Argentinisches Roulette

Argentinien und die Finanzkrise: Das ist der Rahmen zu Georg Schattneys Romandebut „Argentinisches Roulette“. Das Omega-Team hat den Auftrag, Unregelmäßigkeiten auf dem Finanzmarkt in Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September  zu untersuchen.

Die Ermittlungen der vier gescheiterten Finanz-Jongleure sind dabei zunächst nicht von Erfolg gekrönt, denn jeder, der ihnen Tipps gibt, gehört auch zu den Verdächtigen. Erst als die vier ErmittlerInnen sich in Argentinien befinden, beschleunigen sich die Ermittlungen – denn die verantwortlichen Vermittler für die Verhandlungen des IWF während der Finanzkrise werden nach und nach umgebracht, sie werden enthauptet.

Freilich: ein Kriminalroman ist „Argentinisches Roulette“ mitnichten. Gibt es doch spätestens ab der zweiten Hälfte des Romans nur noch einen Hauptverdächtigen. Es ist vielmehr ein Roman über die Macht des Kapitals, genauer gesagt: über die Macht des nicht real vorhandenen Kapitals. Und damit ist es ein Roman über Sein und Schein.

Dem Leser kommt dabei die Aufgabe zu, herauszufinden, was nun denkbar ist von allem, was möglich sein könnte, und was ein Hirngespinst ist und bleibt. Freilich kommt man, je länger man liest, zu der Erkenntnis, dass im Finanzwesen eigentlich so gut wie nichts undenkbar ist. Oder wie will man sonst erklären, dass Finanzjongleure absolut abergläubisch sind?

Man taucht dabei ab in die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten: „Ich brauche vier Personen und vier Milliarden Dollar, um die Wall Street zu vernichten“, sagt Mascha, das radikalste Mitglied der Omega-Gruppe, zu Beginn des Romans. Dass dies wirklich möglich sein könnte, daran zweifelt der Leser am Ende nicht mehr.

Erzählt wird die Handlung aus Sicht von Wolfgang Willarth, einem der Ermittler des IWF. Ein Zocker, ein Betrüger – der am Ende vor der Frage steht, ob er Teil des Etablishments werden soll oder nicht. Denn: kleine Sünden müssen erst gar nicht vergeben werden.

Was mir an Georg Schattneys „Argentinischem Roulette“ gefallen hat, ist zweierlei: einmal das Spiel mit der Realität , die ineinandergewobene Mischung aus Sein und Schein – eindeutige Erkenntnisse? Fehlanzeige!

Aber auch die Hauptfigur, Wolfgang Willarth, hat mir gefallen. Der mauserst sich im Laufe des Romanes von einem unsympathischen Abzocker, der anderer Leute Geld rücksichtslos verzockt, zu einer Person mit Ecken und Kanten und wird einem immer sympathischer (zumindest bekommt er menschlichere Züge). Mit Willarth steht man am Ende als Leser vor dem nahezu unentwirrbaren Wollknäuel an Fragen und sieht den Vorhang fallen und alle Fragen von Sinn und Unsinn unseres Finanzmarkts offen.

Auch wenn in der ersten Hälfte des Buches vergleichsweise wenig passiert: das Lesen lohnt sich! Noch mehr lohnt es sich, wenn man die Anspielungen des Autors dazu kennt. Sie lassen sich auf der Internetseite des Autors nachlesen.

Georg Schattney:
Argentinisches Roulette

Elektrischer Verlag, Berlin 2015,
ISBN 9783943889567

Georg Schattney: Argentinisches Roulette

Zitat

Aber was haben die Demonstranten zu bieten, außer auswegloser Entrüstung? Wohlstand ohne Wachstum? Ein Traum. Wachstum ohne Kapital? Eine Utopie. Kapital ohne Kapitalisten? Ein Unfug. Wohlstand ohne Kapitalisten? Sehr deutsch. Aber es ist nun einmal so: Im Märchen von der sozialen Marktwirtschaft lauert immer irgendwo der böse Wolf des Kapitalmarkts.

Young Ones

Amerika in Dürrezeiten: In dieser Dystopie hat in den USA der Kampf ums Wasser begonnen.

