Auf entlegenen Posten

An die entlegensten Ecken der Welt, an die „Enden der Welt“, ist Roger Willemsen gereist. Von den Begegnungen, die Willemsen dort gemacht hat, erzählt er in seinem Hörbuch „Auf entlegenen Posten“, das bei einer Lesung in Bonn aufgenommen wurde.

So unterschiedlich, wie Willemsens Reiseerfahrungen sind, so unterschiedlich sind auch seine Begegnungen. Mal sind es kuriose Geschichten über Gewürzgurken oder eine Zahnbrücke, mal sind es sentimentale Geschichten wie die von einem kleinen Jungen in Afghanistan, mal sind es nachdenkliche Texte wie etwa die Stadtbeschreibung von Minsk. Dabei wird recht selten die Landschaft lebendig, sondern immer einzelne Menschen, denen Willemsen begegnet ist.

Es sind keine tiefschürfenden Texte, es ist keine Reiseliteratur, die einem fremde Kulturen und Regionen der Welt erklärt. Nur selten wird die Reise als solche beschrieben. Es sind vielmehr einzelne im Parlando-Stil beschriebene Begegnungen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ein Hörbuch für zwischendurch, leicht hörbar.

Roger Willemsen:
Auf entlegenen Posten

mitgeschnittene Lesung,
Tacheles/Roof-Music, 2011

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Das mit dir und mir

„Das mit dir und mir“ ist eines der Bücher, die genau dann aufhören, wenn sie anfangen sollten. Sabine Bartsch erzählt in ihrem Jugendbuch von Skinny und Pascal, die sich ineinander verlieben, aber nicht zueinander finden können. Und schwups, als sie sich das erste Mal so richtig aussprechen, ist das Buch auch schon zu Ende.

Sabine Bartsch hat allerdings ihre Geschichte von den zwei Königskindern, die einander nicht finden können, verbunden mit sehr wuchtigen Schicksalsschlägen: Skinnys Zwillingsschwester Vicky ist nach einem Unfall beim Eislaufen schwer behindert, Pascal hingegen hat seine Mutter bei einem Autounfall verloren. Beides, so scheint es, macht sie zerbrechlich und den Anfang der Liebe so schwierig. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Skinny und Pascal, sie kommen immer abwechselnd zu Wort.

Da sehr viel mit wörtlicher Rede erzählt wird, einfache Metaphern („so ein Gefühl im Bauch“, „so ein Etwas“, „ein Kobold“) verwendet werden und die Handlung leicht verständlich ist, ist das Buch aus meiner Sicht vor allem für Jugendliche ab 12 Jahre geeignet. Für Jugendliche, die so alt sind wie die beiden Protagonisten, nämlich 15 bzw. 16, ist das Buch wohl doch bei Wortwahl und Darstellung der Hauptfiguren zu einfach.

Sabine Bartsch:
Das mit dir und mir

dtv pocket,
ISBN 9783423782821

Vaters unbekanntes Land

Die Idee des kretischen Labyrinths hat mich an Bernhard Stäbers Kriminalroman „Vaters unbekanntes Land“ fasziniert. Da drapiert ein Mörder den Kopf seines Opfers in der Mitte von einer Labyrinth-Installation in einer Ausstellung von Kunststudenten. Und ausgerechnet Arne Eriksen, ein Deutscher mit norwegischen Wurzeln, soll bei den Ermittlungen zu diesem Mordfall helfen, der selbst gerade erst Hals über Kopf Deutschland verlassen hat, um auszuspannen und erst einmal alles hinter sich zu lassen.

Wie es der Zufall so will: Arne trifft auf die Polizistin Kari, die in dem Mordfall ermittelt und die Polizeipsychologen sind nicht einsatzbereit. So wird aus dem Berliner Psychologen Arne und der norwegischen Polizistin Kari ein gutes Ermittler-Gespann. Da es sich bei dem Toten um den Sohn des Zeitungsmagnaten Tverdal handelt, gestalten sich die Ermittlungen alles andere als einfach.

