Die Akte Elysium

Schon lange ist mir kein so spannendes Jugendbuch in die Finger geraten wie „Die Akte Elysium“. Allerdings auch keines, dessen Handlung so unrealistische Züge hat.

Joe Slatterys Mutter ist tot. Gestorben bei einem Autounfall. Doch bald schon kommen ihm erste Zweifel, dass es wirklich ein Unfall war. Und nach und nach entwickelt sich eine ziemlich spannende Suche nach dem Mörder seiner Mutter, in der es vor ehemaligen KGB-Spionen, der russischen Mafia, falschen Freunden und echten Helfern nur so wimmelt. Nicht zu vergessen: ein Ukrainer, der der Schlüssel zu der ganzen Geschichte sein könnte – wenn er nicht verschwunden wäre. Hinzu kommt eine alte, verwunschene Villa namens „Elysium“, zu Deutsch: Paradies, eine schillernde Ex-Diva und ein Jahrzehnte zurückliegender Mord.

Was mir an dem Buch sehr gefallen hat, ist der Spannungsbogen, der sich bis zum Schluss durchzieht. Immer wieder gibt es neue Erkenntnisse, neue Gefahren – und Schritt für Schritt tastet man sich an der Seite der Hauptfigur im Dickicht des Geschehens voran. Allerdings muss man als Leser um der Spannung willen in Kauf nehmen, dass sehr viel nicht nur unrealistisch wirkt, sondern zutiefst unrealistisch ist. Da gibt es haufenweise Gangsterbosse und ihre Killer, die Joe (fast) nichts anhaben können und haufenweise glückliche Zufälle, die Joe weiterhelfen. Aber: die Auflösung ist absolut unerwartet.Und ja: der Schluss ist etwas arg schmalzig.

Sympathisch war mir die Hauptperson, Joe Slattery, der ein wenig schlacksig durch die Gegend stiefelt, begleitet von seinem Hund Oz. Er hat etwas von einem Anti-Detektiv, dem nur die Zufälle (und Freunde, die im richtigen Moment zur Stelle sind) helfen können …

Sam Hepburn:
Die Akte Elysium

Carlsen-Verlag 2014,
ISBN 9783551520623

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City Crime – Puppentanz in Prag

„Puppentanz in Prag“ ist ein gelungener Krimi für Jugendliche von 10-12 Jahren, geschrieben von Andreas Schlüter.

Der 11-jährige Finn und seine zwei Jahre ältere Schwester reisen mit ihren Eltern nach Prag. Dort lernen die beiden Ondra und seinen kleinen Bruder kennen, zwei Jungen, die sich durch Marionettenspielen Geld auf der Prager Karlsbrücke verdienen. Doch als Finn eine Marionette findet, die ein Touristenpaar vergessen hat, kommt so einiges ins Rollen – denn die Puppe hat einen brisanten Inhalt. Und ausgerechnet Finns Vater verliert sie!

Die Jagd nach der Marionette beginnt und die Geschwister ermitteln auf eigene Faust. Das bringt Verwicklungen und manch gefährliche Situation mit sich. Es kommt zu Verfolgungsjagden in Prags Altstadt, verwüsteten Hotelzimmern, Bespitzelungen und einer Polizeiaktion. Die Handlung ist durchgängig spannend. Gefallen hat mir, dass es an einigen Stellen unerwartete Wendungen gibt, was zum Weiterlesen anregt. Nur an einer Stelle ist die Handlung nicht stimmig, wenn Finn sein Handy nutzt, das er aber an der Stelle gar nicht mehr besitzt … Kritisch anzumerken ist, dass man über das Marionettenspiel in Prag nicht sooo viel erfährt – da hätte ich mir gewünscht, dass ein bisschen mehr rüberkommt, dass die Kinder z.B. auch einer professionellen Aufführung zusehen (und nicht nur zum Coldplay-Konzert gehen …). Dafür weiß man nach dem Lesen, was ein Golem ist. Prags Altstadt ist von der Atmosphäre her gut getroffen.

