Carrie La Seur: Denn wir waren Schwestern

Zitat

„Die Kälte einer Januarnacht in Billings, Montana, trifft dich persönlich, in Körper und Geist. Sie kennt deine Schwächen, sie spricht mit deinen Ängsten. Wenn du an einen Gott glaubst, dann schiebt sich diese Kälte wie ein Schleier zwischen dich und deine Gottheit. Sie lauert dir auf, wenn du allein bist, dort, wo sie dich niederringen kann. Wenn du weiß bist und aus einer der alten Familien stammst, flüstert sie dir ins Ohr, wie einsam und schutzlos du ihr in dem endlosen flachen Land ausgeliefert bist. Sie klingt wie das Geheul der Wölfe und dröhnt wie der Schall von Trommeln an all den leeren Orten, an denen du dich fragst, wer du bist und was du in höchster Not tun würdest. In dieser Kälte begreifst du endlich, dass du kein bisschen tapfer bist.“

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[identität]

Deutschland, irgendwann in der Zukunft: Der Euro wurde abgeschafft, die Reichen schotten sich in ihren Vierteln ab, die Digitalisierung ist vorangeschritten, Überwachung ist immer und überall möglich. Minke Böckenhauer arbeitet als Informationsbeschafferin, gelegentlich verschafft sie auch neue Identitäten. Sie hat sich aus Berlin zurückgezogen und wohnt in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Dort genießt sie das beschauliche Landleben, bis eines Tages ein Mann in ihrem Garten steht, der umsonst für sie arbeiten will. Wer er ist? Das weiß er selbst nicht …

Eigenmächtig beginnt Minke zu recherchieren, um wen es sich handeln könnte. Dabei geht es bald nicht nur um den Skandal von Leiharbeitern aus dem Knast. Illegale Medikamententests kommen zutage und dann gibt es noch die Leute, die von der Wiedereinführung der D-Mark in Deutschland profitiert haben. An Minke Böckenhauers Gast haben gleich mehrere Interesse – und die Jagd beginnt. Doch welches Interesse? Was weiß der Fremde? Weiß er überhaupt noch etwas? Und wer entführt ihn, um ihn zu schützen?

Die Mischung aus Spannung und Zukunftsvision ist das, was Christian Lorenz‘ Buch ausmacht. Auf der einen Seite wird eine Geschichte erzählt, die aufgelöst werden will – auch wenn anfangs die Fragen bei Weitem überwiegen. Und auf der anderen Seite ist der Blick in die Zukunft, der zwischen Utopie und Dystopie schwankt. Um die Macht im Netz geht es da, die Lenkung der Meinung durch und um die eigene Identität. Und natürlich geht es auch um die Gewinner und die Verlierer des Fortschritts.

Da passt es schon, dass die Hauptfigur, Minke Böckenhauer, sich aus dem Moloch Berlin zurückgezogen hat und auf dem Land lebt.  Hier gelingt es Christian Lorenz gut, den starken Gegensatz zwischen (digitalisierter) Stadt und dem Dorf als Rückzugsort darzustellen. Gerade das Beschreibende macht [Identität] aus. Wer einen Thriller mit rasantem Tempo erwartet, wird hier nicht bedient. Christian Lorenz geht es um die leisen Töne, um keckernde Eichelhäher zum Beispiel.

Christian Lorenz:
[Identität], Thriller,

midnight by Ullstein,
ebook,
ISBN 9783958190016 

Durst ist schlimmer als Heimweh

Judith Sita ist 16 und wohnt in Hamburg. Vom Vater misshandelt und missbraucht, von der Mutter verlassen landet sie schließlich in einer Wohngemeinschaft. Von der Zeit, die sie dort verbringt, rund ein Jahr, handelt Lucy Frickes Buch „Durst ist schlimmer als Heimweh„. Man taucht ein in das Soziogramm einer Wohngemeinschaft, in der jeder sein Päckchen zu tragen hat und eine verkorkste Jugend hinter sich lassen will.