Erst als ein weiterer Sohn Tverdals ermordet wird, kommt Bewegung in den Fall und aus dem sich eher langsam entwickelnden Kriminalroman wird zum Ende hin tatsächlich doch noch ein Thriller. Bernhard Stäber lässt seine Protagonisten langsam in den Fall hineinwachsen und nimmt den Leser so mit auf die Reise nach Norwegen.

Er hat sich dabei viel vorgenommen: ein ermittelnder Psychologe, der selbst eine therapeutische Behandlung braucht, Arnes Vorgeschichte, ein Ausflug nach Nordnorwegen ins Gebiet der Samen. Da bleibt es nicht aus, dass manches etwas zu kurz kommt, wie zum Beispiel die sehr kurze Kurztherapie von Arne oder der grantelnde Vorgesetzte von Kari, der doch etwas schemenhaft bleibt wie auch die anderen ermittelnden Polizeibeamte.

Fazit: ein spannender Krimi, der langsam beginnt und rasant endet.

Bernhard Stäber:
Vaters unbekanntes Land

Lyx/Egmont-Verlag,
ISBN 9783802595790

Ein gefragter Mann – Roman über den Humanisten Johannes Reuchlin

Ein Jahr lang hat der Humanist Johannes Reuchlin in Ingolstadt gelehrt. Viel weiß man über diese Zeit nicht. Nichtsdestotrotz hat Markus Herrmann über die Ingolstädter Zeit zwischen 1519 und 1520 einen kleinen Roman geschrieben: „Ein gefragter Mann. Roman über den Humanisten Johannes Reuchlin und dessen beherzten Einsatz für die Juden und deren Bücher“. Ein Jahr, das Reuchlin, der bereits 1522 starb, dazu genutzt hat, an der Universität Ingolstadt Hebräisch zu lehren.

Glaubt man Markus Herrmann, war Reuchlin in diesem Jahr der gute Mensch von Ingolstadt. Alle kamen mit ihren Problemen zu ihm, und fast allen konnte er helfen. Herrmann beschreibt den Studenten, der lieber Bauer sein möchte – er darf. Herrmann beschreibt die Studentin, die verkleidet als Student studiert – sie darf. Ebendiese Frau soll von der Kanzel predigen – sie darf. Eine Frau muss sich gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen – Reuchlin hilft. Ein Waisenhaus braucht Unterstützung – Reuchlin hilft. Shlomo Morgentau will in der Stadtverwaltung von Ingolstadt arbeiten – Reuchlin hilft ihm. Kurzum: Herrmann macht aus Reuchlin die Mutter Teresa des 16. Jahrhunderts. Selbst vor der Vorstellung von Reuchlin als Heiratsvermittler schreckt er nicht zurück. Herrmann macht aus Reuchlin einen Humanisten, wie wir ihn uns heute vorstellen. Mit dem Reuchlin des 16. Jahrhunderts hat das nicht immer etwas zu tun.

Absolut gelungen und überzeugend ist „Ein gefragter Mann“ in der Darstellung von Reuchlins persönlichen Überzeugungen und Ideen. Seine Schrift „Augenspiegel“ und die daran anknüpfende Kontroverse mit den Dunkelmännerbriefen lässt Herrmann Reuchlin rückblickend erläutern und beurteilen. Dass Reuchlin sich stark von Luther distanziert, wird ebenfalls dargestellt. Dass Reuchlins Liebe zur hebräischen Sprache nicht automatisch die Grenzen seiner Zeit einbricht, wird deutlich darin, dass Reuchlin einem konvertierten Juden davon abrät, zur Religion seiner Vorfahren zurückzukehren. Dass sie aber zu einem tieferen Verständnis der jüdischen Religion führte, ebenfalls – Reuchlins Wunsch nach jüdisch-christlichem Dialog führt im Buch sogar zu einem gemeinsamen Festtag. Wie umstritten jedoch Reuchlin zu seiner Zeit war, wird fast auf jeder Seite des Buches deutlich. Der große Einfluss seines Kontrahenten Johannes Pfefferkorn kommt ausführlich zur Sprache. Dass es dabei zu wüsten Prügeleien und sogar zu einer Entführung kommt, um die Herausgabe einer Tora-Rolle zu erpressen, ist historisch sicherlich nicht verbürgt, lässt jedoch die Zeit des 16. Jahrhunderts lebendiger erscheinen. Auf dieser Ebene ist Reuchlin überzeugend als Ausnahmegestalt seiner Zeit beschrieben.

