Winterbucht

John-John Sundberg ist die Hauptperson in Mats Wahls Jugendbuch „Winterbucht“, das 1996 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Mit John-John wird aus der Sicht eines 16-jährigen Jugendlichen erzählt, der hin und wieder seine Grenzen ausprobiert und letztlich auf der Suche nach einem Halt in seinem Leben ist.

Eindrücklich ist dieses Schwanken des Charakters in der Handlung festgemacht: einerseits rettet John-John einem Mädchen das Leben und verliebt sich sofort in dessen Schwester, andererseits bricht er aber dann mit einem Kumpel in diese Wohnung ein, denn wo ein so hoher Dankesbetrag übrig ist, muss ja noch mehr Geld liegen. Nun ist es vor allem sein Kumpel, der ihn zu solchen Aktionen überredet und die spannende Frage ist, ob sich John-John von ihm lossagen und damit emanzipieren kann – allerdings wendet sich die Handlung hier und sein Kumpel hat John-Johns Hilfe plötzlich bitter nötig.

Langweilig wird es einem bei der Lektüre der „Winterbucht“ nie. Denn John-John ist nicht immer berechenbar, seine Beziehung zu Elisabeth erst recht nicht. Seine Familiensituation ist alles andere als einfach: er wohnt zwischendurch bei seiner Grußmutter, bis die ihn rausschmeißt, weil er ein Kanu geklaut hat. Mit dem neuen Mann seiner Mutter kann er so gar nicht – durchgängig bezeichnet er ihn im Buch als „Scheißhaufen“. Und die Handlung hat einige überraschende Wendungen in sich. Nicht alles ist immer so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Etwas gewöhnungsbedürftig sind die tagebuchartigen Impressionen, die am Anfang aller Kapitel stehen und vor allem danach fragen, was Liebe ist. Aber das macht die Qualität des Buches auch aus: es gibt keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen – noch nicht einmal auf einfache Fragen…

Mats Wahl hat mit „Winterbucht“ kein Schwarz-Weiß-Buch über Jugendliche geschrieben. Vieles ist in der Grauzone, heißt: bei manchem was John-John tut schüttelt man als Leser den Kopf, manchen Aussagen John-Johns traut man nicht ganz. Genau das ist es, was mich an „Winterbucht“ fasziniert. John-John ist ein lebendiger Charakter, mit allen Schwächen und Stärken, die dazugehören. Ein geborener Held ist er nicht, ebenso wenig ein geborener Versager.

Geeignet ist das Buch meiner Meinung nach vor allem für Jugendliche ab 14.

Mats Wahl: Winterbucht
Verlag Beltz/Gulliver 1998,
ISBN 9783407787903

Advertisements

Old School

Vier Frauen im besten Alter zwischen 60 und knapp 90 Jahren überfallen eine Bank und leisten sich eine abenteuerliche Verfolgungsjagd mit der Polizei. Das ist kurz gesagt der Inhalt von John Nivens Roman „Old School“. Freilich: gesagt ist damit noch nicht viel über das Buch. Denn so wichtig ist der Inhalt nicht. Das, was Nivens Buch ausmacht, ist die Art und Weise, wie er schreibt: sein derber Humor, das Plakative, abstruse Handlungsentwicklungen, Slapstick. All das lässt den Roman lebendig werden.

Allerdings: Mir war das alles zu viel des Guten. Das Derbe, das immer gleich noch ins Obszöne abrutschen muss, die wiederkehrenden Gags, die (im negativen Sinne) albernen slapstickartigen Szenen in Überfülle. Ein Dildo genügt nicht, es muss gleich ein Riesendildo sein, die Superlative der Superlative, bis zum Erbrechen ausgewalzt. Das nervt ganz gewaltig beim Lesen. Besonders der Polizist, Boscobe, der die vier ehrenwerten Bankräuberinnen verfolgt, ist eine Karikatur seiner selbst.

Manches Feinfühlige, was vor allem bei der Lebensgeschichte der vier Frauen angelegt ist, wird dadurch schlichtweg plattgewalzt. Schade drum, denn die vier Frauen sind ganz unterschiedliche Typen, die während der Verfolgungsjagd immer mehr zusammenwachsen. Schade, dass drumherum so viel an Albernheiten auf den Leser einprasseln.

John Niven:
Old School

Heyne-Verlag 2015,
ISBN 9783453269453

Altes Land

„Altes Haus“ sollte das Buch eigentlich heißen. Denn eigentlich ist es ein Haus, das im Zentrum des Romans „Altes Land“ von Dörte Hansen steht. Ein Haus, das schon bessere Tage erlebt hat. Gleich im ersten Kapitel wird es beschrieben, wie es Wind und Wetter und den Zeiten trotzt, mit seinem struppigen Reetdach, dem alten Fachwerk. Und mit dem Satz „Das Haus stand still“ endet das Buch.

Es sind die Personen in und um dieses Haus, die in „Altes Land“ zum Sprechen gebracht werden. Das Schöne daran ist: sie sind genauso struppig und widerborstig wie das alte Haus selbst. Und gäbe es Dörte Hansen nicht, so kann man sich sicher sein, wären sie nie im Leben so redselig geworden, sondern hätten es dem Haus gleichgetan und geschwiegen.

Das, was an „Altes Land“ von Dörte Hansen so faszinierend ist, ist die Verdichtung einer ländlichen Idylle mit ganz unterschiedlichen Charakterköpfen. Als Leser hat man nicht nur Spaß an den knorrigen Gewächsen, die auf dem Land leben, sondern nimmt auch teil an der Entmystifizierung des achso schönen Landlebens.

Da gibt es den von der Stadt Zugereisten, der im Landleben sein Glück sucht, die Zeitschrift „Land & Lecker“ herausgibt. Bis, ja bis er vom Landleben die Schnauze gestrichen voll hat. Dann ist da noch Anne, die betrogene Ehefrau, die zurück ins elterliche Haus geht und – kritisch beäugt – mit der Renovierung beginnt. Und Vera, die Besitzerin, ist alles andere als eine einfache Frau. Nicht anders steht es allerdings auch um ihre Nachbarn. Aus all diesen eigentümlichen Personen entsteht ein fein verwobenes Beziehungsgeflecht, das nur in dieser Gemengelage funktionieren können. Im Grunde genommen könnte „Altes Land“ immer weitergeschrieben werden – zumindest solange wie es das Haus gibt.

„Altes Land“ ist alles andere als der Versuch einer Entzauberung des Landlebens. Es ist eine wundervolle Beschreibung dessen, was Landleben – zumindest in Norddeutschland – ausmacht und endet viel zu früh.

Dörte Hansen:
Altes Land. Roman

Knaus-Verlag, 2015,
ISBN 9783641152390