Handkantenschlag

„Und nun hatte sie die Liebe gefunden. Aber das konnte sie ihren Freundinnen nicht erzählen. Unter keinen Umständen konnte sie es mit ihnen teilen, deshalb ging sie in diesem Sommer auf Friedhöfe.“

Es sind überwiegend schräge Figuren mit schrägen Ansichten, die Dorthe Nors in ihrem Kurzgeschichtenband „Handkantenschlag“ versammelt hat. Ob es nun die Frau ist, die auf dem Friedhof spazieren geht, weil sie sich verliebt hat und niemandem davon erzählen will, oder der Mann, der weil er nicht schlafen kann im Internet nach den Beweggründen weiblicher Serienmörder forscht. Und: es sind durchweg sehr fantasiereiche Protagonisten, die uns die dänische Schriftstellerin präsentiert.

Für meinen Geschmack sind die meisten der insgesamt 15 Geschichten aber zu fantasiegeladen – einer einfachen Deutung entziehen sie sich, ich würde sogar sagen, dass die meisten der Geschichten sich bewusst einer Deutung entziehen wollen. In einzelnen Geschichten kommen aber auch leise Töne zum Vorschein, die getragen sind von genauen Beobachtungen und melancholischen Bildern. In der Erzählung „Beim Friseur gegenüber der Münzwäscherei“ ist beispielsweise sehr gut eingefangen, was es heißt, in der Großstadt jemanden flüchtig zu kennen. Die Erzählung „Das Schweben“ beschreibt zutiefst einfühlsam, was eine Trennung an Gefühlen mit sich bringt. Eine Sonderstellung nimmt „Die große Tomate“ ein, wo es um eine ungewöhnliche Liebesgeschichte voller grotesker Komik geht – es ist die einzige derartige Geschichte in dem Sammelband. Als Ganzes hat mich der Band nicht überzeugt – mit zu vielen der Geschichten konnte ich nicht wirklich etwas anfangen. Der Wunsch, sich auf eine Parkbank neben einen toten Reiher zu setzen – das ist mir einfach zu abwegig.

Eine Warnung sei abschließend aber noch ausgesprochen: Wer sehr tierlieb ist, sollte diesen Erzählband nicht zur Hand nehmen. Es kommen darin massenhaft Tiere zu Tode – auf nicht natürlichem Wege. Ein Sinnbild für das gespaltene Verhältnis zwischen Mensch und Natur, das in Dorthe Nors‘ Texten immer wieder zum Vorschein kommt.

Dorthe Nors:
Handkantenschlag, Erzählungen,
übersetzt von Ulrich Sonnenberg,

Osburg-Verlag, 2014,
ISBN 9783955100704

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