Markus Herrmann:
Ein gefragter Mann.
Roman über den Humanisten Johannes Reuchlin und dessen beherzten Einsatz für die Juden und deren Bücher

Debras-Verlag, 2014

Mini-Meditationen

Das Gehirn gezielt abschalten, damit es auch mal regenerieren kann – so beschreibt Ulrich Hoffmann in seinem kleinen Büchlein „Mini-Meditationen“, was der Sinn des Meditierens sein soll.

Dabei liegen jedem ganz unterschiedliche Arten, zu meditieren. Und so finden sich in dem kleinen Büchlein ganz verschiedene Meditationen: Visualisierungen, bei denen die Fantasie gefragt ist (stell dir vor, du wärst ein Berg …), Achtsamkeitsmeditationen (Konzentration auf einzelne Momente aus dem Alltag wie etwa das Essen oder das Riechen), aber auch der Umgang mit den eigenen Gefühlen (zum Beispiel durch eine Glücksmeditation) kann eingeübt werden, außerdem gibt es noch so genannte aktive Meditationen wie etwa die Geh-Meditation.

Die Mini-Meditationen sind nicht nur für Einsteiger geeignet, sondern für alle, die zwischendurch mal ihren Kopf freibekommen wollen. Zwei bis fünf Minuten dauern die Meditationen im Schnitt. Allerdings ist für Hoffmann klar, dass regelmäßig meditiert werden muss, um wirklich etwas zu bewirken. Den längerfristig erreichbaren Nutzen von Meditationen sieht Hoffmann in der Reduktion von Stress und in mehr Gelassenheit, Entlastung und Klarheit im Leben.

Die Meditationen haben auf drei Seiten knappe, klare Anleitungen, in Schritte eingeteilt. Kurz wird umrissen, was die Meditation erreichen will, zum Teil werden Alternativen für die Durchführung gegeben. Ich habe mit der Atem-Meditation begonnen, meines Erachtens die leichteste Art zu meditieren. Schwerer getan habe ich mich mit den Gefühlsmeditationen und den Visualisierungen – das Buch bietet für jeden etwas. Eine Zeitlang habe ich auch schlichtweg mit dem Faktor Zufall meditiert: einfach das Büchlein irgendwo aufschlagen, und los geht es …  Die Anleitung ist leicht verständlich und das Ziel der Meditation immer klar umrissen; sich in einzelne Situationen hineinzufinden ist zum Teil natürlich etwas schwieriger.

Einen spezifisch religiösen Hintergrund haben die Mini-Meditationen nicht. Während die Chakra-Meditation eher buddhistisch anmutet, ist die Vergebungsmeditation eher christlich.

Das Büchlein ist ganz bewusst in einem kleinen Taschenformat erschienen und mit einem Gummiband versehen, damit man es überall hin mitnehmen kann. Empfehlenswert!

Ulrich Hoffmann:
Mini-Meditationen

Gräfe & Unzer Verlag,
ISBN 9783833838149

Wimmerholz

Schweden im Jahr 1945: Hunderte von Wehrmachtsangehörigen fliehen über die Ostsee nach Schweden. Dort werden sie in verschiedenen Lagern interniert. Sie sollen, so hat man es ihnen gesagt, bald nach Deutschland abgeschoben werden. Doch die schwedische Regierung hält ihre Zusage nicht. Am 30. November 1945 um 5 Uhr morgens müssen die Internierten zum Appell antreten. Sie sollen den Russen übergeben werden, so will es die schwedische Regierung. Aus Angst vor dem, was kommt, fügen sich zahlreiche Soldaten schwerste Verletzungen zu, um transportunfähig zu werden. Manche töten sich sogar selbst, um der russischen Gefangenschaft zu entgehen. Dieser 30. November gilt in Schweden als der „blutige Freitag“. Zahlreiche Protestaktionen der Inhaftierten und der schwedischen Bevölkerung wie auch die Weigerung des Militärs, die Räumen des Lagers durchzuführen, konnten die Auslieferung an die Russen nicht verhindern. Soweit die historischen Ereignisse, die den Hintergrund zu Michael Pauls Erstling „Wimmerholz“ bilden.

