Nachts, weit von hier

Wie prägen uns Erinnerungen? Wie selektiv gehen wir vor, wenn wir uns erinnern? Was bleibt überhaupt in Erinnerung? Das sind die zentralen Themen in Ulrike Schäfers Erzählungen. Gesammelt sind sie in dem Band „Nachts, weit von hier“.

Kindheitserinnerungen tauchen da plötzlich wieder auf. Mal sind sie in Vergessenheit geraten, mal verdrängt. Da gibt ein mit der Schwester erfundenes Wort noch heute Kraft in schwierigen Situationen, da steht die Erinnerung an den Urlaub in Venedig für die inzwischen glückliche Beziehung. Immer wieder führt die Erinnerung zu Veränderungen. Dem einen geht die Arbeit leichter von der Hand, der andere wagt sich wieder ins Leben hinaus, bereit sich neu zu verlieben.

Es sind achtzehn Geschichten, die zumeist dem Alltag verhaftet sind, jedoch allzu oft ins Skurrile hin abgleiten, oft verbunden mit absurden Zufällen und Ereignissen. Geschichten, denen es so gelingt, zu irritieren. Ort, Zeit und Handlung sind oft genug auf den ersten Blick banal. Darum, wie die Eltern sich kennen gelernt haben zum Beispiel geht es. Aber auch um die erste Liebe und um die Verarbeitung des Todes des eigenen Kindes. Aber dann tasten sich Ulrike Schäfers Protagonisten in ihre Lebensfragen hinein, sie sind Suchende, oft genug Angetriebene wenn nicht gar Verzweifelte, Unglückliche. Und doch blitzt durch all die Melancholie immer wieder der Funke Hoffnung hervor, der einen am Leben hält.

Auf Ulrike Schäfers Geschichten muss man sich einlassen. Nicht immer ist der Zugang leicht, oft genug wirken die Erzählungen wie verrätselte Kurzgeschichten, bei denen man als Leser erst einmal die Zusammenhänge klären muss. Tut man dies, stößt man immer wieder auf wunderschöne, treffende Formulierungen, auf poetische Einsprengsel. Manche Erzählung lässt einen berührt zurück, manche eher irritiert. Ein Lesegenuss sind sie allesamt.

Ulrike Schäfer:
Nachts, weit von hier. Erzählungen

Verlag Klöpfer & Meyer, 2015,
ISBN 9783863514051

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