Der Farmer Ernest Holm hat diesen Kampf zunächst verloren: Er und seine Kinder leben in einer kargen Wüstenlandschaft, hoffend auf Regen, er die Felder wieder fruchtbar macht,und – trotz vieler Ablehnungen – hoffend auf den Anschluss an das nationale Wassernetz. Zusammen mit seinen Kindern Jerome und Mary harrt er aus, immer mit der Hoffnung, dass es eine Aussicht auf andere Lebensbedingungen gibt.

Dabei hilft ihm Marys Freund Flem – so scheint es. Doch der hat andere Pläne: Er will sich das Land unter den Nagel reißen und er will die Bewässerung erreichen. Dafür geht er auch über Leichen. Zeit für den 14-jährigen Jerome, zu handeln …

Erzählt wird Young Ones aus drei unterschiedlichen Perspektiven: zunächst die des Vaters, dann die des Freundes der Tochter und schließlich die des Sohnes. Dadurch sind drei Lebensentwürfe gegenübergestellt.

Young Ones ist ein Film übers Erwachsenwerden. Es ist ein Film über den Egoismus der Menschen, die sich selbst in Notzeiten die Nächsten werden. Nur die Familie hat als Wertsystem noch Bestand. Young Ones ist ein Film ohne viel Handlung, ein Film, der sich Zeit lässt beim Erzählen. Es ist ein Film, der durch seine Bilder lebt. Beeindruckend ist die Kargheit der Landschaft, aber auch die Schönheit der Wüste in Szene gesetzt.

Schon lange habe ich keinen Film gesehen, der mir so gut gefallen hat.

Young Ones
Regie: Jake Paltrow,
erschienen 2014
bei Ascot Home Entertainment

Die Sache mit dem Dezember

„Menschen konnten eine ganz schöne Zumutung sein. Alles wäre bestens gewesen, wenn man sie nur im Fernsehen hätte angucken müssen. Aber wenn sie das Land des eigenen Vaters kaufen wollten, dann konnten sie einen fix und fertig machen.“ – Menschen sind für Johnsey Cunliffe eine Zumutung. Eine ziemliche sogar. Der 24-Jährige lebt nach dem Tod seiner Eltern ziemlich zurückgezogen. Zudem hält er sich selbst für abstoßend und will niemandem zur Last fallen.

Und ausgerechnet dieser Johnsey besitzt ein Stück Land, das nötig wäre, um ein Gewerbegebiet ausweisen zu können. Doch das Land seines Vaters will und kann Johnsey nicht verkaufen. Und so beginnt das, was die Zeitungen später den „Landkrieg“ nennen werden.

Gut gefallen hat mir der Anfang des Buches. Die Gratwanderung zwischen Sympathie und Mitleid gelingt – Johnsey ist als Jugendlicher ohne Selbstwertgefühl, der von den anderen immer wieder verprügelt wird, absolut realistisch dargestellt. Zugleich wirkt Johnsey sehr sympathisch, schließlich kämpft hier einer gegen alle. Freilich fragt man sich als Leser, ob Johnsey nicht einfach zu naiv ist – hat er doch keine nachvollziehbaren Gründe, das Land nicht zu verkaufen. Um Umweltschutz etwa geht es an keiner Stelle des Buches.

Damit gelingt es Donal Ryan, die Dinge in der Schwebe zu halten: Johnsey ist sympathisch, aber hält sich selbst zurecht auch für dumm (und dick). Johnsey ist bemitleidenswert, weil er nach dem Tod seiner Eltern sein Leben neu ordnet, aber vieles bringt er so gar nicht auf die Reihe. Auch sprachlich ist dieser Schwebezustand gut umgesetzt. Donal Ryan arbeitet mit sehr viel Humor.

Genau das aber – dass alles in der Schwebe bleibt – hat mich am zweiten Teil des Buches sehr gestört. Keiner der Handlungsstränge wird letztlich zu einer Lösung geführt. Man bleibt am Schluss des Buches als Leser ratlos zurück und darf sich selbst ausmalen, wie es nun alles ausgehen könnte. Schade!

Donal Ryan:
Die Sache mit dem Dezember

Diogenes 2015,
ISBN 9783257069273

Eis bricht leis

Gedanken zwischendurch – so könnte man die sechs Gedichte von Florian Vetsch und Hadayatullah Hübsch, die in dem kleinen Heftchen des Gonzo-Verlags abgedruckt sind, vielleicht am besten charakterisieren.

