Ein gefragter Mann – Roman über den Humanisten Johannes Reuchlin

Ein Jahr lang hat der Humanist Johannes Reuchlin in Ingolstadt gelehrt. Viel weiß man über diese Zeit nicht. Nichtsdestotrotz hat Markus Herrmann über die Ingolstädter Zeit zwischen 1519 und 1520 einen kleinen Roman geschrieben: „Ein gefragter Mann. Roman über den Humanisten Johannes Reuchlin und dessen beherzten Einsatz für die Juden und deren Bücher“. Ein Jahr, das Reuchlin, der bereits 1522 starb, dazu genutzt hat, an der Universität Ingolstadt Hebräisch zu lehren.

Glaubt man Markus Herrmann, war Reuchlin in diesem Jahr der gute Mensch von Ingolstadt. Alle kamen mit ihren Problemen zu ihm, und fast allen konnte er helfen. Herrmann beschreibt den Studenten, der lieber Bauer sein möchte – er darf. Herrmann beschreibt die Studentin, die verkleidet als Student studiert – sie darf. Ebendiese Frau soll von der Kanzel predigen – sie darf. Eine Frau muss sich gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen – Reuchlin hilft. Ein Waisenhaus braucht Unterstützung – Reuchlin hilft. Shlomo Morgentau will in der Stadtverwaltung von Ingolstadt arbeiten – Reuchlin hilft ihm. Kurzum: Herrmann macht aus Reuchlin die Mutter Teresa des 16. Jahrhunderts. Selbst vor der Vorstellung von Reuchlin als Heiratsvermittler schreckt er nicht zurück. Herrmann macht aus Reuchlin einen Humanisten, wie wir ihn uns heute vorstellen. Mit dem Reuchlin des 16. Jahrhunderts hat das nicht immer etwas zu tun.

Absolut gelungen und überzeugend ist „Ein gefragter Mann“ in der Darstellung von Reuchlins persönlichen Überzeugungen und Ideen. Seine Schrift „Augenspiegel“ und die daran anknüpfende Kontroverse mit den Dunkelmännerbriefen lässt Herrmann Reuchlin rückblickend erläutern und beurteilen. Dass Reuchlin sich stark von Luther distanziert, wird ebenfalls dargestellt. Dass Reuchlins Liebe zur hebräischen Sprache nicht automatisch die Grenzen seiner Zeit einbricht, wird deutlich darin, dass Reuchlin einem konvertierten Juden davon abrät, zur Religion seiner Vorfahren zurückzukehren. Dass sie aber zu einem tieferen Verständnis der jüdischen Religion führte, ebenfalls – Reuchlins Wunsch nach jüdisch-christlichem Dialog führt im Buch sogar zu einem gemeinsamen Festtag. Wie umstritten jedoch Reuchlin zu seiner Zeit war, wird fast auf jeder Seite des Buches deutlich. Der große Einfluss seines Kontrahenten Johannes Pfefferkorn kommt ausführlich zur Sprache. Dass es dabei zu wüsten Prügeleien und sogar zu einer Entführung kommt, um die Herausgabe einer Tora-Rolle zu erpressen, ist historisch sicherlich nicht verbürgt, lässt jedoch die Zeit des 16. Jahrhunderts lebendiger erscheinen. Auf dieser Ebene ist Reuchlin überzeugend als Ausnahmegestalt seiner Zeit beschrieben.

Markus Herrmann:
Ein gefragter Mann.
Roman über den Humanisten Johannes Reuchlin und dessen beherzten Einsatz für die Juden und deren Bücher

Debras-Verlag, 2014

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s