Andreas Pflüger: Endgültig

Zitat

Holm besaß die Macht über das Feuer, das in ihr wütete.
Und die Macht, es zu löschen.
Er war der Herr über die Minuten in dem Lagerhaus in Barcelona. Er allein konnte ihr diese Erinnerung schenken. Dann würde sie verstehen. Warum sie in Barcelona fortlief. Warum Holm ihr das alles antat. Warum er fünf Jahre gewartet hatte, während er die ganze Zeit nur die Hand hätte ausstrecken müssen. Er würde sie erlösen. Vielleicht ginge es mit ihrem Tod einher. Auch dieses Eingeständnis war aufrichtig. Aber selbst wenn sie es erst in der letzten Sekunde begreifen würde, so stünde sie in diesem Moment hoch oben auf einem Berg und sähe ihr ganzes leben unter sich wie eine weite Landschaft, in der sie jeden Stein kennt und alles, was darunter ist.

Andreas Pflüger: Endgültig
Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016

Nicht springen!

Es ist die Mischung aus überzeichneter Groteske und ernsten Tönen, die dem Buch „Nicht springen!“ seinen Schwung gibt. Jens Lossau hat ein Jugendbuch geschrieben, das man auf einen Rutsch lesen kann, ohne dass es einem langweilig wird.

Der 14-jährige Jannik sieht sich als Pechvogel der Nation. Was er auch anpackt, irgendwie entwickelt sich alles zur Katastrophe. Dazu kommt, dass er mit dem neuen Freund seiner Mutter so gar nicht kann und seine neuen Geschwister sind auch alles andere als von ihm begeistert. Es kommt, wie es kommen muss: eine Katastrophe folgt auf die andere. Und Jannik fühlt sich verflucht. Und weil das so ist, will er abtreten. Vorher aber schreibt er seinen Abschiedsbrief – immer und immer wieder geht er im Winter auf den Sprungturm im Freibad und schreibt daran, vor seinem geplanten Abflug. Dass daraus nichts wird, spürt der Leser im Grunde ab der ersten Seite. Und trotzdem (oder vielleicht auch gerade deshalb) macht es Spaß, Jannik zuzuschauen, wie er durchs Leben schlittert. Manches davon war mir dabei etwas zu dick aufgetragen, manches zu slapstickhaft.

Bei all der Unbeholfenheit Janniks schimmert aber immer wieder Ernsthaftigkeit durch. Janniks Probleme sind nicht aus der Luft gegriffen, es sind die typischen Fragen und Schwierigkeiten, die ein 14-Jähriger hat – vor allem dann, wenn er unfreiwillig in einer Patchworkfamilie landet. Janniks Unbeholfenheit zeigt sich vor allem dadurch so deutlich, dass alles aus seiner Perspektive geschildert ist. Er ist es, der mal mehr, mal weniger lockerflockig erzählt, was alles passiert ist – ein Trend, der seit dem Erfolg von „Gregs Tagebuch“ viele Jugendbuchautoren befallen hat. „Nicht springen!“ hebt sich qualitativ etwas ab, da zum Beispiel mit dem Sprungturm ein durchgängiges Motiv vorhanden ist.

„Nicht springen!“ kommt dabei an Bücher wie „Fänger im Roggen“ oder „Perfekt ist jetzt“ nicht heran. Auch ist es kein all-Age-Roman, wie das Buch vom Verlag angepriesen wird. Für einen Roman hätte es doch einiger Seiten mehr und damit einer ausführlicheren Handlung bedurft und die nervig-pubertäre Erzählstimme eines 14-Jährigen fesselt sicherlich nicht alle Erwachsenen. Es ist ein Jugendbuch, nicht mehr und auch nicht weniger.

Jens Lossau:
Nicht springen!

Verlag Digital Publishers,
nur als ebook
erhältlich

Jens Lossau: Nicht springen!

Zitat

Ich muss mich umbringen. Ich habe keine andere Wahl. Zum einen bin ich ein Soziopath. Ich habe keine Gefühle. Ich meine, keine richtigen. alles ist verdreht. Okay, mir tut der Daumen weh, wenn man mit einem Vorschlaghammer drauf haut, und beim Blutabnehmen neige ich dazu, das Bewusstsein zu verlieren. Aber ansonsten ist da wenig. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal geweint oder gelacht habe. Es gibt Fotos von mir, mit Papa und Philly, auf denen wir alle lachen. Keine Ahnung, wo diese Bilder herkommen, ich kann mich nicht an die Szenen erinnern. Wahrscheinlich sind sie manipuliert.

Jens Lossau: Nicht springen!
ebook, Digital Publishers 2016

Andreas Pflüger: Endgültig

Zitat

Sie geht ins Bad und blickt in den Spiegel und stellt sich ihr Gesicht vor, wie sie es jeden Morgen tut. Immer sieht sie sich auf dem einen Foto. Sie posiert breitbeinig auf der Terrasse von Sandra und Pavlik, trägt einen Cowboyhut der Zwillinge, zieht zwei Spielzeugrevolver aus den Holstern und lacht. Dieses Foto ist die einzige Erinnerung an ihr Gesicht. Es wird nie altern und ist für alle Zeit in diesem Moment auf der Terrasse eingefroren. In jedem Shinto-Schrein befindet sich ein Spiegel. Wenn man hineinschaut, soll man sich selbst erkennen. Den eigenen Mut. Die eigene Angst. Das, was man ist.

Andreas Pflüger: Endgültig,
Thriller, Suhrkamp, Berlin 2016