The Children Act

Ein Gesetz als Grundlage für einen Roman? Ian McEwan versucht das Familienrecht als Ausgangspunkt für seinen Roman „The Children Act“ zu nehmen. Zentrale Figur ist die Richterin Fiona Maye, oberste Richterin am High Court und für Familienrecht zuständig.

Die Gerichtsfälle, die sie bearbeitet, werden in angenehmer Art und Weise beschrieben, jenseits von langweiligem Juristendeutsch. Im Zentrum steht dabei der Fall des fast 18-jährigen Adam, der als Zeuge Jehovas eine Bluttransfusion verweigert. Fiona Maye, das ist das tragische Moment des Buches, ermöglicht durch ihr Gerichtsurteil ihm das Leben, gleichzeitig jedoch zerstört sie es durch ihr Verhalten.

Der kühlen Richterin, die Jazz-Musik nicht mag, weil keine festen Regeln vorhanden sind, glaubt an die Segnungen des Rechts, „the provisions of family law“. Da nimmt es nicht wunder, dass sie die Trennung von ihrem Mann, mit dem sie seit 35 Jahren verheiratet ist, fast wie eine Gerichtssache behandelt, in der einfach die Argumente ausgetauscht werden und dann eine Entscheidung zu fällen ist. Letztlich ist es das, was sie am Ende gelernt hat: eine Ehe funktioniert anders. Ganz anders.

Die Handlung des Buches ist eher verhalten. Es gibt viele Beschreibungen, sowohl von Gerichtsverhandlungen wie auch von Konzerten. Wer das nicht mag, wird sich mit „The Children Act“ etwas schwertun. Alle anderen werden in „The Children Act“ viele schöne Beschreibungen finden. Das Englisch ist anspruchsvoll, vor allem durch einige juristische Fachausdrücke – über die kann man allerdings auch hinweglesen, dem Inhalt kann man trotzdem gut folgen.

Wer Scheu vor der englischen Sprache hat: unter dem Titel Kindeswohl ist das Buch inzwischen auf Deutsch bei Diogenes erschienen.


Ian McEwan:
The Children Act,
Random House, 2014,
ISBN 9780224101998

 

Ian McEwan:
Kindeswohl
Diogenes, 2016,
ISBN 9783257243772

 

 

 

 

Der Tag X

Eine Frau reist um die Welt, um dem Schmerz der Erinnerung zu entkommen. 100 Tage verbringt sie immer an einem Ort, bevor sie zum nächsten Ziel aufbricht, keinen Tag länger. Am Tag X, dem 50. Tag, entscheidet sie, wohin sie als nächstes reist, angeleitet von zufälligen Beobachtungen, die sie an diesem Tag macht.

Diese originelle Idee ist die Grundlage von Sabine Theadora Ruhs Kurzgeschichte „Der Tag X“. Auf 14 nicht allzu dicht bedruckten Seiten in Postkartengröße breitet die Autorin das Ambiente dieses Reise-Daseins aus.

Die Geschichte von dieser Frau lässt sich in fünf Minuten lesen, und wie es sich für eine Kurzgeschichte gehört, bleiben viele Fragen über diese Frau, die sowohl getrieben wirkt als auch besonders frei zu sein scheint, offen.

Sprachlich ist dieser kurze Text absolut treffend formuliert. Es gibt wunderschöne Bilder, etwa wenn der Mann „mit einem großen Frieden im Gesicht“ schläft, oder wenn der Beginn der Beziehung lapidar als „Sie waren sich zugelaufen“ beschrieben wird. Einziger Wermutstropfen ist der Druckfehlerteufel, der – zumindest in der gedruckten Version – an manchen Stellen zugeschlagen hat. So ist in dem Heftchen das Gitarrenspiel nicht virtuos, sondern virtuell, und der Mann tut etwas wohl möglich statt womöglich.

Sabine Theadora Ruh: Der Tag X
Kurzgeschichte, im Handel nur als ebook erhältlich 

Kann ich bitte löschen, was ich gerade gesagt habe?

Henner ist 16. Außerhalb von Facebook hat er zwei Freunde. Luis und Jakob. Mit denen fährt er nach Helgoland. Denn dort ist auch Valerie, und in die ist Henner verliebt. Eigentlich. Denn dann trifft er Leefke und alles ist wieder anders.

Von viel mehr handelt Torsten Wohllebens Buch nicht. Ein Jugendbuch vom Suchen und Finden der Liebe – flüssig zu leben, ohne falsches Pathos, aber auch ohne viel Action. Aus der Sicht von Henner ist humorvoll mit viel Selbstironie beschrieben, was ein Sommer auf Helgoland so alles mit sich bringen kann. Eine tiefergehende Handlung darf nicht erwartet werden.