Wie schwer es ist, etwas zu verarbeiten, hinter sich zu lassen, neu anzufangen: das sind die Themen, die Lucy Fricke in ihrem Buch immer wieder streift.  Judith ist eine Einzelkämpferin, will nicht über alles reden, sondern einfach alles vergessen. Doch der Schritt ins aktive Leben misslingt ihr immer wieder. Ohne Schulabschluss nimmt sie immer wieder einfache Jobs an, fliegt wieder raus. Therapieangebote lehnt sie ab, Neujahrsvorsätze kann sie nicht durchhalten. Ihre Zukunft, so heißt es gegen Ende des Buches, kommt ihr vor wie ein schwarzer Fleck. Und so endet das Buch auch mit dem Satz „Die Züge fuhren jetzt wieder“ – Judith ist noch lange nicht am Ende ihrer Suche nach sich selbst angekommen, ihre Reise geht weiter.

Die Sprache ist es, die mir an diesem Buch gefallen hat: nichts ist aufgesetzt, nichts wirkt gekünstelt, kein falsches Pathos. Dass Judith so redet, so denkt – absolut realistisch. Dennoch habe ich mich nach dem Lesen gefragt: So what?!? Was soll mir diese Geschichte sagen? Trotz einzelner dramatischer Handlungselemente: da ist nichts, was bleibt, alles dümpelt vor sich hin. Erzählter Alltag einer Wohngemeinschaft aus der Perspektive von Judith, die bis zuletzt unnahbar und unberechenbar bleibt. Nichts hält einen an dieser Geschichte gefangen. Zudem ist es nicht leicht, in das Buch hineinzufinden, vieles wird in Rückblenden erzählt und zunächst nur angedeutet.

Lucy Fricke:
Durst ist schlimmer als Heimweh

rororo, 2014,
ISBN 9783499260001
(Erstausgabe: Piper-Verlag, 2007)

Das große Ja. Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens

Christoph Quarch sieht unsere Zeit in einer Sinnkrise, einer Sinnfinsternis, wie er es nennt. Mit seinem philosophischen Wegweiser unternimmt Quarch den Versuch, den Sinn des Lebens aller Finsternis zum Trotz neu zu bestimmen.

Dazu greift Quarch auf Viktor Frankl zurück und seine These, man könne nur den Sinn fürs eigene Leben suchen und finden – aber den Sinn fürs Leben könne man nicht selbst einfach so festlegen. In seinem Parforceritt durch die antike und moderne Philosophie zeigt Quarch die Schwächen herkömmlicher Sinnfindungsversuche auf und setzt dagegen die Frage „Was erwartet das Leben von mir?“. Die Antwort sieht Quarch mit Viktor Frankl im Handeln, dem richtigen Verhalten, vor allem aber im Gefühl. Ohne Gefühl, ohne Liebe, gehe gar nichts. Das Widersprüchliche im Leben, die Mischung aus apollonischer Ordnung und dionysischem Chaos, könne man nur mit dem Gefühl, dem Herzen, bejahen, nicht aber mit dem Verstand begreifen. Nur so könne das eigene Leben als stimmig bejaht werden und das Gute trotz aller Widrigkeiten erkannt werden.

Quarch unterstützt seine Leser, indem er sie lenkt, immer wieder Zusammenfassungen anbietet, den Leser direkt anspricht, seine möglichen Einwände aufgreift und so den Leser lenkt.  Dennoch sind manche Kapitel für philosophisch wenig bewanderte durchaus „harter Tobak“. Da Quarch aber Schritt für Schritt vorgeht und immer mal wieder Pausen macht, kann man auch dann weiterlesen, wenn man den Eindruck hat, etwas noch nicht so ganz verstanden zu haben. Quarch holt seine Leser immer wieder ab. In „Zwischenspielen“ lässt Quarch zudem die Philosophen direkt miteinander diskutieren – mit Zitaten aus ihren eigenen Werken.

Freilich bleibt man etwas irritiert zurück. Denn die Quintessenz des Buches ist nichts anderes, als dass der Sinn nicht einfach so bestimmt werden kann, sondern sich jeder selbst auf die Suche machen muss. Wohlan! Im Zeitalter nach der Aufklärung keine zu verwegene Forderung.

Christoph Quarch:
Das große Ja. Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens

Goldmann-Verlag, 2014
(überarbeitete Taschenbuchausgabe von Christoph Quarch: Und Nietzsche lachte, 2012)