Gedichte vom Sein

Manchmal, ja manchmal schimmert bei Christa Müllers Gedichten durch, was die Kraft der Lyrik vermag: irritieren, stutzig machen, verblüffen. Es sind gerade die kurzen, scheinbar dahingeworfenen Gedichte, bei denen das gelingt. „Erste Liebe“ zum Beispiel. „Kopf in den Wolken / Phantasie treibt Rosen“ beginnt das Gedicht und endet mit der Feststellung „die Füße tanzen / zu dir„. Ja, so geht Poesie. Aussagekräftige Bilder, die einen stolpern lassen.

Angestrengt wirken die Gedichte dann, wenn sie zwanghaft gereimt und schlecht aufs Metrum getrimmt sind. Man verheddert sich beim Lesen nur so in den Zeilen – und das ist keineswegs beabsichtigt. „Fühlen, Riechen, Schmecken / Was machen daraus wir Kecken?“ wird da gereimt um des Reimes willen. Dann wiederum wird „steh’n“ auf „sehen“ gereimt, wo man doch einfach „stehen“ hätte schreiben können.

Beim Metrum sieht es nicht besser aus. Da beginnt es schön regelmäßig im Trochäus „Tastest durch den dunklen Raum“ um dann völlig aus dem Takt zu geraten: „Orientierung findest du kaum“. Dazu kommen noch die vielen Satzumstellungen, die die Gedichte wohl lyrisch wirken lassen wollen. „Die Kinder sich freuen“ wird da der Satz schnell mal umgestellt. Freilich: lyrisch ist das nicht, es ist einfach nur sperrig. Manche der Gedichte wirken zudem wie Gelegenheitsgedichte, „Fröhlichen Advent“ und „Deine Hochzeit“ zum Beispiel.


Christa Müller:
Gedichte vom Sein

Book on demand,
ISBN 9783739256269

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Dörte Hansen: Altes Land

Zitat

Diese Öko-Missionare konnten Boskoop nicht von Jonagold unterscheiden und hatten garantiert noch nie einen verwurmten, schorfigen Finkenwerder Herbstprinz gefressen, sonst wüssten sie, dass diese beschissenen alten Sorten völlig zu Recht ausstarben. Seinetwegen konnten sie ihre Blagen mit Pastinaken und Mangold und Dinkel und all dem alten Zeug füttern, solange er sich den Schrott nicht reinziehen musste und einfach seinen Job machen konnte.

Nach Wolke 7

„Nach Wolke 7“ heißt der Erzählband von Olivera Lloyd. Und damit ist das Thema, das allen Geschichten gleich ist, schon benannt: die Zeit nach dem Verliebtsein, die Zeit der Ernüchterung, der Trennung und Neubesinnung.

Das bietet mehr Stoff, als man auf den ersten Blick vielleicht denken mag. Die Protagonistinnen der neun Erzählungen sind auf ganz unterschiedliche Weisen vom Schicksal gebeutelt: eine alte Liebe, die plötzlich wieder auftaucht, eine schwerkranke Frau, die ihrem Mann eine Nachfolgerin sucht, und mehr als eine Liebende, die abtaucht – mal mehr, mal weniger freiwillig.

Olivera Lloyd schreibt dabei nüchtern und schnörkellos. Poetische Sprache ist nicht ihre Sache, sie kommt auf den Punkt. Wo andere Gefühle weit ausgebreitet hätten, sagt sie, was Sache ist. Dennoch: Mir war der Schreibstil an einigen Stellen zu psychologisierend. Selbstreflexionen ja, aber nicht so: „Beziehungen sterben manchmal ungesehen im Dunkeln, und genau da bleibt auch der Schmerz. Wenn man dann beginnt zu reden, weiß man, dass es eine Chance gibt auf Trost, aber auch eine Chance auf Kritik.“ oder: „Ich war so voller Gefühle, dass ein Großteil meiner Lebensenergie nur noch dazu diente, darüber hinwegzutäuschen, dass ich sie hatte. Nichts ist so schwer wie normales Verhalten, wenn man sich so ganz und gar abnorm fühlt.“ Für mich ist das deutlich zu gebrochen rational und passt nicht zu den Figuren.

Gut gefallen hat mir die Mischung an Texten: mal genreübergreifend, mal in der Nachkriegszeit angesiedelt, mal sind die Protagonisten mit pathologischen Zügen versehen, und ein Geist kommt auch noch vor. Für Überraschungen ist also gesorgt.

Olivera Lloyd:
Nach Wolke 7: Erzählungen,

Schardt-Verlag,
ISBN 9783898417877

Die schönsten deutschen Weihnachtsgedichte

Dünn wirkt es und unscheinbar, das kleine Büchlein des Jazzybee-Verlags. Und doch hat Bändchen eine stattliche Anzahl an Weihnachtsgedichten in sich.

