Der Doppelgänger (Buch)/ Enemy (Film)

Noch bevor ich den Film Enemy auf DVD anschaute, habe ich mir die literarische Vorlage des Films, José Saramagos Der Doppelgänger, vorgenommen. Es wäre nicht nötig gewesen. Film und Buch haben zwar den gleichen Plot, sind aber dennoch grundverschieden.

Der Plot ist schnell erzählt: ein Mann entdeckt zufälligerweise einen Doppelgänger von sich, lernt ihn kennen und beschäftigt sich immer mehr mit dessen Leben.

Regisseur Denis Villeneuve stellt vor allem die atmosphärische Dichte des Stoffs heraus. Sein Film spielt in der Hochhaussiedlung Torontos, Villeneuve benutzt schwefelfarbene Filter, um die Langeweile und Ödheit des Ortes und damit auch des Protagonisten aufzuzeigen. Der Geschichtsprofessor Adam Bell stürzt sich geradezu auf die willkommene Abwechslung eines Doppelgängers. Er wird zum Stalker, schlüpft in die Rolle seines Ebenbildes. Das Spiel der Identitäten wird immer exzessiver, Leidenschaft und Eifersucht geben sich die Hand.

Kafkaesk wirkt der Film nicht nur an einer Stelle. Traumsequenzen, das Leben inszeniert als Kampf, die Unfähigkeit der Eigenliebe – all das könnte auch von Kafka sein. Vor allem aber die Spinne, die als Motiv immer wieder vorkommt.

Die Deutung dessen, was geschieht, macht der Filmtitel Enemy deutlich: aus einem Spiel, einem unglaublichen Zufall, wird Ernst, wird Krieg – der Doppelgänger wird zum Feind, den es zu überlisten gilt. Mehr noch als das Buch legt der Film eine psychologische Deutung nahe: die vergebliche Suche nach der eigenen Identität im Meer von Wünschen, Träumen, Ängsten und Hoffnungen.

José Saramago lässt in Der Doppelgänger seine Protagonisten nicht zu miteinander kämpfenden Kontrahenten werden.

Mit viel Witz erzählt er das Leben des Geschichtslehrers Afonso, der mit den Vornamen Tertuliano Maximo gestraft ist. Dabei bricht Saramago immer wieder aus seinen Erzählungen aus, spricht mal seine Protagonisten, mal den Leser an, lässt die Protagonisten in belanglose Exkurse abgleiten, lässt sie seitenweise sinnieren, bevor ein einziger Satz das Ergebnis zusammenfasst. Der weitestgehende Verzicht auf Satzzeichen (Anführungszeichen? Mangelware!) macht das Lesen auch nicht gerade leichter.

Die Beschäftigung mit seinem Doppelgänger erfüllt Afonso zunächst mit Enthusiasmus, befreit ihn tatsächlich aus seinem tristen Alltag. Doch das hält nicht lange an. Schließlich ist es sein Doppelgänger, der ihn bedrängt – ein Verwirrspiel im Verwirrspiel der Identitäten, anders als im Film.

Auf ganz unterschiedliche Art und Weise geht der Regisseur und der Autor mit dem Doppelgänger-Motiv um. Der Schriftsteller zeigt im Parlando-Stil das kleine Leben des großen T. Maximo, der Regisseur bearbeitet den Stoff auf der Ebene der Bilder und greift auf Kafka und den Existenzialismus zurück. So bleibt nur, beides, Buch und Film, unabhängig voneinander zu betrachten, zu deuten und zu beurteilen. Anders wird man ihnen nicht gerecht.

Das Buch:
José Saramago:
Der Doppelgänger

bei btb-Verlag 2013 erschienen

 

 

als ebook 2014 bei Hoffmann und Campe mit dem Titel „Enemy. Der Doppelgänger“ erschienen


 

Der Film:
Enemy, Regie: Denis Villeneuve
erschienen bei Capelight  Pictures 2014

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