E.D.E.N

Mike Engel will viel in seinem Roman – zu viel. Die Frage, ob es Gott gibt, packt er in die literarische Handlung hinein und lässt zwei Antagonisten gegeneinander antreten: Stoller, der sich nach einer Vision auf die Suche nach Gott macht und Daniel Meckel, der jedwede Gottesvorstellung neurobiologisch erklären will und davon überzeugt ist, den Gottes-Algorithmus gefunden zu haben.

Man könnte meinen, dass der Verfassungsschutz und eine Spiele-Firma, die beide Stollers Algorithmus nutzen wollen, der Handlung genug Auftrieb geben, aber weit gefehlt. Über weite Strecken werden in dem Roman Sachinformationen dargestellt. Der Leser erfährt quasi 1:1, was Stoller sich gerade anliest. Ärgerlich ist, dass dabei krudeste, abwegigste Ideen wie der Bibel-Code mit diskussionswürdigen Aspekten wie der Nahtoderfahrung gleichgestellt sind. Das lässt das Ganze immer wieder ins Lächerliche abgleiten und wirkt zum Teil sehr konstruiert.

Dass die Handlung immer wieder deutlich stockt, macht das Lesen teilweise sehr, sehr mühsam (und für die Handlung wenig bis gar nicht ergiebig). Freilich kann man auch etwas dabei lernen, über den Gotteshelm von Michael Persinger zum Beispiel. Aber das funktioniert nicht über 400 Seiten lang, das können gute Ideen an anderer Stelle nicht wieder wettmachen.

Mike Engel:
E.D.E.N

Selbstverlag,
ISBN 9781519414076

Von Liebe und Einsamkeit

Elf Erzählungen hat Elf-riede Hammerl (jaja, schlechtes Wortspiel…) in ihrem Band „Von Liebe und Einsamkeit“ gesammelt und elf verschiedene Formen von Liebe beleuchtet. Dabei geht es um das Glück der Beziehung, den Verlust, die Traurigkeit, die Unzufriedenheit und immer wieder um das Vergleichen mit anderen.

Es ist ein stark analysierender Blick, den Elfriede Hammerl auf die Formen der Liebe wirft. Schlaglichtartig wird in fast allen Erzählungen eine Protagonistin beleuchtet, untersucht wie zufrieden sie ist in ihrer Beziehung, warum die Beziehung auseinanderging, was sie erwartet, was sie erhofft.

Da ist Nina, die Glück mit Wohlstand gleichsetzt, Isabella, die aus ihrer fast schon „arrangierten“ Ehe auszubrechen wagt. Da ist die alleinerziehende Mutter, die sich endlich wieder verabredet, da ist die Beziehung zu einem Mädchen aus einem reichen Elternhaus, da ist der Seitensprung mit dem Mann der besten Freundin. Ganz unterschiedliche Konstellationen sind es also, die Elfriede Hammerl seziert.

Mir waren die Geschichten zum Teil zu spröde, die erzählerische, fabulierende Kraft fehlt ihnen oft. Stattdessen: Nüchterne Analyse, es wird konstatiert. Streckenweise lesen sich die Erzählungen wie Zusammenfassungen längerer Texte. Wo aber Elfriede Hammerl ins Erzählen kommt, wo Geschehenes nicht nur – zumeist rückblickend – berichtet wird, da macht das Lesen Spaß. Da spürt man den Witz und Esprit Hammerls. Mit wenigen Worten gelingt es ihr dann, Menschen zu entlarven, ohne sie vorzuführen.

Im Grunde genommen, passt das Cover optimal zu Hammerls Erzählungen: Sachlich und nüchtern die Erzählweise, ohne Schnörkel sind die Beziehungen wie die zwei Pappeln aufgedeckt, um zu untersuchen, wer sich in der Symbiose wie gebogen hat, wer mehr von der Beziehung profitiert hat…

Elfriede Hammerl:
Von Liebe und Einsamkeit.
Erzählungen

Verlag Kremayr&Scheriau, 2016,
ISBN 9783218010221

Unser wildes Blut

Alexander liebt Aysel. So einfach, so kompliziert ist das. Das Autorenduo Wolfgang Schnellbächer und Nur Öneren beschreiben in ihrem sehr bemühten und sehr engagierten Buch, auf welche Schwierigkeiten diese Liebe stößt. Allerdings: der Spagat zwischen der Darstellung des Konflikts zwischen den Kulturen und dem Erzählen einer stimmigen Handlung gelingt dem Autorenpaar nicht.