Was macht Michael Paul in seinem Roman aus diesen in Deutschland kaum bekannten Tatsachen? Zunächst einmal erzählt er. Er erzählt von der alles andere als ungefährlichen Flucht von Ostpreußen über die Ostsee nach Schweden. Von den Sorgen und Nöten der Menschen, die im Lager interniert sind. Von der Langeweile des Lagerlebens und der Hoffnung auf die Heimkehr zu den Familien. Von den dramatischen Stunden rund um die Räumung des Lagers.

Michael Paul erzählt diese Geschichte, indem er durchweg sympathische Figuren erschafft: den deutschen Feldwebel Martin Greven, der mit zwei Kameraden und einem kleinen Mädchen, das sie aufgegabelt haben, der 10-jährigen Lena, die abenteuerliche Flucht über die Ostsee wagt. Und dann sind da auch noch die guten Schweden, die den deutschen Feldwebel Greven aufnehmen und verstecken. Und natürlich findet Greven in der Schwedin Greta sogleich seine große Liebe.

Auf der anderen Seite gibt es die bösen Deutschen – die Martin Greven und seine Freunde verfolgen – der zweite Erzählstrang des Buches. Warum? Das ist ihnen selbst lange nicht klar und nur nach und nach gelingt es ihnen, auf die Spur dieses Geheimnisses zu kommen. Es geht dabei um Beutekunst, die verkauft werden soll, um sich mit dem Geld nach Lateinamerika abzusetzen. Um an die Beutekunst zu kommen, brauchen sie jedoch noch einen Hinweis – und der befindet sich bei Greven und seinen Freunden. Nur wo? Spielt Lenas Geige, das „Wimmerholz“, dabei eine Rolle? Geschickt gelingt es Michael Paul, die Fäden so langsam zu entwirren, dass die Spannung immer erhalten bleibt.

Die Stärke des Buches liegt in der Darstellung der historischen Ereignisse. Wie die internierten Soldaten mit dem Wissen, nach Russland zu kommen, umgehen, ist absolut anschaulich beschrieben. Man kann als Leser nachfühlen, wie es den Internierten ergangen ist.  Anderes hingegen wirkt etwas zu einfach gestrickt, die Liebe zwischen Greta und Martin zum Beispiel. Zwar heiraten sie schließlich auf sehr unkonventionelle Art, aber nichtsdestotrotz geht das Ganze doch zu reibungslos vonstatten. Von Deutschenfeindlichkeit in Schweden: kaum eine Spur. Auch die Vergewaltigung Gretas scheint spurlos an ihr vorbeigegangen und abgehakt zu sein. Lena: das tapfere Mädchen, das sich seinem Schicksal hingibt und ihre Eltern später kaum noch vermisst. Auch dass fast alles in wörtlicher Rede dargestellt ist, hat mich etwas gestört, sind doch die erzählerischen Momente des Buches von deutlich größerer Intensität. Dass sehr viel erklärt wird, was der Leser sich denken kann, mag dem Wunsch des Autors geschuldet sein, seinen Lesern alles möglichst genau zu verdeutlichen.

Der Preis des Taschenbuchs, knapp 18 Euro, ist zwar recht stolz, jedoch ist „Wimmerholz“ ein Buch, das sich zu lesen lohnt. Denn Michael Paul gelingt es, mit „Wimmerholz“ seine Leser zu berühren.

Michael Paul:
Wimmerholz

tredition-Verlag,
ISBN 9783849577643