Der Dieb in der Nacht

Seit zehn Jahren ist Felix verschwunden – doch Paul erkennt ihn zufällig in einer Bar in Prag. Oder ist er es doch nicht? Alles scheint zu passen – Ira Blixen kann sich an die ersten Jahre seines Lebens nach einem Unfall nicht mehr erinnern. Blixen sucht nach anfänglichem Zögern den Kontakt zu Paul und zieht bei ihm ein. Aber je mehr sich Blixen in das Leben von Paul und Felix‘ Schwester einnistet, umso mehr hinterfragen die beiden, ob Blixen wirklich Felix ist. Eine Karussellfahrt aus Zuneigung, Missgunst, Neid und Verwirrung beginnt und verwandelt sich immer mehr in eine Achterbahnfahrt.

Katharina Hartwell gelingt es meisterlich, Spuren zu verwischen. Was eigentlich klar zu sein scheint, wird immer nebulöser – wer was getan hat, wer was nur geträumt hat, wer was will, wer was bekommt: all das verschwimmt immer mehr. Nicht nur, dass der Leser den Figuren immer weniger vertraut, die Figuren vertrauen auch immer weniger einander und immer weniger sich selbst.

Dieses Spiel um die Identität von Blixen fasst Katharina Hartwell in wunderschöne Sätze. Ein Beispiel sei angeführt:

„Als Kind Kind besaß Paul ein Buch namens Das magische Auge, eine Sammlung psychedelischer Bilder, in die man sich nur lange genug vertiefen musste, bis sich aus dem gezackten Rot, Orange und Grün eine geheime konkrete Form herausschälte. Ähnlich ist es mit Blixen. Starrt man ihn lange genug an, zeigt sich eine zweite, geheime Form: wie Blixen das linke Bein auf dem rechten Knie ablegt, wie er den Kopf hält, wie er den Tee einschenkt, wie er die Hände auf die Oberschenkel legt.“

Und so stellt sich die Frage: Wollen Paul und Louise nur Felix in Blixen sehen oder ist er es wirklich? So viel sei verraten: die Mutter von Felix kann das Ganze nicht aufklären.

Fasziniert hat mich an „Der Dieb in der Nacht“ die sprachliche Brillanz – den Schluss fand ich etwas enttäuschend.

Katharina Hartwell:
Der Dieb in der Nacht

Berlin-Verlag 2015,
ISBN 9783827012791

Das Tortenprotokoll

„Das Torten-Protokoll“ ist ein Buch über das Abschiednehmen. Ein Buch, das in leisen Tönen daherkommt. Eines der besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe!

Friederikes Großmutter ist tot. Und deshalb fährt sie zurück in das Dorf in Österreich, aus dem sie stammt, will von ihr Abschied nehmen. Die Erinnerung an die Großmutter: gespalten. Geliebt fühlte sie sich von ihr nicht. Aber sie genoss die Freiheiten, die sei bei ihr hatte. Zugleich wird Friederike mit ihrer Kindheit, ihrer Jugendzeit konfrontiert. Der Enge des Dorfes hat sie die Uni-Stadt Berlin entgegengesetzt. Dort erst fühlt sie sich frei, nicht eingeengt von dem, was andere von ihr denken. Tobias, ihre Jugendliebe, hat dagegen ihr ein anderes Leben vorgelebt: er ist im Dorf geblieben, hat sich nicht um die Meinung der anderen geschert. Und so muss sich Friederike mit der Frage auseinandersetzen, wo ihre Heimat ist.

Dabei hilft ihr eine Entdeckung im Koch- und Backbuch der Großmutter, dem „Torten-Protokoll“: ihre Großmutter hatte einen Geliebten. Schließlich bleibt ihr nur die Erkenntnis: „Ich muss alles, was ich von ihr weiß, ergänzen. Um ein ganzes Leben muss ich ihre Geschichte ergänzen.“

Grandios ist die Sprache des Buches. Kurze Sätze zumeist, die die Dichte der Gefühle, der Eindrücke, der Erinnerungen wiedergeben. Eine Sprache, die melancholisch und sentimental zugleich sein kann. Sie schwelgt geradezu in Erinnerungen.

Wenig gelungen ist meines Erachtens der Titel des Buches. Unter „Das Torten-Protokoll“ stellt man sich doch eher einen eher seichten Hausfrauenschund vor – und weniger ein Buch mit so viel Tiefgang.

Marianne Jungmaier:
Das Torten-Protokoll

Verlag kremayr scheriau, 2015,
ISBN 9783218009966

Marianne Jungmaier: Das Torten-Protokoll

Zitat

Und ich sehe sie auf einem schwarz-weißen Foto, das ich hinter eine gläserne Schildkröte stellen werde. Darauf trägt sie ein gestreiftes Kleid, im Schatten eines Baumes, der Blätter und andere Formen auf ihre Haut zeichnet. Sie hebt eine Hand, wie in meiner ersten Erinnerung an sie, und schaut mit zusammengekniffenen Augen in die Kamera. Schlank ist sie auf diesem Foto, so schlank wie später niemals wieder, eine Hand in ihre Hüfte gestemmt, die Haltung aufrecht, stolz, wie später niemals wieder.