City Crime Band 2,
Tulipan-Verlag, 2015,
ISBN 9783864292194

Sich in Polen einen Bob schneiden lassen

Storys nennt Magdalena Jagelke ihre kleinen  Geschichtchen, die meist nur wenige Seiten umfassen. Dabei erzählt Magdalena Jagelke zumeist aus der Ich-Perspektive. Und zumeist ist es eine junge, moderne Polin, die da spricht. Die nichts anfangen kann mit den alten Traditionen, dass man sich zur Hochzeit die Haare onduliert, dass man religiöse Anwandlungen bekommt.

Während die Verwandtschaft, aber auch die Freunde und Partner ihr Fett wegbekommen, sind es überraschend die Chefs, die umworben werden und denen sich die Ich-Erzählerin immer wieder unterwirft. Ironie mag man dabei erahnen, jedoch ist die Notwendigkeit, sich an- und einzupassen, allgegenwärtig. Die junge Frau, die da erzählt, steht im Leben, sucht sich ihren Weg zwischen all den Vorurteilen der Alten (eben das alte Europa) und all den Schwierigkeiten im Leben, denen zu trotzen ist. Und zumeist ist sie erfolgreich, auch wenn der Weg manchmal sehr ungewöhnlich ist wie etwa die künstliche Befruchtung einer Single-Frau.

Es sind kurze Eindrücke, mehr nicht, die Jagelke hier versammelt hat. Mit einem Satz, mit einem Federstrich werden komplexe Entscheidungsprozesse abgehakt, wird die Handlung von Monaten zusammengefasst. Das kann sich dann zum Beispiel so anhören: „Ich bin im sechsten Monat. Man hat mir gekündigt. Ich ziehe um. Die Wohnung ist billiger. Als ich im achten Monat bin, ist die Scheidung.“

Es ist dieser Stakkato-Stil, der die Kürzestgeschichten Jagelkes ausmacht. Nur wenige der Geschichten lassen sich mehr Zeit mit dem Erzählen. Ein wenig fremd wirken die beiden Geschichten, die ins 18./19. Jahrhundert zurückgehen, in dieser Sammlung an „Storys“.

Magdalena Jagelke:
Sich in Polen einen Bob schneiden lassen.
Storys

als ebook erschienen bei Culturbooks,
ISBN 9783944818757, 2015

Denn wir waren Schwestern

Alma wird mit einem Schlag aus ihrem erfolgreichen Leben in Seattle gerissen. Ihre Schwester Vicky ist tot. Kontakt hatte sie zu ihr kaum noch, denn im Gegensatz zu Alma war ihre Schwester alles andere als erfolgreich im Leben. Kurzentschlossen reist Alma an den Ort ihrer Kindheit zurück und taucht ein in das Familiengeflecht, dem sie so gerne entkommen war und muss erkennen, dass nur noch wenig so ist, wie es damals war, als sie Montana verlassen hat.

War es Mord? Oder war es ein Unfall, der Vicky zum Verhängnis wurde? Die Autorin Carrie La Seur lässt die Leser lange Zeit im Unklaren darüber, sodass man zunächst einmal die Familie und alte Freunde von Alma kennen lernt. Da Alma eigentlich so gut wie nichts weiß, kann man als Leser nur manchmal detektivisch mitfiebern. in erster Linie reist man mit Alma zurück in die Vergangenheit.

Die Figuren, allen voran Alma, bleiben recht kühl – man kann sich nur schwerlich in sie hineinversetzen, sondern spürt, dass man eine nüchterne Rechtsanwältin vor sich hat. Da „Denn wir waren Schwestern“ aber eine Mischung aus Liebesgeschichte und Kriminalroman ist, fehlt es an Sympathie-Elementen, die einem Alma „schmackhaft“ machen könnten. Der Schluss – sowohl der der Liebesgeschichte als auch der des Kriminalromans – hat mich nicht wirklich überzeugt. Das Ganze wirkt zu konstruiert, es geht alles viel zu schnell. Während sich Alma anfangs ständig Gedanken über irgendetwas macht, passiert das da, wo man es erwarten würde, kaum noch. Während der Anfang des Buches doch etwas zu ausladend ist, wird zum Schluss hin deutlich zu viel Fahrt aufgenommen.

Carrie La Seur:
Denn wir waren Schwestern

Insel-Taschenbuch, 344 Seiten,
ISBN 9783458360438