Knapp 120 Weihnachtsgedichte auf 100 Seiten – das bedeutet aber auch, dass die Seiten recht eng bedruckt sind, alles andere als ein Augenschmaus ist auch das Layout – die Gedichttitel gefolgt vom Autor in Klammern fett, dann zentriert im Flattersatz die Gedichte. Schön geht anders.

Gelungen hingegen ist die Auswahl der Gedichte. Da gibt es die Klassiker, die jeder aus Kindheitstagen kennt wie „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ und „O Tannenbaum“. Dazu kommen Gedichte bekannter Autoren, die man so nicht auf dem Schirm hat. Joachim Ringelnatz‘ Gedicht „Weihnachten“ zum Beispiel, das wunderschön endet: „und das alte Lied von Gott und Christ / bebt durch Seelen und verkündet leise, / daß die kleinste Welt die größte ist“. Neben solch eher fromme Gedichte sind aber auch freche „Ausreißer“ gestellt. Klabunds „Die heiligen drei Könige“ zum Beispiel, in dem die drei Könige so gar nicht königlich sind. Dort heißt es: „Der erste, der hat den Kopf voll Grind, / Der zweite ist ein unehlich‘ Kind“, währen der dritte sich „gebratene Würst“ wünscht.

Anderes kommt dagegen schmalzig daher: „Schau, im Himmel und auf Erden / glänzt der Liebe Rosenschein: / Friede soll’s noch einmal werden / und die Liebe König sein!“ (Christnacht von Robert Eduard Putz).

Es lässt sich also so manches entdecken in dieser Sammlung von Weihnachtsgedichten. Freilich wird einem das Suchen nicht leicht gemacht. Die Reihenfolge der Gedichte ist grob thematisch – vom Weihnachtsmann über Bescherung und Weihnachtsbaum hin zur Stillen Nacht. Einen alphabetischen Index oder gar ein Quellenverzeichnis sucht man vergeblich. Auch wann die Gedichte entstanden sind, hätte doch ergänzt werden sollen.

Jazzybee Verlag (Hg.):
Die schönsten deutschen Weihnachtsgedichte

Jazzybee-Verlag 2014,
ISBN 978384966993

Weil es mir Spaß macht

Nathan wird auf der Polizeistation verhört. Und das dauert. Zeit, die Nathan nutzt, um über das nachzudenken, was da mit Elke geschehen ist. Stück für Stück entblättert der Ich-Erzähler während der Verhöre, was er getan hat und was ihn angetrieben hat.

„Weil es mir Spaß macht“ ist ein Jugendbuch, das einen Protagnisten hat, zu dem die Gefühle zwischen Sympathie und Antipathie ständig wechseln. Mal wirkt Nathan wie ein arroganter Schnösel, mal ist er zu bemitleiden. Mal ist er das Muttersöhnchen, mal nimmt er sein Leben selbst in die Hand.

Das Jugendbuch, vom Ansatz her eine Novelle, handelt vom Erwachsenwerden. Nur an wenigen Stellen, wenn zum Beispiel zum wiederholtesten Male auf die unschuldigen blauen Augen verwiesen wird, überzeugt es nicht.  Der Reifungsprozess des Ich-Erzählers wirkt äußerst überzeugend und nachvollziehbar.


Jan Simoen:
Weil es mir Spaß macht

Ravensburger, 2011,
ISBN 9783473583577

Auf dich abgesehen

Bei Robert läuft alles. Bis er eines Abends sein Handy liegen lässt und jemand damit ein Foto postet, das eine Beziehung auseinanderbringt. Die Hetzjagd auf Robert beginnt. Ein typisches Jugendbuch zum Thema Mobbing also.

Allerdings eines, das mit heißer Nadel gestrickt ist. Die Handlung ist stellenweise ziemlich abstrus. Nicht nur, dass Robert in keinem Moment das Posting löschen will, zugleich wird er später von der Polizei als „Amokläufer auf der Flucht“ gesucht, was in allen Zeitungen stehen soll. Das ist nicht nur Übertreibung, das ist Unsinn! Genervt hat mich auch, dass fast alle Kommentare zu Roberts Posting mit Rechtschreibfehlern versehen sind – als ob Mobber per se kein Deutsch können.

Dabei hat mir der Anfang des Buches recht gut gefallen. Robert ist ein sympathischer Typ, fast schon ein Kumpeltyp. Alles andere als ein Mobbing-Opfer, keineswegs ein Außenseiter. Auch schöne sprachliche Bilder gibt es. So spricht Robert vom Riss in der Realität, steht da „wie festgetackert“. Dass er rückblickend seine Geschichte erzählt, macht die Ereignisse zunächst sehr glaubhaft. Aber leider eben nur zunächst. Schade drum!

Daniel Höra:
Auf dich abgesehen

Carlsen Clips, 2015,
ISBN 9783551313539