Sommer der Wahrheit

Es gibt wenige Bücher, bei denen es mich große Überwindung gekostet hat, sie zu Ende zu lesen. Nele Neuhaus‘ „Sommer der Wahrheit“ gehört dazu.

Die Geschichte von Sheridan, die als Kleinkind ihre Eltern bei einem Unfall verliert und in einer Pflegefamilie aufwächst, könnte ja spannend sein. Schließlich wächst sie in einer religiös sozialisierten Familie auf, quasi als schwarzes Entlein, rebelliert, gibt auf, kämpft, verzagt und bäumt sich wieder auf – aber irgendwann weiß der Leser, wer die Bösen sind. Ob die Mutter nun zwanzigmal oder gefühlte zwanzigtausendmal ihrer ungewollten Pflegetochter Steine in den Weg legt – es interessiert irgendwann so gar nicht mehr. Warum es so ist, dass nur ihr Bruder Esra nicht zu ihr hält, wird am Ende sogar noch aufgelöst. Schließlich müssen die Guten die Guten bleiben.

Lange habe ich mir beim Lesen überlegt, was dieses Buch sein soll: ein emanzipatorisches Buch, das zeigt, wie eine Frau ihren Weg findet und sich aus ihren Zwängen befreit? Ein Buch, das mit religiösem Konservatismus aufräumt? Ein Buch, das das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens zu Thema hat? Ich muss zugeben: ich habe darauf keine Antwort gefunden.

Vermutlich soll das Buch von allem ein wenig sein. Was Nele Neuhaus da produziert hat, ist aber letztlich nichts anderes als ein zu lang geratener Groschenroman. An manchen Stellen sicherlich interessant, aufs Ganze gesehen jedoch unerträglich. „Sommer der Wahrheit“ gehört zu der Sorte Bücher, in der alle Männer  blaue Augen haben und ausnehmend attraktiv sind oder in der Sprache von Nele Neuhaus zu sprechen: die 15-bzw. später 16-jährige Sheridan macht alle Männer heiß.

Dass in dem Buch Spinnenweben „herumsegeln“, kann man noch ertragen. Die Sprache, wenn es um Sexualität geht, ist aber so gar nicht erträglich. Sätze wie „Ja, ja, ich wollte, dass er es mir besorgte, was auch immer das bedeutete!“ oder  (über das Wort Striptease) „Entsetzt über die ganz und gar ungenierte Erwähnung dieses Wortes wurde ich blutrot.“ sind in diesem Buch keine Seltenheit. Ein junges Mädchen, das reihenweise mit Männern schläft, soll so einen gezwirbelten Unsinn von sich geben? O je. Insgesamt fallen bei „Sommer der Wahrheit“ die platten Dialoge auf. Zumeist Hauptsätze, Gefühle werden nie umschrieben, sondern direkt benannt. Das Denken wird einem abgenommen.

Albern ist der Kasper-Zirkus mit dem Namen: die Krimi-Autorin Nele Neuhaus will ihre Krimi-Leser nicht erschrecken und schreibt unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg –  einfach nur lächerlich, wie das präsentiert wird: „Nele Neuhaus schreibt als Nele Löwenberg“ – ja super. Da hatte der Verlag wohl Angst, dass ein „Sommer der Wahrheit“ einer unbekannten Autorin in der Versenkung verschwunden wäre. Für das Buch wäre es die bessere Wahl gewesen.

Nele Neuhaus (alias Nele Löwenberg):
Sommer der Wahrheit

Ullstein-Verlag, 2014,
ISBN 9783548285610 

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