Wiener Kabarett

Vier Spotlichter auf das Wiener Kabarett vermag diese Sammlung mit 4 CDs zu geben.
Auf der ersten CD sind Auszuge aus den so genannten Doppel-Conférencen von Karl Farkas mit Ernst Waldbrunn zu hören. Die Texte sind in der Regel sehr knapp gehalten, überwiegend sind es Sprachspiele und Wortwitze, die zum Teil heute noch radiotauglich wären.

Weniger radiotauglich sind die jüdischen Witze, die Fritz Muliar auf der zweiten CD erzählt. Zum Teil ist die Tonqualität der Aufnahme sehr schlecht, auch werden jiddische Begriffe nur sehr selten erklärt.

Schlichtweg langweilig fand ich die „Alpenländischen Erfindungen von und mit Otto Grünmandl“ – eine ganze CD, auf der sinnlose Erfindungen vorgestellt werden – das verliert sehr bald seinen Reiz.

Am unterhaltsamsten ist „Hackl vorm Kreuz“, das Programm des Trios Gerhard Bronner, Carl Merz und Helmut Qualtinger. Lieder wechseln mit Texten ab, Politisches mit Alltäglichem.

Wer sich für das Kabarett der 60er Jahre interessiert, für den ist diese Sammlung das Richtige – ansonsten ist sie für heutige Ohren doch recht tröge. Denn es ist keineswegs ein „Best of“, sondern schlichtweg ein kurzes Spotlight. Sehr hilfreich ist dabei das knapp 20-seitige Booklet, indem auf die einzelnen Künstler eingegangen wird.

Wiener Kabarett
4 CDs 

Membran Music 2006,
ASIN 4011222236692

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Nox

Die Welt ist geteilt in eine Oberstadt und eine Unterstadt. Die Höhe des Wohnorts bestimmt den sozialen Rang. Wer in der Oberstadt wohnt, hat alles, was er braucht: Wasser, saubere Luft, Energie. In der Unterstadt dagegen herrscht ewige Dunkelheit, Armut und Kriminalität. Die Lebenserwartung ist hier gering. In der Unterstadt lebt der 17-jährige Lucen und sein bester Freund Gerges. Doch ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt, als Gerges sich der Miliz anschließt und Lucen bei den Widerstandskämpfern, die sich für die Wiedervereinigung von Ober- und Unterstadt einsetzen, Unterschlupf findet. Denn Lucen weigert sich, den Heiratsplänen seiner Eltern Folge zu leisten und macht stattdessen die „Kompabilitätsprüfung“ mit Firmie, die allerdings auf einer niedrigeren sozialen Ebene steht als Lucens Familie.

In der anderen Welt, der Oberstadt, lebt Ludmilla, ebenfalls 17, die sich immer mehr Gedanken über die Welt(en) macht und nicht mehr einfach so hinnehmen will, was sie über die Unterstadt und ihre Menschen in der Schule lernt.

Aus der Sicht dieser drei Jugendlichen wird „Nox“ erzählt. Alle drei sind Menschen, die Fehler machen – denen es nicht gelingen kann, alle Folgen ihres Tuns richtig vorauszusehen. Das macht sie für den Leser zutiefst sympathisch. Die Welt, in der sie leben, wird gerade durch Alltägliches lebendig – wie oft man sich wäscht, woraus das Essen zubereitet wird. Wie rau beide Welten wirklich sind, wird vor allem im zweiten Teil des Buches deutlich, wenn Lucen sich allein durchschlagen muss.

Grevets Schreibstil ist sehr flüssig und leicht zu lesen. Etwas störend ist allerdings, dass manche Ereignisse durch einen anderen der Jugendlichen später noch einmal erzählt werden – zum Teil mit anderen Details, zum Teil werden aber auch Unterschiede der Wahrnehmung deutlich. Das führt an manchen Stellen des Buches dazu, dass man den Eindruck hat, plötzlich in der Handlung wieder zwei Schritte zurückzugehen.

Aus der Tatsache, dass er seine Idee aus dem Hinduismus entlehnt hat, macht Yves Grevet keinen Hehl. Die Abhängigkeit des sozialen Rangs vom Wohnort zeigt ein zementiertes Kastenwesen. Auch nennt Grevet diejenigen, die auf der untersten Stufe stehen, Parias – wie im Hinduismus die Kastenlosen. Dass es in der Unterstadt auch weniger Buchstaben gibt als in der Oberstadt, gehört zu den Erfindungen Grevets. Wer in der Oberstadt Lucien heißt, wird in der Unterstadt zu einem Lucen.

Mit „Nox“ ist Yves Grevet ein Buch gelungen, das spannend ist, Gefühle (auch sentimentale) nicht vernachlässigt und auf dessen Fortsetzung man mehr als gespannt ist. Denn wie mit Méto hat Grevet eine Trilogie vorgelegt. Der zweite Teil soll noch 2015 erscheinen.

