Honig im Kopf

„Honig im Kopf“ ist besser, als ich dachte. Die Geschichte um den an Alzheimer erkrankten Großvater Amandus wartet mit deutlich mehr Ernsthaftigkeit auf, als ich vermutet hätte. Das liegt einmal daran, dass den Schwierigkeiten, die mit der Betreuung von Alzheimer-Patienten einhergehen, genügend Platz eingeräumt ist. Schade ist, dass letztlich nur Sarah, Amandus‘ Schwiegertochter, an diesen Schwierigkeiten zu leiden scheint. Das lässt sie negativer erscheinen als nötig. Andererseits endet „Honig im Kopf“ nicht im Klamauk, weil die Schauspieler überzeugen – allen voran Emma Schweiger als das Enkelkind. Ihr Blick auf die Krankheit, ihre natürliche Offenheit, gibt dem Film seinen Charme. Aber auch Dieter Hallervorden gelingt es, in seiner Rolle aufzugehen. Die Zerbrechlichkeit eines alten Mannes ist überzeugend dargestellt. Nur selten scheint der Blödelbarde durch, oft genug bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Dass am Schluss noch ein Happy-End bei der Beziehung der Eltern konstruiert werden musste, passt daher nicht so richtig zu dem Film. Seine Stärke hat er, wenn er die Alzheimer-Erkrankung liebevoll inszeniert. Sei es durch die Erklärungen des Kinderarztes, sei es durch die kindlich-kindischen Freuden des alten Mannes.

Anschauen lohnt sich!


Honig im Kopf,
Regie: Til Schweiger

Barefoot Films, 2014

Frau Müller muss weg

„Frau Müller muss weg!“ – das ist die klare Forderung einiger Eltern. Denn der Grundschullehrerin gelinge es nicht, die Klasse im Griff zu haben. Außerdem seien ihre Noten viel zu schlecht und damit der Übergang ans Gymnasium bei manchen Sprösslingen gefährdet.

Bei einem extra anberaumten Elternabend soll Frau Müller nahegelegt werden, die Klasse abzugeben. Freilich: die Rebellion misslingt gründlich. Nicht nur, dass die Eltern sich gegenseitig bekriegen (grandios gespielt: Anke Engelke als rädelsführende Mutter), auch die Lehrerin (weniger überzeugend: Gabriela Maria Schmeide) gibt keineswegs klein bei und der Elternabend gerät aus dem Ruder…

So wartet wartet der Film mit einigen unerwarteten Wendungen auf und besticht an vielen Stellen durch die prägnanten Dialoge. Kein großes Kino, aber gute Unterhaltung – vor allem für Lehrer!


Frau Müller muss weg!
Regie: Sönke Wortmann

Constantin Film 2014

Nachts, weit von hier

Wie prägen uns Erinnerungen? Wie selektiv gehen wir vor, wenn wir uns erinnern? Was bleibt überhaupt in Erinnerung? Das sind die zentralen Themen in Ulrike Schäfers Erzählungen. Gesammelt sind sie in dem Band „Nachts, weit von hier“.

Kindheitserinnerungen tauchen da plötzlich wieder auf. Mal sind sie in Vergessenheit geraten, mal verdrängt. Da gibt ein mit der Schwester erfundenes Wort noch heute Kraft in schwierigen Situationen, da steht die Erinnerung an den Urlaub in Venedig für die inzwischen glückliche Beziehung. Immer wieder führt die Erinnerung zu Veränderungen. Dem einen geht die Arbeit leichter von der Hand, der andere wagt sich wieder ins Leben hinaus, bereit sich neu zu verlieben.

Es sind achtzehn Geschichten, die zumeist dem Alltag verhaftet sind, jedoch allzu oft ins Skurrile hin abgleiten, oft verbunden mit absurden Zufällen und Ereignissen. Geschichten, denen es so gelingt, zu irritieren. Ort, Zeit und Handlung sind oft genug auf den ersten Blick banal. Darum, wie die Eltern sich kennen gelernt haben zum Beispiel geht es. Aber auch um die erste Liebe und um die Verarbeitung des Todes des eigenen Kindes. Aber dann tasten sich Ulrike Schäfers Protagonisten in ihre Lebensfragen hinein, sie sind Suchende, oft genug Angetriebene wenn nicht gar Verzweifelte, Unglückliche. Und doch blitzt durch all die Melancholie immer wieder der Funke Hoffnung hervor, der einen am Leben hält.