Henner ist ein Jugendlicher, der einem dabei sympathisch werden kann – sein Liebeskummer, seine ungeschickten Aktionen, seine Überzeugung, dass all seine Freunde eigentlich viel cooler sind als er. Allerdings geht das Buch am Ende doch deutlich zu „rosarot“ aus. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass das Buch eher ein Mädchenbuch ist – auch wenn die Protagonisten Jungs sind.

Ein Buch, das man gelesen haben kann, aber nicht muss.

Torsten Wohlleben:
Kann ich bitte löschen, was ich gerade gesagt habe?

Carlsen-Verlag, 2014,
ISBN 9783551583253

Zebrawald

Eine glückliche Kindheit sieht anders aus: Annies Mutter ist abgehauen, als sie drei Jahre alt war, ihr Vater bei einer Schlägerei gestorben. Annie wächst mit ihrem Bruder Rew bei ihrer Großmutter auf, die je älter sie wird, umso skurrilere Verhaltensweisen an den Tag legt. So lernt Annie für die anderen zu sorgen. Die 11-Jährige macht die Einkäufe, kocht, wenn die Großmutter sich tagelang zurückzieht und lernt, die Frau vom Jugendamt mit erfundenen Geschichten zu bezirzen.

In dieses fragile Familiengebilde bricht eines Tages ein entflohener Häftling herein, und leibhaftig steht ihr Vater vor ihnen – und der ist alles andere als tot. Langsam nähern sie sich an, bauen Vorurteile ab und lernen sich kennen. Doch schließlich kommt es zu einem dramatischen Finale.

Mit „Zebrawald“ ist der amerikanischen Schriftstellerin Adina Rishe Gewirtz eine sehr dichte Geschichte gelungen, in der alles seine Bedeutung hat. Nichts hat Gewirtz dem Zufall überlassen – sei es die Geiselhaft im Iran, sei es Stevensons Schatzinsel, alles fügt sich schließlich in die Geschichte ein. Vielleicht ist die Handlung ein klein wenig zu perfekt konstruiert, um sie realistisch wirken zu lassen. Aber meiner Meinung nach macht gerade das ihren Reiz aus. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles passt und verdichtet sich in einem enorm kleinen Bezugsrahmen: das einsam gelegene Haus in der Nähe der Kleinstadt Sunshine ist der Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Und was die Geschwister erleben und tun, ist absolut altersgemäß aus der Sicht von Annie dargestellt. „Zebrawald“ ist ein Buch der leisen Töne, das das Ende der Kindheit aufzeigt. Für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren zu empfehlen.

Adina Rishe Gewirtz:
Zebrawald

cbt-Verlag, 2014, 256 Seiten,
ISBN 978-3-570-16309-2

Der Geschmack des Sommers

Ein Sommer, der alles verändert: Delilahs Großmutter ist gestorben, und so reist sie zusammen mit ihrer Mutter an den Ort ihrer Kindheit. Es ist für Delilah eine Suche nach ihrem eigenen Selbst, ihrer Herkunft. Dabei rüttelt sie an dem, worüber in ihrer Familie nicht gesprochen wird: Der plötzliche Tod ihrer Tante Stephanie im Alter von 19 Jahren, und die Funkstille zwischen Delilahs Mutter und der Großmutter. Dann ist da noch die Frage nach ihrem Vater, über den ihre Mutter fast nie redet… Nur langsam gelingt es Delilah herauszufinden, was damals geschah.

Zugleich ist es ein Sommer, der Delilah verändert: von ihrem Freund Finn hat sie sich getrennt, und dann trifft sie wieder auf ihren alten Jugendfreund Patrick – und ist von seinem Lächeln hin und weg. Dieser Teil der Geschichte macht das Buch zu einem reinen Mädchenbuch – die Liebesgeschichte ist an einigen Stellen gelinde gesagt kitschig. Ich sage nur: honigfarbene Augen, goldener Blick – und natürlich sagen die Tarot-Karten, dass eine neue Liebe auftaucht…

Das ist etwas schade, denn das Buch bietet eigentlich mehr als nur „Mädchenthemen“. Die Fragen, die das Buch aufwirft, treffen alle Jugendliche, egal ob Mädchen oder Junge: Wer bin ich? Was sind meine Wurzeln? Wie kann ich mein Leben selbst gestalten? Was ist mir wichtig? Und natürlich: Wie gehe ich mit meiner nervigen Mutter um?

Dass alles am Schluss gut endet, aber auch wirklich alles, hat mich etwas gestört – das Buch wird aus meiner Sicht dadurch etwas zu lebensfremd, etwas zu kitschig. 14-jährigen Mädchen mag das gefallen. Für mich hat das Buch dadurch etwas von seinem Reiz eingebüßt.

Sarah Ockler:
Der Geschmack des Sommers

cbt-Verlag, 2014,
ISBN 9783570309070