Taxi

Es muss belanglos sein, was Karen Duve in ihrem Buch „Taxi“ erzählt. Es muss belanglos sein, denn die weibliche Hauptfigur, Alex Herwig, ist vom Leben gebeutelt und frustriert. Aus ihrer Sicht wird das Leben einer Taxifahrerin geschildert.

Unfähig, sich fest an jemanden zu binden, schwankt sie zwischen zwei Männern. Die Taxifahrten empfindet sie anfangs noch als kleine zu bestehende Abenteuer, doch bald werden sie ihr zur Routine. Wer solche Milieustudien ohne große Handlung mag, für den ist „Taxi“ mit Sicherheit etwas. Mir war es zu selten lakonisch, zu selten ironisch. Der Unterhaltungswert war gelinde gesagt nicht sehr groß.

Als Hörbuch ist das erträglich. Das Buch hätte ich sicherlich nicht zu Ende gelesen.

Karen Duve:
Taxi

eichborn Lido,
gelesen von Anneke Kim Sarnau, 2008,
ISBN 9783821854724

Big Game. Die Jagd beginnt

Oskari ist 13 und lebt im Norden Finnlands. Er ist Jäger und nach dem Ritual seines Dorfes soll er zum Mann werden – und zwar, indem er eine Nacht lang allein im Wald jagen geht. Was der Wald ihm gibt, das sagt der Wald über ihn aus. Oskaris Angst, dabei zu versagen, ist enorm. Denn er tritt in große Fußstapfen: sein Vater hatte in dieser Nacht einen Bären erlegt. Und er? Der uralte Bogen, den die Tradition vorschreibt, ist ihm zu groß. Es müsste schon ein großes Wunder geschehen, dass er etwas trifft und nicht zum Gespött der anderen Jäger wird.

Und in der Tat geschieht dieses Wunder, allerdings ganz anders, als Oskari es sich gewünscht hat. Eine prominent besetzte Maschine stürzt ab und es kommt zu einer Verfolgungsjagd auf Leben und Tod, bei der Oskari seinen Mut unter Beweis stellen muss.

Ab diesem Moment verändert sich das Buch weg von der Geschichte um Rituale, Bewährungsproben und Angst hin zu einer actiongeladenen, temporeichen Verfolgungsjagd. Was schade ist, denn es bleibt nichts übrig von der jugendgerechten Geschichte um Selbstbehauptung, Selbstsicherheit und den Umgang mit den eigenen Ängsten und der eigenen Schwäche. Nein, Oskari hat plötzlich alle Fähigkeiten, die er braucht, er folgt einfach seinen Instinkten, hat natürlich extrem viel Glück und und und … Glaubwürdig ist diese Wandlung von Oskari nicht. Auch die Art und Weise, wie der 13-jährige Junge mit dem berühmten Mann (wer es ist, sei nicht verraten), den er rettet, redet, ist wenig glaubhaft.

Nichtsdestotrotz bleibt der Action-Teil äußerst spannend. Allenfalls die Übertreibungen und Unstimmigkeiten stören etwas. Wie kann eine leere Gefriertruhe mitten auf einer Wiese in Betrieb sein? Wie kann es sein, dass keiner der anderen Jäger die Explosion  beim Flugzeugabsturz sieht oder hört?

Für mich fragwürdig ist, für welche Altersklasse das Buch geschrieben ist. Die Art der Dialoge legen jüngere Leser nahe – ab 10. Auch die einfache Handlung und die vielen Zufälle, die die Handlung voranbringen, sprechen davor. Allerdings werden einige Leibwächter erschossen und zimperlich gehen die Verfolger nicht vor, was ein höheres Lesealter fordert. Auch die Hintergründe, die dazu führen, dass das Flugzeug abgeschossen wird, erfährt man im Buch nur ansatzweise.

Fazit: zu viel Action – die alles andere überwiegt. Schade. Der Film, das muss gesagt sein, ist deutlich besser als das Buch.

Dan Smith:
Big Game. Die Jagd beginnt

Carlsen-Verlag 2015,
ISBN 9783551520739

Katharina Hartwell: Der Dieb in der Nacht

Zitat

Sie wurden Freunde. Aber es passierte nicht in einem einzigen Augenblick, in dem Moment in dem ein Ball Pauls Nase traf und das Blut hervorschoss, es passierte nicht innerhalb weniger Sekunden, Stunden oder Tage.  Der Vorgang war ähnlich langwierig und schwierig zu beobachten wie das Verschieben tektonischer Platten oder die Gletscherschmelze: Nichts passierte, nichts passierte, und dann mit einem Mal war etwas passiert, es hatte sich verändert, es war eingetreten.

Katharina Hartwell: Der Dieb in der Nacht

Zitat

Pauls Einsamkeit hängt an den Garderobenhaken gleich neben seinem Parka sie liegt in dem spärlich gefüllte Kühlschrank zwischen fauligen Zucchini und eingetrocknetem Ingwer; sie findet sich wieder in den Eigenarten, um die er weiß, die er aber nicht ablegen kann: Das Leergut etwa stellt er in einer langen Reihe entlang der Hauswand auf; Briefe, in denen er Rechnungen vermutet, legt er einige Tage in den Schuhschrank, bevor er sie hervorholt und öffnet; aus Münzen baut er kleine Türme, die sich auf dem Spülkasten der Toilette stapeln.