gar dem immer wieder bissig-sarkastisch hervorlugenden Erzähler unterwerfen zu müssen.

Mir hat das Lesen von „Unterleuten“ viel Spaß bereitet.

Juli Zeh:
Unterleuten

Luchterhand-Verlag 2016,
ISBN 9783630874876

Internetauftritt mit den Figuren des Romans: http://www.unterleuten.de

Grzimek

Er kommt melancholisch daher, dieser Film über Bernhard Grzimek, an manchen Stellen fast schon resignierend. Es geht Regisseur Roland Suso Richter nicht darum, den berühmten Grzimek zu porträtieren. Es ist das unbekanntere Bild von Grzimek, das im Vordergrund steht.

Aber auch den Privatmenschen Bernhard Grzimek hätte man theatralisch ausschlachten können: uneheliche Kinder, Heirat der Schwiegertochter, zwei tote Söhne – mehr als genug Stoff. Dass „Grzimek“ kein reißerischer Film ist, liegt vor allem an der Erzählweise des Films: immer wieder wird Grzimeks Verhalten von ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Ein schwarz-weiß gestricktes Bild wird so vermieden.

Natürlich könnte man einwenden, dass Grzimek zu sehr als Getriebener, Zerrissener dargestellt ist – doch der Zuschauer hat immer auch die unglückliche betrogene Ehefrau im Hinterkopf oder die Vorwürfe von Grzimeks Sohn. Eher trifft die Kritik, dass die Lebensleistung von Grzimek nicht genug gewürdigt wird. Zu sehr ist immer die Beziehung zum Sohn, zur Frau usw. im Vordergrund.

Die Mischung aus beruflichem Erfolg und dem Versagen als Familienvater macht die Qualität des Filmes aus. Der Hochgelobte muss nicht noch einmal gefeiert werden, seine Verdienste müssen nicht in aller Breite dargestellt werden. Dass ihm die Tiere mehr am Herzen lagen als die Menschen und Grzimek irgendwann die Tiere mehr verstand als die Menschen, sagt wohl am meisten über Grzimek.

„Grzimek“: Ein leise erzählender Film, der Wertungen vermeidet und ganz unterschiedliche Seiten dieses Menschen zeigt.


Grzimek,
Regie: Roland Suso Richter

ARD Degeto, 2015

Nils Heinrich: Sei froh, dass du nicht Joghurt heißt

Zitat

Die kleine Charlotte muss irgendwann auch mal süß gewesen sein. Das ist aber schon länger her. Sie ist bereits steinalte fünf Jahre alt. Das bindet sie uns gleich mal auf die Nase, obwohl wir gar nicht gefragt haben. Was für ein ordinäres, vorlautes Gör. Nein, Charlotte ist kein neues, niedliches Kind mehr, sie ist gebraucht. Ein Kind, zu dem man schnell mal sagt: „Geh weg, du nervst.“ Und dann ist man froh, dass es laufen kann und weggeht. Unser undeutlich brabbelnder Sohn, unser hilfsbedürftiger, auf dem Bauch liegender Goldschatz dagegen ist noch ein richtiger niedlicher Hingucker. 1:0 für uns.

Nils Heinrich: Sei froh, dass du nicht Joghurt heißt.
Vom komischen Kauz zum Rabenvater, Satyr-Verlag 2016

Rose Tremain: Und damit fing es an

Zitat

„Du siehst also“, sagte sie, „du musst wie die Schweiz sein. Verstehst du? Du musst dich zusammenreißen und mutig und stark sein und dich heraushalten. Dann wirst du die richtige Art Leben führen.“
Gustav hatte keine Ahnung, was »die richtige Art Leben« war. Alles,was er kannte,war sein eigenes Leben, das Leben mit Emilie in der Wohnung im zweiten Stock mit der Karte von Mittelland an seiner Zimmerwand und Emilies Strümpfen, die an einer Leine über der gusseisernen Badewanne trockneten. Er wünschte sich, sie würden immer dort hängen, diese Strümpfe.

Rose Tremain: Und damit fing es an,
Insel, Frankfurt 2016