Auf Ulrike Schäfers Geschichten muss man sich einlassen. Nicht immer ist der Zugang leicht, oft genug wirken die Erzählungen wie verrätselte Kurzgeschichten, bei denen man als Leser erst einmal die Zusammenhänge klären muss. Tut man dies, stößt man immer wieder auf wunderschöne, treffende Formulierungen, auf poetische Einsprengsel. Manche Erzählung lässt einen berührt zurück, manche eher irritiert. Ein Lesegenuss sind sie allesamt.

Ulrike Schäfer:
Nachts, weit von hier. Erzählungen

Verlag Klöpfer & Meyer, 2015,
ISBN 9783863514051

Über allem war Licht

Eine Affäre. Ein verhängnisvoller Streit. Eine Leiche, die entsorgt werden muss und eine Tat, die vertuscht werden muss. Das ist der Stoff, von dem Magda Woitzucks „Über allem war Licht“ lebt. Doch was Magda Woitzuck daraus bastelt, ist großes Kino.

Abwechselnd erzählt sie aus Rosas Sicht und aus der ihres Liebhabers die Vor- und Nachgeschichte eines verhängnisvollen Streits zwischen Rosa und ihrem Mann. Es ist ein was Handlung und Personenführung angeht konzentriertes Buch, mehr Novelle als Roman. Ein Buch voll tiefgründigem Witz und sprachlicher Eleganz. Ein Buch, das man nur ungern wieder aus der Hand legt. Ein Roadmovie, das endlich mal wieder gut gemacht ist. Ein Buch, das zartfühlig fast wie nebenbei über das Thema schreibt. die Liebe.

Für mich gehört „Über allem war Licht“ zu einem der besten Bücher, die in diesem Jahr erschienen sind.

Absolute Leseempfehlung!


Magda Woitzuck:
Über allem war Licht

Verlag Wortreich 2015,
ISBN 9783950399127

Im weißen Kreis

Ein 65-jähriger Mann aus Ruanda, Ludwig Kabangu, kommt nach Freiburg, um die sterblichen Überreste des Großvaters seiner Frau in seine Heimat zu überführen. Eine Frau, Louise Bonì, sieht ihre Aufgabe darin, ihn zu schützen – denn die Neonazi-Szene ist alarmiert. Doch die Hauptkommissarin der Kripo Freiburg hat keinen leichten Job. Was mit der schlichten Information über ein Waffengeschäft beginnt, entpuppt sich schnell als Kampf gegen ein braunes Dickicht, in das kaum Licht gebracht werden kann – was unter anderem auch daran liegt, dass der Verfassungsschutz mitmischt.

Das ergibt einen spannenden Plot und zugleich eine ermittelnde Hauptkommissarin, die mit fast allen Wassern gewaschen ist und ihre Frau steht. Allerdings wirkt Bonì sehr unnahbar und zum Teil zumindest wenig sympathisch.

Nicht überzeugt hat mich außerdem, wie die Handlung erzählt wird. Man hat nie mehr Wissen als die Hauptfigur, man kann eigentlich nicht miträtseln, wer der Mörder ist, weil es viel zu wenige Informationen gibt. Dass die ermittelnde Kommissarin genauso im Nebel stochert, tröstet dabei nicht. Als angenehm habe ich es empfunden, dass das Buch nicht direkt mit einem Mord beginnt, aber das führt auch dazu, dass man anfangs keine Ahnung hat, wohin das Ganze geht. Auch der Schluss des Buches ist wenig überzeugend, weil inhaltlich nicht wirklich dazu hingeführt wird.

Sicher: das Buch ist gut geschrieben und an manchen Stellen auch spannend zu lesen – als Kriminalroman hat es mich aber enttäuscht.

Oliver Bottini:
Im weißen Kreis.
Ein Fall für Louise Boni

Dumont-Verlag, 2015,
ISBN 9783832196998