Die Gedichte hätten am Anfang des zweiten Gedichtbands der beiden Schriftsteller stehen sollen, nach dem Gedichtzyklus „Round & Round & Round“ aus dem Jahr 2011.Nach Hadayatullah Hübschs Tod im Jahr 2011 sind nun diese sechs fertiggestellten Gedichte separat veröffentlicht worden.

Drei jeweils aufeinander bezogene Gedichtpaare sind dabei entstanden: Winter time und Tief im Winter, Wetterbericht und Reime, Fiktion und Fiktion II. Hadayatullah Hübsch wirkt dabei wie der Ideengeber, der ein Bild in den Raum wirft, und gleich darauf das nächste hinterherschickt. Florian Vetsch greift einzelne davon auf, zum Teil kommentierend. Was bei Hübsch „Die Sprache im Eimer“ heißt, wird bei Vetsch zu „Allah warf in die Weltenmitte die / Sprache & sie zersplitterte zu / 1000 Scherben / Die nicht zueinander / Passen wollten“. Und wenn Hübsch dazu aufruft, „Dass wir zu Wachhunden werden / Inmitten der Schlafenden“, kontert Vetsch „Warum nicht ein Schläfer / Eine tickende Zeitbombe?“.

Zugegeben: Die Gedichte selbst haben mich nicht wirklich angesprochen. Was aber diese allzu kleine Gedichtsammlung ausmacht, sind weniger die Gedichte als solche, sondern vielmehr ihr Aufeinanderbezogensein.

Florian Vetsch & Hadayatullah Hübsch:
Eis bricht leis

Verstreute Gedichte II,
Gonzo-Verlag 2013, 8 Seiten (!!),
ISBN 9783944564050

Ach ja: am einfachsten ist das Heftchen direkt über den Gonzo-Verlag zu bestellen …

Das Mädchen, das rückwärts ging

Ein 8-jähriges Mädchen wird vermisst. Der Alptraum einer jeden Mutter beginnt: Sie hat ihr Kind kurz aus den Augen gelassen, macht sich Vorwürfe und beginnt mit der Suche. Tagelang, wochenlang, monatelang, jahrelang sucht sie nach ihrer Tochter Carmel. Sie lebt von der Hoffnung, dass Carmel noch lebt.

Aus zwei Perspektiven erzählt Kate Hamer diese Geschichte. Auf der einen Seite ist die Mutter, die anfangs Tag für Tag ihre Suche erzählt, später dann sporadischer. Fünf Jahre nach dem Verschwinden Carmels beginnt sie sogar wieder zu arbeiten.

Auf der anderen Seite ist die Tochter, Carmel. Der Leser weiß also von Anfang an, dass Carmel noch lebt. Aber ob die Geschichte gut ausgeht, das bleibt bis zuletzt spannend. Denn – so viel sei verraten – das Ehepaar, bei dem Carmel nun unterkommt, gibt sich als ihre Großeltern aus. Der Zuhörer weiß jedoch bald: das kann nicht sein. Das Ehepaar versucht in der Zwischenzeit, die besonderen Kräfte des Mädchens auszunutzen. Dies wird recht unkritisch dargestellt, sodass dieses Hörbuch für Hörer, die mit Spirituellem/Mystischem nicht so viel anfangen können, nur bedingt geeignet ist.

Gefallen hat mir die eindringliche Sprache des Hörbuchs. Deutlich sind die Stimmen des Mädchens und ihrer Mutter unterscheidbar, sodass man das Hörbuch gut auch im Auto hören kann, ohne den Faden zu verlieren. Auch die Gefühlswelten von Tochter und Mutter sind nachvollziehbar und – vor allem! – nachfühlbar beschrieben.

Wenn das Hörbuch vom Inhalt her durch den mystischen Touch etwas abgefahren ist, ist die Geschichte doch spannend geschildert und absolut hörenswert!

Kate Hamer:
Das Mädchen, das rückwärts ging
gesprochen von Julia Nachtmann und Katinka Kultscher
Goya Lit 2015, 4 CDs,
ISBN 9783833733789