Alexander und Aysel verlieben sich ineinander, obwohl sie sich so gut wie nie sehen können, weil Aysels Familie, vor allem ihr Bruder Ilhan, über sie (und ihre Ehre) wacht. Alles, was nicht mit dem Thema des Buches zu tun hat, gelingt in dem Buch mühelos. Nur, wenn es um den Zusammenprall zweier verschiedener Welten mit ihren Wertesystemen geht, werden innere Konflikte ausgebreitet und diskutiert, dass sich die Balken biegen – und das ist gut so.

Vor allem in der zweiten Hälfte des Buches sind einige Zeitsprünge und Sprünge in der Handlung, die meines Erachtens nicht notwendig gewesen wären. Während am Anfang sehr ausführlich erzählt wird und man die Personen kennenlernt, rauscht später die Handlung nur so an einem vorbei und innere Beweggründe bleiben allzu oft verborgen.

Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive von Alexander und Ilhan – die beiden Kontrahenten, die aufeinanderprallen. Das funktioniert zwar einerseits, weil die unterschiedlichen Positionen direkt aufeinanderprallen, andererseits fehlen dazwischen aber die leisen Töne – der Verliebten.

Die Komposition des Buches hat mich nicht in Gänze überzeugt. Die Idee, das Geschehene rückblickend zu erzählen, um dann am Schluss wieder in der Gegenwart zu landen, ist gut. Allerdings führt das dazu, dass ständig eine Zugfahrt erwähnt wird. Das hätte man auch weglassen können.

Der Schluss des Buches – Achtung: Spoiler! – hat mich überhaupt nicht überzeugt, ja gar verärgert: westernhaft prallen die beiden Kontrahenten aufeinander und beschimpfen sich sprachlich völlig abstrus. Beispiel gefällig?

Ilhan:  „Harte Worte, so hart und so gerecht mit der Welt, mein strahlender Held“

Alexander: „Ich? Ich hab euch in diese düstre Nacht getrieben? Wer steht denn am Buffet zweier Welten, wer bedienst sich vom Besten?“

Man fühlt sich streckenweise zurückversetzt in ein Gedankendrama Gotthold Ephraim Lessings. Wäre, ja wäre da nicht die schräge Mischung aus schwülstig-poetischer und umgangssprachlicher bis vulgärer Sprache. Wäre die Sprache des Erzählers nur so poetisch angehaucht, dass von „grausigen“ Erlebnissen erzählt wird, so wäre es verkraftbar. Wenn uns aber nun Jugendliche gegenüberstehen, die in geschwirbelten Sätzen daherreden und sich in mit zig Nebensätzen verbundenen gedeichselten Sätzen anbrüllen, ist Not am Mann. Da hat der Belehrungswille über das Erzählen gesiegt. Schade drum.

Wolfgang Schnellbächer und Nur Öneren:
Unser wildes Herz

Verlag cbt, 2016,
ISBN 9783570163832

Elfriede Hammerl: Von Liebe und Einsamkeit

Zitat

Sissy, die sich einen breiten Hintern und strähnige Haare leistet, weil Gerhard von Gesetzes wegen verpflichtet ist, sie schön und anziehend zu finden.

Mein Dicker, sagte Sissy und knuffte Gerhard in die Seite, mein Dicker würde alles für mich tun, weil er weiß, so eine tolle Frau kriegt er nie wieder, stimmt’s?

Sicher, bestätigte Gerhard, am Gartengrill, ein Küchentuch um den Bauch, und wendete die Koteletts.

Elfriede Hammerl: Von Liebe und Einsamkeit. Erzählungen,
Verlag Kremayr-Scheriau, Wien 2016