Ulrike Schäfer: Nachts, weit von hier

Zitat

Er hatte nicht vor zu bleiben. Eine Nacht oder zwei wieder in einem Bett schlafen wie ein Lebender. Einen Tag ausruhen und Pflaster auf die wunden Füße legen. Wie einer, der noch vorhanden ist. Der ein Ziel hat und irgendwohin will, um irgendetwas zu tun und irgendwie zu leben.

Er ist hier hängen geblieben, in dieser kleinen Stadt. Bei diesen Menschen, die noch zurückhaltender sind als die am Fluss. Deren Sprache abgedunkelt ist, die eine abgedunkelte, zurückhaltende Freundschaft pflegen. Die jemanden wie ihn sein lassen, unbehelligt und ungefragt. Ihn, den Angespülten von wer weiß woher, den fremden Mann mit dem helleren Zungenschlag und dem verlorenen Blick.

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Der Algorithmus des Meeres

Ein heruntergekommenes Hotel am Meer. Illustre Bewohner. Ein angeschwemmtes Wrack. Sand, sehr viel Sand. Und viel, viel Müll.

Mit dieser Dystopie beginnt Frank Hebbens Erzählung „Der Algorithmus des Meeres“. Eine Erzählung von gut hundert Seiten, die es in sich hat. Es ist ein Parforce-Ritt, dieses Buch. Zunächst die Endzeitstimmung, Alpträume, das Zusammenleben als Außenseiter, Überlebende gar? Wie die unterschiedlichen Bewohner den Weg in das verlassene Hotel gefunden haben, bleibt – wie so manches – offen.

Doch dann kommt Bewegung in das düstere Panorama: Maro, die Hauptperson, tritt seine Reise an. Eine mystische Reise zum goldenen Schatz – und der Held kehrt zurück. Der Wechsel zwischen den Genres ist fließend: was als Dystopie beginnt, wird zur Aventiure und schließlich zur Science-Fiction-Geschichte. Auf mich wirkten die einzelnen Episoden der Erzählung wie viele zusammengeschnittene Filmsequenzen, die immer wieder unscharf werden.

Grandios ist der Schreibstil des Buches: stakkatohaft werden Stimmungen erzeugt, und gleichzeitig doch bildgewaltig. Ein Beispiel? Bitte sehr: „Maro spürt den Sand, schmirgelnd, er rennt; links Dünen und brüchige Zäune, die Disteln blühen; nördlich liegt die Küste in der Grelle, unscharfe Klippen, weit entfernt und salzweiß.“

„Der Algorithmus des Meeres“ ist kein Buch, das man einfach so runterlesen kann. Und das ist seine Stärke: Es ist ein Buch, das man mehrmals lesen kann – und immer wieder wird einem etwas anderes dabei auffallen.


Frank Hebben:
Der Algorithmus des Meeres

Begedia-Verlag, 2015,
ISBN 9783957770493

Frank Hebben: Der Algorithmus des Meeres

Zitat

Alles weiß, alles schwarz! In seinen Augen flimmern Muster, erst dunkel, dann invertiert: Meeresschaum auf Öl – schillernde Kugeln, die zu bizarren Formen getürmt sind: Wände, Decke, Licht! Aber seltsam eingedrückt. Und denkt, dass in den Gebilden leise Worte und Bilder mitfließen: ihr Hotel, winzig klein; die Wellen, die Sonne: stecknadelgroß. Es ist ruhig hier, blutwarm.

Leben ist das neue Sterben

„Der Tod ist mein Feind und ich will meine Waffen kennen“ – das ist der Grund, weshalb sich Johanna Klöpper mit dem Thema Tod beschäftigt. Um die Angst vor dem Tod in den Griff zu bekommen, nimmt Johanna Klöpper eine Stelle in einem Hospiz an. Aus ihren Erfahrungen und Überlegungen ist das Buch „Leben ist das neue Sterben“ entstanden.

Woher ihre „große Traurigkeit“, ihr Wunsch, dem Tod ins Auge schauen zu können, kommt, erfährt man erst am Schluss des Buches – es sei daher nicht verraten. Aber von Anfang an ist „Leben ist das neue Sterben“ ein sehr persönliches Buch. Johanna Klöpper teilt uns nicht  nur ihre Erfahrungen, sondern auch ihre Gedanken mit – all das, was sie beschäftigt.

Wohl deshalb wirkt das Buch an vielen Stellen sehr fragmentarisch, bruchstückhaft. Hier ein Gedanke, der kurz dargelegt wird, dort eine Überlegungen zur Art des Trauerns; hier die Beschreibung wie es war, von der ersten Toten Abschied zu nehmen, dort die Erkenntnis, dass es auch Wut-Gottesdienste bräuchte. An vielen Stellen empfand ich die Gedanken nur als angerissen, an vielen Stellen fehlte mir der Zusammenhang zu den anderen Kapiteln. Gestört hat mich zudem, dass ständig der Prozess des Schreibens reflektiert wird. Ehrlich gesagt: die Schaffenskrisen interessieren mich nicht sonderlich, und auch die Danksagungen mitten im Buch habe ich als fehl am Platz empfunden.

Wer sich daran nicht stört, dass eine klare Linie im Buch fehlt, der kann viele kleine Geschichten entdecken und über viele kleine Gedanken lesen, frisch und frei formuliert, ohne auf Floskeln und  christliche Phrasen zu verweisen. „Leben ist das neue Sterben“ ist ein ehrliches Buch über die Beschäftigung mit der eigenen Angst vor Tod und Leiden.

Johanna Klöpper:
Leben ist das neue Sterben.

Der Tod, der Herr Jesus, die Liebe und ich,
Verlag SCM,
ISBN 9783775156677