Yves Grevet:
Nox. Unten

dtv-Verlag 2015,
ISBN 9783423650120

Umweg nach Hause

Benjamin Benjamin hat Pech im Leben: von seiner Frau verlassen, stürzt er ab. Schließlich nimmt er die Stelle einer Pflegekraft an und lernt so den 19-jährigen Trev kennen, der an Muskeldystrophie leidet. Als Trevs Vater bei einem Unfall verletzt wird, machen Benjamin und Trev sich auf den Weg zu ihm ins Krankenhaus, nach Utah. Und hier beginnt das Roadmovie, das nicht nur Benjamin, sondern auch Trev dazu zwingst, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Nicht noch ein Roadmovie, mag man da denken. Und ja, so ist es. Es ist eben noch ein Roadmovie, noch eine dieser Geschichten, bei denen man unterwegs ist, um unterwegs zu sein und so skurrilen Leuten zu begegnen, die allesamt irgendwie schrullig-sympathisch sind und ihre eigene Geschichte mit sich schleppen. Benjamin ist unterwegs, weil er über die Trennung von seiner Frau nicht hinwegkommt (und weil es einen Fahrer braucht). Trev ist unterwegs, weil er endlich mal raus muss aus seinen vier Wänden. Dot ist unterwegs, weil sie endlich mal raus wollte aus ihren vier Wänden. Peach ist unterwegs, weil Elton das will. Elton ist unterwegs, weil er einen verschrobenen Plan hat. Und es kommt, wie es kommen muss: Irgendwann sind dem Leser die Mitfahrer deutlich sympathischer als die Protagonisten selbst.

Mein Gefühl beim Lesen war, dass alles  vor sich hin dümpelt. Es gibt zwar einzelne Spannungsbögen wie z.B. ein unbekanntes Auto, das immer wieder auftaucht, und auch die Vorgeschichte von Ben, von der immer mehr deutlich wird, dass es ein konkretes Ereignis gegeben haben muss, das zur Trennung führte. Aber das fesselt den Leser nicht, es fehlt der Tiefgang. Etwas ärgerlich ist, dass die Reise erst etwa bei der Hälfte des Buches beginnt und die Handlung zuvor letztlich ohne große Bedeutung ist für die Reise.

Auch sprachlich hat mich das Buch nur teilweise überzeugt. Ein Beispiel für die schrägen Metaphern, die vorkommen: „Ich reagiere nicht mehr auf Gezwitscher, auf den Ruf von lächelnden Gesichtern und offenen Kaminen und gemütlichen Wohnzimmern. Ich werde kein Nest mehr zwischen Rosenblüten bauen. Zu viele Dornen.“ Was für Gezwitscher? Vogelgezwitscher? Geplapper? Und was ist ein Ruf von offenen Kaminen? Und wie will man bitte ein Nest zwischen Rosen bzw. genauer zwischen Rosenblüten bauen? Was für ein Unsinn!

Fazit: Ein mittelmäßiges Buch mit mittelmäßiger Handlung, in mittelmäßiger Sprache verfasst.

Jonathan Evison:
Umweg nach Hause

Kiepenheuer & Witsch 2015,
ISBN 9783462046595

Der kleine Prinz

„Der kleine Prinz“ in der neuen Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger: näher an unserer Alltagssprache, weniger als Märchen inszeniert.

Ich muss zugeben: So ganz überzeugt hat mich der kleine Prinz in der Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger nicht. Enzensbergers Übersetzung ist näher an unserer Alltagssprache, das ist sicherlich eine Stärke. Allerdings geht so zum Teil ein wenig vom Zauber verloren, der die alte Übersetzung von Grete und Josef Leitgeb ausgemacht hat.

Beispiel gewünscht?

Übersetzung Grete und Josef Leitgeb:  Als ich sechs Jahre alt war, sah ich einmal in einem Buch über den Urwald, das „Erlebte Geschichten“ hieß, ein prächtiges Bild: Es stellte eine Riesenschlange dar, wie sie ein Wildtier verschlang.

Übersetzung Hans Magnus Enzensberger: Als ich sechs war, habe ich einmal ein Buch gelesen, das „Wahre Geschichten“ hieß. Es handelte vom Urwald und war mit fantastischen Bildern illustriert. Auf einem davon war eine Riesenschlange zu sehen, die gerade ein wildes Biest verschlang.

Ich denke, man kann bereits am übersetzten Anfang des „Kleinen Prinzen“ erkennen, wo die Schwerpunkte der Übersetzung jeweils liegen: Während Leitgeb eine erzählende Sprache bevorzugen, will Enzensberger die mündliche Sprache abbilden. Leitgebs Übersetzung wirkt eher episch, während Enzensbergers im Parlando-Stil verfasst ist. Mein Fall war das nicht immer. Ein „prächtiges Bild“ finde ich immer noch aussagekräftiger als ein „fantastisches Bild“.

Gefesselt hat mich das neue Hörbuch mit Enzensbergers Übersetzung erst, als die Planeten nach und nach besucht werden – durch die unterschiedlichen Stimmlagen und vieles mehr wirkt das Hörbuch hier viel lebendiger als am Anfang.

Nichtsdestotrotz ist mir die alte Übersetzung die vertrautere. Wohl aus Gewohnheit werde ich wohl eher zu ihr zurückgreifen, wenn ich den „Kleinen Prinzen“ noch einmal lesen sollte.

Antoine de Saint-Exupéry:
Der kleine Prinz

neu übersetzt von Hans Magnus Enzensberger
gesprochen von Stefan Kaminski
Jumbo-Hörbuch, 2 CDs,
ISBN 4012144332028